Offensichtlich gehört es zum guten Ton einerseits, und andererseits ist die Voraussetzung für das Gewinnen von Vertrauen der Chefin, die Seele ein wenig auszuschütten und eine Art Blog/Tagebuch zu verfassen.
Der Gedanke, dies zu tun, ruft aufgrund der Schreibblockade und den Schwierigkeiten in der Fremdsprache, sich zu äußern, eine leichte Panikattacke in mir, die ich gleich mit dem Motto: "Stell dir deinen Ängsten" unterdrücke.
Da die Crossdresser naturgemäß exsgibizionistisch veranlagt sind (wir zeigen uns doch gern in der Öffentlichkeit ) und die Offenbarung gute psychotherapeutische Wirkung hat, werde ich hier nach und nach die Gedanken zum Wort verfassen, die mir in den langen schlaflosen Nächten im Kopf kreiseln.
Kleines Vorwort: ich selbst bezeichne mich als nichtbinären Bigender. Die beiden Hypostasen, männlich und weiblich, koexistieren friedlich und wollen im Balance ausgelebt werden. Das Crossdressing ist einer wichtigen Energiequelle geworden, ich fühle mich frei und verbunden mit mir selbst darin. Meine Familie weiß Bescheid darüber, nimmt aber nicht teil. Für die nähere Umgebung halte ich mich nicht richtig in Geheimen, nur möchte ich keinem explizit die Tatsachen ins Gesicht werfen und die Ressourcen an Aufklärung verschwenden.
Also, los geht's!
my home is my castle
(Das erste Mal draußen bei Tageslicht )
The Castle hatte Gestalt einer Audi Q3, die mir der Mietwagenanbieter für diese Dienstreise ausgeteilt hat. Ich sitze drin "en femme", genauer so wie ich damals als "en femme" vorstellen und leisten konnte, auf einem "Globus"- Parkplatz mitten in nowhere einige hundert Kilometer vom Zuhause entfernt. Mein Puls schlägt wie eine Dampflock, mein Blutdruck ist auch einem Dampfkessel nah.
"Ich kann das nicht, ich schaffe das nie!"
"Idiot, das ist doch der Traum, der dich schon Jahrzehnten verfolgt - wie eine Frau einfach raus zu gehen!, Stell dir deinen Ängsten, sonst bleiben dir nur dunkle Nächte und geschlossene Räume!"
Tür auf, Tritt raus, Tür zu, Zentralverrieglung zu! "Klack" - antworten die Schlösser synchron. Jetzt gibt's kein Zurück mehr. Ich gehe durch den Parkplatz Richtung Supermarket. Die Auswirkung von Aufregen ist mit Berauschen von leichten Drogen vergleichbar, mein Körper zittert leicht, alle Sinnen sind geschärft, mein Urmensch ist im Kampfmodus, gleichzeitig fühle ich mich überglücklich, jede Zelle meines Körpers spürt die weibliche Kleidung an mir. Der Wind bewegt den Kleidsaum über die Beine, das Reiben des Stoffes spürt sich durch die Feinstrümpfe unglaublich und bringt mich um den Verstand.
"Achtung!", "Gefahr!" - Ein Pärchen mit einem vollen Einkaufswagen steuert mir entgegen. "Jetzt wirst du die Stunde der Wahrheit erleben, die werden dich bestimmt auslachen, als sie dich bemerken!". "Ja, wenn sie mich bemerken!" - Das Pärchen war so tief in die eigenen Gespräche versunken, dass sie mich gar nicht wahrgenommen haben. Die anderen Ladenbesucher, die mir aus dem Gebäude entgegenkommen, haben auch ganz wenig bis gar keine Interesse an den komischen Typen, der sich für eine Frau hält und lumpige Frauenklamotten an hat.
Von der lauten Aufregung habe ich jetzt den Harndrang gespürt, gut, dass der Supermarkt die öffentlichen Toiletten hat, in diese Richtung ich mich auch begegne. Angekommen, packt mich das Verzweifeln: Welche Tür? An einer ist ein Mensch in den Hosen abgebildet, an den anderen ein Mensch im Kleid. "Logisch!! Ich habe doch ein Kleid an!". Die Räumlichkeiten sind leer, ich gehe ungestört in die erste freie Kabine und sperre mich ab. Jetzt aufatmen und sich beruhigen!. Plötzliche Schrittgeräusche, eine Kundin (nehme ich an, wer weiß heutzutage ) ist die Anlage betreten. Jetzt gang leise bleiben und auf keinen Fall Aufmerksamkeit wecken!. Als die Lage sich beruhigt hat, konnte ich ungestört ganz schnell mich aus dem Staub machen.
Ich gehe durch die Verkaufsfläche den Regalen entlang. Eigentlich habe ich nicht vor, irgendwas zu kaufen, ich versuche meine ersten Schritte zu genießen. Dann erinnere ich mich, dass "Globus" auch eine Bekleidungsabteilung hat, wo ich mir eventuell die schönen Frauensachen anschauen kann. Vor allem brauche ich richtige Schuhe, die schwarzen Snickers, die ich habe können zwar unisex gelten, für den Frauenbild brauche ich richtig weibliche Stiefeletten. In der Schuhabteilung probt ein Rentnerpaar die Schuhe und schenkt mir keine Aufmerksamkeit. Ich suche mir was passendes, leider Fehlanzeige: in der "Globus"-Welt existieren die Damen mit Schuhgröße 43 gar nicht! Enttäuscht gehe ich weiter zu Damenwäsche Regalen, nicht dass ich dort etwas finden würde, die BH in 120 sind in diesem Universum noch seltener, aber das Schauen bringt mir das ästhetische Empfinden.
Irgendwann spüre ich die Erschöpfung, es ist mir alles ein wenig zu viel! Fast panisch kehre ich zurück zu meinem Auto, setze mich rein und kann erst aufatmen. Ich versuche meine Erlebnisse zu reflektieren, außer "Geil!" kommt mir nichts im Kopf.
Jetzt muss ich weiterfahren. Ich beschließe unterwegs noch ein paar Zwischenstopps mit Rausgehen anzulegen.
Aber das ist eine andere Geschichte...