Melancholische Gedanken
Verfasst: So 21. Dez 2025, 00:30
Eine besondere und überraschende Begegnung vor Kurzem hat mich dazu gebracht, mein Leben seit meiner Jugend nochmal Revue passieren zu lassen.
Irgendwie war in meiner Geschichte mal mehr und mal weniger der Themenbereich Geschlecht, CD, TS, und was auch immer, präsent.
Anfangs, erstmals im Kindesalter, massiv dann mit 15, mit dem Gefühl irgendwo zwischen allein und irre zu sein, bis ich in den ersten Mailboxen (wer kennt noch die über Modem erreichbaren Austauschplattformen?) und dann ab 1992 im jungen Internet über AOL auf einmal Gleichgesinnte fand.
Ich war immer auf der Suche, vor allem nach mir, traf mich mit den unterschiedlichsten Leuten, war mal bei VivaTS, aber immer brav in meiner männlichen Rolle und Optik, zum Teil aus Angst und Unsicherheit, zum Teil, weil irgendwie nichts wirklich auf mich passte.
Von der männlichen Rolle und Optik gab es eine vorübergehende Ausnahme.
Diese Ausnahme hat mich vor ein paar Tagen wieder eingeholt, in Form von einer Bekannten, zu der ich fast 40 Jahre keinen Kontakt mehr hatte – sie begegnete mir wieder in einer Behörde, als sie meine Personalien in den Computer hackte.
Als sie mit der Eingabe durch war, sah sie mich an und fragte mich „bist du DER Vincent?“.
Gegenseitig erkannt haben wir uns nicht mehr, nach dieser Zeit, aber die Daten, die sie vor sich hatte, brachten sie ins Grübeln.
Wir hatten beide unmittelbar das Bedürfnis etwas länger zu reden, als nur ein paar behördliche Floskeln zu wechseln, und sie nutzte die bald anstehende Mittagspause dafür.
Wir gaben uns jeweils ein kleines Update über unsere Leben, die sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt hatten.
Interessant, aber es war viel Distanz zwischen uns, nur ein einzelner Satz war es, der viel in mir wieder in Erinnerung gebracht hat und viele Gefühle wieder hochkommen lies:
„Ich hätte jede Wette abgeschlossen, dass du jetzt eine Frau bist!“
Diese Bekannte traf ich das erste Mal im Rahmen einer katholischen Organisation, die einen Austausch und eine Weiterbildung für Jugendleiter über Diözeseanebene organisierte.
Wir waren 8 Teilnehmer, genau gesagt 7 Teilnehmerinnen und ich.
Zwei Dozentinnen merkten damals sehr nett, aber doch irgendwie ernst gemeint an, dass eine rein weibliche Kommunikation einfacher wäre, und ob es mir möglich wäre meinen männlichen Teil zurückzufahren.
Damals verstand ich das Ansinnen, glaube ich, mehr als heute, und ich stimmte zu.
Die anderen Teilnehmerinnen fanden es lustig, interessant und machten sich unmittelbar einen Spaß daraus, mich als ihresgleichen zu behandeln und den jungen Mann dahinter zu ignorieren.
Eigentlich war es das, was ich mir immer heimlich gewünscht hatte, erst war es sehr befremdlich, aber bald fühlte ich mich sehr wohl.
Ich war bald Teil der Mädelsrunde, so wurden meine damals taillenlangen Haare ganz selbstverständlich in die gegenseitige Pflegeroutine aufgenommen.
Es waren viele Kleinigkeiten, die mir das Gefühl gaben, dazuzugehören, eine von Ihnen zu sein, ohne, dass es typische Mädelssachen gegeben hätte, wie Schminke oder Röcke.
Das Ganze fiel in eine Zeit, in der ich ungebunden, orientierungslos und mit der Schule fertig war, sowie meine Mutter, ziemlich jung, vor kurzem verstorben war.
Ich wollte irgendwie so weiterleben, als „Mitglied“ der Frauenrunde – das war jugendlich naiv, aber ich äußerte es. Es kam die Idee auf, ich sollte zu zwei der Teilnehmerinnen ziehen, die seit kurzem als WG in einem alten kleinen Haus in Frankfurt lebten.
Unter einer großen Bedingung:
Ich soll bleiben, wie ich die letzten Tage war, nix Männliches, auch kein Interesse erotischer Art an ihnen, einfach eine Freundin. So würden sie mich auch vorstellen. Verunsichert, aber irgendwie in einem emotionalen Rausch stimmte ich zu, vor allem auch, weil ich keine Lust hatte, wieder nach Hause zu gehen.
