Zwanglos, eine kurzgeschichte von Mirador
Verfasst: Di 2. Dez 2025, 14:45
Zwang-los
Von Mirador 2011
Hamburg im Zeitalter des Pelikans
Gibt es noch etwas öderes auf dieser Welt?
Ich sitze in der Lounge der Blue Satellit Hotelbar und beobachte meine durchgeknallte Cousine Rita wie sie kichernd Sekt in ihren Tümmlergleichen Körper schüttet, und jedem ob er will oder nicht die Geschichte ihrer Hochzeit erzählt.
Neben mir schaut Andrea ihre Brautjungfer versonnen in die beständig unruhige Finsternis der Hamburger Nacht. Weit unten zieht eine Blaulichtspur vorbei und ich wünsche mir einen Kollaps oder etwas in der Art vorzutäuschen um aus dieser Situation stilvoll verschwinden zu können. Vor einer Stunde sind wir aus der mit Abstand nervigsten Veranstaltung abgehauen an der ich je das Vergnügen hatte teilzunehmen.
Rita, nicht zu Unrecht in Verwandtschaftskreisen die Reizlose genannt hatte es nach 39 Singlejahren, dutzenden Pseudo-depressionen und erfolgslosen Diäten endlich geschafft den Chef ihres Steuerbüros vor den Altar zu zerren.
Wer sich je allein und ahnungslos unter miteinander diskutierenden Steuerberatern bewegt hat, kann erahnen wie schnell man sich an jeden anderen Ort der Welt wünscht. Lieber Kunduz mit Feindkontakt und zurück, als noch einmal das Dilemma der Europäischen Richtlinie über die
Verprobungsquote von zurückgestellter Kapitalertragssteuer erklärt zu bekommen. Glaube ich wenigstens verstanden zu haben.
Alles in allem eine Katastrophe der ich mich nur meiner Mama zu Liebe ausgesetzt hatte und weil ich als Fotograf immer eine Ausrede habe gerade nicht an irgendwelchen Unsinn teilnehmen zu müssen.
Die Fahrstuhltür gleitet zur Seite. Andrea und ich schauen sehnsuchtsvoll, aber es torkeln nur drei weitere Edelalkoholiker der Hamburger Szene in die Bar.
„Bist du auch so begeistert von der Party?“, wage ich ein Gespräch mit der etwas unnahbar wirkenden Andrea. Sie schaut weiter aus dem Fenster und nippt an ihrem Orangensaft. Auf der Fahrt hierher hat sie nur kurz mit Madame Reizlos gesprochen und dann still den Wagen gefahren der die „Braut“ entführte. Auch so ein Brauch mit dem nichts anfangen konnte. Sollte Rita aus unerfindlichen und sicher tragischen Gründen je meine Frau werden müssen, würde ich beten dass die Entführer sie behalten.
„Du meinst ob ich lieber am Nordpol wäre und baden ginge? Sowas in der Art?“ Wir müssen beide lachen.
„Du bist ihr Cousin Olaf nicht wahr?“ Rita kreischt schon ziemlich angeschickert „Lokalrunde“, und der Cocktailadel strömt zum Tresen.
„Meine Ma ist die Schwester ihrer Mutter und das hat mir keine Wahl gelassen. Ansonsten stehen wir uns so nahe wie Schlange und Kaninchen.“
„Wie kommt es dann das du ihre Entführung begleitest?“ Andrea streicht einen Krümel von ihrem roten Leinenkleid. Sie ist eine elegante Erscheinung.
Ihre Züge sind fein und kommen ohne jede Schminke aus. Obendrein hat sie Geschmack. Sie trägt Slingpumps von Tamaris passend zum Kleid. Diese Kombination war mir schon mal in irgendeinem Modemagazin aufgefallen. Ihr Haar duftet nach Pfirsich.
„Würde mal sagen Mangel an Alternativen. Ich habe auf der Feier nur Arbeitskollegen von ihr gesehen. Du bist die Einzige von ich annehmen würde das sie zum Freundeskreis zählt!“
„Freunde würde ich nicht sagen. Wir sind zusammen zur Schule gegangen und seither macht sie meine Steuern.
