Momo58 hat geschrieben: Sa 5. Okt 2024, 19:36 Als Minderheit sollten wir Forderungen durchsetzen. Leider sind ein paar AktivistInnen über das Ziel hinaus geschossen. Das zeigt sich am Beispiel Tessa Ganserer. Nyke Slawik hingegen ist transsexuell, will aber an ihrer politischen Arbeit gemessen werden. Sie ist zwar nicht so sichtbar, hat aber trotzdem viel bewegt. [...]
Wir queers sollten eine andere Strategie erarbeiten, weg von Provokation, weg von übersteigerter CSD Partystimmung, hin zu wohl überlegten politischen Forderungen. Den bewussten Lügen der AfD können wir nur mit wissenschaftlich fundierten Tatsachen entgegen treten. Hier braucht es queers, die rhetorisch richtig gut sind.
Widerspruch auf allen Ebenen, sorry
Wissenschaftlich fundierte Tatsachen gibt es reichlich, aber die interessieren ausserhalb von Fachgesellschaften praktisch nicht. Und selbst der "Ärztetag" verabschiedet wissenschaftsfeindliche und völlig irrationale Beschlüsse gegen trans Personen, weil eine faktenferne Minderheit sie einbringt und keine Mehrheit dagegen aufbegehrt. Ja, auch weil die Mehrheit nicht ausreichend aufgeklärt ist. Diese Aufklärung erfolgt aber nicht über Fakten alleine. Es bedarf auch der mindestens interessierten, aber besser noch wohlwollenden Motivation, sich diese Aufklärung anzueignen.
Populistische und_oder rechstextreme Politik basiert nicht auf Fakten (oder Scheinfakten, wie bei manchen linksextremen), sondern auf Emotionen. Da kann deine Rhetorik noch so gut sein (und das sollte sie trotzdem sein): Gegen Bauchgefühl kommst du mit Studien nicht an. Nicht mal mit klaren Messwerten (siehe Klimakrise).
Die wohlüberlegten Forderungen existieren seit langem und werden von Verbänden, Aktivist'innen etc. stets und ständig wiederholt. Sei es Gleichstellung, effektive Rechtsmittel gegen Diskriminierung, Verfolgung von Hass, Ehe, Adoptionsrecht, Elternschaft, Recht auf Transitionsmassnahmen, Qualifikation von Fachkräften, usw. Es gibt auch Fortschritt in Trippelschritten, basierend auf Wissenschaft und Fakten, aber viele kleine Fortschritte werden dann durch queerfeindliche Lautsprecher mühelos wieder eingerissen. Siehe psychologische und medizinische Versorgung von trans Kindern und Jugendlichen, die fachlich super geklärt ist, aber plötzlich "umstritten".
Letztlich geht es um die Akzeptanz im Alltag, aus der sowohl die alltägliche Lebensqualität erwächst, als auch die Fortschritte im gesetzlichen und institutionellen Bereich. Natürlich ist die erste Reaktion, sich dafür als möglichst "normal" darzustellen. Schaut, wir sind eigentlich wie ihr und hier sind die logischen Argumente, weshalb wir auch dazu gehören, also habt uns bitte lieb.
Ich kenne diese Diskussion seit den 80ern und aus verschiedenen Bereichen. Innerhalb von Minderheiten, wo andere "zu viel" sind. Zu laut, zu schrill, zu extrem. Siehe kleine Geschichtsstunde unten, aber wahrscheinlich ist das vielen hier auch bekannt.
Solche internen Grenzziehungen sind aus mehrfachen Grünen äusserst problematisch und das Endergebnis war bisher immer, dass sie im besten Fall nichts nützen, im schlechtesten sogar schaden. Das "zu viel" knüpft an die Normalität (die statistische Mehrheit) und akzeptiert sie als Norm (so hat es zu sein). Im Endeffekt dürfen queere Menschen nur so viel queer sein, dass andere es nicht bemerken, nicht mit der Abweichung konfrontiert werden. Das passiert aber schon, wenn ein schwuler Mann über ganz normale Erlebnisse mit "seinem Mann" redet, eine bisexuelle Person über Beziehungen zu Männern und Frauen, polyamore Menschen über ihr Polykül oder trans Personen über die Erlebnisse in der cis-binären Welt. "Zu viel"?
