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Umgang mit Trauer

Verfasst: Mi 22. Okt 2025, 22:08
von Jutta-Kristina
Guten Tag!
Seit meine langjährige Partnerin vor einem halben Jahr gestorben ist, mache ich mir Gedanken um meinen Umgang mit der Trauer. Gewiss, ich bin gut von Freund*innen, Verwandten und Nachbar*innen aufgefangen worden. Aber jetzt lebe ich allein in einem großen Haus mein Frauenleben, das meine Partnerin zwar immer akzeptiert hat, von dem sie aber nicht besonders begeistert war.
Es fasziniert und irritiert mich gleichermaßen, dass meine Kleider und Röcke, meine Pumps und Stiefel mir ein Trost sind. Es macht mir ein schlechtes Gewissen, weil es so aussehen könnte, als hätte ich nur darauf gewartet, mein Leben als Frau (eigentlich muss es ja heißen: in Frauengestalt) zu leben – obwohl ich das zunächst nur "indoor" tue, denn auf dem Dorf kostet es doch eine ziemliche Überwindung, es auch "outdoor" vor zu versuchen.
Es ist sehr schön, dass mir auch die Kleider meiner Frau immer gepasst haben, denn jetzt geben sie mir Halt. Ich fühle mich von ihnen geborgen, liebevoll umarmt und getragen. Mein Frauenleben gibt mir Halt, die Frauengestalt macht mir Mut, aber immer wieder kommen kritische Fragen hoch: ist es auch in Ordnung? Ist es Verdrängung? Ist es Flucht? Ist es angemessen meiner verstorbenen Partnerin gegenüber?
Es würde mich freuen, von Euch zu lesen, ob ihr solche Situationen auch schon erlebt habt und ob es ein angemessener Umgang mit Trauer ist.
Liebe Grüße an alle Leserinnen
Jutta-Kristina

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Mi 22. Okt 2025, 22:35
von girlnamedliz
Liebe Jutta-Kristina,

Es steht mir nicht zu darueber zu urteilen, was "angemessener Umgang mit Trauer" sein mag. Ich gehe aber davon aus, dass Deine Partnerin sich gewuenscht hat, dass Du weiterhin ein erfuelltes und glueckliches Leben lebst. Dass sich die Ausrichtung verschiebt, jetzt wo Du allein im Haus lebst, ist einleuchtend. Ich sehe darin weder eine Verdraengung, noch eine Respektlosigkeit. Schlussendlich musst Du in der entstandenen Luecke einen Neuanfang wagen.

Eine sehr gute Freundin von mir hat uebrigens eine aehnliche Geschichte. Auch sie hatte ihr Coming-Out erst nach dem Tod ihrer Frau. Und auch sie hat viel Halt darin gefunden, Schmuck und Kleider ihrer Frau zu tragen. Ich finde das schoen - und ehrlich gesagt, wild romantisch.

Alles Gute auf Deinem Weg,
Liebe Gruesse

Liz

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Mi 22. Okt 2025, 22:40
von Nicole Fritz
Hallo Jutta-Kristina,

dann mal eine ganz dumme Frage:

Ist es besser, die Kleider der verstorbenen Partnerin zu tragen, oder sie zwecks Verwertung dem Roten Kreuz zukommen zu lassen? - Dort läuft es so ab: Man sortiert aus. Was als gut genug dafür erscheint, wird bedürftigen Menschen angeboten, der Rest wird als Rohstoff in den Kreislauf zurück geführt. Wenn man dann in der Ausgabestelle beim Roten Kreuz etwas sucht, sind alle Größen durcheinander. Und hat man beispielsweise einen rechten Stiefel gefunden, der einem gefällt und passt, ist der linke nirgendwo zu finden. - Ich finde das jetzt nicht wirklich hilfreich, vor allem auch, weil ich für meine (Über-)Größe dort immer lange suchen müsste.

Liebe Grüße
Nicole

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Mi 22. Okt 2025, 23:19
von Inga
Liebe Jutta,

Wenn ich mich so im Bekanntenkreis umgucke, aber auch eigene Erfahrungen betrachte, so finde ich: Trauer nimmt manchmal einfach sehr individuelle Wege. Ich finde, wenn sehr nahe stehende Menschen verstorben sind, ist es, als ob sie mich danach noch eine zeitlang begleiten, wie ein Schatten einfach noch spürbar da sind. Es gibt immer wieder Situationen und Orte sind, wo ich dran denke, wie es wäre, wären sie da, könnten wir die Situation miteinander teilen - und zugleich das Wissen, es geht nicht mehr.

