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Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Mo 26. Mai 2025, 21:50
von Wally
Gestern bin ich von einer Radtour durch Südtirol zurückgekommen: an der Etsch entlang, vom Reschenpass bis Verona. Zu zweit mit meiner lieben Frau unterwegs: ich - wie immer seit nun schon bald 5 Jahren - konsequent und eindeutig als Frau gekleidet, aber mit meiner offen zur Schau getragenen Halbglatze und unverstellter Stimme doch auch eindeutig als geborener Mann erkennbar. Rock bzw. (bei wechselhaftem Wetter, wegen Regenhose) geblümte Damenhose, Hüftpolster, Damenbluse mit gut gefülltem BH drunter, Perlenkette, Perlmutt-Ohrhänger. An den Füßen neutrale, flache Halbschuhe, da meine sonst gewohnten Pumps zum Radfahren unpraktisch sind. Insgesamt also "hybrid" - wie immer in meinem Rentnerinnen-Alltag. Quartiere per AirBNB, Wetter durchwachsen (wir ließen's uns dadurch nicht verdrießen), besondere Vorkommnisse fast keine. In Quartieren und Lokalen immer sehr freundlich und zuvorkommend bedient. War schön :-)

Drei "besondere Vorkommnisse" gab es, und zwar alle drei an zwei aufeinander folgenden Tagen, bei der Rückreise mit der Bahn in Bozen und Meran. Im Bozener Bahnhof stand so ein älterer, weiblicher Zerberus am Eingang zur Damentoilette - und wollte mich da nicht reinlassen. Zum ersten Mal habe ich sowas erlebt; vorher in 5 Jahren nie auch nur ein schräger Blick, egal wo... Zur Ehrenrettung der Frau muss ich zugeben, dass ich aus praktischen Gründen mit meiner Damenhose nicht ganz so demonstrativ weiblich gekleidet war, wie es sonst meine Gewohnheit ist - aber allemal eindeutig genug, um klar zu erkennen, als was ich gelten möchte. Ich habe dann einen Moment überlegt, empfand es als Zumutung, mich in dieser Aufmachung ins (stark frequentierte) Männerklo zu begeben, fummelte meinen Personalausweis aus der Geldbörse und hielt ihn der Dame unter die Nase, mit dem Finger auf die dort eingetragenen, weiblichen Vornamen weisend. Daraufhin ließ sie mich eintreten und half mir sogar noch bereitwillig, als ich ein Problem mit dem Münzautomaten hatte.

Das zweite war wieder beim Gang zur Damentoilette, in einer Gaststätte. Eine Frau, die zufällig direkt hinter mir hineinging, rief mir hinterher, das sei die Frauentoilette. Ihre Stimme klang aber im Verlauf des kurzen Satzes zunehmend schüchterner; offenbar war sie sich bei meinem Anblick von hinten - mit schütterer, gewellter Damenfrisur und knielangem Rock - doch nicht mehr so sicher. Ich konnte dann unbehelligt mein Geschäft verrichten. War wohl nur durch meine hybride Erscheinung etwas irritiert.