Ich klärte die Sache mit meinem Vater, dessen größte Sorge war, dass er Großvater werden könnte, noch bevor ich studiere, wenn ich zu zwei Frauen ziehe.
Von den Rahmenbedingungen wusste er nichts.
Ein paar Tage später fuhr ich nach Frankfurt und stellte fest, dass eine wesentliche Motivation der Mädels war, einen weiteren Zahler für die Unterkunft und Nebenkosten zu haben, das war eigentlich klar, hatte ich nur in meiner jugendlichen Naivität übersehen.
Mein Vater unterstützte mich „erstmal“, wollte aber mit mir später nochmal über Geld, Job, Studium usw. reden.
Und was dann noch kam, war für mich einerseits befremdlich, andererseits freute ich mich darüber: Meine Mitbewohnerinnen legten mir nahe, dass ich mich optisch auch ein wenig femininer gebe, wenn sie mich als Frau verkaufen.
Wenn der Mann dahinter entdeckt würde, wäre das nicht schlimm, aber das Bild Dreier-Mädels-WG sollte gewahrt bleiben, außerdem hatte eine einen Freund, der mindestens sicher sein wollte, dass ich kein Interesse an ihr oder Frauen im Allgemeinen, hätte.
Ich bemühte mich also, und mit etwas Unterstützung durch die Mädels und meinem damals jugendlichen, sehr schlanken Aussehen und meinem Haar funktionierte es gut, und ich konnte/ sollte/ musste das erste Mal in meinem Leben tragen, was ich mir schon immer wünschte: Röcke, Kleider, Damensachen ich war fast berauscht, bis ich das erste Mal in ein Kleid schlüpfte – ich bekam Angst, vor der gesamten neuen Situation.
Anfangs knirschte es allerdings etwas in der WG und ich war auch sehr unsicher, wenn ich das Haus verlassen wollte, wie ich mich dort kleide, aber irgendwann lief alles großartig – ich fiel nicht auf und wurde immer sicherer.
Eine Mitbewohnerin machte einmal ein Kompliment, das mich, obwohl nicht als solches gedacht, sehr freute:
„Meistens vergesse ich total, dass du ein Mann bist.“
Ich war, zumindest sozial, eine Frau, für alle - und irgendwie fühlte ich mich vielleicht auch so. Auch die vielleicht 30-50% denen klar war, dass es nicht so ist haben sich entsprechend verhalten.
Auf den reichlichen Partys, für die Nachbarn usw. war ich, wie zuhause, die Moni oder Monka.
Nach gut zwei Monaten in einem wohligen Gefühl kam irgendwas in mir hoch. Ich wollte die mittlerweile verinnerlichte Rolle nicht mehr spielen. Sie fühlte sich zusehends falsch an.
Bald darauf konnte ich die Frau nicht mehr spielen.
Ich zog aus, fuhr wieder heim, entsorgte alles Weibliche und schnitt meine, über Jahre gewachsenen Haare ab.
Nichts in meinem Leben passte mehr.
Es war ein tiefes Loch und die ersten Jahre danach verdrängte ich alle weiblichen Interessen, um sie nach und nach, mit zunehmendem Alter, mehr zu sortieren und wieder zuzulassen.
Der Schlüssel zu meinem derzeitigen Leben war und ist meine Frau, die meine Wünsche nicht nur toleriert, sondern mich auch manchmal motiviert, wenn ich zu zaghaft oder unsicher bin.
Aber auch eben diese Vergangenheit ist ein wichtiger Punkt in meiner Geschichte: Manchmal kommen in mir Gedanken auf, wie es wäre als Frau zu leben, oder gar eine Transition komplett zu machen. Dann wird die Erinnerung wach, die mir sagt, als Mann, der seine weibliche Seite ungehemmt ausleben kann, bist du am besten aufgehoben. Oder eben als enby.
Ich möchte diese Erfahrung in jungen Jahren aus diesem Grund nicht missen, und auch weil sie sehr intensiv und aufwühlend war, vor allem wegen der Erkenntnis um wie viel anders das Leben als Frau ist.
Manchmal habe ich auch darüber nachgedacht, wie es in vergleichbarer Situation heute ausgehen würde.
Sehr hypothetisch – keiner würde mich mehr für eine Frau halten, meine damalige Mähne ist fast einer Glatze gewichen, ich habe Familie mit Frau und Kindern – einzig mein Fundus an Kleidern und Röcken ist viel größer als damals und meine Bedenken sie, als Mann gelesen zu tragen, sind weg.
