Mein Leben
Verfasst: Sa 26. Apr 2025, 10:49
Das ist die erweiterte Version aus dem Vorstellungsbereich.
Seit meiner Kindheit (ich weiß gar nicht mehr, wann ich das erste Mal dieses Gefühl hatte) spüre ich, dass ich anders bin. Wenn ich alte Kinderbilder von mir ansehe, könnte man denken, dass ein Mädchen darauf zu sehen ist.
Meine ersten Schminkversuche hatte ich wohl schon als Kleinkind. Das weiß ich aus Erzählungen von damaligen Zeitzeugen. Ich muss wohl den Schminkkoffer (ja, damals hieß das noch so) meiner Mutter geplündert und mich mit allem möglichen Sachen angemalt haben – und die Wand. Das Ergebnis war niederschmetternd – zumindest für meine Eltern. Meine Mutter musste die Farbe wieder von mir abbekommen, mein Vater von der Wand.
Schon im Kindergarten war ich lieber mit Mädchen zusammen als mit Jungs. Ich habe bewusst deren Nähe gesucht, weil ich mit den üblichen Aktivitäten und der ruppigen Art (wie Jungs nun mal so sind) nichts anfangen konnte. Aber bei den Mädchen fühlte ich mich wohl.
Eines Tages durften wir uns Verkleiden. Das Motto war „Hochzeit“ und ich weiß noch, dass ich damals ein blaues Kleid gewählt habe, um es anzuziehen. Die Erzieherinnen gingen mit Nachdruck dazwischen „A Bouh ziehd suwoss niehd oh“ (Ein Junge zieht sowas nicht an).
Jeder durfte das tragen, was er sich ausgesucht hat. Nur ich nicht! Sie gaben mir einen schwarzen Anzug und ich war dann eben der Bräutigam.
Meine Großmutter sagte mir mal, da war ich etwa fünf, dass ich eigentlich ein Mädchen hätte werden sollen. An den Zusammenhang kann ich mich nicht mehr erinnern, aber dieser Satz hat sich eingebrannt.
In Katalogen habe ich immer die Seiten mit Kleidung für Mädchen oder Frauen gesucht und habe sie auch real dafür beneidet schöne Kleidung zu tragen. Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass es für Frauen oder Mädchen immer mehr Auswahl gab oder noch heute gibt?
Als ich etwa neun Jahre alt war, habe ich den Kleiderschrank meiner Mutter für mich entdeckt. Ich habe darin gestöbert und mir vorgestellt selbst sowas zu tragen. Allein die Vorstellung hat mir Glücksgefühle beschert. Zurück aus meinen Tagträumen gab es mir immer einen Stich ins Herz, weil mir bewusst wurde, dass es nie so sein wird, weil ich ja ein Junge bin und mir der Satz wieder in den Sinn kam: „A Bouh ziehd suwoss niehd oh“.
Auch gab es diese immerwährende Traurigkeit. Warum bin ich kein Mädchen – wenn ich doch eines hätte werden sollen? Diese Gefühle von Damals und auch der Satz meiner Großmutter, begleiten mich im Übrigen auch heute noch.
Eines Tages war ein Freund zu Besuch und wir haben rumgealbert. Irgendwie fand ich es eine gute Idee ins Schlafzimmer meiner Eltern zu gehen, mich mit den Sachen meiner Mutter „in Schale“ zu werfen und mich ihm zu präsentieren.
Seiner Reaktion darauf nach zu urteilen, fand wohl nur ich diese Idee gut. Er hat die Wohnung fluchtartig verlassen und kam auch nie wieder.
Spätestens hier kam mir der Gedanke, dass mit mir etwas ganz und gar nicht stimmen kann. Ich habe die Sachen meiner Mutter wieder ordentlich in den Schrank gehängt, bin auf mein Zimmer, hab den restlichen Tag nur geweint und kam zu dem Schluss, dass ich so nicht weitermachen kann und hab ab diesem Tag beschlossen ein „echter Kerl“ zu sein.