Das dritte Vorkommnis hatte - oberflächlich gesehen - nichts mit meinem Geschlechtsstatus zu tun, explizit kam der gar nicht zur Sprache. Dafür war's anderweitig um so ärgerlicher... Ich stand am Meraner Bahnhof mit meinem schwer bepackten E-Bike inmitten von anderen Fahrgästen (meine Frau besorgte derweil die Fahrkarten) vor dem Lift zu der Unterführung, die zu den Bahnsteigen führt. Plötzlich drängte sich eine ältere Dame in dunkelblauem, irgendwie "offiziell" anmutendem Kostüm von hinten vor, baute sich vor mir auf und blaffte mich an, ich dürfe da mit dem Fahrrad nicht hinein. Auf meine Rückfrage, wie ich denn bitteschön sonst mit dem (samt Gepäck) 30-kg-Trumm (und der extra bezahlten Bahnfahrkarte dafür) zum Bahnsteig kommen solle, erklärte sie rotzfrech, das sei mein Problem; ich sei ja wohl wahnsinnig, mich mit dem schweren Fahrrad in den engen Lift zwängen zu wollen. Auf meine weitere Nachfrage, wer sie denn überhaupt sei und ob sie mit der Bahn etwas zu tun habe, dass sie mir hier so absurde Vorschriften zu machen versuchte, erklärte sie, "sehr wohl mit der Bahn zu tun zu haben", konnte (oder wollte) aber keinen Dienstausweis präsentieren, und wollte stattdessen wissen, wer ich sei. Bekam darauf von mir selbstverständlich keine Antwort, drängte sich mit anderen, schwer bepackten Fahrgästen vor mir in den inzwischen heraufgekommenen Lift, fuhr damit hinunter, anschließend allein wieder herauf, sah mich durch die Glastüren immer noch wartend vor dem Lift stehen, drückte noch vor dem Öffnen der Tür sichtlich nervös und hektisch den Knopf wieder nach unten und ward danach nicht mehr gesehen. Der Lift kam schließlich leer wieder hoch, und ich fuhr mit meinem Fahrrad damit nun endlich hinunter - und fluchte dann auf der anderen Seite, weil dort der Lift kaputt war und ich unsere beiden Fahrräder über die Treppe hochwuchten musste und darüber beinahe noch den Zug versäumt hätte. Aber das steht auf einem anderen Blatt...
Ich habe dann den Schaffner im Zug noch gefragt, ob es in dem Lift womöglich wirklich ein Fahrrad-Verbot gäbe: "Nö, selbstverständlich nicht, gerade für sowas ist er doch da." Und wortreiche Entschuldigung für den kaputten, zweiten Lift.
Aber warum, zum Teufel, veranstaltete diese alte Giftnudel dann so eine hässliche, amtsanmaßende Szene? Sich bloß vordrängen wollte sie offenbar nicht, anscheinend wollte sie ja gar nicht selber nach unten und hat sich nur am Ende so aus der Affäre gezogen, als sie merkte, dass sie damit nicht durchkam. Die hat sichtlich mit mir persönlich Streit gesucht. Über ihre Motive kann ich nur spekulieren: ob sie einen Rochus auf Crossdresser hatte, sich aber nicht getraut hat, das offen zu sagen, und mir dafür hintenrum irgendwas reinzuwürgen versuchte - oder ob sie bloß aus irgendeinem Grund sauer auf Radfahrer war und sich mir gegenüber aufgrund meiner hybriden Erscheinung stark fühlte, da mal so richtig die Sau raus zu lassen... So oder andersrum spielte Trans-Feindlichkeit eben doch wohl eine gewisse Rolle.

Einzeln für sich gesehen, war wohl jedes dieser drei "Vorkommnisse" bedeutungslos. Was mir zu denken gibt, ist die enge, zeitliche und örtliche Häufung: immerhin lebe ich jetzt schon das fünfte Jahr konsequent 24/7 als "hybride" Frau, ohne in dieser Zeit überhaupt jemals solche Widrigkeiten erlebt zu haben - und jetzt aber gleich dreimal innerhalb zwei Tagen, und zwar ausschließlich im deutschsprachigen Südtirol; im italienischsprachigen Teil der Tour war alles paletti, alle waren lieb und freundlich zu mir, genauso wie zuhause in Oberbayern oder sonstwo in europäischen Ländern, in denen ich seitdem Urlaub gemacht habe. Auch in Südtirol war ich ja seitdem einige Male - und habe auch dort bis zur vorigen Woche nie derartiges erlebt.

