Meine Zwillingsschwester
Verfasst: Mi 25. Sep 2024, 20:26
Geschwister zu haben ist etwas ganz Wunderbares. Zusammen aufwachsen, zusammen die Welt erkunden, zusammen oder gegeneinander die Grenzen austesten. Es ist eigentlich immer jemand da, der zu einem hält, der beschützt, oder beschützt werden muss, an dem man sich messen und mit dem man sich streiten kann. Ein großer Teil unserer Sozialisierung erfolgt durch unsere Geschwister.
Aber auch im Erwachsenenalter, lange nachdem unsere Eltern gegangen sind, sind unsere Geschwister als nächste Verwandte noch da. Mit einem offenen Ohr, einer offenen Tür und vielleicht auch mal mit einem offenen Wort.
Etwas ganz Besonderes ist es aber einen Zwilling zu haben. Die gemeinsame Zeit beginnt nicht erst nach der Geburt, sondern bereits früh im Mutterleib. Zwillinge verbindet mehr als die gemeinsamen Eltern und der zeitgleiche Geburtstag. Die Verbindung spielt sich auf einer Ebene ab, die für unseren Verstand nicht greifbar ist.
Lange bevor ich denken konnte wusste ich, dass ich nicht alleine bin, dass da noch jemand ist. Dieses Wissen spielte sich auf einer instinktiven Ebene ab. Sie war ganz einfach da. Meine Zwillingsschwester. Natürlich wusste ich damals noch nichts über Jungen und Mädchen und dass sie "anders" war als ich. Rein äußerlich entwickelten wir uns sehr ähnlich. Ich spürte ihre Berührungen, auch ihre Tritte. Wir erkundeten gemeinsam die Welt, auch wenn sie für uns noch recht eingeschränkt war und im Wesentlichen aus den Geräuschen bestand, die aus dem Körper unserer Mutter kamen oder durch diesen zu uns durchdrangen. Wir hörten knallende Geräusche, die uns Angst machten, wir hörten Musik, die uns beruhigte, wir hörten die Stimme unserer Mutter und wussten, dass sie auf uns aufpassen würde.
Jede Entwicklung die ich machte, konnte ich direkt am Körper meiner Zwillingsschwester nachvollziehen, indem ich sie vorsichtig berührte. Allgegenwärtig war auch ihr Herzschlag, der den gleichen Takt hatte wie meiner, sich aber deutlich vom Herzschlag unserer Mutter unterschied.
Irgendwann machte ich eine erschreckende Entdeckung. Unsere Entwicklung verlief nicht mehr parallel. Ich würde immer größer, meine Zwillingsschwester entwickelte sich nicht mehr weiter. Ihr Herzschlag wurde immer schwächer. Ich konnte mittlerweile sehen. Sie war kaum größer als meine Hände. Durch ihre Nabelschnur wurde kaum noch Blut transportiert. Traurig sah sie mich mit ihren noch geschlossenen Augen an. Wir beide spürten, dass uns nicht mehr viel Zeit blieb. Instinktiv wusste ich, dass sie nur eine Chance hatte. Ich nahm sie in meine Hände und drückte sie ganz fest an mich. Nach einiger Zeit spürte ich sie in mir. Ich war um sie herumgewachsen. Und obwohl ihre Nabelschur jetzt abgerissen war, spürte ich nach wie vor ihren schwachen Herzschlag. Ich war beruhigt. Sie war gerettet und würde immer bei mir sein.
Ich entwickelte mich normal weiter und kam als "strammer Junge" in einer natürlichen Geburt auf die Welt.
Leider vergessen wir mit der Geburt alles, was wir im Leib unserer Mutter erlebt haben. Oder anders gesagt: Es wird auf einer Ebene des Unterbewusstseins abgelegt, auf die der Verstand keinen Zugriff hat.
Aber das Unterbewusstsein versucht wichtige Informationen an den Verstand weiterzugeben. Wohl wissend, dass dieser dazu neigt die Informationen des Unterbewusstseins zu ignorieren.