Ich habe alles runtergeschluckt und meine Gefühle so gut es ging unterdrückt. Internet gab es damals nicht und mit wem sollte ich darüber reden? Mit meinen Eltern? Meine Mutter hat mir schon für weniger mit dem Kinderheim gedroht. Mein Vater war nie da, weil er nur am Arbeiten war. Aber auch er hätte es nicht verstanden und mich wahrscheinlich ins Nirvana geprügelt.
Im Nachhinein betrachtet, wären wohl meine Großeltern die richtige Anlaufstelle gewesen. Sie waren in allen Dingen immer sehr aufgeschlossen und verständnisvoll. Aber wie weit denkt ein neun- oder zehnjähriger?
Zeitsprung 8-9 Jahre.
Bis ich 18 war hat es ziemlich gut geklappt meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Man hat viel „Jungszeugs“ gemacht: War ständig mit der Clique und dem Moped unterwegs, Feiern, Trinken, Mädchen angraben (ein „echter Kerl“ halt).
Dann kam die erste „richtige“ Freundin.
Alles lief Bestens. Bis zu dem Zeitpunkt, als wir uns näherkamen. Sie hatte wunderschöne Wäsche an. Hier hat es bei mir wieder einen Schalter umgelegt. Wie konnte sie mir das antun? Sie verkörperte genau das, was ich gern sein wollte. Hübsch und feminin – im Gegensatz zu mir.
Lange Rede, kurzer Sinn: Es hat ab diesem Zeitpunkt nicht mehr lange gehalten. Was als „Liebe“ (als wüsste man mit 18 was Liebe ist) begonnen hatte, schlug um in Neid auf das, was sie war und ich nicht sein konnte.
Ich lernte kurz darauf meine zukünftige Frau kennen. Sie war das genaue Gegenteil meiner Ex-Freundin. Sie war eher der burschikosere Typ. Etwas, um das ich sie nicht zu beneiden brauchte.
In unserer Beziehung nahm sie auch den eher männlichen Part ein (wenn man das so sagen kann). Sie kümmerte sich um Finanzen, konnte alle möglichen Sachen reparieren. Ich habe da eher zwei linke Hände und schaffe es, Dinge die kaputt sind, noch kaputter zu machen.
Sexuell lief es zwischen uns eher gemäßigt ab. Sie hatte keine rechte Lust daran und ich war nicht gezwungen „meinen Mann zu stehen“. Die aktive Rolle beim Sex ist mir sowieso zuwider und es ist für mich mehr harte Arbeit als Vergnügen. Mit dem Teil zwischen meinen Beinen konnte ich noch nie wirklich was anfangen. Das nur mal am Rande erwähnt.
So gingen die Jahre ins Land, man lebte nebeneinanderher, aus der anfänglichen Liebe wurde Gewohnheit. Ich fühlte mich in dieser Zeit auch recht wohl in meiner Haut. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich nicht gezwungen war, ein „echter Mann“ zu sein.
Die ganze Zeit über kamen Fragen aus der Verwandtschaft, wann wir denn nun endlich heiraten würden, und mein Großvater meinte, er würde sich wünschen, dass dies noch zu seinen Lebzeiten geschehen wird.
Nach fünf Jahren, es war ein Samstag und ich kam gerade schlaftrunken aus dem Schlafzimmer, empfing mich meine Lebensgefährtin mit den Worten „Was hältst du davon, wenn wir nun doch heiraten? Würde sich ja nichts ändern und die Fragerei hört endlich auf“. Ich meinte darauf, „Ja, du hast recht. Warum eigentlich nicht“. Im Nachhinein die dümmste und teuerste Entscheidung meines Lebens…
Den Hochzeitstermin hielten wir uns offen und wir lebten noch einige Jahre in „wilder Ehe“. Als mein Großvater fünf Jahre später an Krebs erkrankte und es sein größter Wunsch war, dass er die Hochzeit noch erleben möchte, haben wir uns auf einen Termin geeinigt und es dann doch durchgezogen.