So, das musste in meiner vorweihnachtlichen Melancholie erstmal raus und ich freue mich, darauf, mit einem schönen Kleid den heiligen Abend im Kreis meiner Familie und Kirchengemeinde zu verbringen.
Irgendwie war in meiner Geschichte mal mehr und mal weniger der Themenbereich Geschlecht, CD, TS, und was auch immer, präsent.
Anfangs, erstmals im Kindesalter, massiv dann mit 15, mit dem Gefühl irgendwo zwischen allein und irre zu sein, bis ich in den ersten Mailboxen (wer kennt noch die über Modem erreichbaren Austauschplattformen?) und dann ab 1992 im jungen Internet über AOL auf einmal Gleichgesinnte fand.
Ich war immer auf der Suche, vor allem nach mir, traf mich mit den unterschiedlichsten Leuten, war mal bei VivaTS, aber immer brav in meiner männlichen Rolle und Optik, zum Teil aus Angst und Unsicherheit, zum Teil, weil irgendwie nichts wirklich auf mich passte.
Von der männlichen Rolle und Optik gab es eine vorübergehende Ausnahme.
Diese Ausnahme hat mich vor ein paar Tagen wieder eingeholt, in Form von einer Bekannten, zu der ich fast 40 Jahre keinen Kontakt mehr hatte – sie begegnete mir wieder in einer Behörde, als sie meine Personalien in den Computer hackte.
Als sie mit der Eingabe durch war, sah sie mich an und fragte mich „bist du DER Vincent?“.
Gegenseitig erkannt haben wir uns nicht mehr, nach dieser Zeit, aber die Daten, die sie vor sich hatte, brachten sie ins Grübeln.
Wir hatten beide unmittelbar das Bedürfnis etwas länger zu reden, als nur ein paar behördliche Floskeln zu wechseln, und sie nutzte die bald anstehende Mittagspause dafür.
Wir gaben uns jeweils ein kleines Update über unsere Leben, die sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt hatten.
Interessant, aber es war viel Distanz zwischen uns, nur ein einzelner Satz war es, der viel in mir wieder in Erinnerung gebracht hat und viele Gefühle wieder hochkommen lies:
„Ich hätte jede Wette abgeschlossen, dass du jetzt eine Frau bist!“
Diese Bekannte traf ich das erste Mal im Rahmen einer katholischen Organisation, die einen Austausch und eine Weiterbildung für Jugendleiter über Diözeseanebene organisierte.
Wir waren 8 Teilnehmer, genau gesagt 7 Teilnehmerinnen und ich.
Zwei Dozentinnen merkten damals sehr nett, aber doch irgendwie ernst gemeint an, dass eine rein weibliche Kommunikation einfacher wäre, und ob es mir möglich wäre meinen männlichen Teil zurückzufahren.
Damals verstand ich das Ansinnen, glaube ich, mehr als heute, und ich stimmte zu.
Die anderen Teilnehmerinnen fanden es lustig, interessant und machten sich unmittelbar einen Spaß daraus, mich als ihresgleichen zu behandeln und den jungen Mann dahinter zu ignorieren.
Eigentlich war es das, was ich mir immer heimlich gewünscht hatte, erst war es sehr befremdlich, aber bald fühlte ich mich sehr wohl.
Ich war bald Teil der Mädelsrunde, so wurden meine damals taillenlangen Haare ganz selbstverständlich in die gegenseitige Pflegeroutine aufgenommen.
Es waren viele Kleinigkeiten, die mir das Gefühl gaben, dazuzugehören, eine von Ihnen zu sein, ohne, dass es typische Mädelssachen gegeben hätte, wie Schminke oder Röcke.
Das Ganze fiel in eine Zeit, in der ich ungebunden, orientierungslos und mit der Schule fertig war, sowie meine Mutter, ziemlich jung, vor kurzem verstorben war.
Ich wollte irgendwie so weiterleben, als „Mitglied“ der Frauenrunde – das war jugendlich naiv, aber ich äußerte es. Es kam die Idee auf, ich sollte zu zwei der Teilnehmerinnen ziehen, die seit kurzem als WG in einem alten kleinen Haus in Frankfurt lebten.
Unter einer großen Bedingung:
Ich soll bleiben, wie ich die letzten Tage war, nix Männliches, auch kein Interesse erotischer Art an ihnen, einfach eine Freundin. So würden sie mich auch vorstellen. Verunsichert, aber irgendwie in einem emotionalen Rausch stimmte ich zu, vor allem auch, weil ich keine Lust hatte, wieder nach Hause zu gehen.
Ich klärte die Sache mit meinem Vater, dessen größte Sorge war, dass er Großvater werden könnte, noch bevor ich studiere, wenn ich zu zwei Frauen ziehe.