Ich sehe die Kleider deiner Partnerin als deine Form, als ein Zeichen, wie sie dich auch jetzt noch danach begleitet. Oder vielleicht ist eher als ein ganz persönliches Geschenk, das sie an dich zurück gelassen hat. Wenn die Zeit gekommen ist, dass sie dir zu viel werden, kannst du sie immer noch weggeben. Das läuft nicht weg.

Die ersten Monate nach dem Tode sind meist mit einigen Tätigkeiten verbunden, die eben überlegt und erledigt werden müssen. Erst danach, wenn sozusagen das meiste getan und geklärt ist, ist eigentlich erst Zeit, dass die Trauer ihren Platz bekommt, im Sinne des Andenkens an den Menschen.

Von meiner Liebsten hätte ich damals gerne einige ausgewählte Kleidungsstücke übernommen und weiter getragen, aber dazu bestand bei ihrem Tode keine Gelegenheit mehr. Da beglückwünsche ich dich, dass du es etwas besser hast.

Liebe Grüße
Inga

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Mi 22. Okt 2025, 23:31
von Violetta Arden
Ich kann zu dem Thema leider (oder aber für mich zum Glück) nicht viel beitragen, denn meine Liebste ist hoffentlich noch lange an meiner Seite. Aber irgendwie kann ich Dich verstehen, daß Du nun auch die Kleider Deiner Liebsten anziehen kannst und etwas ausleben kannst (wenn auch nur indoor), wo Du Dich früher eingebremst gefühlt hast. Ich wüsste jetzt auch nicht, wie es mir ergehen würde, wenn die Liebste plötzlich nicht mehr da wäre.
Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles Gute und hoffe, Du kommst zurecht mit Deinem "einsamen" Leben.
Alles Liebe
Violetta

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Do 23. Okt 2025, 00:01
von Frieda
Jutta-Kristina hat geschrieben: Mi 22. Okt 2025, 22:08 ob es ein angemessener Umgang mit Trauer ist.
Ich grüße dich Jutta-Kristina❣️👋

Ich habe überlegt, wie ich dir hier auf deinen Post reagieren kann und entschied mich dazu, dir zu reagieren wie im real Liefe.

In solchen Situationen stelle ich mich grundsätzlich erstmal vor, weil ich denke, man fragt sich, was will die mir vom Storch erzählen.

Meinen ersten sehr intensiven Kontakt mit dem Tod hatte ich als ich 25 Jahre alt war, und 3 Menschen aus meinem engsten Kreis innerhalb anderthalb Jahren verstorben sind.
Meine Kinder waren 6 und 13Jahre alt, als ihr Vater verstorben ist.

Diese Erfahrungen haben mich veranlasst mich intensive mit dem Thema Sterben und Tod zu beschäftigen.
Ich gehöre seit 6 Jahren zum ambulanten Hospizdienst der Malteser und ich bin auch ausgebildete Trauerbegleiterin.

Deine Frage die dich beschäftigt ist nicht untypisch. Viele Trauernde fragen sich diese oder jene Dinge ob man die machen darf oder kann!? Viele haben Hemmungen die zu Blockaden führen können. Und Blockaden erlauben uns nicht zu heilen, egal was in uns heilen muss.

Liebe Jutta-Kristina, es gibt keinen vorgeschriebenen Weg um Trauer zu verarbeiten. Jeder Mensch trauert auf seine Weise. Und wenn du fühlst, was dir gut tut und du tun kannst, was dir gut tut, dann tue was dir gut tut. Denn es werden trotzdem noch Tage kommen, die besonders schwer und lähmend sind, deswegen nutze und schätze die Tage an denen du tun kannst wonach dir ist und was sich gut für dich anfühlt.

Ich selbst bin durch dieses Gedankenlabyrinth gegangen und haben mit falschen Gedanken mein Leid vergrößert, weil ich damals mit 25 Jahen unwissend war.
Heute weiß ich, dass vieles was uns vor vielen, vielen Jahren im Zusammenhang mit dem Sterben und Tod gelernt wurde, wirklich falsch ist.
Wir befinden uns im Umbruch bei diesen Themen und immer mehr Menschen nehmen solche kostenfreien Angebote von den Maltesern an.