Meine Lebensgefährtin, nun Ehefrau, hatte recht. Es hat nichts geändert. Wir lebten weiter nebeneinanderher, hatten kaum Sex und ich fühlte mich ziemlich wohl in meiner Haut.
Bis zu einem einschneidenden Erlebnis, das Alles verändern sollte und mein Leben und meine Gefühlswelt wieder komplett auf den Kopf stellte.
Es war irgendwann zur Faschingszeit. Wir lagen auf dem Sofa und sahen im Fernsehen ein Männerballett.
Sie machte Witze darüber, dass mir das bestimmt auch gutstehen würde und sie mich gerne schminken würde. Sie stand auf, ohne dass ich etwas dazu sagen konnte, kam mit ihrem Makeup-Kästchen, einer Strumpfhose einem BH und einem Slip wieder zurück und meinte, ich solle das mal anziehen. Sie würde mich danach schminken.
Ich war extrem verwirrt und dachte ich wäre gestorben und nun im Himmel.
Sie hat mich danach angesehen und meinte, das würde richtig gut aussehen und es würde ihr gefallen. Als ich mich im Spiegel betrachtet habe, hätte ich fast zu weinen begonnen und dachte „Endlich angekommen“.
Wir haben beide den Abend sehr genossen und hatten unseren Spaß.
Am nächsten Tag habe ich mir über das Internet eine Perücke und Kleidung bestellt. Endlich konnte ich mich ausleben und das sein, was ich wirklich bin.
Als die Sachen dann geliefert wurden, ich war aufgeregt wie ein kleines Mädchen, wollte ich meiner Frau eine Freude machen und sie überraschen, wenn sie um 22 Uhr von der Arbeit nach Hause kommt.
Ich habe mich geduscht, rasiert, angezogen und gestylt und mich riesig auf ihre Ankunft gefreut. Ich habe mich noch nie so wohl in meiner Haut gefühlt und saß auf dem Sofa, als sie nach Hause kam.
Diesen Blick von Ihr werde ich nie vergessen. Sie sah mich angewidert an und fauchte mich an, ich soll zusehen, dass ich dieses „Zeug“ ausziehe. Das wäre ja ekelhaft.
Als ich sie fragte, was los ist und ihr es neulich doch auch gefallen habe, meinte sie „Das war nur Spaß und ich will nicht, dass du so rumläufst“
Das hat mich getroffen wie ein Blitz.
Ich habe mich wieder „zurückverwandelt“ und wir haben den Abend und die nächsten Wochen danach schweigend nebeneinanderher gelebt.
Für Sie war es nur Spaß. Für mich war es Alles. Sie lehnte es ab, dass ich mich als Frau zurecht mache, doch ich konnte nicht mehr zurück. Sie hat die Büchse der Pandora aus Spaß geöffnet und ich soll darunter leiden? Niemals!!!
Ich habe mich dann immer, wenn ich allein zuhause war, in mein wahres Ich verwandelt und meinen Fundus nach und nach erweitert und gut versteckt. Dachte ich zumindest.
Als ich eines Tages meinen Koffer öffnete, fand ich darin meine zerschnittenen Perücken und einen Zettel mit nur einem Wort darauf, dass ich hier jedoch nicht wiedergeben möchte.
Ich habe sie zur Rede gestellt und es gab einen riesigen Streit.
Natürlich habe ich mir wieder eine neue Perücke gekauft und wurde irgendwann von ihr erwischt, als ich die Frau in mir wieder herausgelassen habe.
Sie wollte schon wieder losfauchen, doch ich hab ihr gesagt, wir müssen reden.