Trotzdem mag's immer noch einfach ein blöder Zufall gewesen sein. Falls aber auch Andere hier in Südtirol in letzter Zeit derartiges erlebt haben sollten, müssten wir uns schon mal ernsthaft Gedanken machen, ob dort womöglich generell die Stimmung gegenüber unsereins am Umkippen ist. Politische Hinweise auf einen "Backflash" gibt's ja genug... In meinem heimatlichen Umfeld merke ich dagegen Gottseidank noch (??) NICHTS derartiges. Die AfD versucht zwar aktuell, mit inzwischen doch deutlich transfeindlichen Tönen (wenn ich als ehemaliges AfD-Mitglied das schon mal eingestehen muss... :-( ) bei stockkonservativen Holzköpfen zusätzlich Boden gut zu machen; aber das verfängt bei den Leuten nicht mehr, so tümlich ist das Volk nicht. Die politischen Erfolge der AfD haben ganz andere Ursachen, und sie werden sich auch ganz anders auswirken, "trans" ist und bleibt da ein Nebenthema. Relevant für mich ist, was meine unmittelbaren Nachbarn im Dorf über mich denken und wie sie mit mir umgehen - nicht, was irgendwelche Parteibonzen erzählen. Den Backflash - wenn er denn kommt - haben wir uns selber eingebrockt, mit immer maßloseren Forderungen und hemmungslosem Überstrapazieren der Toleranz braver "Normalos", die sich überhaupt nicht vorstellen können, was es mit uns auf sich hat. Die AfD ist da jetzt bloß Trittbrettfahrer.

Aber möglicherweise müssen wir doch auf der Hut sein - und vor allem die uns momentan entgegengebrachte Toleranz auch nutzen, um uns offen zu zeigen und selbstbewusst unseren festen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Unser Problem ist primär ein gesellschaftliches, kein politisches. Sich zu verstecken und den bösen, politischen Feind zu verfluchen ist da eher kontraproduktiv.

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Mo 26. Mai 2025, 23:17
von Manuelaw
Hallo Wally,

wie schön, du warst in meiner alten Heimat. Ich bin in Meran aufgewachsen. Meine Mutter und Schwester leben immer noch da. Deswegen bin ich auch zweimal im Jahr in Meran. Was mich an Südtirol nervt, ist dass immer mehr Personen italienisch sprechen, obwohl Südtirol hauptsächlich Deutsch ist. Das fängt schon bei den öffentlichen Bediensteten an, die nur italienisch sprechen, obwohl alle die doppelte Sprachprüfung haben, da die bei öffentlichen Stellen benötigt wird.

Was die Transthemen betrifft, da hängt ganz Italien hinterher. Wenn du den Namen und das Geschlecht ändern lassen willst, musst du vor das Gericht.

Liebe Grüße Manuela

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Mo 26. Mai 2025, 23:22
von MiriamR
Wally hat geschrieben: Mo 26. Mai 2025, 21:50 Den Backflash - wenn er denn kommt - haben wir uns selber eingebrockt, mit immer maßloseren Forderungen und hemmungslosem Überstrapazieren der Toleranz braver "Normalos", die sich überhaupt nicht vorstellen können, was es mit uns auf sich hat
Dem ist nichts hinzuzufügen....

Miriam )))(:

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Di 27. Mai 2025, 00:17
von Wally
Manuelaw hat geschrieben: Mo 26. Mai 2025, 23:17 wie schön, du warst in meiner alten Heimat. Ich bin in Meran aufgewachsen. Meine Mutter und Schwester leben immer noch da. Deswegen bin ich auch zweimal im Jahr in Meran. Was mich an Südtirol nervt, ist dass immer mehr Personen italienisch sprechen, obwohl Südtirol hauptsächlich Deutsch ist. Das fängt schon bei den öffentlichen Bediensteten an, die nur italienisch sprechen, obwohl alle die doppelte Sprachprüfung haben, da die bei öffentlichen Stellen benötigt wird.
Ich habe auch eine Nichte, die in Meran lebt, zusammen mit ihrem ur-italienischen Mann und 4 Kindern. Nach zwei Jahrzehnten dort hört man ihr den Südtiroler Dialekt (den ich immer schon sehr mochte) deutlich an - was sie aber ihrem Mann zuliebe empört abstreitet, wenn man sie darauf anspricht :-) Der ethnisch-kulturelle Konflikt geht da quer durch die Familie, ist nach wie vor ungelöst und wohl auf Dauer unlösbar - wie überall, wo man versucht, eine fremde Ethnie politisch zu vereinnahmen. Ich kann's gut verstehen, wenn die Südtiroler unter diesen Bedingungen vehement auf Sprache, Kultur und Traditionen beharren; aber für uns Transgender ist so ein betont konservatives Umfeld halt auch besonders schwierig.