Deswegen will ich dich ermutigen weiterhin in dich hineinzufühlen und zu tun, was dir dein Herzl sagt❣️👍

Ich sage auch meinen Klienten, dass sie kein schlechter Mensch geworden sind, wenn langsam die Freude in ihren Alltag aufblitzt. Viele haben dann belastende Gedanken, dass sie sich jetzt nicht freuen oder lachen dürfen. Dem ist definitiv nicht so❣️ Diese kleinen Momente sind das Leben, DEIN Leben❣️ Wir sind keine besseren Hinterbliebenen, wenn wir uns selbst foltern und unser Leid immer und immer wieder aufleben lassen. Die Trauer bleibt, wir lernen nur sie zu akzeptieren, wir lernen unser Leben neu zu sortieren, wir lernen trotz des Verlustes ein lebenswertes Leben auch ohne unsere Liebsten, leben zu können❣️

Das was du geschrieben hast liebe Jutta-Kristina hört sich für mich nicht falsch an❣️
Du bist auf einem guten Weg❣️
Achte auf deine Gedanken und fühle weiterhin gut in dich hinein❣️
Ich wünsche dir von Herzen weiterhin viel Kraft und Motivation, dich jeden einzelnen Tag deinem neuen Lebensabschnitt zu stellen❣️
Das Leben von Hinterbliebenen muss nicht schlecht werden, aber es wird definitiv ANDERS❣️ Und man muss bereit sein diesen Weg (auch wenns schwer ist) gehen zu wollen❣️

🙏

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Do 23. Okt 2025, 01:36
von Claudia
Jutta-Kristina hat geschrieben: Mi 22. Okt 2025, 22:08 Seit meine langjährige Partnerin vor einem halben Jahr gestorben ist, mache ich mir Gedanken um meinen Umgang mit der Trauer.
Das hattest Du ja schon vor einiger Zeit angedeutet, im August meine ich (viewtopic.php?p=409708#p409708)
Es war nur eine Andeutung, aber da ich seit Jahresende auch allein leben muss, nahm ich an es wäre bei Dir ähnlich. Da es aber nur angedeutet war, denn von Tod hattest Du nichts geschrieben, hatte ich Dir eine PN geschickt und nachgefragt. Die hast Du nach längerer Zeit beantwortet. Auf meine zweite PN bekam ich dann keine Antwort mehr. Weshalb ich auch hier nicht soviel schreiben möchte.

Ich wünsche Dir, dass Du hier ebensoviel Trost bekommst wie ich ihn erfahren habe und zum Teil noch jetzt bekomme, wenn die Traurigkeit bei mir wieder hochkocht. Wie Du mit den Sachen Deiner Frau umgehst, musst Du für Dich selbst entscheiden. Ich habe mich von den alltäglichen Dingen meines Partners getrennt, aber aufgehoben was ihm wichtig war oder was er selbst erstellt hat.

Die Zeit der Traurigkeit verläuft in Wellen, scheint manchmal vorüber und schießt dann plötzlich durch irgendwelche Trigger wieder hoch. Da wäre es schön, wenn dann jemand bei Dir ist, dem Du Dich anvertrauen magst.

LG Claudia

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Do 23. Okt 2025, 06:35
von Christiane
Hallo Jutta-Kristina,
hier gibt es eigentlich keine allgemeingültige Antwort.
Ich hab meine Frau vor ziemlich genau 3 Jahren an den Krebs verloren.
Ich hab auch einige Röcke und Hosen behalten. Die durfte ich vorher ja auch schon anziehen.
Allerdings hab ich etwas länger gebraucht, um wieder klar denken zu können.
Wenn es sich für Dich gut anfühlt - laß es zu. Deine Frau wird Dich bestimmt nicht dafür verurteilen.
Andere heben sich Kleidungsstücke auf, um den Geruch des/der Partners/Partnerin zu konservieren.
Andere räumen alles weg, weil es zu weh tut. So versucht
jeder irgendwie mit diesem schrecklichen Einschnitt klar zu kommen.
Es wird noch genug Gelegenheiten geben, in denen Du ihre Gegenwart zu spüren scheinst.
Wenn Dir die Sachen Trost spenden - ist es doch o.k. .
Fühl Dich mal gedrückt.
LG Christiane