Sie hat kaum Freunde soweit ich weis, doch ich finde das keine Frau es verdient hat an ihrem schönsten Tag allein zu sein“. Aha, Andrea scheint also ein Gutmensch zu sein.
An der Bar wird es laut denn irgendwer bringt einen Toast auf Rita aus. Meine Cola schmeckt schal und ich mache ein paar Fotos weil Rita plötzlich von drei Typen gleichzeitig umarmt wird.
Ein Pärchen kommt herein und zieht alle Blicke auf sich. Die Frau trägt einen Traum von einem gelben Barockleid. Der Mann dazu einen perfekt sitzenden Smoking. Ich mache sofort einige Bilder. Das Kleid ist der Hammer. Die Taille der Frau wird von einem mit Bordüren verziertem Korsett in Form gepresst die ihre Oberweite fantastisch präsentiert. Am antiken französischen Hof hätte ich gerne gelebt.
„Ist das nicht super? Mutig in so einem Kleid herumzulaufen.“
„Es stammt sicher aus einem Bühnenfundus. Die Frau ist Sängerin an der Oper. So wie sie ausschaut würde ich auf die aktuelle Aufführung von Rigoletto tippen“
„Mir egal. Gegen das Kleid trägt Rita jedenfalls ein Bettlaken mit Plisseefalten!“
„Magst du solche Kleider?“ Der Smokingträger gratuliert Rita und verzieht sich mit seiner Dame ans Fenster.
„Ich finde es wunderbar. Schade das nur Frauen so etwas tragen können?“
„Wo steht das? Früher gab es ausschließlich Männer am Theater die auch die Frauenrollen gespielt haben.“
„Du scheinst dich ja auszukennen? Bist du gar auch eine zukünftige Sophia Loren?“
Wie komme ich gerade auf den Namen? Wahrscheinlich weil sie von allen Frauen auf der Welt in ihren engen Kleidern am besten aussah?
„Nein. Aber ich arbeite am Theater. Ich bin für die Maske zuständig.“
Endlich öffnet sich eine Tür und Harald nebst fiskalischem Hochzeitsgefolge erscheint hechelnd wie alte Köter in der Bar.
Diese Sadisten an der Rezeption haben ihm wunschgemäß erzählt der Fahrstuhl wäre kaputt und tatsächlich die Treppe rauftigern lassen. Immerhin über dreißig Stockwerke.
Harald (Harry) Sandmüller sieht aus als wäre er dem Infarkt nahe. Die wenigen Haare stehen ihm vom Kopf ab wie bei Urban Priol, und ehe er den Tresen erreicht wird er unter Ritas Umarmung förmlich begraben. Kann Liebe schön sein.
Die Meute johlt und weitere Sektflaschen werden ihrer Korken beraubt. Ich kann mich nicht länger entziehen ohne dass es peinlich wirkt.
Der Plattenquäler dreht den Lärmpegel herunter und die Gespenster verlassen die Tanzfläche.
Es ist schon ein Foto wert wenn ein Dutzend Erbsenzähler nach drei Minuten headbanging zu Uriah Heep zu ihren Tischen kriechen.
Ich entdecke Andrea die mit einem Typen spricht. Ob es ihr Freund ist? Ich lichte die beiden ab. Der Mann trägt einen Bart und wirkt neben ihr wie ein Neandertaler.
Bin ich gerade so etwas wie eifersüchtig? Sie schaut kurz zu mir und verschwindet dann in Richtung Toiletten.
Rita ordnet die unendliche Weite ihres Kleides und walzt in Richtung Bühne. Als würden zwei Ferkel unter einer rosa Bettdecke miteinander raufen, fällt mir dazu ein.
Meine Mutter erkennt in meinem Gesicht was ich gerade denke und droht still mit dem Finger. Harald ergreift das Mikro und ein weiteres der unvermeidlichen Spiele kündigt sich an. Zum Glück bin ich der Fotograf und muss nicht mitmachen.
Ich hasse es im Mittelpunkt zu stehen wenn es nicht gerade um den Hauptgewinn bei den Lottozahlen geht.