Seit frühester Kindheit habe ich Träume, ich weiß nicht mehr, ob es Nacht- oder Tagträume waren. In diesen Träumen geht es um eine Zwillingsschwester, die irgendwo im Verborgenen lebt. Unter den Brettern des Fussbodens in meinem Kinderzimmer, in einem versteckten Keller im Wald, in einem geheimen Raum auf unserem Heuboden, den ich als Kind nicht betreten durfte. Mal muss ich diese Zwillingsschwester beschützen, mal muss ich sie bekämpfen. Ich habe damals nicht verstanden, was diese Träume mir sagen wollten.
Als junger Erwachsener hatte ich einen Traum, dessen Inhalt ich ehrlich gesagt vergessen habe - bis auf das Ende. Eine Frauenstimme spricht aus dem Dunklen zu mir: "Ich warte schon so lange." Natürlich habe ich diesen Traum fehlinterpretiert. Ich dachte hier würde eine Frau von außen zu mir sprechen. In Wirklichkeit war es meine Zwillingsschwester, die noch immer in mir war und auch mal leben und etwas erleben wollte.
Erst im reifen Alter jenseits der 50 ist ihre Existenz wieder in mein Bewusstsein gerückt.
Wenn ein Arzt sie mit bildgebenden Verfahren aufspüren würde, wäre die Diagnose vermutlich: Eine gutartige Wucherung im Bauchraum, die Botenstoffe produziert.
Ich weiß es besser. Das ist meine Zwillingsschwester, die ich über all die Jahre mit mir getragen habe.
Sie hat natürlich kein eigenes Bewusstsein und keinen eigenen Verstand, keine eigenen Erinnerungen, da sie körperlich nie in ein entsprechendes Entwicklungsstadium gekommen ist. Sie ist in meine Blutversorgung und mein Nervensystem mit eingebunden und muss meinen Körper und meinen Geist mitbenutzen.
Sie hat kein eigenes Bewusstsein, aber, auch wenn dies jetzt sehr merkwürdig klingt: Sie hat eine eigene Persönlichkeit. Durch ihre Fähigkeit Botenstoffe abzusondern, kann sie mich in meinen Tun, Denken und Fühlen beeinflussen.
Sie ist zusammen mit mir sozialisiert worden. Während ich, weil ich davon ausging ein Mann zu sein, von anderen Jungen und Männern abschaute, fühlte sie sich den Mädchen und Frauen zugehörig und schaute bei diesen ab. Dieses ambivalente Lernen ist nicht immer konfliktfrei abgelaufen. Auch wenn sie vermutlich nicht größer ist als eine Walnuss, ist sie doch in der Lage meinen kompletten Körper mit Glückshormonen und anderen Botenstoffen zu fluten, was häufig in den "falschen" Augenblicken geschehen ist.
Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass sie mich nicht bekämpft, sondern nur versucht auch ein wenig Teilhabe am Leben zu nehmen. Ein eigener Körper ist ihr verwehrt geblieben, also stelle ich ihr meinen zur Verfügung. Sie dankt es mir, indem sie mir Emotionen und Erfahrungen bereitet, die ich vorher nicht gekannt habe. Ich ziehe mich eine Zeitlang zurück und lasse sie machen. Sie hat keine großen Ambitionen. Sie möchte einfach nur ein wenig Leben und dieses wenige Leben so gut wie möglich genießen. Ihr größtes Glück ist es als Mensch wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Sie lässt keine Spiegel aus um sich jedes mal zu vergewissern, dass sie auch wirklich existiert. Ich schaue ihr heimlich im Spiegel zu und freue mich, dass sie sich allen Widrigkeiten zum Trotz zu einer durchaus passablen Frau entwickelt hat.
Psychologen würden sicherlich eine "dissoziative Identitätsstörung" vermuten. Das ist aber nicht der Fall. Ich weiß immer was sie tut, habe keine Erinnerungslücken und seitdem ich sie akzeptiert habe belastet mich ihre Existenz nicht mehr. Wir sind nicht gestört. Wir müssen uns nur einen Körper teilen.
Mit ihrer Existenz steigt natürlich meine Verantwortung mit meinem (unserem) Körper besonders achtsam umzugehen. In der wenigen Zeit, in der sie aktiv sein kann, soll sie sich nicht für ihren (unseren) Körper schämen müssen.