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Do 23. Okt 2025, 07:10
von ExUserIn-2026-04-08
Ich denke, Frieda hat meine Sicht auf die DInge schon gut ausgedrückt. Als meine Eltern in ein Pflegeheim kamen (sie starben beide ein paar Jahre später), musste ich die Wohnung alleine ausräumen. Da stand ich also vor dem Kleiderschrank meiner Mutter mit dem mein Leben als Frau begann, denn ich trug als Kind und JUgendlicher heimlich ihre Kleider. Und so habe ich ihre Kleider noch einmal angezogen. Überrascht war ich von den heftigen Emotionen, die das in mir ausgelöst hat. Da war vor allem Wut. Ich begriff, dass ich den Frieden mit mir machen musste und so gingen einige Stücke von ihr in meinen Fundus. Und so nach und nach habe ich dann meinen Frieden gefunden und ich brauchte ihre Kleidung nicht mehr.

Ich finde es richtig, wenn Du die Kleidung Deiner Frau trägst. Du hast Deine eigenen Emotionen dabei und ich denke, es ist gut, wenn Du ihnen nachgehst. Ich halte es für angemessen und Scham ist fehl am Platz. Ich würde genau so handeln. Meine Frau ist auch nicht begeistert von meiner Weiblichkeit, aber sie akzeptiert es. Ich kann es gut verstehen, dass Du Deine Weiblichkeit jetzt freier leben kannst und ich denke, Du wirst für Dich in der Zukunft das richtige Maß finden. Das findet man erst, wenn man es lebt.

Ich wünsche Dir alles Gute

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Do 23. Okt 2025, 09:16
von HeikeCD
Tja, was ist angemessenes trauern? Das ist glaub ich nicht allgemeingültig zu beantworten. Es ist alles gut wenn sich jemand dabei gut fühlt. Es gibt ja auch welche die reisen nochmal an die Orte die sie vorher gemeinsam besucht hatten. Deshalb, tue was dir gut tut.
Sollte ich das für mich bedenken dann würde nichts verändert werden, alles bliebe im Haus so wie es ist. Auch die Sachen, von Kleidung bis Bastel-/Handarbeitssachen usw. Würde auch niemanden mehr neben mir haben wollen. Aber das habe ich eben für mich schon länger so beschlossen. Wobei ich nach der biologischen Normalität zuerst "dran" wäre da unser Altersunterschied 15 Jahre beträgt. Deshalb ist das nur mein "Notfallplan".

Liebe Grüße Heike

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Do 23. Okt 2025, 11:44
von Anne-Mette
Moin,

ich habe mich ausführlich mit dem Thema Trauer auseinandersetzen müssen und auch einiges dazu gelesen und mit anderen Menschen darüber gesprochen.
Ein Satz ist mir besonders haften geblieben: "Nur die Trauer hast du im Leben ganz allein für dich!"
Ich denke, der Satz ist nachdenkenswert; denn die Trauer kann einem niemand nehmen, höchstens vielleicht lindern durch Begleitung, Gespräche, Ablenkung.
Ein Rat ist mir auch aufgefallen: Sorge für "neue Erinnerungen". Das habe ich versucht und in Teilen auch erreichen können.

wohin-mit-trauer.jpg

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Do 23. Okt 2025, 13:55
von Miranda Cruz
Liebe Jutta-Kristina

Ich fühle mit dir. Meine Lebensgefährtin ist vor 2 Jahren gestorben. Überwunden habe ich es bis heute nicht. Die meisten von ihren Sachen stehen, hängen, liegen noch da, wo ich mich täglich bewege.
Ein paar Sachen von ihr passen mir, die trage ich gerne. Einfach weil sie da sind und niemand sie abholt. Dabei habe ich absolut kein schlechtes Gewissen.
"Neue Erinnerungen" sammle ich als Miranda. Die ersten Monate nach ihrem Tod hatte ich nicht einmal dafür die Kraft.

Eine alte Freundin sagte einst, sie erlebe die glücklichste Zeit, seit ihre Frau tot sei, denn nun könne sie jeden Tag Frauenkleider tragen.
So empfinde ich nicht. Ich habe zwar mehr Freiheiten, aber was habe ich davon, wenn der wichtigste Mensch in meinem Leben fehlt.