Alle Singles sollen je nach Geschlechtszugehörigkeit eine blaue oder rosa Karte in einen Eimer werfen und es werden Blind Dates verlost. Hurra, wie lustig.
Tante Reizlos gewinnt ein Treffen mit einem blassen Jungen aus dem ersten Lehrjahr zum Steuerfachgehilfen. Wenn er das Übersteht kann er sich als Veteran in bizarren Liebespraktiken betrachten. Dann riecht es plötzlich nach Pfirsich.
„Na? Schon aufgeregt wer dein Date wird?“ Flüstert Andrea plötzlich hinter mir.
„Es ist eher wie der Moment vor dem unvermeidlichen Unfall.“ Ich höre sie leise Lachen. Sie weiß natürlich nicht dass ich gar keine Karte eingeworfen habe. Andrea wäre allerdings ein Date wert.
„Du hast Humor Olaf. Das gefällt mir.“ Sie reicht mir ein Glas Bowle. Woher sie wohl wusste das ich Durst habe? Ihr Gang ist voller Anmut. Wie kann man sich auf solchen Schuhen bloß so bewegen?
Es wird mit einem Mal merkwürdig still im Saal. Ich habe während des fotografieren gar nicht bemerkt das bereits fast alle Teilnehmer vergeben sind und sehe den Neandertaler plötzlich grinsen. Er klatscht sich mit einem glatzköpfigen Tischnachbarn ab als hätte er einen guten Deal gemacht und wankt Richtung Bühne. Spontan fällt mir Caveman ein.
Rita hält den Eimer hoch und gurrt wie eine Taube. Harry setzt ihr einen feuchten Kuss auf den Hals und grabscht sich den nächsten Zettel. Shit. Kann es sein?
Rita zeigt auf mich und winkt mich zur Mitte.
„Und das alle ihre Verabredung auch erfüllen!“ Quietscht Harry sabbernd bevor mein Name fällt.
Hä? Wieso ich? Welcher Idiot hat meinen Namen noch dazu auf einen Rosa Zettel gekritzelt? Mama?
Rita hält den nächsten Zettel in die Luft. Mir stockt sekundenlang der Atem und denke dass Opa sich weiland so bei Feindbeschuss gefühlt haben muss. Man wartet hilflos auf den sicheren Einschlag. Dann ruft sie schrill einen Namen und der Saal beginnt lauthals zu grölen.
„Und wer danach zusammenbleibt, dem bezahlen wir den Polterabend.“ Gluckst Harry und geht in der spontanen Umarmung von Rita beinahe zu Boden.
Ich schaue mein etwas irritiertes „Date“ an und weiß genau dass ich meine Mutter nun mein Leben lang hassen werde.
„Komisch. Ich kann mir dich gar nicht im Kleidchen vorstellen.“ Prustet Caveman und hält meine Karte nach oben. Der Saal wird unerklärlicher Weise lebendig. Harry und Rita grinsen so breit als gäbe es einen Preis dafür.
„Sorry, Meine Mama ist wohl Farbenblind. Ich denke das wir beide auf ein Date unter Männern locker verzichten können, oder?“ Ich versuche es mit einem Lächeln und mache ein schönes Porträtfoto von der Fellfresse.
„Och. David hat es eh nicht allein mit Mädels. Der kann auch anders. Wer weiß was euch entgeht?“ Fistelt eine Stimme hinter mir das Coming Out des Kollegen durch den Saal.
„Aber David ist auch ein erwachsen. Warum sollte er mit einem Mann ausgehen wollen ohne Ambitionen auf mehr?“ Antworte ich cool, aber meine Gesprächspartner hören gar nicht hin und gackern durcheinander wie Hühner in einer Legebatterie.
Jemand reicht Caveman einen weiteren Drink und in den glasigen Augen meines Gegenübers glaube ich die Vorboten von Delirium tremens vorbeischwimmen zu sehen. Wenn er wenigstens etwas ansprechend aussehen würde.
