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Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Fr 5. Sep 2025, 19:41
von Lavendellöwin
Hey...
vorweg, ich weiss nicht ob ich gut darin bin eine Fortsetzungsgeschichte zu erzählen.
Aber es fehlt mir gerade eine hier im Forum, früher gab es so Schöne..
Die Geschichte basiert auf einem Traum, den ich vor langer Zeit hatte und einer der Gründe war, wenn nicht vielleicht
sogar DER Grund, für mich in die Transition zu gehen. Es ist eine magische Welt, nicht in unserer Zeit..aber ihr werdet sehen..
Heute gibt es zuerst den Prolog
Sie formten die Worte wie den Ton.
Zirah zeichnete die Herzrune in den nassen Lehm, die Linien schimmerten, als hätte jemand Mondlicht in den Ton gemischt.
Kian stand daneben, die Finger am Mantelsaum, verkrampft, der Mund trocken. Die Halle der Werkstatt war offen zum Wind hin,
und der Wind trug Glassand hinein, feinen, klirrenden Staub, der sanft sang wenn er etwas berührte.
„Sag es“, befahl Zirah leise. „Sag ihren Namen.“
Er wusste nicht, woher er den Namen kannte - nur, dass er da war, warm und richtig, seit Tagen wie ein Beben,
das im Brustkorb gegen die Rippen klopfte. „Vaela“, sagte Kian. Und der Golem atmete ein.
Es war kein Atem, nicht wirklich. Eher ein Zusammenziehen, ein Impuls, als würde eine unsichtbare Hand das Gefäss prüfen:
Hält es? Will es? Das Obsidianherz im Zentrum fing an zu glimmen. Unhörbare Worte hoben sich von den Rändern der Rune,
flockten wie Staubkörner und glitzerten beim Sinken.
Kian fühlte, wie etwas aus ihm floss. Kein Schmerz. Ein Nachgeben. Das Beben wurde schwächer in ihm –
und etwas anderes, leichteres, streckte in der Welt die Arme aus.
Vaela öffnete die Augen, und sie waren wie Wasser, das Sonne findet.
„Hallo“, sagte sie. Ihre Stimme war rau wie frisch gebrochener Stein – und trotzdem…freundlich.
Kian hob die Hand zum Gruß, ließ sie wieder sinken. Etwas in seinen Handflächen war blasser geworden,
als hätte ihm der Wind Farbe gestohlen. Er lächelte. Zirah sah alles und sagte nichts.
Draußen kippte die Welt in den Abend. Der Wind trug das Lied des Glassandes herein.
Und plötzlich, in der Stille danach, hörte Kian den ersten feinen Riss: irgendwo tief in ihm, eine Haarrisslinie,
so dünn, dass nur jemand wie er sie hören konnte.
Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Sa 6. Sep 2025, 14:42
von Lavendellöwin
Kapitel 1: Weg über Glas
In den Jahren vor der Bindung lernte Kian vor allem eines: wie man still leidet,
ohne dass die Welt es merkt.
Das begann nicht mit einem großen Moment. Es begann in kleinen, harmlosen Dingen,
die harmlos bleiben wollten und es nicht konnten.
Erstes Jahr: Spiegelwasser
An der Zisterne im Hof lag morgens das Licht flach auf dem Wasser. Kian stützte sich über den Rand, als müsse er etwas herausfischen,
das niemand außer ihm sehen konnte. Sein Spiegelbild schwamm, brach, setze sich zusammen, wieder brach es.
Er hielt den Atem an, bis die Oberfläche glatt wurde. Das Gesicht im Wasser gehörte ihm - und doch auch nicht.
Der Kiefer und die Wangen waren hart gezeichnet, der Adamsapfel stand hervor wie ein fremder Knoten im Holz.
Die Schultern wirkten wie eine geliehene Rüstung. „Wenn ich lache“, dachte er, „klingt es nicht wie ich fühle.“
Er probierte ein anderes Lächeln, weicher, vorsichtiger. Das Wasser erkannte die Form nicht.
Später band er sich beim Arbeiten ein Tuch ins Haar; es fiel ihm bis über den Nacken. Zirah sah auf, dann weiter auf die Arbeit.
Niemand sagte etwas. Genau das machte es schlimmer. Kian ertappte sich beim Lauschen, ob irgendwo ein neues Wort für ihn in der Luft lag.
Nachts, wenn der Wind den Glassand singen ließ, tastete er nach dem Laut in seiner Brust, der wie ein Name war.
Er sprach ihn nicht. Kannte ihn noch nicht.
Es war ein stiller Hinweis: Ich bin da. Ich passe hier nicht. Er legte die Hand wieder dorthin und spürte nur, forschend, traurig.
Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Sa 6. Sep 2025, 20:20
von Slatjana
Still leiden, ohne daß die Welt es merkt. Und die Tränen, die den Körper von innen her anfangs zu verfaulen drohen. Aber plötzlich lassen sie eine wunderschöne und auf dieser Welt einmalige Blume blühen.
Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Fr 12. Sep 2025, 17:32
von Lavendellöwin
Mittags trug er mehrmals die Eimer, zwei auf der Stange über den Schultern. Die Last drückte ihn in die gewohnten Winkel.
Am Brunnen fragte eine Nachbarin, ohne Hinsehen: „Hält dich der Wind gut?“
„Geht so“, sagte Kian. Seine Stimme fiel weich ab. Die Frau nickte, als sei genau diese Antwort gemeint gewesen.
Später in einer Stillnacht, als die Brache den Atem anhielt und selbst der Sand nicht sang, sprach Kian ein Wort von der Umfassung
ins Zisternenwasser, ohne Stimme. Es verweilte in der Kehle. Er erschrak über den Trost, der von diesem Nicht-Laut ausging,
und legte die Hand flach auf die kalte Steinbrüstung, bis der Drang, es laut zu machen, wieder kleiner war.
Zirah fand ihn später noch im Hof. „Der Spiegel ist ein schlechter Lehrer“, sagte sie, blieb aber in der Tür stehen.
„Weil er nur wiederholt?“
„Weil er lügt, wenn du ihn bittest, dich zu trösten.“
Kian nickte. „Und wenn ich ihn gar nicht um Trost bitte?“
„Er zeigt er dir nur Licht und Kante. Den Rest musst du selber zeichnen.“ Sie deutete mit dem Kinn auf das Tuch in seinem Haar.
„Wenn es dich atmen lässt, trag es. Wenn es dich versteckt, nimm es ab. Mehr Regel habe ich nicht.“
„Und wenn beides stimmt?“
„Dann wird ein Tag kommen an dem es klar ist.“
Manchmal, wenn er allein war, übte er die Art, wie er einen Krug hob oder wie er den Ärmel strich:
nicht genau wie Zirah, aber runder als zuvor. Keine große Geste; es reichte, dass sein Körper sie erlernte.
Er sprach heller, wenn niemand zuhörte, und dunkler, wenn die Werkstatt voll war.
Er merkte, wie er die helle Stimme nicht mehr für „falsch“ hielt, nur für „noch nicht draußen“.
Am Ende des Jahres konnte Kian sein Spiegelbild länger ansehen, ohne den Atem anzuhalten. Nicht, weil es ihm plötzlich gefiel.
Nein, aber weil er begriff, dass das Wasser nicht zuständig war. Es war nur Oberfläche.
Was sich darunter ordnete, tat es langsam, unhörbar - wie Scherben, die unter Druck zu Sand werden, und dann,
mit noch mehr Zeit, zu etwas, das nicht mehr schneidet.
Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Fr 12. Sep 2025, 17:38
von Lavendellöwin
Zweites Jahr: Dinge, die nicht passen
Der Markt lag wie ein Flickenteppich aus Stimmen über Dornquell gelegt.
Zwischen Ständen aus Bauholz hingen Tücher, die Farben trugen, die die Welt hier nicht kannte:
Pflaume, Malve, Nachtblau. Der Wind fuhr hindurch, hob sie an, ließ sie wieder fallen und der Glassand im Luftzug sang, wenn er den Stoff berührte.
Kian ging den Rand entlang, wie immer - nicht mitten hindurch, wo ihn die Rufe treffen konnten.
Er tat so, als prüfe er Messerstahl und Steine zum Schleifen.
In Wahrheit folgte er den Farben, bis sie ihn an einen Stand mit Bändern und Seidenballen führten.
Die Wirtin des Stoffstands war klein, mit Händen, die vom Färben nie ganz sauber wurden.
Ein Kind saß unter dem Tisch und sortierte Fransen nach Länge.
Kian strich mit dem Zeigefinger über ein schmales Band in Nachtblau.
Es war kühl, gab nach und war leicht, wie der Atem. Er fasste es, die Finger blieben einen Herzschlag zu lang daran liegen.
„Für deine Braut?“ fragte die Frau, ohne aufzusehen.
Kian ließ das Band los. Es sank weich zurück. „Für mich“, sagte er.
Die Worte fielen schwerer, als sie waren, und machten beim Aufkommen doch keinen Lärm.