Die Art, wie du mit deiner Trauer umgehst, tröstet dich offenbar. Dann ist es der richtige Weg für dich.

Herzliche Grüsse
Miranda

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Fr 24. Okt 2025, 08:49
von Anne-Mette
Moin,

vielleicht passt das für einige, die sich mit den Themen Sterben und Trauern beschäftigen


BRIGITTE

Palliativpsychologin verrät Womit Menschen am Ende ihres Lebens am meisten hadern

https://www.brigitte.de/liebe/persoenli ... 41262.html

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Fr 24. Okt 2025, 21:11
von Jutta-Kristina
Hallo ihr Lieben, die ihr auf meinen Beitrag geantwortet habt!
Wenn es bei mir je die Frage gab, ob es richtig war, hier im Crossdresser-Forum mitzumachen, dann ist sie jetzt eindeutig beantwortet: ich habe lange mit mir gerungen, ob ich den Beitrag zur Trauer schreiben sollte.
Eure mitfühlenden, mutmachenden, verständnisvollen, liebevollen und ehrlichen Antworten haben mich sehr beeindruckt, gerührt und ermutigt.
Besonders habe ich mich über einige eurer Sätze gefreut:
Von Miranda Cruz: Ich habe zwar mehr Freiheiten, aber was habe ich davon, wenn der wichtigste Mensch in meinem Leben fehlt.
Von Frieda: Deswegen will ich dich ermutigen weiterhin in dich hineinzufühlen und zu tun, was dir dein Herzl sagt.
Von Liz die Bemerkung, dass sie das einfach gut findet (was ich tue).
Und von Anne-Mette die "professionelle Einordnung".
Danke schön, ich fühle mich hier gut aufgehoben und bin mir sicher, den richtigen Weg zu finden.
Liebe Grüße von Jutta-Kristina

Re: Umgang mit Trauer

Verfasst: Sa 25. Okt 2025, 07:58
von Martina
Jutta-Kristina hat geschrieben: Mi 22. Okt 2025, 22:08
Es ist sehr schön, dass mir auch die Kleider meiner Frau immer gepasst haben, denn jetzt geben sie mir Halt. Ich fühle mich von ihnen geborgen, liebevoll umarmt und getragen. Mein Frauenleben gibt mir Halt, die Frauengestalt macht mir Mut, aber immer wieder kommen kritische Fragen hoch: ist es auch in Ordnung? Ist es Verdrängung? Ist es Flucht? Ist es angemessen meiner verstorbenen Partnerin gegenüber?
Es würde mich freuen, von Euch zu lesen, ob ihr solche Situationen auch schon erlebt habt und ob es ein angemessener Umgang mit Trauer ist.
Liebe Grüße an alle Leserinnen
Jutta-Kristina
Hallo Jutta-Kristina,