Ich habe ihr meine Geschichte erzählt. Meine Gefühle offengelegt und dass es nichts mit ihr zu tun hat – ich mir jedoch wünschen würde, dass wir es gemeinsam durchstehen und uns vielleicht Hilfe suchen, wie wir gemeinsam damit umgehen könnten. Erst war sie nicht abgeneigt, machte dann jedoch einen Rückzieher.
Sie sagte „Ich finde es abartig, was du hier machst und ich werde dich nie wieder als Mann sehen können. Ich werde mich nicht von dir trennen, aber versprich mir, dass ich das nie wieder sehen muss und du das niemals in der Öffentlichkeit machst. Das geht niemanden was an“.
Ich habe es ihr natürlich versprochen.
So vergingen noch ein paar Jahre. Ich habe mein wahres Ich nur im Verborgenen ausgelebt, Meine Frau und ich lebten eher wie Geschwister zusammen die nichts mehr intimes gemeinsam hatten und die ständig nur wegen belanglosen Dingen oder Geld stritten (in meinen Augen völlig unnötig). Sie wurde in dieser Zeit immer geiziger, verbissener und missgünstiger anderen gegenüber.
Nach außen hin waren wir das perfekte Paar.
Am Valentinstag 2020 wurde mir dann einfach alles zu viel. Nicht mal an einem solchen Tag konnte sie Ruhe geben. Als sie während des Streites fragte, was ich denn für ein Geschenk für sie hätte, habe ich gesagt, sie könne ihre Koffer packen und gehen. Mein Geschenk ist, dass ich ihr beim Tragen der Koffer helfe.
So ging ein 30 Jahre langes Kapitel meines Lebens zu Ende.
Sie hat immer wieder versucht mich zurückzubekommen. Hat gebettelt und gefleht, sie würde sich ändern, nur um zwei Sätze weiter schon wieder einen Streit anzuzetteln.
Als sie merkte, dass es nichts nützt, hat sie für sich entschieden, dass es wohl eine tolle Sache wäre, jedem davon zu erzählen was für ein kranker Perversling ich sei.
Manche haben sich auf Ihre Seite geschlagen, manche auf meine. Es ist befreiend, bestimmte Personen aus seinem Leben heraus zu haben.
Ich bin nun frei und kann leben wie ich mag. Ich kann mich ausleben, wie ich es brauche. Ich muss auf niemanden mehr Rücksicht nehmen. Ich kann nun „Steffi“ freien Lauf lassen.
Letzte Woche gab es wieder ein Ereignis, welches mir gezeigt hat, dass wir nicht ewig Zeit auf diesem Planeten haben um sie zu verschwenden.
Letzte Woche verstarb plötzlich und unerwartet der Mann meiner Cousine im Alter von 50 (!)
Am Montag eingeschlafen, am Dienstag nicht wieder aufgewacht. Einfach verrückt. Jünger als ich!!!
Das war für mich der Auslöser, mich weiter zu verwirklichen. Worauf soll ich noch warten? Ich habe mich hier in diesem Forum angemeldet und gestern habe ich es endlich gewagt, mich bei Tageslicht nach draußen und unter Menschen zu wagen.
Das erste Mal als Frau in der Öffentlichkeit - ich bin mehr als 1000 Tode gestorben. Gott war ich nervös. Auf dem Weg nach Bayreuth habe ich mir drei Mal überlegt wieder umzukehren. Aber es hat sich gelohnt. Ich weiß nun, dass ich es kann und ich habe liebe Menschen kennen gelernt, die mir gezeigt haben, dass ich nicht allein auf der Welt bin. Auch wenn es vielleicht nicht so aussah. Ich war sehr zurückhaltend. Ich brauche immer eine Weile bis ich auftaue. Gerade in einer solchen Situation.
Real ist es doch immer noch etwas anderes als virtuell.
Sicher war es nicht das letzte Mal und wer weiß, wo mich mein Weg noch hinführt. Ich weiß nur, dass man jetzt Leben muss. Morgen kann es zu spät sein.
