Mikaela CD hat geschrieben: Di 28. Jan 2025, 07:58Ich sehe eigentlich genauso, dass wir kein drittes Geschlecht brauchen, das wäre in meinen Augen nur eine Verzerrung der Realität.
"Realität" ist in dem Zusammenhang ein schwieriges und komplexes Wort. In der Realität
"brauchen" wir eigentlich gar nichts von dem, was wir als Geschlecht bezeichnen in all seinen Koordinaten. Wir brauchen keine vergeschlechtlichte Sprache, keine unterschiedlichen Namensräume, keine Kleidungskonventionen, keine getrennten Räume, keine verschiedenen Verhaltensmuster im Alltag oder bei Beziehungen, keine Zuordnung von Jobs, Hobbies, Vorurteilen, Erziehung, usw. Die biologischen, mentalen, emotionalen Fähigkeiten der Menschen überschneiden sich viel stärker, als dass sie sich unterscheiden.
"Geschlecht" kommt, streng an der "Realität" gemessen, nur dort vor, wo biologische Fortpflanzung passiert. Große + kleine Keimzelle mit genetischem Material von zwei beliebigen Personen und danach ein funktionierender Uterus, der nicht zwingend mit einer der beiden Spendepersonen verbunden sein muss. Sprich: In der Realität ist "Geschlecht" zu 99,999% der Lebenszeit eigentlich vollkommen virtuell.
Also könnten wir ganz realistisch den ganzen Kram einfach sien lassen, okay? Das Aufbrezeln, das "das andere Geschelcht sein wollen", den "Männer- und Frauen-Modus", die verschiedenen Räume. Nur noch Menschen, kein Geschlecht im Alltag.
Vielleicht entwickeln sich dann aber doch wieder verschiedene Gruppen mit Verhaltensmerkmalen. Vielleicht drei, vier, fünf oder mehr; unabhängig vom körperlichen Aussehen.
Das ist alles nicht spekulativ. Viele Völker auf der Welt hatten und haben andere Vorstellungen als unsere cis-binär-Normativität, wie biologisches Forpflanzungsgeschlecht und soziale Rollen zusammengehen, oder ob sie das überhaupt müssen. Hijra in Indien/Pakistan, Muxe in Mexico und viele andere überall auf der Welt existieren seit vielen Jahrhunderten. Vier oder fünf trans/inter Gender sind in vielen Völkern Nordamerikas bekannt und geschätzt. Ebenso die fünf Gender der Bugis in Indonesien. Die jüdische Lehre kennt 6 Geschlechter. Was wir heute trans und inter nennen fällt hier explizit darunter. Es gibt Völker, die Gender erst zur Pubertät zuweisen oder wie die Dagaaba gar nicht anhand der Anatomie sondern der "Energien" eines Menschen. Sie können also Menschen uanbhängig von ihrer Körperlichkeit "geschlechtlich" wahrnehmen. Bei den Yoruba wurden (vor-kolonial) weder Geschlechtern noch Gendern Fähigkeiten zu- oder abgesprochen. Unsere Vorurteile, was Männer oder Frauen können oder nicht wären für sie also sehr skurril. Scheint in unseren Breiten übrigens auch bis in die Bronzezeit noch so gewesen zu sein: Menschen lebten und arbeiteten, indem sie ihre indivuduellen Fähigkeiten beitrugen. Die Mär vom männlichen Jägern und den Frauen in der Höhle ist Unfug.
In der Realität sehe ich also bezüglich Gender - Geschlecht als soziale Rolle - schlüssige Begründungen für Null oder "viele". Wobei eine freiheitlich-plurale Gesellschaft schon wegen der freien Entfaltung der Persönlichkeit eher zu viele tendieren sollte. Für genau zwei äusserst komplexe Genderrollen, die ausgerechnet mit der eher zufälligen biologischen Ausstattung verknüpft werden, sehe ich hingegen keine stichhaltige, realitätsbezogene Argumentation. Und damit übrigens auch nicht für jegliche Hürden, die Menschen in den Weg gelegt werden, wenn sie sich nach eigenem Gusto aus den vorhandenen Sets die Attribute herauspicken, die ihnen zusagen. Körperlich, sprachlich und in jeder Form von Ausdruck.
Jegliche Gängelung in der Sache ist letztlich willkürlich, autoritär und menschenfeindlich.