und trotzdem.... glücklich
Verfasst: Di 17. Jun 2025, 08:38
Guten Morgen,
vor 5 Monaten bin ich gefragt worden ab ich einen Text zu einem Theaterstück mit dem Thema "Und Trotzdem... glücklich" besteuern möchte. Das Stück habe ich nun am Sonntag gesehen. Ich war sehr bewegt. aus dem nachfolgenden Text ist ein Dialog entstanden zwischen Julia und meinem alten Ich.
Hier nun der originale Text. Ich habe ihn selbst erst jetzt wieder gelesen und fand den Text im Nachgang so gut, das ich ihn mit Euch teilen möchte.
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Ich bin heute 58 und blicke zurück auf ein Leben, das mir vieles abverlangt hat – und dennoch hat jeder Schritt mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Vor wenigen Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich eines Tages in der Lage sein würde, mich von den Ketten der Selbstzweifel und dem ständigen Zwiegespräch mit mir selbst zu befreien.
Viele von unsschauen mit Wehmut auf die Zeiten zurück, in denen wir uns verstellten, in denen wir das Gefühl hatten, etwas verpassen zu müssen. Doch genau diese Phasen – das Hin- und Hergerissen-Sein zwischen dem Bild, das andere von uns erwarteten, und dem, was in uns wirklich schlummerte – haben mich geprägt.
Hätte ich mich mit 16 schon geoutet, wäre vieles anders verlaufen – vielleicht einfacher, vielleicht auch schmerzhafter. Aber gerade dieser lange Weg, den ich als zwei Personen leben musste, hat mich gelehrt: Alles, was geschehen ist, war notwendig.
Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich den inneren Konflikt zwischen dem äußeren Bild und meinem wahren Selbst bewältigen sollte. Es gab Tage, an denen ich mich fragte: „Bin ich überhaupt noch dieselbe Person, wenn ich endlich so lebe, wie ich wirklich bin?“
Doch statt mich in diesen Fragen zu verlieren, lernte ich, sie als Wegweiser zu betrachten. Jede Angst, jede Unsicherheit war ein kleiner Hinweis darauf, dass hinter dem Vorhang mehr lag – dass da eine Julia war, die darauf wartete, sich zu zeigen. Und so begann ich, die vielen Schichten meines Ichs zu akzeptieren und zu umarmen.
Ein besonders amüsanter, aber zugleich bedeutsamer Moment aus dieser Zeit führte mir meine Doppeldeutigkeit eindrücklich vor Augen: Beim Mutter-Kind-Turnen – ja, genau dort, wo man normalerweise mit strahlenden Müttern und ihren Kleinen anzutreen ist – saß ich als Vater in der Reihe. Niemand ahnte, dass hinter der Rolle des Vaters heimlich Julia steckte.
Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag: Während ich versuchte, den Anweisungen der betreuerin zu folgen und dabei innerlich applaudierte, wie mein wahres Ich sich heimlich ins Rampenlicht schlich, musste ich oft schmunzeln. Es war fast so, als ob ich in einer geheimen Komödie mitspielte, in der das Leben selbst Regie führte. Dieser Augenblick machte mir bewusst: Ich trage beide Welten in mir – und das ist ein Geschenk, das nur wenige erfahren dürfen.
Es war nicht immer leicht, diesen Spagat zwischen zwei Identitäten zu meistern. Lange Zeit zerbrach mich der innere Konflikt, und ich zweifelte an jeder Entscheidung. Aber genau diese Dualität machte mich resilient. Ich lernte, dass es nicht darum geht, sich zwischen zwei Extremen zu entscheiden, sondern beide Seiten anzunehmen – die Ängste genauso wie die Sehnsüchte. Diese Fähigkeit, in der eigenen Vielschichtigkeit das Schöne zu entdecken, hat mir letztlich die Tür zu einem Leben geöffnet, in dem ich nicht nur existiere, sondern wirklich lebe. Mit der Zeit verwandelten sich meine Ängste in eine unerschütterliche Lust am Leben. Ich begann, die kleinen Freuden des Alltags zu feiern – die Momente, in denen ich einfach sein konnte, ohne mich verstellen zu müssen. Ob es ein Lachen war, das mir in einem überfüllten Raum entwischt, oder das stille Glück, wenn ich im Spiegel mein wahres Ich erblickte – all diese Augenblicke fügten sich zu einem Mosaik, das mir zeigte, wie reich mein Leben geworden ist.
Heute, wenn ich auf die Vergangenheit blicke, weiß ich, dass jede Herausforderung, jeder Schmerz und jede Unsicherheit mir letztlich das größte Geschenk gemacht hat: Die Erkenntnis, dass ich, obwohl ich als Mann geboren wurde, das Privileg habe, mein Leben als Frau zu leben und zu genießen. Es war ein langer Weg, der von Zweifeln und inneren Kämpfen geprägt war, aber genau diese Reise hat mir gezeigt, dass Glück nicht in der Bestätigung von außen liegt, sondern in der tiefen, unerschütterlichen Liebe zu sich selbst.