Liebe Grüße
Stephania
Seit meiner Kindheit (ich weiß gar nicht mehr, wann ich das erste Mal dieses Gefühl hatte) spüre ich, dass ich anders bin. Wenn ich alte Kinderbilder von mir ansehe, könnte man denken, dass ein Mädchen darauf zu sehen ist.
Meine ersten Schminkversuche hatte ich wohl schon als Kleinkind. Das weiß ich aus Erzählungen von damaligen Zeitzeugen. Ich muss wohl den Schminkkoffer (ja, damals hieß das noch so) meiner Mutter geplündert und mich mit allem möglichen Sachen angemalt haben – und die Wand. Das Ergebnis war niederschmetternd – zumindest für meine Eltern. Meine Mutter musste die Farbe wieder von mir abbekommen, mein Vater von der Wand.
Schon im Kindergarten war ich lieber mit Mädchen zusammen als mit Jungs. Ich habe bewusst deren Nähe gesucht, weil ich mit den üblichen Aktivitäten und der ruppigen Art (wie Jungs nun mal so sind) nichts anfangen konnte. Aber bei den Mädchen fühlte ich mich wohl.
Eines Tages durften wir uns Verkleiden. Das Motto war „Hochzeit“ und ich weiß noch, dass ich damals ein blaues Kleid gewählt habe, um es anzuziehen. Die Erzieherinnen gingen mit Nachdruck dazwischen „A Bouh ziehd suwoss niehd oh“ (Ein Junge zieht sowas nicht an).
Jeder durfte das tragen, was er sich ausgesucht hat. Nur ich nicht! Sie gaben mir einen schwarzen Anzug und ich war dann eben der Bräutigam.
Meine Großmutter sagte mir mal, da war ich etwa fünf, dass ich eigentlich ein Mädchen hätte werden sollen. An den Zusammenhang kann ich mich nicht mehr erinnern, aber dieser Satz hat sich eingebrannt.
In Katalogen habe ich immer die Seiten mit Kleidung für Mädchen oder Frauen gesucht und habe sie auch real dafür beneidet schöne Kleidung zu tragen. Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass es für Frauen oder Mädchen immer mehr Auswahl gab oder noch heute gibt?
Als ich etwa neun Jahre alt war, habe ich den Kleiderschrank meiner Mutter für mich entdeckt. Ich habe darin gestöbert und mir vorgestellt selbst sowas zu tragen. Allein die Vorstellung hat mir Glücksgefühle beschert. Zurück aus meinen Tagträumen gab es mir immer einen Stich ins Herz, weil mir bewusst wurde, dass es nie so sein wird, weil ich ja ein Junge bin und mir der Satz wieder in den Sinn kam: „A Bouh ziehd suwoss niehd oh“.
Auch gab es diese immerwährende Traurigkeit. Warum bin ich kein Mädchen – wenn ich doch eines hätte werden sollen? Diese Gefühle von Damals und auch der Satz meiner Großmutter, begleiten mich im Übrigen auch heute noch.
Eines Tages war ein Freund zu Besuch und wir haben rumgealbert. Irgendwie fand ich es eine gute Idee ins Schlafzimmer meiner Eltern zu gehen, mich mit den Sachen meiner Mutter „in Schale“ zu werfen und mich ihm zu präsentieren.
Seiner Reaktion darauf nach zu urteilen, fand wohl nur ich diese Idee gut. Er hat die Wohnung fluchtartig verlassen und kam auch nie wieder.
Spätestens hier kam mir der Gedanke, dass mit mir etwas ganz und gar nicht stimmen kann. Ich habe die Sachen meiner Mutter wieder ordentlich in den Schrank gehängt, bin auf mein Zimmer, hab den restlichen Tag nur geweint und kam zu dem Schluss, dass ich so nicht weitermachen kann und hab ab diesem Tag beschlossen ein „echter Kerl“ zu sein.