Von den Rahmenbedingungen wusste er nichts.
Ein paar Tage später fuhr ich nach Frankfurt und stellte fest, dass eine wesentliche Motivation der Mädels war, einen weiteren Zahler für die Unterkunft und Nebenkosten zu haben, das war eigentlich klar, hatte ich nur in meiner jugendlichen Naivität übersehen.
Mein Vater unterstützte mich „erstmal“, wollte aber mit mir später nochmal über Geld, Job, Studium usw. reden.
Und was dann noch kam, war für mich einerseits befremdlich, andererseits freute ich mich darüber: Meine Mitbewohnerinnen legten mir nahe, dass ich mich optisch auch ein wenig femininer gebe, wenn sie mich als Frau verkaufen.
Wenn der Mann dahinter entdeckt würde, wäre das nicht schlimm, aber das Bild Dreier-Mädels-WG sollte gewahrt bleiben, außerdem hatte eine einen Freund, der mindestens sicher sein wollte, dass ich kein Interesse an ihr oder Frauen im Allgemeinen, hätte.
Ich bemühte mich also, und mit etwas Unterstützung durch die Mädels und meinem damals jugendlichen, sehr schlanken Aussehen und meinem Haar funktionierte es gut, und ich konnte/ sollte/ musste das erste Mal in meinem Leben tragen, was ich mir schon immer wünschte: Röcke, Kleider, Damensachen ich war fast berauscht, bis ich das erste Mal in ein Kleid schlüpfte – ich bekam Angst, vor der gesamten neuen Situation.
Anfangs knirschte es allerdings etwas in der WG und ich war auch sehr unsicher, wenn ich das Haus verlassen wollte, wie ich mich dort kleide, aber irgendwann lief alles großartig – ich fiel nicht auf und wurde immer sicherer.
Eine Mitbewohnerin machte einmal ein Kompliment, das mich, obwohl nicht als solches gedacht, sehr freute:
„Meistens vergesse ich total, dass du ein Mann bist.“
Ich war, zumindest sozial, eine Frau, für alle - und irgendwie fühlte ich mich vielleicht auch so. Auch die vielleicht 30-50% denen klar war, dass es nicht so ist haben sich entsprechend verhalten.
Auf den reichlichen Partys, für die Nachbarn usw. war ich, wie zuhause, die Moni oder Monka.
Nach gut zwei Monaten in einem wohligen Gefühl kam irgendwas in mir hoch. Ich wollte die mittlerweile verinnerlichte Rolle nicht mehr spielen. Sie fühlte sich zusehends falsch an.
Bald darauf konnte ich die Frau nicht mehr spielen.
Ich zog aus, fuhr wieder heim, entsorgte alles Weibliche und schnitt meine, über Jahre gewachsenen Haare ab.
Nichts in meinem Leben passte mehr.
Es war ein tiefes Loch und die ersten Jahre danach verdrängte ich alle weiblichen Interessen, um sie nach und nach, mit zunehmendem Alter, mehr zu sortieren und wieder zuzulassen.
Der Schlüssel zu meinem derzeitigen Leben war und ist meine Frau, die meine Wünsche nicht nur toleriert, sondern mich auch manchmal motiviert, wenn ich zu zaghaft oder unsicher bin.
Aber auch eben diese Vergangenheit ist ein wichtiger Punkt in meiner Geschichte: Manchmal kommen in mir Gedanken auf, wie es wäre als Frau zu leben, oder gar eine Transition komplett zu machen. Dann wird die Erinnerung wach, die mir sagt, als Mann, der seine weibliche Seite ungehemmt ausleben kann, bist du am besten aufgehoben. Oder eben als enby.
Ich möchte diese Erfahrung in jungen Jahren aus diesem Grund nicht missen, und auch weil sie sehr intensiv und aufwühlend war, vor allem wegen der Erkenntnis um wie viel anders das Leben als Frau ist.
Manchmal habe ich auch darüber nachgedacht, wie es in vergleichbarer Situation heute ausgehen würde.
Sehr hypothetisch – keiner würde mich mehr für eine Frau halten, meine damalige Mähne ist fast einer Glatze gewichen, ich habe Familie mit Frau und Kindern – einzig mein Fundus an Kleidern und Röcken ist viel größer als damals und meine Bedenken sie, als Mann gelesen zu tragen, sind weg.
So, das musste in meiner vorweihnachtlichen Melancholie erstmal raus und ich freue mich, darauf, mit einem schönen Kleid den heiligen Abend im Kreis meiner Familie und Kirchengemeinde zu verbringen.