Kira hat geschrieben: Mi 13. Aug 2025, 15:58
Das "Getöse" kommt von einer, wie ich immer wieder empfinde, sehr einseitigen Debatte zu diesem Thema und persönlicher Betroffenheit. Danke dir, dass du in deinem weiteren Text nur auf den Inhalt eingegangen bist.
Die aktuelle Regelung ist eine, die alle gesellschaftlich relevanten Aspekte berücksichtigt und sichere Abbrüche gewährleistet. Nach meinem Empfinden viel zu einfach, aber das darf jeder gerne anders sehen. Das ist ja der Sinn eines Kompromisses.
Wenn meine kurze Recherche stimmt, sind sa. 260 von 1700 - 1900 Krankenhäusern in Deutschland in katholischer Hand. Das macht keinen Engpass für Abtreibungen aus. Wenn ein Arzt das gerne machen möchte, dann kann er ja in einem anderen Krankenhaus arbeiten. Ich glaube jeder hier im Forum muss im Rahmen seiner Arbeit Dinge tun oder lassen, die ihm sein Dienstherr vorgibt und die man eigentlich selbst in Frage stellt. Das ist etwas ganz normales. Wenn es einem zu viel wird, dann wechselt man eben den Arbeitgeber.
Wenn ich da mal kurz einhaken darf:
Die aktuelle Regelung berücksichtigt keineswegs alle relevanten Aspekte. Es ist fachlich ziemlich unbestritten, dass sie viele Ärztys davon abhält, Abbrüche überhaupt anzubieten, weil selbst die straffreien eben nicht wirklich legal sind, sondern nur nicht verfolgt werden. Deshalb dürfen die gKV sie auch nicht bezahlen. Abbrüche sind u.a. deshalb keine abgesicherte Grundversorgung, was definitiv in vielen Regionen Deutschlands zur Unterversorgung führt, wowohl für die Zwangsberatung, wie auch alle med Belange (Vorgespräch, Abbruch). Gerade die katholisch dominierten und ländlichen Gegenden sind besonders problematisch.
Die LIsten der Anbietenden beim BMG sind unvollständig, weil die Ärztys Attacken von Gegnys befürchten, Einzelnen und ganzen Gruppen. Da muss also häufig in einer Stresssituation lange herumtelefoniert werden.
In der ärztlichen Ausbildung werden Abbrüche nicht regelhaft gelehrt. In vielen Unis können sie überhaupt nicht gelernt werden. Deshalb gibt es private Initiativen unter Med-Studis.
Rechtzeitig nach der Gewissheit, schwanger zu sein, Termine bekommen und auch noch erreichen zu können (Wege, Fahrzeiten, Öffnungszeiten, persönliche Verflichtungen, Job, Familie, Kinder) ist deshalb an vielen Orten sehr sehr schwierig. Für viele bleiben von den 12 Wochen nicht mal 6. Alles selbst bezahlen zu müssen, Fahrten, Abbruch, etc. kommt oben drauf.
So viel zu "viel zu einfach". Hier muss schon für Chancengleichheit viel verbessert werden.
Die KH sind eben in D nicht gleichmässig verteilt. Weder von der Fahrtzeit/Erreichbarkeit her, noch von der Art ihrer Trägerschaft.
Anne-Mette erwähnte (an anderer Stelle) die ELSA-Studie. Hier ist sie:
https://link.springer.com/article/10.10 ... 24-03987-2 und sie sagt genau das, was ich oben zusammengefasst habe.
Punkt zwei: Es geht nicht um die Freiheit des einzelnen Arztys, sondern um die regelhafte Weigerung der Kliniken. Völlig anderes Thema, weil eben Klinken in D nicht gleichverteilt sind, vielfach keine Wahlmöglichkeiten in angemessener Nähe existieren und ganze Kliniken zusammengeschlossen und verdichtet werden. Wenn das dann unter einem religiös dogmatischen Träger geschieht, wird im Einzugsgebiet der Klinik ein rechtmässiges, ethisch legitimes und tw sogar med notwendiges Angebot einfach verweigert. Das geht also nicht zusammen. Es gibt eine staatliche Pflicht, die gleichmässige Versorgung für alle Belange sicherzustellen.
Im konkreten Fall hat die Klink als Arbeitgeber dem Arzt sogar untersagt, Abbrüche in seiner eigenen Praxis durchzuführen, wo die Klinik eigentlich überhaupt nichts mit zu tun hat. Sprich: EIngriff ins Privatleben.
Und zum Allerletzten: Natürlich ist das persönliche Betroffenheit! Und zwar von jenen die schwanger werden können. Das sind meiner Ansicht nach auch die einzigen, die dazu eine legitime Meinung haben dürfen. Und zwar in Bezug auf ihren eigenen Körper. Alle, die nicht schwanger werden können, haben absolut kein Recht, ihnen irgendwas zu verbieten, denn sie haben weder das akute Problem inkl Panik und Ängsten an den Hacken, noch eventuelle körperliche Folgen und im Falle des nicht möglichen Abbruchs auch nicht das Kind - bei dem dann auch wieder viele Leute meinen Mitsprache zu haben und Anforderungen aufzustellen. Merksatz: Wer selber das Problem nicht hat / haben kann, darf allerhöchstens unterstützend sein und hat sich ansonsten raus zu halten.
Da sich allerletztes nicht auf meine Aufzählung bezog: Der Unfug mit dem Herzschlag. Es gibt einen Grund, weshalb die zwölfte Woche diskutiert wird. Was bis dahin existiert ist ein empfindungsloser Zellhaufen ohne Gehirn. Da ist nichts, was denken oder fühlen könnte. Das Stammhirn hat gerade begonnen, ein paar Neuronen zu probieren und hat ungefähr die Qualitäten eines stochastischen Thermostaten. Das Kleinhirn ist nur in Ansätzen vorhanden, ohne Betrieb, und das Großhirn gibt es noch gar nicht. Das beginnt eh erst gegen Ende der Schwangerschaft, mehr als 20 Wochen später, überhaupt was zu tun (allerdings auch noch ohne Bewusstsein).
Bis zur 12ten Woche hat jedes Insekt mehr Empfindungen. Klar neigen wir zur Anthropomorphisierung. Sogar von Maschinen. Wir lassen uns von emulierter Kommunikation verleiten, Intelligenz anzunehmen, oder in diesem Fall von einem simplen elektrochemischen Regelkreis, der ein paar Muskelansätze kontrahieren lässt und auf Konzentrationsunterschiede von Nährstoffen reagiert. Objektiv betrachtet ist da zu dem Zeitpunkt nichts auch nur menschenähnliches. Allerhöchstens abstraktes Potenzial. Alles was wir da hineindiskutieren sind entweder prinzipienbasierte legalistische oder ethische Konstrukte, oder aber irrationale metaphysische wie Seelen oder dergleichen.
Im Übrigen: Zwischen 30 und 50% aller Schangerschaften gehen innerhalb der ersten 8-12 Wochen von selbst ab, weil in diesem ganzen ungeheuer komplexen Ablauf irgendetwas terminal schief gegangen ist. Vielfach ohne dass die schwangere Person es merkt. Oder, um ein wenig Blasphemie zu bringen: Gott ist der größte Abtreiber.