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Sa 7. Jun 2025, 17:57
von Filou
Ich fahre auch regelmäßig in die Berge, und wunder mich manchmal auch über das Schuhwerk, von Touristen. Auf den Bergen sollte man sich schon vernünftig leiden. Leidenschaft hin Leidenschaft her. Ich hatte mal vor über 13 Jahren eine Begegnung, beide in Sommerkleid mit Sandalen, die sind vielleicht 300 Meter weit gekommen von der Bergstation, .. habe aber nur die Stirn gerunzelt über so viel Unvernunft.

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Sa 7. Jun 2025, 21:51
von MelanieD
Das hat jetzt zwar nix mehr mit Südtirol zu tun, aber...
Wally hat geschrieben: Mo 26. Mai 2025, 21:50 Den Backflash - wenn er denn kommt - haben wir uns selber eingebrockt, mit immer maßloseren Forderungen [...]
Ich weiß nicht, auf wen Du DIch da beziehst, ich hoffe sehr sehr, dass Du nicht mich hier NICHT mit einschließt, bloß weil ich auch mal einen Rock anhabe! Die Unterstellung, dass ich hier maßlose Forderungen (an wen auch immer) stelle, wäre außerordentlich anmaßend und grenzüberschreitend.
Wally hat geschrieben: Mo 26. Mai 2025, 21:50 Die AfD ist da jetzt bloß Trittbrettfahrer.[...] Unser Problem ist primär ein gesellschaftliches, kein politisches. Sich zu verstecken [...] ist da eher kontraproduktiv.
Sorry, aber das ist gefährlicher Quatsch. Schau doch mal nach Ungarn, in die USA, nach Rußland. Oder auch in die Deutsche Geschichte, wie Minderheiten jeglicher Art erst instrumentalisiert und dann mehr oder weniger vernichtet wurden. Und das passiert gezielt, Analysen aus verschiedensten Wissenschaftsbereichen finden sich zuhauf.

Und von dem was Du berichtet hast, versteckst weder Du Dich noch viele andere hier. Dieser Zusammenhang macht keinen Sinn.

Als Ex-Parteimitglied kennst Du bestimmt das Wahlprogramm der AFD. Ich bin erschüttert, wie man das lesen kann und NICHT sehen kann, was die vorhaben! Reicht doch eigentlich schon, sich dieses unsägliche Wahlplakat anzuschauen, das Trans* als Kinderschänder stilisiert. Ich könnte kotzen!

ES IST KEIN ZUFALL, wenn Menschenrechte von Autokraten, Faschisten und demokratiefeindlichen blau-braunen A*löchern gezielt torpediert werden. Lenkt ja u.a. prima davon ab, dass man selber zwar Sprüche klopfen kann und Hass schüren, aber nicht den Hauch eines Interesses an nachhaltigen Problemlösungen oder gar dem Zusammenführen von Menschen hat.

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: So 8. Jun 2025, 20:19
von Wally
MelanieD hat geschrieben: Sa 7. Jun 2025, 21:51 Das hat jetzt zwar nix mehr mit Südtirol zu tun, aber...
Wally hat geschrieben: Mo 26. Mai 2025, 21:50 Den Backflash - wenn er denn kommt - haben wir uns selber eingebrockt, mit immer maßloseren Forderungen [...]
Ich weiß nicht, auf wen Du DIch da beziehst, ich hoffe sehr sehr, dass Du nicht mich hier NICHT mit einschließt, bloß weil ich auch mal einen Rock anhabe!
Selbstverständlich NICHT. Ich laufe ja selber seit 5 Jahren nur noch im Rock oder Kleid herum.

Die immer maßloseren Forderungen wurden/werden im politischen Raum gestellt - letztlich zu unserem Schaden, weil das bei den Normalos keiner mehr versteht und auch sachlich weit überzogen ist. Beispiel "Selbstbestimmungsgesetz": überflüssig wie ein Kropf. Das TSG samt diversen Änderungen genügte mir vollkommen, um im Rahmen des praktisch Möglichen mein Leben zu führen; ein Selbstbestimmungsgesetz habe ich nie gebraucht. Ich bin heute froh darüber, dass ich meine Vornamens- und Personenstandsänderung noch per Gutachten übers TSG gekriegt habe. Das macht die Sache für Otto Normalverbraucher immerhin noch ein Stück weit glaubwürdig; da werde ich nicht so leicht mit Leuten in einen Topf geschmissen, die sich jetzt mal eben für ein Jahr auf irgendwelchen Papieren formal zur "Frau" erklären, nur um beruflich irgendwelche Quotenregelungen zu umgehen oder nach einer Straftat nicht in ein Männergefängnis gesteckt zu werden - kost' ja nix...