Die Frau sah jetzt auf, nicht überrascht, nicht spöttisch. Sie musterte Kians Schultern, die Art, wie er die Hände hielt,
als müsste er etwas im Innern stützen. „Dann trag’s“, sagte sie. „Blau steht, wenn man stehen will.“
Das Kind unter dem Tisch grinste. „Das ist das Schönste“, flüsterte es, als verrate es ein Geheimnis.
Kian kaufte das Band. Er band es nicht gleich um. Er legte es in die innere Westentasche, wo man die Wärme der Dinge spürt, die man behalten will.
Er ging eine Runde um die hinteren Stände, probierte das Band dann doch an - nur kurz, unter der Weste, so dass es seine Haut streifte.
Es war nur Stoff, und doch fiel ein Stück seiner Haltung bisher von ihm ab, wie Staub, der endlich darf.
Auf dem Rückweg zur Werkstatt rief ihm jemand nach: „He, Junge, du hast dein Wechselgeld?“
Der Ruf traf ihn wie ein Stein, der knapp daneben schlägt und doch das Wasser kräuselt. Kian drehte sich um, hob die Hand. „Danke“, sagte er.
Seine Stimme war weich geraten. Der Fragende blinzelte; die Welt blieb stehen, fiel dann wieder in ihre alte Ordnung zurück.
Kian ging weiter, das Band unter der Weste brannte nun kalt.
Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Fr 12. Sep 2025, 18:00
von Violetta-TransFlower
Meine liebe Marie,
Deine Art, hier zu schreiben

ist ganz wunderbar.
Ganz weich und sanft, so wie Frauen eben meist sind.
Dies erinnert mich auch daran, wie Du mich immer wieder an die Hand nimmst und mir hilfst, bei vielen Dingen.
Ich glaube, das was Du jetzt schon veröffentlicht hast, hätte das Zeug zu einem Roman in Buchform.
Ich freue mich auf die Fortsetzungen, da ich jetzt auch erkannt habe, worum es hier geht.
Hat das auch etwas autobiographisches?
Du brauchst auf diese Frage nicht antworten, wenn Du nicht möchtest.
Begeistert
Deine Violetta

Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Fr 12. Sep 2025, 18:19
von Lavendellöwin
Violetta CD hat geschrieben: Fr 12. Sep 2025, 18:00
Hat das auch etwas autobiographisches?
Du brauchst auf diese Frage nicht antworten, wenn Du nicht möchtest.
Begeistert
Deine Violetta
Hey Violetta..
vielen lieben Dank!
Ja, es hat etwas autobiographisches und basiert ja auch auf einem Traum von mir,
da war das Setting aber eher postapokalyptisch. Auch ein wenig Steam Punk artig mit Techno-Magiern.
Ich wollte es aber nun lyrischer haben und da weiss ich nicht recht wie ihr mit der Sprache und dem Satzbau
zurecht kommt...das mit der Bildsprache ist nicht für alle Personen was und auch mit um-die-Ecke-denken belegt.
Violetta CD hat geschrieben: Fr 12. Sep 2025, 18:00
Ich glaube, das was Du jetzt schon veröffentlicht hast, hätte das Zeug zu einem Roman in Buchform
Wer weiss, so weit ist aber mein Plot noch nicht, es ist jetzt grade mal die Einführung in die Welt,
kaum Spannungsbogen..
Violetta CD hat geschrieben: Fr 12. Sep 2025, 18:00
Ich freue mich auf die Fortsetzungen, da ich jetzt auch erkannt habe, worum es hier geht.
Das ist schön, aber psst, nichts vorab verraten...
hab es gut, Marie

Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: So 14. Sep 2025, 17:00
von Lavendellöwin
Zirah stand an der langen Werkbank, als Kian zurückkam. Sie hob nicht den Kopf; sie wusste,
wer da war, am Klang der Schritte. „Markt war laut?“ fragte sie.
„Wie immer“, sagte Kian. Er legte Messerstahl und den Schleifstein auf den Tisch, als seien das die Einkäufe gewesen,
auf die es ankam. Dann zog er, mit einer Bewegung, die er nicht zu planen gewagt hätte, das Band hervor. „Und das.“
Zirahs Blick blieb kurz an seinen Fingern hängen, dann am Blau. „Schönes Blau“, sagte sie. „Zeig.“
Kian hielt es gegen das Licht. Das Blau gab einen Schimmer zurück, als hätte jemand den Sternenhimmel in Stoff gewebt.
„Es passt“, sagte er und meinte nicht die Farbe.
„Dann trag es“, sagte Zirah. Sie feuchtete eine Runennaht an. „Nicht in der Tasche.“
Kian wickelte es um sein Handgelenk. Die Haut darunter atmete auf.