Violettes Rüschenhemd. Blaue Stoffhose, weiße Collegeslipper. Echt Zirkuslike. Schlimmer kann es kaum noch werden.
und es geht weiter+++++
Von Mirador 2011
Hamburg im Zeitalter des Pelikans
Gibt es noch etwas öderes auf dieser Welt?
Ich sitze in der Lounge der Blue Satellit Hotelbar und beobachte meine durchgeknallte Cousine Rita wie sie kichernd Sekt in ihren Tümmlergleichen Körper schüttet, und jedem ob er will oder nicht die Geschichte ihrer Hochzeit erzählt.
Neben mir schaut Andrea ihre Brautjungfer versonnen in die beständig unruhige Finsternis der Hamburger Nacht. Weit unten zieht eine Blaulichtspur vorbei und ich wünsche mir einen Kollaps oder etwas in der Art vorzutäuschen um aus dieser Situation stilvoll verschwinden zu können. Vor einer Stunde sind wir aus der mit Abstand nervigsten Veranstaltung abgehauen an der ich je das Vergnügen hatte teilzunehmen.
Rita, nicht zu Unrecht in Verwandtschaftskreisen die Reizlose genannt hatte es nach 39 Singlejahren, dutzenden Pseudo-depressionen und erfolgslosen Diäten endlich geschafft den Chef ihres Steuerbüros vor den Altar zu zerren.
Wer sich je allein und ahnungslos unter miteinander diskutierenden Steuerberatern bewegt hat, kann erahnen wie schnell man sich an jeden anderen Ort der Welt wünscht. Lieber Kunduz mit Feindkontakt und zurück, als noch einmal das Dilemma der Europäischen Richtlinie über die
Verprobungsquote von zurückgestellter Kapitalertragssteuer erklärt zu bekommen. Glaube ich wenigstens verstanden zu haben.
Alles in allem eine Katastrophe der ich mich nur meiner Mama zu Liebe ausgesetzt hatte und weil ich als Fotograf immer eine Ausrede habe gerade nicht an irgendwelchen Unsinn teilnehmen zu müssen.
Die Fahrstuhltür gleitet zur Seite. Andrea und ich schauen sehnsuchtsvoll, aber es torkeln nur drei weitere Edelalkoholiker der Hamburger Szene in die Bar.
„Bist du auch so begeistert von der Party?“, wage ich ein Gespräch mit der etwas unnahbar wirkenden Andrea. Sie schaut weiter aus dem Fenster und nippt an ihrem Orangensaft. Auf der Fahrt hierher hat sie nur kurz mit Madame Reizlos gesprochen und dann still den Wagen gefahren der die „Braut“ entführte. Auch so ein Brauch mit dem nichts anfangen konnte. Sollte Rita aus unerfindlichen und sicher tragischen Gründen je meine Frau werden müssen, würde ich beten dass die Entführer sie behalten.
„Du meinst ob ich lieber am Nordpol wäre und baden ginge? Sowas in der Art?“ Wir müssen beide lachen.
„Du bist ihr Cousin Olaf nicht wahr?“ Rita kreischt schon ziemlich angeschickert „Lokalrunde“, und der Cocktailadel strömt zum Tresen.
„Meine Ma ist die Schwester ihrer Mutter und das hat mir keine Wahl gelassen. Ansonsten stehen wir uns so nahe wie Schlange und Kaninchen.“
„Wie kommt es dann das du ihre Entführung begleitest?“ Andrea streicht einen Krümel von ihrem roten Leinenkleid. Sie ist eine elegante Erscheinung.
Ihre Züge sind fein und kommen ohne jede Schminke aus. Obendrein hat sie Geschmack. Sie trägt Slingpumps von Tamaris passend zum Kleid. Diese Kombination war mir schon mal in irgendeinem Modemagazin aufgefallen. Ihr Haar duftet nach Pfirsich.
„Würde mal sagen Mangel an Alternativen. Ich habe auf der Feier nur Arbeitskollegen von ihr gesehen. Du bist die Einzige von ich annehmen würde das sie zum Freundeskreis zählt!“
„Freunde würde ich nicht sagen. Wir sind zusammen zur Schule gegangen und seither macht sie meine Steuern.
