MichiWell hat geschrieben: Mo 25. Aug 2025, 21:59
Da gab es ja immer wieder Hinweise oder Andeutungen, die annehmen lassen, dass es Menschen waren, die nicht ins heteronormative Bild ihrer Zeit passten, und in der jüngeren Vergangenheit wurde es noch viel häufiger und deutlicher.
Das ist mir neu, macht aber in Grenzen Sinn. Diese Menschen mussten aus den üblichen Gedankenkreisen heraus, um Neues zu denken. Es ist die Freiheit des Geistes.
ob das nicht irgendwann zur Ersatzhandlung geworden ist
Ersatzhandlung für was ? Für mein Transdasein ? Das lebe ich. Ich versuche nur meine inneren Widersprüche aufzulösen.
Hätte ich es noch anders formulieren müssen?
Nein, ich musste es auch nur noch einmal sagen, damit es in meinen Gedankengang passt.
Warum sind wir eine Provokation? Ich sehe nicht, dass irgendein System versucht, uns so gut wie möglich zu integrieren .. Stichwort Passing-Bemühungen
Ich habe versucht die Perspektive zu wechseln. Passing ist klar eine Bemühung, sich anzupassen, aber auch sich auszudrücken oder zu verstecken. Es gibt viele Interpretationen. Das wollte ich gar nicht ansprechen. Die Frage, die ich mir gestellt habe, war, wie geht die Gesellschaft mit uns um ? Würde sie uns konsequent ablehnen, müsste sie uns in irgendeiner Form ablehnen. Das machen vielleicht einzelne Menschen oder Gruppen, aber nicht die Gesellschaft als Ganzes. Sie will zwar im wesentlichen nicht auf eine Binarität verzichten, ist so flexibel, dass sie uns z.B. in Form eines Selbstbestimmungsgesetz oder in einer Abschaffung der pathologischen Sichtweise im ICD, integriert.
Wir provozieren nicht um der Provokation willen, sondern durch unsere Existenz. Wir können gar nicht anders. Es gab uns, soweit wir das annehmen können, in allen Gesellschaften zu allen Zeiten. Wir werden immer die Frage der Binarität unterlaufen, weil die Annahme der Binarität falsch ist. Daraus resultieren Widersprüche, die an unterschiedlichen Stellen aufbrechen. Die Toilettenfrage ist wohl klassisch. Was macht die Gesellschaft ? Sie versucht in weiten Bereichen mit uns zu leben und uns zu integrieren ohne die eigentliche Annahme aufzugeben. Dann werden Regelungen geschaffen, die wieder zu neuen Widersprüchen führen. So verändert unsere Existenz die Gesellschaft. Für konservatives Denken (und ich denke hier nicht nur in Parteien) ist das schwieriger zu akzeptieren, aber nicht unmöglich.
Letztlich bedeutet unsere Existenz: lebe mit uns oder vernichte uns. Man kann nicht indifferent zu uns stehen. Das ist der Kern der mehr oder weniger gewollten Provokation. Es geht nicht um siegen oder verlieren, sondern um die Einsicht, dass es mehr als nur Binarität gibt. Wir spalten und sprengen nicht die Gesellschaft, wir verändern sie und entwickeln sie weiter. Eine Gesellschaft, die darauf nicht reagiert, spaltet sich selber. Ein totalitäres System kann uns Leid verursachen, kann versuchen uns zu kontrollieren und auszurotten. Aber am Ende kann es das nicht, weil Varietäten in der Natur liegen.
Denen geht es weniger um Frauen, geschweige denn Menschen im Allgemeinen, sondern um Macht.