Mit unseren Transgender-Geschichten sind wir nun mal eine Minderheit. Als solche 100%ige "Gleichstellung" ohne Rücksicht auf Verluste zu verlangen, ist einfach unrealistischer Schwachsinn. Als Rot/Grün-blinder Mensch (bin ich ebenfalls...) kann ich auch nicht verlangen, in jeglicher Hinsicht 100%ig mit Normalsichtigen gleichgestellt zu werden, indem man z. B. Farbfilme und -Fernsehen verbietet, damit Normalsichtige da nicht mehr zu sehen kriegen als ich. Diskriminierungsschutz ist selbstverständlich richtig und notwendig; aber damit kann man auch nur vor den krassesten, vermeidbaren Ungerechtigkeiten schützen. Perfekte "Gleichstellung" ist dagegen schon als Zielsetzung unsinnig; Menschen sind nun mal nicht gleich, in vielerlei Hinsicht. So gut wie jeder Mensch gehört in irgendeiner Weise auch zu irgendwelchen Minderheiten, und muss damit leben, dass das halt den einen oder anderen Nachteil mit sich bringt. Mit unseren Transgender-Geschichten in jeglicher Hinsicht 100pro "gleichgestellt" werden zu wollen, läuft auf Privilegierung hinaus: so "gleich" ist sonst niemand.

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: So 8. Jun 2025, 21:57
von Jaddy
Immer das gleiche Trolling...

Hey, es geht den Staat nullkommagarnichts an, ob wir als Mann, Frau oder weder noch leben wollen. Wir haben - hallo Grundgesetz - jedes Recht dazu. Er hat das zu akzeptieren und zu beschützen als Ausdruck der Persönlichkeitsrechte und -entfaltung. Auch aus der Verfassung leitet sich die Gleichstellung ab, so dass es eigentlich gar keine geschlechtsspezifischen Gesetze mehr gibt. Ja, tatsächlich. Und Regelungen wie die zum Schutz von Schwangeren gelten eben für Schwangere. Egal ob es Männer, Frauen, intergeschlechtliche und_oder nichtbinäre Menschen sind.

Es gibt keinerlei Rechtfertigung, anderen irgendwelche Geschlchterrollen aufzuzwingen. Wer sagt "ich heisse ab jetzt so und möchte so und so behandelt werden", hat genauso das Recht dazu wie andere, Kuckucksuhren zu bauen oder sich die Haare grün zu färben.

Ich fürchte, da haben wohl einige den Kern der freiheitlich-demokratischen Grundordnung noch nicht vollständig verstanden.

Nicht wir brauchen eine Berechtigung oder Zustimmung, sondern "die anderen" massen sich Rechte an, über uns zu bestimmen, die ihnen nicht zustehen. Ebenso wie mit wem wir ins Bett gehen oder wen wir heiraten, um eine Familie bzw Fürsorgegemeinschaft mit oder ohne Kinder zu gründen.

Und klar geht das rechtsgerichteten Leuten gegen den Strich, denn ihr Ding heisst Kontrolle durch Konformität und Verfolgung von "Abweichenden", wodurch Angst erzeugt und von den eigentlichen Themen abgelenkt wird. Die Methode heisst Markierung und Fremdzuschreibung, teilen und gegeneinander ausspielen. Das Gegenmittel ist Solidarität der Menschlichkeit über Gruppengrenzen hinweg. Denn letztlich ist die Markierung egal. Es geht um Segregation für leichtere Repression. Also am besten immer wieder angebliche Normalität solcher Diskriminierungen - die Behauptung von Verschiedenartigkeit - hinterfragen, die einige behaupten.