Sie hat kaum Freunde soweit ich weis, doch ich finde das keine Frau es verdient hat an ihrem schönsten Tag allein zu sein“. Aha, Andrea scheint also ein Gutmensch zu sein.
An der Bar wird es laut denn irgendwer bringt einen Toast auf Rita aus. Meine Cola schmeckt schal und ich mache ein paar Fotos weil Rita plötzlich von drei Typen gleichzeitig umarmt wird.
Ein Pärchen kommt herein und zieht alle Blicke auf sich. Die Frau trägt einen Traum von einem gelben Barockleid. Der Mann dazu einen perfekt sitzenden Smoking. Ich mache sofort einige Bilder. Das Kleid ist der Hammer. Die Taille der Frau wird von einem mit Bordüren verziertem Korsett in Form gepresst die ihre Oberweite fantastisch präsentiert. Am antiken französischen Hof hätte ich gerne gelebt.
„Ist das nicht super? Mutig in so einem Kleid herumzulaufen.“
„Es stammt sicher aus einem Bühnenfundus. Die Frau ist Sängerin an der Oper. So wie sie ausschaut würde ich auf die aktuelle Aufführung von Rigoletto tippen“
„Mir egal. Gegen das Kleid trägt Rita jedenfalls ein Bettlaken mit Plisseefalten!“
„Magst du solche Kleider?“ Der Smokingträger gratuliert Rita und verzieht sich mit seiner Dame ans Fenster.
„Ich finde es wunderbar. Schade das nur Frauen so etwas tragen können?“
„Wo steht das? Früher gab es ausschließlich Männer am Theater die auch die Frauenrollen gespielt haben.“
„Du scheinst dich ja auszukennen? Bist du gar auch eine zukünftige Sophia Loren?“
Wie komme ich gerade auf den Namen? Wahrscheinlich weil sie von allen Frauen auf der Welt in ihren engen Kleidern am besten aussah?
„Nein. Aber ich arbeite am Theater. Ich bin für die Maske zuständig.“
Endlich öffnet sich eine Tür und Harald nebst fiskalischem Hochzeitsgefolge erscheint hechelnd wie alte Köter in der Bar.
Diese Sadisten an der Rezeption haben ihm wunschgemäß erzählt der Fahrstuhl wäre kaputt und tatsächlich die Treppe rauftigern lassen. Immerhin über dreißig Stockwerke.
Harald (Harry) Sandmüller sieht aus als wäre er dem Infarkt nahe. Die wenigen Haare stehen ihm vom Kopf ab wie bei Urban Priol, und ehe er den Tresen erreicht wird er unter Ritas Umarmung förmlich begraben. Kann Liebe schön sein.
Die Meute johlt und weitere Sektflaschen werden ihrer Korken beraubt. Ich kann mich nicht länger entziehen ohne dass es peinlich wirkt.
Der Plattenquäler dreht den Lärmpegel herunter und die Gespenster verlassen die Tanzfläche.
Es ist schon ein Foto wert wenn ein Dutzend Erbsenzähler nach drei Minuten headbanging zu Uriah Heep zu ihren Tischen kriechen.
Ich entdecke Andrea die mit einem Typen spricht. Ob es ihr Freund ist? Ich lichte die beiden ab. Der Mann trägt einen Bart und wirkt neben ihr wie ein Neandertaler.
Bin ich gerade so etwas wie eifersüchtig? Sie schaut kurz zu mir und verschwindet dann in Richtung Toiletten.
Rita ordnet die unendliche Weite ihres Kleides und walzt in Richtung Bühne. Als würden zwei Ferkel unter einer rosa Bettdecke miteinander raufen, fällt mir dazu ein.
Meine Mutter erkennt in meinem Gesicht was ich gerade denke und droht still mit dem Finger. Harald ergreift das Mikro und ein weiteres der unvermeidlichen Spiele kündigt sich an. Zum Glück bin ich der Fotograf und muss nicht mitmachen.
Ich hasse es im Mittelpunkt zu stehen wenn es nicht gerade um den Hauptgewinn bei den Lottozahlen geht.