Ich profitiere aber auch von ihrem Dasein: Sie verleiht mir Fähigkeiten, die nach althergebrachten Geschlechterklischees eher als "typisch weiblich" angesehen werden, die mir im Alltag aber eine Menge Vorteile bringen. Eine klassische Win- Win- Situation!
So hat sich am Ende für uns beide doch noch alles zum Guten gewendet.
Aber auch im Erwachsenenalter, lange nachdem unsere Eltern gegangen sind, sind unsere Geschwister als nächste Verwandte noch da. Mit einem offenen Ohr, einer offenen Tür und vielleicht auch mal mit einem offenen Wort.
Etwas ganz Besonderes ist es aber einen Zwilling zu haben. Die gemeinsame Zeit beginnt nicht erst nach der Geburt, sondern bereits früh im Mutterleib. Zwillinge verbindet mehr als die gemeinsamen Eltern und der zeitgleiche Geburtstag. Die Verbindung spielt sich auf einer Ebene ab, die für unseren Verstand nicht greifbar ist.
Lange bevor ich denken konnte wusste ich, dass ich nicht alleine bin, dass da noch jemand ist. Dieses Wissen spielte sich auf einer instinktiven Ebene ab. Sie war ganz einfach da. Meine Zwillingsschwester. Natürlich wusste ich damals noch nichts über Jungen und Mädchen und dass sie "anders" war als ich. Rein äußerlich entwickelten wir uns sehr ähnlich. Ich spürte ihre Berührungen, auch ihre Tritte. Wir erkundeten gemeinsam die Welt, auch wenn sie für uns noch recht eingeschränkt war und im Wesentlichen aus den Geräuschen bestand, die aus dem Körper unserer Mutter kamen oder durch diesen zu uns durchdrangen. Wir hörten knallende Geräusche, die uns Angst machten, wir hörten Musik, die uns beruhigte, wir hörten die Stimme unserer Mutter und wussten, dass sie auf uns aufpassen würde.
Jede Entwicklung die ich machte, konnte ich direkt am Körper meiner Zwillingsschwester nachvollziehen, indem ich sie vorsichtig berührte. Allgegenwärtig war auch ihr Herzschlag, der den gleichen Takt hatte wie meiner, sich aber deutlich vom Herzschlag unserer Mutter unterschied.
Irgendwann machte ich eine erschreckende Entdeckung. Unsere Entwicklung verlief nicht mehr parallel. Ich würde immer größer, meine Zwillingsschwester entwickelte sich nicht mehr weiter. Ihr Herzschlag wurde immer schwächer. Ich konnte mittlerweile sehen. Sie war kaum größer als meine Hände. Durch ihre Nabelschnur wurde kaum noch Blut transportiert. Traurig sah sie mich mit ihren noch geschlossenen Augen an. Wir beide spürten, dass uns nicht mehr viel Zeit blieb. Instinktiv wusste ich, dass sie nur eine Chance hatte. Ich nahm sie in meine Hände und drückte sie ganz fest an mich. Nach einiger Zeit spürte ich sie in mir. Ich war um sie herumgewachsen. Und obwohl ihre Nabelschur jetzt abgerissen war, spürte ich nach wie vor ihren schwachen Herzschlag. Ich war beruhigt. Sie war gerettet und würde immer bei mir sein.
Ich entwickelte mich normal weiter und kam als "strammer Junge" in einer natürlichen Geburt auf die Welt.
Leider vergessen wir mit der Geburt alles, was wir im Leib unserer Mutter erlebt haben. Oder anders gesagt: Es wird auf einer Ebene des Unterbewusstseins abgelegt, auf die der Verstand keinen Zugriff hat.
Aber das Unterbewusstsein versucht wichtige Informationen an den Verstand weiterzugeben. Wohl wissend, dass dieser dazu neigt die Informationen des Unterbewusstseins zu ignorieren.
Seit frühester Kindheit habe ich Träume, ich weiß nicht mehr, ob es Nacht- oder Tagträume waren. In diesen Träumen geht es um eine Zwillingsschwester, die irgendwo im Verborgenen lebt. Unter den Brettern des Fussbodens in meinem Kinderzimmer, in einem versteckten Keller im Wald, in einem geheimen Raum auf unserem Heuboden, den ich als Kind nicht betreten durfte. Mal muss ich diese Zwillingsschwester beschützen, mal muss ich sie bekämpfen. Ich habe damals nicht verstanden, was diese Träume mir sagen wollten.