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: So 8. Jun 2025, 23:03
von MelanieD
Jaddy hat geschrieben: So 8. Jun 2025, 21:57 Hey, es geht den Staat nullkommagarnichts an, ob wir als Mann, Frau oder weder noch leben wollen. Wir haben - hallo Grundgesetz - jedes Recht dazu. [...] am besten immer wieder angebliche Normalität solcher Diskriminierungen - die Behauptung von Verschiedenartigkeit - hinterfragen, die einige behaupten.

Danke Jaddy! Hatte schon gehofft, dass das wieder geordneter auf den Punkt bringst, als ich in meinem rant.

Melanie

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Mo 9. Jun 2025, 09:02
von Wally
Jaddy hat geschrieben: So 8. Jun 2025, 21:57 Auch aus der Verfassung leitet sich die Gleichstellung ab, so dass es eigentlich gar keine geschlechtsspezifischen Gesetze mehr gibt.
Wo, bitte, steht im Grundgesetz das Wort "Gleichstellung"? Da steht aus gutem Grund Gleichberechtigung: das ist was völlig anderes! Man kann daraus auch keine "Gleichstellung" ableiten, weil sich das unmittelbar widerspricht: Quotenregelungen - als Paradebeispiel für "Gleichstellung" - sind verfassungswidrig, weil sie männliche Bewerber gerade NICHT gleichberechtigt stellen, sondern individuell wegen ihres Geschlechts diskriminieren - ein klarer Verstoß gegen §3 Grundgesetz! Grundrechte sind ihrer Natur nach Individualrechte. Man kann daraus keine Gruppenrechte ableiten - schon gar nicht solche, die den im Grundgesetz zugesicherten Individualrechten diametral entgegenstehen.

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Mo 9. Jun 2025, 12:12
von MelanieD
Wally hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 09:02 Wo, bitte, steht im Grundgesetz das Wort "Gleichstellung"? Da steht aus gutem Grund Gleichberechtigung:
Die Fachfrauen sprechen hier von "Verfassungsauftrag zur Herstellung tatsächlicher Gleichberechtigung in Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG"

"Das Scheitern der Paritätsgesetze in den Bundesländern Thüringen und Brandenburg bedeutet keineswegs rechtliche Unmöglichkeit. Vielmehr hat die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts bisher offengelassen, ob und in welchem Umfang Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG Quoten von Frauen in den Parlamenten zu rechtfertigen vermag.

Das Bundesverfassungsgericht leitet aus Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG keine verfassungsrechtliche Verpflichtung des Bundesgesetzgebers zur Einführung quotierter Listen ab. Parität hat das Bundesverfassungsgericht damit aber keine Absage erteilt. In einer Wahlprüfungsbeschwerde zur Bundestagswahl im Dezember 2020 äußerte es sich nicht zu strikt hälftigen Quoten, sondern monierte lediglich den mangelnden Vortrag für ein materielles Gleichheitsverständnis im Wahlrecht. Im Ergebnis bezog es zu einer möglichen Rechtfertigung einer gesetzlichen Paritätsregelung durch Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG gerade keine Stellung"

Quelle: https://www.djb.de/presse/pressemitteil ... il/st24-38

EOT

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Mo 9. Jun 2025, 12:24
von Jaddy
Wally hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 09:02
Jaddy hat geschrieben: So 8. Jun 2025, 21:57 Auch aus der Verfassung leitet sich die Gleichstellung ab, so dass es eigentlich gar keine geschlechtsspezifischen Gesetze mehr gibt.
Wo, bitte, steht im Grundgesetz das Wort "Gleichstellung"? Da steht aus gutem Grund Gleichberechtigung: das ist was völlig anderes! Man kann daraus auch keine "Gleichstellung" ableiten, weil sich das unmittelbar widerspricht: Quotenregelungen - als Paradebeispiel für "Gleichstellung" - sind verfassungswidrig, weil sie männliche Bewerber gerade NICHT gleichberechtigt stellen, sondern individuell wegen ihres Geschlechts diskriminieren - ein klarer Verstoß gegen §3 Grundgesetz! Grundrechte sind ihrer Natur nach Individualrechte. Man kann daraus keine Gruppenrechte ableiten - schon gar nicht solche, die den im Grundgesetz zugesicherten Individualrechten diametral entgegenstehen.
Ich dachte mir schon, dass du damit kommst, aber sorry, du hast keineswegs eine verfassungswidrige Lücke in der Gleichstellungsgesetzgebung gefunden :)

In Artikel 3 - das GG hat Artikel, keine Paragraphen - steht nämlich zum einen: "(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin." Das ist ein direktes Gebot für Gleichstellungsmassnahmen, wo eine Benachteiligung offenbar besteht. Das ist z.B. bei der Besetzung von Führungspositionen und anderen Jobs tatsächlich immer noch der Fall. Auch die Einsetzung von Gleichstellungsbeauftragten, die aufpassen und einwirken können, ergibt sich daraus.