nun habe ich Gelegenheit, Dir meine Gedanken dazu mitzuteilen. Betonung auf MEINE Gedanken, denn die haben keinen allgemeinen Gültigkeitsanspruch. Von hinten angefangen, weil‘s mich am stärksten angesprochen hat: „angemessener Umgang mit Trauer“. Nach Deinen Beschreibungen denke ich, dass sich die Frage nach „angemessen“ gar nicht stellt, obgleich ich sie gut verstehe. Aber ich kann auch Dinge verstehen, die eigentlich keinen Sinn ergeben. Angemessen kann etwas nur dann sein, wenn es den Umgang mit anderen lebenden Menschen betrifft oder die eigene Erinnerung an einen verstorbenen Menschen.
Andere lebende Menschen scheinen nicht betroffen zu sein. Du hast keine Kinder oder engere Verwandtschaft, die bei Dir leben und Deine Weiblichkeit erleben. Insofern existiert die Frage nicht, ob es ihnen gegenüber angemessen wäre.
Die eigene Erinnerung an Deine Frau betreffend mag Angemessenheit sein, dass Du ihr post mortem nicht ein Gedenken an sie selbst angedeihen lässt, das ihr nicht entsprochen hätte. Daher ist die simple alte Weisheit „de mortuis nil nisi bene“ in ihrer Wirkung so einfach. Das existiert wohl aber auch nicht, da Du nicht ihr Leben und Sein mit Deinem Tun in der Erinnerung verfälschst. Was Du tust, betrifft Dein Leben, nicht mehr das Deiner Frau.
Angemessenheit orientiert sich an Maßstäben Dritter, solange Du mit Dir selbst ehrlich bist. Da Dritte nicht betroffen sind, stellt sich die Frage in meinen Augen also gar nicht. Skurriles Gedankenspiel: Eine zu Lebzeiten flippige, extrovertierte, lebenslustige, empathische und quirlige sehr gute Freundin wird zu Grabe getragen. Variante 1: Du bist alleine an ihrer Beerdigung oder stehst alleine an ihrem Grab und trägst im Gedenken an sie flippige Kleidung, quasi als liebevolle Hommage an eure gemeinsame Zeit. Die Frage nach der Angemessenheit stellt sich kaum, da andere nicht betroffen sind und du ehrlich mit dir selbst bist. Variante 2: Du gliederst dich zur Beerdigung in eine Trauergesellschaft ein, die es eher mit konventionellen Ausdrucksformen hält. Aus Respekt vor den Empfindungen der anderen Trauernden stellt sich nun die Frage nach der Angemessenheit deines Auftretens, wobei die Antwort natürlich so oder so ausfallen kann. Aber: Angemessenheit ist erst dann ein Thema, weil andere betroffen sind.
Kommt hinzu: Trauer ist ein Gefühl, ein Zustand Deiner Seele. DEINER SEELE. Trauer darf sein, wann immer der Moment für sie gekommen ist. Sie hat aber nicht 24/7 über einen Zeitraum x gefühlt und gelebt zu werden. Es ist Deine Seele, Deine Persönlichkeit, die trauert, wenn sie trauert. Lass sie einfach sein. Es geht niemanden sonst etwas an und es steht niemandem zu, darüber zu urteilen. Die Frage nach der Angemessenheit einer Trauer existiert in meinen Augen nicht.

In Ordnung? Verdrängung? Flucht? Angemessen Deiner Partnerin?
1. Ich empfinde es nicht nur als in Ordnung, sondern als sehr positives Lebenszeichen von Dir selbst. Du bleibst bei Dir und zerfließt nicht in Erinnerungen an Vergangenes. Du lebst, und Leben ist Veränderung. Was soll da nicht in Ordnung sein!
2. Verdrängung oder Flucht? Das könnte sein, ABER: Das kannst nur Du selbst beantworten. Ich denke, es hätte erst dann eine ungute Dimension, wenn andere notwendige Aspekte Deines Lebens dadurch völlig aus der Balance geraten. Das könnte z.B. eine Erwerbstätigkeit sein, die Schaden nimmt und dann zu weiteren Lebenskonsequenzen führt, oder z.B. soziale Kontakte, wenn Du Dich völlig isolierst. Und ich meine „völlig“ aus der Balance geraten; Schwankungen mit etwaigen Irritationen sind völlig normal, kein Tag gleicht dem anderen. Ob sich ein Trend zum Negativen verstetigt, kannst nur Du selbst beurteilen oder ein Mensch, der Dich sehr gut kennt und Dir auch nahe steht.
3. Angemessen Deiner Partnerin? Diese Frage stellt sich nicht, stattdessen frage „angemessen mir selbst“. Deine Partnerin ist mit Deinem Leben heute nicht mehr konfrontiert. Zu Lebzeiten gab es Kompromisse bei aller Offenheit, und ohne Kompromisse hätte es wohl nicht gemeinsam funktioniert. Heute lebst Du nicht mehr gemeinsam, sondern alleine. Es bedarf der vormals guten Kompromisse nicht mehr. Bei allem Verlust entsteht dadurch aber auch eine Befreiung. Das ist so zwingend logisch wie 1+1=2. Und wenn Dir die Kleider Deiner Partnerin guttun, wer sollte da etwas einwenden können. Deine Partnerin hätte sicher gewollt (natürlich vermute ich das, bin mir aber arg sicher), dass Du Dich ohne sie gut um Dich sorgst und auf Dich aufpasst, damit‘s Dir auch gutgeht.

Ich bin keine Trauer-Expertin. Ich bin keine Emotionsbombe, aber doch ausreichend empathisch im Allgemeinen. Ich bin eher die Rationalere, mit Schwächen für das Schöne und Gute. Schön und gut - liegt ja immer im Auge des Betrachters. Aber ich hoffe, meine Gedanken können Deinem Alleinleben wenigstens einen freundlichen Moment beisteuern.

Viel Glück!
Martina