Er spürte, wie sein Puls gegen den Stoff klopfte - nicht wie eine Flucht, eher wie: Ich bin hier.
„Es passt“, wiederholte er, leiser. „Und wenn ich es trage, passt alles für einen Moment besser. Und dann…“
Er machte eine Geste, als streiche er eine unsichtbare Falte aus der Luft. „Dann sehe ich sie in den Blicken.
Die Fragen. Die Scherze, die nicht gemacht werden - und deshalb doch im Raum sind.“
„Und wenn die Formen jemand anderem was verraten?“ Kian sah auf seine Hände. Es war, als wären sie ihm ein Stück zu groß und ein Stück zu klein zugleich.
„Du. Die Werkstatt. Das, was man von mir erwartet?“
Verrat“, sagte Zirah, „ist, wenn du weiter an einer Rüstung arbeitest, die dich einschliesst, weil du niemandem Lärm machen willst.
Rücksicht ist gut. Aber Rücksicht ist nicht: sich selbst aus dem Raum nehmen.“
Kian schwieg. Der Wind zog durch die offene Halle, hob den Rand eines Planes, der auf dem Tisch lag, ließ ihn wieder sinken.
Der Glassand brachte leise Töne hervor, wenn er Holz traf.
„Was willst du zuerst?“, fragte Zirah. „Stoff ändert eine Silhouette. Ein Wort ändert eine Richtung. Beides ist Fortschritt.“
„Ich weiß nicht, was leichter ist“, gab Kian zu.
„Nichts davon ist nur leicht.“, sagte Zirah. „Aber manches ist richtig. Probiere das Band beim Wasserholen. Sichtbar. Nicht unter der Weste.
Nicht als Trotz. Als Tatsache.“ Sie deutete in Richtung Hof. „Und ich will, dass du die Tunika heute so schnürst, wie sie dir nicht scheuert,
nicht so wie sie anderen nicht auffällt.“
„Und wenn jemand…“ Kian ließ den Satz hängen. Er meinte nicht Hohn. Er meinte die Sorte Blick, die freundlich ist und trotzdem schneidet,
weil sie benennt, was man nicht bereit war, benennen zu lassen. „Dann höre in dich hinein.“, sagte Zirah.
„Wie stark du wirst, wenn du nicht die ganze Zeit leiser stellst. Und du wirst erstaunt sein, wie viele Menschen beschäftigt genug mit sich sind.“
„Aber die Kollekte“, murmelte Kian.
„Die Kollekte ist immer sehr beschäftigt“, erwiderte Zirah trocken. „Das ist ihr Fehler.“
Kian lachte kurz. Das Lachen war heller, als er es kannte. Er erschrak nicht; er merkte es. Er strich das Band um die Hüfte mit dem Daumen glatt.
„Blau steht, wenn man stehen will“, sagte er, und das Zitat vom Markt wurde plötzlich seins.
„Genau“, sagte Zirah. Sie prüfte, ob die Runenfuge den Druck sauber verteilt. „Und wenn du fällst, fällst du wenigstens in die Richtung, die deine ist.“
Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Sa 20. Sep 2025, 17:18
von Lavendellöwin
Hmm..
ich hab mir diese Woche ein bisschen Gedanken darum gemacht, wie die Welt von Kian aussieht, welche Lebewesen es denn gibt.
Und hab mal eines gestaltet..
Dieses gruslige Wesen ist ein Pfahlflügler, der später eine besondere Rolle in der Geschichte spielt..
Pfahlflügler.jpg
Am Brunnen stand eine Schlange. Eimer an Eimer, die gleichen Sprüche wie immer, die gleichen Gerüche - nasser Stein, altes Metall,
menschliche Nähe. Kian stellte sich an, das Band offen am Handgelenk, die Tunika an der Brust leicht anders geschnürt, so dass sein Atem freier war.
Eine Bäuerin vor ihm drehte sich halb um, musterte ihn kurz. Kein Stirnrunzeln. Nur ein Blick, der registrierte und weiterging.
Hinter ihm schnaufte bald einer, weil die Sonne hochstand. „Langer Tag“, sagte der Mann.
„Geht“, sagte Kian. Seine Stimme blieb weich. Der Mann nickte, denn die Antwort hatte er erwartet.
Als Kian an der Reihe war balancierte ein Mädchen auf der Brunneneinfassung entlang, die Hände ausgebreitet. Es blieb vor Kian stehen, sah auf sein Band.