Ich habe alles runtergeschluckt und meine Gefühle so gut es ging unterdrückt. Internet gab es damals nicht und mit wem sollte ich darüber reden? Mit meinen Eltern? Meine Mutter hat mir schon für weniger mit dem Kinderheim gedroht. Mein Vater war nie da, weil er nur am Arbeiten war. Aber auch er hätte es nicht verstanden und mich wahrscheinlich ins Nirvana geprügelt.
Im Nachhinein betrachtet, wären wohl meine Großeltern die richtige Anlaufstelle gewesen. Sie waren in allen Dingen immer sehr aufgeschlossen und verständnisvoll. Aber wie weit denkt ein neun- oder zehnjähriger?
Zeitsprung 8-9 Jahre.
Bis ich 18 war hat es ziemlich gut geklappt meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Man hat viel „Jungszeugs“ gemacht: War ständig mit der Clique und dem Moped unterwegs, Feiern, Trinken, Mädchen angraben (ein „echter Kerl“ halt).
Dann kam die erste „richtige“ Freundin.
Alles lief Bestens. Bis zu dem Zeitpunkt, als wir uns näherkamen. Sie hatte wunderschöne Wäsche an. Hier hat es bei mir wieder einen Schalter umgelegt. Wie konnte sie mir das antun? Sie verkörperte genau das, was ich gern sein wollte. Hübsch und feminin – im Gegensatz zu mir.
Lange Rede, kurzer Sinn: Es hat ab diesem Zeitpunkt nicht mehr lange gehalten. Was als „Liebe“ (als wüsste man mit 18 was Liebe ist) begonnen hatte, schlug um in Neid auf das, was sie war und ich nicht sein konnte.
Ich lernte kurz darauf meine zukünftige Frau kennen. Sie war das genaue Gegenteil meiner Ex-Freundin. Sie war eher der burschikosere Typ. Etwas, um das ich sie nicht zu beneiden brauchte.
In unserer Beziehung nahm sie auch den eher männlichen Part ein (wenn man das so sagen kann). Sie kümmerte sich um Finanzen, konnte alle möglichen Sachen reparieren. Ich habe da eher zwei linke Hände und schaffe es, Dinge die kaputt sind, noch kaputter zu machen.
Sexuell lief es zwischen uns eher gemäßigt ab. Sie hatte keine rechte Lust daran und ich war nicht gezwungen „meinen Mann zu stehen“. Die aktive Rolle beim Sex ist mir sowieso zuwider und es ist für mich mehr harte Arbeit als Vergnügen. Mit dem Teil zwischen meinen Beinen konnte ich noch nie wirklich was anfangen. Das nur mal am Rande erwähnt.
So gingen die Jahre ins Land, man lebte nebeneinanderher, aus der anfänglichen Liebe wurde Gewohnheit. Ich fühlte mich in dieser Zeit auch recht wohl in meiner Haut. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich nicht gezwungen war, ein „echter Mann“ zu sein.
Die ganze Zeit über kamen Fragen aus der Verwandtschaft, wann wir denn nun endlich heiraten würden, und mein Großvater meinte, er würde sich wünschen, dass dies noch zu seinen Lebzeiten geschehen wird.
Nach fünf Jahren, es war ein Samstag und ich kam gerade schlaftrunken aus dem Schlafzimmer, empfing mich meine Lebensgefährtin mit den Worten „Was hältst du davon, wenn wir nun doch heiraten? Würde sich ja nichts ändern und die Fragerei hört endlich auf“. Ich meinte darauf, „Ja, du hast recht. Warum eigentlich nicht“. Im Nachhinein die dümmste und teuerste Entscheidung meines Lebens…
Den Hochzeitstermin hielten wir uns offen und wir lebten noch einige Jahre in „wilder Ehe“. Als mein Großvater fünf Jahre später an Krebs erkrankte und es sein größter Wunsch war, dass er die Hochzeit noch erleben möchte, haben wir uns auf einen Termin geeinigt und es dann doch durchgezogen.