Ich würde das nicht so hart formulieren. Aber Wirkmächtigkeit passt vielleicht ganz gut. Aber ich halte das für eine Verkürzung der Sichtweise der beiden genannten Protagonistinnen. Beide sprechen sich nicht generell gegen Transmenschen aus, sondern in den meisten Fällen gegen den vermeintlichen oder möglichen Missbrauch von Transgenderrechten. JKRolling spricht sich z.B. dagegen aus, dass Menschen wegen ihrer Sichtweise entlassen werden. Sie schreibt aber auch im gleichen Zusammenhang:
Zieh dich an, wie du willst. Nenn dich, wie du willst. Schlaf, mit welchem Erwachsenen du willst. Lebe das beste Leben in Frieden und Sicherheit. Aber Frauen aus ihrem Job werfen, weil sie behaupten, dass Geschlechter real sind
https://www.rnd.de/promis/j-k-rowling-u ... P7FRU.html
Das macht sie nicht zu einer Freundin von Trans, aber sie ist auch nicht die Feindin, als die sie häufig dargestellt wird. Nehmen wir Alice Schwarzer. Sie schrieb bereits 1984, aktualisiert 2022
Und die Minderheit der echten Transsexuellen, deren tiefer Konflikt nur durch Anpassung zu heilen ist? Bei ihnen vergisst man das Aufregendste: Nämlich, dass Transsexuelle Menschen sind, deren gelebte Erfahrung zwei Geschlechter umfasst – und sie uns viel erzählen könnten.
https://www.emma.de/artikel/anpassung-die-rolle-337403
Liest man den Text nicht vor dem Hintergrund, was für uns nicht passt, sondern vor einem Hintergrund, wo wir ihr zustimmen können, ist eine prinzipielle Anlehnung nicht zu finden. Es geht darum auf der Basis gemeinser Sichtweisen die Differenzen zu diskutieren. Ich halte beide Personen nicht für Transgegner, sondern so manches, was sie von sich geben, wird dramatisch überhöht. Natürlich gibt es Kritikpunkte, die viele von uns anders sehen. Aber die Verteufelung hat aus meiner Sicht keine echte Basis.
Und damit sind wir eine Bedrohung für die Deutungshoheit
Das meinte ich. Oftmals sind es auch Ängste, die zur Triebfeder werden. Frei nach dem Motto: Was ich nicht kontrollieren kann, macht mir Angst und deshalb bekämpfe ich es. Die Saunafrage ist für mich ein klassisches Beispiel.
Wir könnten Brückenbauer sein, weil wir auf eine gewisse Weise beide Seiten kennen und verstehen können. Aber das müsste erst mal gewollt sein.
Auch das sehe ich so und habe es auch schon thematisiert. Es geht um eine Art "Werben" für unsere Sache, um Ängste und Vorurteile abzubauen. Wir sind auch nur ganz normale Menschen wie der Rest der Gesellschaft. DAs was AS im genannten Artikel thematisiert hat, ist genau unsere Sache: die Auflösung der Verbindung von gesellschaftlichen Geschlechterrollen und biologischem Geschlecht. Wenn ich sie richtig verstehe, will sie den Begriff "Frau" an das biologische Geschlecht verbunden wissen, aber Weiblichkeit auch von biologischen Männern gelebt werden kann. Sie akzeptiert den Wunsch nach körperlicher Veränderung, das manche Menschen empfinden, wenn ihr Körper nicht ihrer Seelenlage entspricht. Eine Position, mit der ich gut leben kann, auch wenn ich mit den Personen AS und JKR nicht viel anfangen kann.
Was mich stört, sind die Überhöhungen, die beide Seiten der jeweils anderen andichten, um ein "Feindbild" aufzubauen, statt zuzuhören, Gemeinsamkeiten zu suchen und gemeinsam zu agieren. Wenn die Kameras ausgeschaltet sind und die Handys zur Seite gelegt werden. ließe es sich mit vielen "Gegnern" gut diskutieren. Der Schlüssel heißt Empathie für die andere Seite. Der Gegner ist dort, wo er uns als Transmenschen verbal oder körperlich angreift. Und das sind sehr häufig die, welche auch Bio-Frauen angreifen und/oder einschränken. Da sind Kooperationen möglich. Manchmal muss man über den eigenen Schatten springen.