Und so schließt sich mein Lebenskreis – mit einem klaren Gedanken, der mir jeden Tag Kraft schenkt:
„Trotzdem – geboren als Mann, gereift zur Frau, und jeden Tag aufs Neue glücklich.“
vor 5 Monaten bin ich gefragt worden ab ich einen Text zu einem Theaterstück mit dem Thema "Und Trotzdem... glücklich" besteuern möchte. Das Stück habe ich nun am Sonntag gesehen. Ich war sehr bewegt. aus dem nachfolgenden Text ist ein Dialog entstanden zwischen Julia und meinem alten Ich.
Hier nun der originale Text. Ich habe ihn selbst erst jetzt wieder gelesen und fand den Text im Nachgang so gut, das ich ihn mit Euch teilen möchte.
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Ich bin heute 58 und blicke zurück auf ein Leben, das mir vieles abverlangt hat – und dennoch hat jeder Schritt mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Vor wenigen Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich eines Tages in der Lage sein würde, mich von den Ketten der Selbstzweifel und dem ständigen Zwiegespräch mit mir selbst zu befreien.
Viele von unsschauen mit Wehmut auf die Zeiten zurück, in denen wir uns verstellten, in denen wir das Gefühl hatten, etwas verpassen zu müssen. Doch genau diese Phasen – das Hin- und Hergerissen-Sein zwischen dem Bild, das andere von uns erwarteten, und dem, was in uns wirklich schlummerte – haben mich geprägt.
Hätte ich mich mit 16 schon geoutet, wäre vieles anders verlaufen – vielleicht einfacher, vielleicht auch schmerzhafter. Aber gerade dieser lange Weg, den ich als zwei Personen leben musste, hat mich gelehrt: Alles, was geschehen ist, war notwendig.
Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich den inneren Konflikt zwischen dem äußeren Bild und meinem wahren Selbst bewältigen sollte. Es gab Tage, an denen ich mich fragte: „Bin ich überhaupt noch dieselbe Person, wenn ich endlich so lebe, wie ich wirklich bin?“
Doch statt mich in diesen Fragen zu verlieren, lernte ich, sie als Wegweiser zu betrachten. Jede Angst, jede Unsicherheit war ein kleiner Hinweis darauf, dass hinter dem Vorhang mehr lag – dass da eine Julia war, die darauf wartete, sich zu zeigen. Und so begann ich, die vielen Schichten meines Ichs zu akzeptieren und zu umarmen.
Ein besonders amüsanter, aber zugleich bedeutsamer Moment aus dieser Zeit führte mir meine Doppeldeutigkeit eindrücklich vor Augen: Beim Mutter-Kind-Turnen – ja, genau dort, wo man normalerweise mit strahlenden Müttern und ihren Kleinen anzutreen ist – saß ich als Vater in der Reihe. Niemand ahnte, dass hinter der Rolle des Vaters heimlich Julia steckte.
Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag: Während ich versuchte, den Anweisungen der betreuerin zu folgen und dabei innerlich applaudierte, wie mein wahres Ich sich heimlich ins Rampenlicht schlich, musste ich oft schmunzeln. Es war fast so, als ob ich in einer geheimen Komödie mitspielte, in der das Leben selbst Regie führte. Dieser Augenblick machte mir bewusst: Ich trage beide Welten in mir – und das ist ein Geschenk, das nur wenige erfahren dürfen.
Es war nicht immer leicht, diesen Spagat zwischen zwei Identitäten zu meistern. Lange Zeit zerbrach mich der innere Konflikt, und ich zweifelte an jeder Entscheidung. Aber genau diese Dualität machte mich resilient. Ich lernte, dass es nicht darum geht, sich zwischen zwei Extremen zu entscheiden, sondern beide Seiten anzunehmen – die Ängste genauso wie die Sehnsüchte. Diese Fähigkeit, in der eigenen Vielschichtigkeit das Schöne zu entdecken, hat mir letztlich die Tür zu einem Leben geöffnet, in dem ich nicht nur existiere, sondern wirklich lebe. Mit der Zeit verwandelten sich meine Ängste in eine unerschütterliche Lust am Leben. Ich begann, die kleinen Freuden des Alltags zu feiern – die Momente, in denen ich einfach sein konnte, ohne mich verstellen zu müssen. Ob es ein Lachen war, das mir in einem überfüllten Raum entwischt, oder das stille Glück, wenn ich im Spiegel mein wahres Ich erblickte – all diese Augenblicke fügten sich zu einem Mosaik, das mir zeigte, wie reich mein Leben geworden ist.
Heute, wenn ich auf die Vergangenheit blicke, weiß ich, dass jede Herausforderung, jeder Schmerz und jede Unsicherheit mir letztlich das größte Geschenk gemacht hat: Die Erkenntnis, dass ich, obwohl ich als Mann geboren wurde, das Privileg habe, mein Leben als Frau zu leben und zu genießen. Es war ein langer Weg, der von Zweifeln und inneren Kämpfen geprägt war, aber genau diese Reise hat mir gezeigt, dass Glück nicht in der Bestätigung von außen liegt, sondern in der tiefen, unerschütterlichen Liebe zu sich selbst.
Und so schließt sich mein Lebenskreis – mit einem klaren Gedanken, der mir jeden Tag Kraft schenkt:
„Trotzdem – geboren als Mann, gereift zur Frau, und jeden Tag aufs Neue glücklich.“