Meine Lebensgefährtin, nun Ehefrau, hatte recht. Es hat nichts geändert. Wir lebten weiter nebeneinanderher, hatten kaum Sex und ich fühlte mich ziemlich wohl in meiner Haut.
Bis zu einem einschneidenden Erlebnis, das Alles verändern sollte und mein Leben und meine Gefühlswelt wieder komplett auf den Kopf stellte.
Es war irgendwann zur Faschingszeit. Wir lagen auf dem Sofa und sahen im Fernsehen ein Männerballett.
Sie machte Witze darüber, dass mir das bestimmt auch gutstehen würde und sie mich gerne schminken würde. Sie stand auf, ohne dass ich etwas dazu sagen konnte, kam mit ihrem Makeup-Kästchen, einer Strumpfhose einem BH und einem Slip wieder zurück und meinte, ich solle das mal anziehen. Sie würde mich danach schminken.
Ich war extrem verwirrt und dachte ich wäre gestorben und nun im Himmel.
Sie hat mich danach angesehen und meinte, das würde richtig gut aussehen und es würde ihr gefallen. Als ich mich im Spiegel betrachtet habe, hätte ich fast zu weinen begonnen und dachte „Endlich angekommen“.
Wir haben beide den Abend sehr genossen und hatten unseren Spaß.
Am nächsten Tag habe ich mir über das Internet eine Perücke und Kleidung bestellt. Endlich konnte ich mich ausleben und das sein, was ich wirklich bin.
Als die Sachen dann geliefert wurden, ich war aufgeregt wie ein kleines Mädchen, wollte ich meiner Frau eine Freude machen und sie überraschen, wenn sie um 22 Uhr von der Arbeit nach Hause kommt.
Ich habe mich geduscht, rasiert, angezogen und gestylt und mich riesig auf ihre Ankunft gefreut. Ich habe mich noch nie so wohl in meiner Haut gefühlt und saß auf dem Sofa, als sie nach Hause kam.
Diesen Blick von Ihr werde ich nie vergessen. Sie sah mich angewidert an und fauchte mich an, ich soll zusehen, dass ich dieses „Zeug“ ausziehe. Das wäre ja ekelhaft.
Als ich sie fragte, was los ist und ihr es neulich doch auch gefallen habe, meinte sie „Das war nur Spaß und ich will nicht, dass du so rumläufst“
Das hat mich getroffen wie ein Blitz.
Ich habe mich wieder „zurückverwandelt“ und wir haben den Abend und die nächsten Wochen danach schweigend nebeneinanderher gelebt.
Für Sie war es nur Spaß. Für mich war es Alles. Sie lehnte es ab, dass ich mich als Frau zurecht mache, doch ich konnte nicht mehr zurück. Sie hat die Büchse der Pandora aus Spaß geöffnet und ich soll darunter leiden? Niemals!!!
Ich habe mich dann immer, wenn ich allein zuhause war, in mein wahres Ich verwandelt und meinen Fundus nach und nach erweitert und gut versteckt. Dachte ich zumindest.
Als ich eines Tages meinen Koffer öffnete, fand ich darin meine zerschnittenen Perücken und einen Zettel mit nur einem Wort darauf, dass ich hier jedoch nicht wiedergeben möchte.
Ich habe sie zur Rede gestellt und es gab einen riesigen Streit.
Natürlich habe ich mir wieder eine neue Perücke gekauft und wurde irgendwann von ihr erwischt, als ich die Frau in mir wieder herausgelassen habe.
Sie wollte schon wieder losfauchen, doch ich hab ihr gesagt, wir müssen reden.