Natürlich gilt das Gebot auch für die Gesetzgebung im allgemeinen, indem Geschlechtsspezifika überall entfernt werden müssen, wo keine objektiven Gründe erkennbar sind. Korollar: Deshalb sind Regelung zum Schutz von Schwangeren oder Menschen, die schwanger werden können, entsprechend anzupassen, so dass sie alle Menschen umfassen auf die das körperlich zutrifft.

Also: Gleichberechtigung ist Grundrecht, deshalb können (bzw müssen sogar) Massnahmen zur Gleichstellung daraus abgeleitet werden. Genau das hab ich oben geschrieben.

Zweitens bedeutet eine zB Frauenquote zum Beispiel bei akademischen Berufungen, Aufisichtsräten etc., dass unterhalb der gesetzten Quote bei gleicher Qualifikation eine Frau einzustellen ist. Es gibt also keine fachliche oder qualitative Benachteiligung von Männern an der Stelle und damit auch keine Verfassungswidrigkeit. Im Gegenteil wirkt die Gleichstellung der nachweislichen Benachteiligung - negative Diskriminierung - von nicht-Männern entgegen, weil die Erkenntnis eben ist, dass immer noch systematisch lieber schlechter qualifizierte Männer befördert werden, als besser oder gleich qualifizierte Frauen.

Natürlich kann bei solch eklatanter Benachteiligung bestimmter Gruppen eine Gesetzgebung zum Nachteilsausgleich geschaffen werden. Es muss eigentlich sogar, weil der Staat logischerweise dafür Sorge tragen muss, dass die - individuellen - Grundrechte auch gewahrt werden, wenn Personen aufgrund einer Merkmalsgruppe systematisch benachteiligt werden. Es ist vollkommen offensichtlich, dass sich die gleichen Gebote für Gleichstellungsmassnahmen auch auf die Merkmalsgruppen in Artikel 3(3) beziehen.

Und hier kommt der wunderbare Twist des SBGG: Das "Geschlecht" für den Staat umfasst ganz besonders auch die "Geschlechtsidentität". Steht nicht nur im SBGG (und der Begründung (Kabinettsentwurf)), sondern auch in diversen Entscheidungen des BVerfG. Die Gleichberechtigung und damit das Gebot der Gleichstellung gilt also auch, wenn trans und nichtbinäre Personen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität benachteiligt werden. Zum Beispiel wenn ihnen die Akzeptanz verweigert wird.

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Mo 9. Jun 2025, 14:28
von Wally
Jaddy hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 12:24 Die Gleichberechtigung und damit das Gebot der Gleichstellung gilt also auch, wenn trans und nichtbinäre Personen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität benachteiligt werden.
Dass das selbstverständlich auch für Transgender gilt, habe ich nie in Frage gestellt.

Aaber: die Gleichberechtigung nach §3 Grundgesetz ist - wie jedes Grundrecht - ein Individualrecht; es bezieht sich auf jede einzelne Person, die als deutscher Bürger Grundrechtsträger ist. Ein Gebot zur Gleichstellung kann man daraus auch nur bezüglich individueller Persönlichkeitsrechte ableiten. Eine Politik, die solche Grundrechte unmittelbar konterkariert, um irgendwelche Personengruppen statistisch mit anderen Gruppen "gleichzustellen", stellt §3 Grundgesetz geradewegs auf den Kopf!