Die scheinbare Normalisierung ist in Wirklichkeit eine Selbstverleugnung und Anbiederung. Wir sind aber anders. Es gibt einen andersartigen Kern, der nicht mit dem scheinbaren Welt/Menschenbild der Mehrheitsgesellschaft verträglich ist. Den wir verleugnen und verbergen müssten, um "normal" zu erscheinen. Der aber da ist und jederzeit "enttarnt" werden könnte. Wir übertreten Erwartungen an ein cis-binär-hetero-monogames Leben. Was wir erleben und erzählen und auch wie wir es denken, bewerten und einordnen ist anders als die Erfahrungswelt der anderen. Das
Othering, also von anderen als fremd, schräg, abweichend, nicht richtig dazu gehörend angesehen zu werden, wird sich nicht ändern, wenn wir unsere Andersartigkeit unsichtbar machen. Sie muss im Gegenteil selbstverständlich werden.
Am Beispiel Tessa Ganserer und Nykie Slawik: Warum ist die eine für dich okay und die andere "zu viel"? Du schreibst es selbst: Nyke ist nicht so sichtbar. Sie hat ein perfektes
passing. Sie triggert nicht bei jedem Blick das Thema trans. Nur: Andere haben diese Privilegien nicht oder auch nur die Wahlfreiheit dazu. Tessa Ganserer zum Beispiel. Oder viele hier, die weit nach der Pubertät angefangen haben, offensichtliche körperliche Männlichkeit in möglichst glaubhafte "weibliche" Optik zu verwandeln. Wir hatten nicht das Glück, eine Transition mit 17 zu machen und erleben deshalb den Konflikt mit den cis-binären Erwartungen viel drastischer - oder warum bringen einige hier den Müll "natürlich nicht im Kleidchen" raus?
Welche Optionen hatte Tessa Ganserer? Schlussendlich ist es egal, wie sie aufgetritt. Für einige bleibt sie auf ewig "Mann im Kleid" und Hassobjekt. Da könnte sie die gleichen Unsummen in OPs investieren wie Caitlin Jenner. Und gegenüber allen anderen stellt sich die gleiche Frage, wie bei "uns" anderen auch. Werden wir wirklich akzeptiert? Unter welchen Bedingungen? Sind Toleranz und Menschenrechte tatsächlich verstanden und verinnerlicht oder sind sie abhängig von Kleidung, Frisur und genderkonformer Performance? Werden zum Beispiel die trans Frauen unter uns tatsächlich als Frauen akzeptiert oder nur, wenn sie jederzeit und überall alle weiblichen Stereotype übererfüllen? Ist da nicht immer irgendwo ein prüfender Blick, was noch "männliches" durchschimmert? Der Gedanke "also eigentlich er ja ein Mann"?
Die Anfeindungen gegen Tessa waren unglaublich massiv. Ich habe damals noch auf Twitter mitbekommen, dass sie nichts schreiben konnte, worauf nicht hunderte von Hasskommentaren kamen. Jede öffentliche Äusserung wurde Anlass, egal wie sie aufgetreten ist. Und dann ist es auch irgendwann egal. Dann ist die Präsentation Stand jetzt mit tätowierter Glatze usw. eine Selbstermächtigung nach dem Motto: "Ich kann es euch sowieso nie recht machen und wer mich nur mit Perücke und aller Anbiederung akzeptiert, akzeptiert mich im Kern eigentlich gar nicht".
"Wir" brauchen
auch solche Menschen. Die starken, die exaltierten, die auffälligen, die Landmarken fern des statistischen Normals setzen. Die den Raum schaffen für jene, die nicht so stark sind und trotzdem nicht die Wahlfreiheit haben, sich "normal" zu tarnen. Viele Schwule und Lesben konnten trotz ihrer nicht-hetero Orientierung ihre fachliche Arbeit machen, weil sie nicht "Token" waren, sondern in den Jahrzehnten davor auch Menschen wie Dirk Bach, Hella von Sinnen, Rosa von Praunheim und andere diese fernen Landmarken gesetzt haben. Und unzählige "ganz-normale" queere Menschen haben davon profitiert, dass diese "schrillen" Menschen all die Ressentiments als Projektionsfläche auf sich genommen haben.