Als junger Erwachsener hatte ich einen Traum, dessen Inhalt ich ehrlich gesagt vergessen habe - bis auf das Ende. Eine Frauenstimme spricht aus dem Dunklen zu mir: "Ich warte schon so lange." Natürlich habe ich diesen Traum fehlinterpretiert. Ich dachte hier würde eine Frau von außen zu mir sprechen. In Wirklichkeit war es meine Zwillingsschwester, die noch immer in mir war und auch mal leben und etwas erleben wollte.
Erst im reifen Alter jenseits der 50 ist ihre Existenz wieder in mein Bewusstsein gerückt.
Wenn ein Arzt sie mit bildgebenden Verfahren aufspüren würde, wäre die Diagnose vermutlich: Eine gutartige Wucherung im Bauchraum, die Botenstoffe produziert.
Ich weiß es besser. Das ist meine Zwillingsschwester, die ich über all die Jahre mit mir getragen habe.
Sie hat natürlich kein eigenes Bewusstsein und keinen eigenen Verstand, keine eigenen Erinnerungen, da sie körperlich nie in ein entsprechendes Entwicklungsstadium gekommen ist. Sie ist in meine Blutversorgung und mein Nervensystem mit eingebunden und muss meinen Körper und meinen Geist mitbenutzen.
Sie hat kein eigenes Bewusstsein, aber, auch wenn dies jetzt sehr merkwürdig klingt: Sie hat eine eigene Persönlichkeit. Durch ihre Fähigkeit Botenstoffe abzusondern, kann sie mich in meinen Tun, Denken und Fühlen beeinflussen.
Sie ist zusammen mit mir sozialisiert worden. Während ich, weil ich davon ausging ein Mann zu sein, von anderen Jungen und Männern abschaute, fühlte sie sich den Mädchen und Frauen zugehörig und schaute bei diesen ab. Dieses ambivalente Lernen ist nicht immer konfliktfrei abgelaufen. Auch wenn sie vermutlich nicht größer ist als eine Walnuss, ist sie doch in der Lage meinen kompletten Körper mit Glückshormonen und anderen Botenstoffen zu fluten, was häufig in den "falschen" Augenblicken geschehen ist.
Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass sie mich nicht bekämpft, sondern nur versucht auch ein wenig Teilhabe am Leben zu nehmen. Ein eigener Körper ist ihr verwehrt geblieben, also stelle ich ihr meinen zur Verfügung. Sie dankt es mir, indem sie mir Emotionen und Erfahrungen bereitet, die ich vorher nicht gekannt habe. Ich ziehe mich eine Zeitlang zurück und lasse sie machen. Sie hat keine großen Ambitionen. Sie möchte einfach nur ein wenig Leben und dieses wenige Leben so gut wie möglich genießen. Ihr größtes Glück ist es als Mensch wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Sie lässt keine Spiegel aus um sich jedes mal zu vergewissern, dass sie auch wirklich existiert. Ich schaue ihr heimlich im Spiegel zu und freue mich, dass sie sich allen Widrigkeiten zum Trotz zu einer durchaus passablen Frau entwickelt hat.
Psychologen würden sicherlich eine "dissoziative Identitätsstörung" vermuten. Das ist aber nicht der Fall. Ich weiß immer was sie tut, habe keine Erinnerungslücken und seitdem ich sie akzeptiert habe belastet mich ihre Existenz nicht mehr. Wir sind nicht gestört. Wir müssen uns nur einen Körper teilen.
Mit ihrer Existenz steigt natürlich meine Verantwortung mit meinem (unserem) Körper besonders achtsam umzugehen. In der wenigen Zeit, in der sie aktiv sein kann, soll sie sich nicht für ihren (unseren) Körper schämen müssen.
Ich profitiere aber auch von ihrem Dasein: Sie verleiht mir Fähigkeiten, die nach althergebrachten Geschlechterklischees eher als "typisch weiblich" angesehen werden, die mir im Alltag aber eine Menge Vorteile bringen. Eine klassische Win- Win- Situation!
So hat sich am Ende für uns beide doch noch alles zum Guten gewendet.