„Schön“, sagte es, völlig sachlich. „Ist das für Glück?“
„Für Stand“, antwortete Kian. „Damit ich nicht umfalle.“
Das Mädchen dachte nach, wie Kinder denken - mit dem ganzen Gesicht. „Dann brauchst du zwei“,
entschied es und zog ein dünnes, ausgefranstes Bändchen aus der Tasche. Es war kaum mehr als ein Stück Garn.
Kian hielt den Arm hin. das Mädchen band ihm das Bändchen über das Blau, sehr sorgfältig, als folge es einem Ritual,
das es nicht kannte. „Jetzt fällst du in die richtige Richtung“, sagte es zufrieden, sprang weiter.
Kian trug das Wasser zurück, das Bändchen neu für alle. Er spürte Blicke, aber sie brannten nicht. Sie waren nur da.
Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Sa 20. Sep 2025, 18:01
von Joo
Das Bild, der Vogel paßt gut zu deinen Sätzen, trifft die Totalität hervorragend. Klasse!
LG Joo
Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Sa 27. Sep 2025, 16:18
von Lavendellöwin
„Und?“ fragte Zirah, als er wieder in der Halle stand.
Kian stellte einen Krug ab. „Ich bin nicht umgefallen“, sagte er. Er lächelte, und das Lächeln sah aus, wie er fühlte.
Zirah nickte. „Gut. Jetzt etwas schwieriger.“ Sie legte ein Stück Kreide beiseite.
„Sag mir, was du willst. Nicht, was du nicht willst. Nicht, was andere leichter fänden.“
Kian fuhr sich über den Nacken. Worte sind Werkzeuge; er wusste das.
Aber manche Worte hatten Klingen, an denen man sich schneiden konnte, wenn man sie aus dem Saiya zog.
„Ich will…“ Er stockte, nahm das Band am Handgelenk zwischen zwei Finger, als könne es seinen Worten Gewicht geben.
„Ich will, dass das, was in mir weich ist, nicht mehr als Fehler gelesen wird.
Ich will, dass es Form hat, die ich nicht ständig verteidigen muss. Ich will…“ Er suchte nach einem Wort, das groß genug war und nicht prahlte.
„Ich will mich nicht mehr klein machen, nur um niemandem im Weg zu stehen.“
Zirahs Gesicht wurde nicht weich; es wurde klar. „Gut“, sagte sie. „Dann üben wir Form.
Nicht für die Leute. Für dich.“ Sie zog eine Tunika aus einem Stapel, eine mit seitlichen Schnüren.
„Diese passt dir, wenn du atmest. Wir schneiden die Naht hier neu, damit die Schulter schmal ist.
Du wählst, ob du das jeden Tag oder jeden dritten trägst. Du wählst, ob das Band sichtbar ist oder nicht. Aber du wählst. Kein Zufall mehr.“
„Und die Worte?“ fragte Kian leise.
„Die Worte kommen“, sagte Zirah. „Wenn du sie brauchst.
Und wenn du bereit bist, dass sie etwas öffnen, das nicht mehr zugeht, nur weil es andere so wollen.“
Der Wind legte sich. In der Halle roch es nach nassem Lehm und Kreide. Kian betrachtete sein Handgelenk:
Nachtblau unter einem Fädchen, das kaum zählte und doch alles bündelte. In seinem Brustkorb reagierte etwas - kein Erfolg, kein Sieg.
Eher etwas wie Heimkehr, still und leise.
„Blau steht“, flüsterte er, fast zu sich.
„Stehen ist nicht alles“, sagte Zirah. „Gehen lernt man, wenn man geht.“
Kian nickte. Draußen rief ein Pfahlflügler ein Wort, das er noch nicht verstand. Er würde es lernen. Schritt für Schritt.
Re: Rissgesang – Vaelas Erwachen
Verfasst: Fr 3. Okt 2025, 23:00
von Violetta-TransFlower
Meine liebe Marie,
Vielen Dank, für die Fortsetzungen Deiner Erzählung.
Das Bild von dem Pfahlflügler finde ich äußerst gelungen und sehr ästhetisch. Er erinnert mich an einen Graureiher.
Dieser Vogel strahlt eine ruhige und vielleicht auch gefährliche Aura aus.
Gruselig finde ich ihn jedoch nicht.
Lavendellöwin hat geschrieben: Sa 27. Sep 2025, 16:18
Die Worte kommen“, sagte Zirah. „Wenn du sie brauchst.
Und wenn du bereit bist, dass sie etwas öffnen, das nicht mehr zugeht, nur weil es andere so wollen.“
Du bist eine Meisterin des Wortes finde ich.

Und vielleicht auch von Metaphern, daß muss ich noch herausfinden.
Begeistert
Deine Violetta

freut sich auf die nächsten Teile