Ich habe ihr meine Geschichte erzählt. Meine Gefühle offengelegt und dass es nichts mit ihr zu tun hat – ich mir jedoch wünschen würde, dass wir es gemeinsam durchstehen und uns vielleicht Hilfe suchen, wie wir gemeinsam damit umgehen könnten. Erst war sie nicht abgeneigt, machte dann jedoch einen Rückzieher.
Sie sagte „Ich finde es abartig, was du hier machst und ich werde dich nie wieder als Mann sehen können. Ich werde mich nicht von dir trennen, aber versprich mir, dass ich das nie wieder sehen muss und du das niemals in der Öffentlichkeit machst. Das geht niemanden was an“.
Ich habe es ihr natürlich versprochen.
So vergingen noch ein paar Jahre. Ich habe mein wahres Ich nur im Verborgenen ausgelebt, Meine Frau und ich lebten eher wie Geschwister zusammen die nichts mehr intimes gemeinsam hatten und die ständig nur wegen belanglosen Dingen oder Geld stritten (in meinen Augen völlig unnötig). Sie wurde in dieser Zeit immer geiziger, verbissener und missgünstiger anderen gegenüber.
Nach außen hin waren wir das perfekte Paar.
Am Valentinstag 2020 wurde mir dann einfach alles zu viel. Nicht mal an einem solchen Tag konnte sie Ruhe geben. Als sie während des Streites fragte, was ich denn für ein Geschenk für sie hätte, habe ich gesagt, sie könne ihre Koffer packen und gehen. Mein Geschenk ist, dass ich ihr beim Tragen der Koffer helfe.
So ging ein 30 Jahre langes Kapitel meines Lebens zu Ende.
Sie hat immer wieder versucht mich zurückzubekommen. Hat gebettelt und gefleht, sie würde sich ändern, nur um zwei Sätze weiter schon wieder einen Streit anzuzetteln.
Als sie merkte, dass es nichts nützt, hat sie für sich entschieden, dass es wohl eine tolle Sache wäre, jedem davon zu erzählen was für ein kranker Perversling ich sei.
Manche haben sich auf Ihre Seite geschlagen, manche auf meine. Es ist befreiend, bestimmte Personen aus seinem Leben heraus zu haben.
Ich bin nun frei und kann leben wie ich mag. Ich kann mich ausleben, wie ich es brauche. Ich muss auf niemanden mehr Rücksicht nehmen. Ich kann nun „Steffi“ freien Lauf lassen.
Letzte Woche gab es wieder ein Ereignis, welches mir gezeigt hat, dass wir nicht ewig Zeit auf diesem Planeten haben um sie zu verschwenden.
Letzte Woche verstarb plötzlich und unerwartet der Mann meiner Cousine im Alter von 50 (!)
Am Montag eingeschlafen, am Dienstag nicht wieder aufgewacht. Einfach verrückt. Jünger als ich!!!
Das war für mich der Auslöser, mich weiter zu verwirklichen. Worauf soll ich noch warten? Ich habe mich hier in diesem Forum angemeldet und gestern habe ich es endlich gewagt, mich bei Tageslicht nach draußen und unter Menschen zu wagen.
Das erste Mal als Frau in der Öffentlichkeit - ich bin mehr als 1000 Tode gestorben. Gott war ich nervös. Auf dem Weg nach Bayreuth habe ich mir drei Mal überlegt wieder umzukehren. Aber es hat sich gelohnt. Ich weiß nun, dass ich es kann und ich habe liebe Menschen kennen gelernt, die mir gezeigt haben, dass ich nicht allein auf der Welt bin. Auch wenn es vielleicht nicht so aussah. Ich war sehr zurückhaltend. Ich brauche immer eine Weile bis ich auftaue. Gerade in einer solchen Situation.
Real ist es doch immer noch etwas anderes als virtuell.
Sicher war es nicht das letzte Mal und wer weiß, wo mich mein Weg noch hinführt. Ich weiß nur, dass man jetzt Leben muss. Morgen kann es zu spät sein.
Liebe Grüße
Stephania