Alle Singles sollen je nach Geschlechtszugehörigkeit eine blaue oder rosa Karte in einen Eimer werfen und es werden Blind Dates verlost. Hurra, wie lustig.
Tante Reizlos gewinnt ein Treffen mit einem blassen Jungen aus dem ersten Lehrjahr zum Steuerfachgehilfen. Wenn er das Übersteht kann er sich als Veteran in bizarren Liebespraktiken betrachten. Dann riecht es plötzlich nach Pfirsich.
„Na? Schon aufgeregt wer dein Date wird?“ Flüstert Andrea plötzlich hinter mir.
„Es ist eher wie der Moment vor dem unvermeidlichen Unfall.“ Ich höre sie leise Lachen. Sie weiß natürlich nicht dass ich gar keine Karte eingeworfen habe. Andrea wäre allerdings ein Date wert.
„Du hast Humor Olaf. Das gefällt mir.“ Sie reicht mir ein Glas Bowle. Woher sie wohl wusste das ich Durst habe? Ihr Gang ist voller Anmut. Wie kann man sich auf solchen Schuhen bloß so bewegen?
Es wird mit einem Mal merkwürdig still im Saal. Ich habe während des fotografieren gar nicht bemerkt das bereits fast alle Teilnehmer vergeben sind und sehe den Neandertaler plötzlich grinsen. Er klatscht sich mit einem glatzköpfigen Tischnachbarn ab als hätte er einen guten Deal gemacht und wankt Richtung Bühne. Spontan fällt mir Caveman ein.
Rita hält den Eimer hoch und gurrt wie eine Taube. Harry setzt ihr einen feuchten Kuss auf den Hals und grabscht sich den nächsten Zettel. Shit. Kann es sein?
Rita zeigt auf mich und winkt mich zur Mitte.
„Und das alle ihre Verabredung auch erfüllen!“ Quietscht Harry sabbernd bevor mein Name fällt.
Hä? Wieso ich? Welcher Idiot hat meinen Namen noch dazu auf einen Rosa Zettel gekritzelt? Mama?
Rita hält den nächsten Zettel in die Luft. Mir stockt sekundenlang der Atem und denke dass Opa sich weiland so bei Feindbeschuss gefühlt haben muss. Man wartet hilflos auf den sicheren Einschlag. Dann ruft sie schrill einen Namen und der Saal beginnt lauthals zu grölen.
„Und wer danach zusammenbleibt, dem bezahlen wir den Polterabend.“ Gluckst Harry und geht in der spontanen Umarmung von Rita beinahe zu Boden.
Ich schaue mein etwas irritiertes „Date“ an und weiß genau dass ich meine Mutter nun mein Leben lang hassen werde.
„Komisch. Ich kann mir dich gar nicht im Kleidchen vorstellen.“ Prustet Caveman und hält meine Karte nach oben. Der Saal wird unerklärlicher Weise lebendig. Harry und Rita grinsen so breit als gäbe es einen Preis dafür.
„Sorry, Meine Mama ist wohl Farbenblind. Ich denke das wir beide auf ein Date unter Männern locker verzichten können, oder?“ Ich versuche es mit einem Lächeln und mache ein schönes Porträtfoto von der Fellfresse.
„Och. David hat es eh nicht allein mit Mädels. Der kann auch anders. Wer weiß was euch entgeht?“ Fistelt eine Stimme hinter mir das Coming Out des Kollegen durch den Saal.
„Aber David ist auch ein erwachsen. Warum sollte er mit einem Mann ausgehen wollen ohne Ambitionen auf mehr?“ Antworte ich cool, aber meine Gesprächspartner hören gar nicht hin und gackern durcheinander wie Hühner in einer Legebatterie.
Jemand reicht Caveman einen weiteren Drink und in den glasigen Augen meines Gegenübers glaube ich die Vorboten von Delirium tremens vorbeischwimmen zu sehen. Wenn er wenigstens etwas ansprechend aussehen würde.
Violettes Rüschenhemd. Blaue Stoffhose, weiße Collegeslipper. Echt Zirkuslike. Schlimmer kann es kaum noch werden.
und es geht weiter+++++