Wir brauchen wie jede Minderheit die ruhigen, unauffälligen
und die extrem sichtbaren. Schon damit jene mit weniger Vorteilen und Wahlfreiheit nicht ausgeschlossen und unter den Bus geworfen werden. Minderheitenrechte gelten nicht nur für "angepasste" - oder solche, die sich überhaupt anpassen
können, sondern entweder für alle oder letztlich gar nicht.
Um den Bogen zu schlagen: Die Akzeptanz ist erreicht, wenn Tessa ihre Fachgebiete - zum Beispiel Forstwirtschaft - als Frau Tessa Ganserer diskutieren kann, egal was sie an- oder auf dem Kopf hat. Das muss akzeptiert werden, so wie heute bunte Haare, Piercings und Tattoos gängig sind - oder Frauen in Hosen im Bundestag.
So, Geschichte: Eigentlich reicht es aber zurück bis in die Anfänge queeren Aktivismus. Die Stonewall Riots, also der Anlass der CSD Demos (1970ff), sind im wesentlichen von nicht-weissen trans Personen gestartet worden, ebenso die ersten Aktivismus- und Selbsthilfegruppen. Und besonders aktiv und sichtbar waren meistens jene, die aufgrund ihres Seins wenig Wahl hatten, zwischen Selbstverleugnung und zu sich zu stehen und die deshalb besonders angefeindet wurden.
Genau diese Leute - Menschen wie wir - sind dann von schwulen Männern übertönt und an den Rand gedrängt worden, weil sie ihnen "zu schrill" oder "too much" waren. Auch innerhalb der entstehenden Gruppen wurde sich entsolidarisiert von jenen, die nicht "bürgerlich getarnt" leben konnten oder wollten. Und zum "nicht können" gehören auch ausgrenzende Strukturen, die keine Wahl lassen. Siehe "Screaming Queens".
Lesben wurden "zugelassen", wenn sie leise genug und nicht zu feministisch waren. Bisexuelle wurden unsichtbar gemacht und trans Personen höchstens geduldet, wenn sie entweder über-passing daher kamen oder als Abbild des Leidens als "Mann im Kleid".
Alfred Biolek war ja okay, aber Dirk Bach oder Freddy Mercury "zu viel". Cornelia Scheel (oder später Anne Will) "angenehm", aber Hella von Sinnen "zu schrill". Rosa von Praunheims hat diese Tarnung und Selbstverzwergung anlässlich der durchaus diskussionswürdigen Outing-Aktion thematisiert. Und wer fällt uns bei trans Personen ein? Romy Haag? Charlotte von Mahlsdorf? Nein, nicht Olivia Jones.
Im trans Bereich haben wir unter anderem deshalb so viel Nachholbedarf, weil in der Vergangenheit so viele stealth gegangen sind. Das ist in allen Einzelfällen völlig verständlich wegen unglaublicher Probleme an allen Ecken und Enden, für die unter anderem auch Gesetze gesorgt haben. Das führte aber auch zu einer fehlenden sichtbaren Unterstützung. Die Buchstaben L, S und B müssen heute kaum noch erklärt werden, selbst wenn die meisten kaum konkrete Vorstellungen haben, aber bei trans muss ich jedes Mal bei den absoluten Grundlagen beginnen.
Im Kink-Bereich das gleiche. Vom Tabuthema Mitte der 80er über langsame Aufklärung - so wie heute über trans -, Skandalisierung und Chic bis zu einer einigemassen Normalisierung heute. Hab ich alles selbst aktiv erlebt. Aber die Diskussion über
kink on pride zum Beispiel gibt es immer noch. Auch innerhalb "der Szene(n)". Wie "offen", wie authentisch dürfen wir auftreten? Es gibt eine Menge kinky Menschen, deren Toleranz genau so weit reicht wie ihre eigenen Kinks gehen. Und eine Menge schwule, lesbische, bi-/pansexuelle und_oder trans Personen, deren Toleranz für die Queerenss anderer genau so weit reicht wie ihr eigenes Begehren und geschlechtliche Verortung und Präsentation.
Diese Debatten sind selbstähnlich in allen Minderheiten. Geschlechtlichen, sexuellen, ethnischen, religiösen, usw. Und sie funktioniert nie über die eigene Unsichtbarmachung.