Mich als Mann persönlich wegen meines Geschlechts als Bewerber für irgend eine berufliche Stellung abzulehnen, ist und bleibt eklatant verfassungswidriges Unrecht - völlig unabhängig davon, wie die Geschlechterquoten in dem betreffenden Berufsfeld aussehen; letztere können schließlich hunderterlei legale und legitime Ursachen haben. Dass unterschiedliche, berufliche Geschlechterquoten die Folge sexistischer Diskriminierung seien, ist nichts weiter als eine völlig unbelegte, pauschale Behauptung - und bezeichnenderweise wird das ja auch grundsätzlich nur da behauptet, wo Männer in der Überzahl sind. Dass z. B. schon seit vielen Jahren doppelt so viele Frauen wie Männer eine medizinische oder pharmazeutische Approbation kriegen, gilt seltsamerweise nicht als "Sexismus"; da ist der Proporz plötzlich egal und wird nicht als "Diskriminierung" angeprangert.

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Mo 9. Jun 2025, 15:38
von Jaddy
Wally hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 14:28 Aaber: die Gleichberechtigung nach §3 Grundgesetz ist - wie jedes Grundrecht - ein Individualrecht; es bezieht sich auf jede einzelne Person, die als deutscher Bürger Grundrechtsträger ist.
Wichtige Korrektur: Das Grundgesetz, die Grund- und Menschenrechte (und sämtliche Gesetze (soweit nichts anderes angegeben ist)) beziehen sich grundsätzlich und gleichermassen auf alle Menschen innerhalb des deutschen Rechtsgebiets. Egal ob deutsche Staatsangehörigkeit oder nicht. Das haben insbesondere rechtsgerichtete Leute entweder nicht verstanden oder wollen es absichtlich ignorieren.

Der Rest ist natürlich auch Unfug. Die systematischen Benachteiligungen sind vielfach so gut nachgewiesen, zum Beispiel durch gleichlautende Bewernbungen mit unterschiedlich "markierenden" Namen, dass auch systematische Massnahmen gerechtfertigt sind.

Die weitreichende Diskriminierung nicht-männlicher Personen einfach zu leugen ist schon ein arges Stück "alternative Realität".

Und einen Red Herring haben wir natürlich auch noch: Die Anteile an vergebenen Abschlüsse haben nullkommanichts mit Quoten zu tun, weil die überhaupt nicht quotiert sind. Ausserdem wg "seit vielen Jahren": "Der Anteil der Ärztinnen und Psychotherapeutinnen in der ambulanten Versorgung liegt erstmals bei über 50 Prozent. Das geht aus der aktuellen Arztzahlstatistik der KBV für das Jahr 2022 hervor." (https://www.kbv.de/html/1150_62510.php, 09.03.2023)

Wie neulich in einem anderen Thread besprochen, sieht es bei den Beförderungen zum Beispiel im Krankenhaussystem völlig anders aus. Die Führungspositionen im Gesundheitssystem sind sowohl in der fachlichen, wie in der Verwaltungsebene je höher desto männlicher dominiert. Bis zu über 80% männlich. Einmal aktuell von 2024: https://www.aerztinnenbund.de/downloads ... T_2024.pdf

Und das lässt sich so für so ziemlich jeden Wirtschaftsbereich durchdeklinieren.

Re: Spotlights aus Südtirol

Verfasst: Mo 9. Jun 2025, 18:20
von Wally
Jaddy hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 15:38 Wichtige Korrektur: Das Grundgesetz, die Grund- und Menschenrechte (und sämtliche Gesetze (soweit nichts anderes angegeben ist)) beziehen sich grundsätzlich und gleichermassen auf alle Menschen innerhalb des deutschen Rechtsgebiets. Egal ob deutsche Staatsangehörigkeit oder nicht.
Völliger Quatsch, sorry: das gilt ausschließlich für Grund- und Menschenrechte - und selbst da längst nicht für alle. Z. B. Versammlungsfreiheit, Freizügigkeit oder Berufsfreiheit garantiert das Grundgesetz nur deutschen Staatsangehörigen bzw. (indirekt) EU-Bürgern. Die Grundrechte, die wirklich für alle Menschen auf deutschem Boden gelten, sind dabei im Grundgesetz mit Begriffen wie "Jeder" o. ä. explizit spezifiziert.
Jaddy hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 15:38 Der Rest ist natürlich auch Unfug.
d'ac­cord :mrgreen: