Flora war zum ersten Mal unter Leuten, in einem belebten Stadtzentrum draußen
- und das, obwohl sie eigentlich gar nicht nach Italien mitfahren wollte. Aber so ganz weit weg von daheim, vom Alltag, von jeder Gefahr, erkannt zu werden, ist sie dann doch noch spontan nachgekommen. Und weil sie sich das ohne die ganzen tollen Erfahrungsberichte, die in diesem Forum in Tagebüchern, in Tips und Antworten auf Fragen und in Urlaubsberichten verstreut zu lesen sind, womöglich nie getraut hätte, möchte ich hier auch etwas zurückgeben. Für die alten Hasen (bzw. Häsinnen) vielleicht langweilig, aber ich war für Berichte dieser Art immer sehr dankbar, also freue ich mich, wenn es vielleicht der einen oder anderen dabei hilft, sich nach draußen zu wagen. Rausgehen ist nicht gleich rausgehen...
Den hier im Forum vielfach gegebenen Tip, besser in der Menge statt in der Dunkelheit unterzutauchen, habe ich mich nun zum ersten Mal spontan zu beherzigen getraut. Bei Dunkelheit aus dem Haus zu schleichen und in einer fast menschenleeren Vorstadtgegend (Sicherheitsgefühl war dort durchaus gegeben) leidlich geschminkt und mit Perücke durch die Gegend zu stöckeln, noch dazu im Winter mit Mütze und dickem Wintermantel - diese Erfahrung habe ich vor Jahren schon ein paar Mal gemacht. Dann lange nichts. Und nun ein neuerliches erstes Mal unter Leuten bei sommerlichen Temperaturen.
Sich unter Leute trauen
Man kann es hundert Mal hier im Forum lesen, wie man in einer belebten Menschenmenge untergeht, aber man muss es selbst erlebt haben, mit der Befürchtung von allen Seiten angegafft zu werden loszuziehen - und um keine Illusionen aufkommen zu lassen: hin und wieder passiert das natürlich - um dann aber fast schon verblüfft festzustellen, dass 95-98% der Passanten in ihr Gespäch, ihr Smartphone, ihre Gedanken vertieft sind, nicht weiter genau hinschauen oder einfach Besseres im Sinn haben. Und mehr als zu schauen, sich mal nach einem umzudrehen oder allerhöchstens noch ein bisschen zu tuscheln, machen die übrigen in der Regel auch nicht, bevor sie nach wenigen Sekunden ohnehin wieder außer Hör- und Sichtweite sind.
Äußerlichkeiten
Um das vielleicht etwas besser einordnen zu können: ich werde meist auf Mitte 30 geschätzt, bin groß, aber nicht riesig, habe zwar durchaus eher männliche Gesichtszüge und Schultern, sehe aber auch nicht wie eine Bulldogge oder wie ein Schrank aus, Schuhgröße im Bereich, wo man gerade noch ein bisschen Auswahl hat, Bauch keine Wampe, aber noch nicht ganz crop-top-fähig (bin aber tatsächlich auf einem guten Weg dahin), und bin stolzer Besitzer dichter, gut schulterlanger Haare, wo der Man-Bun schnell in einen mittelhohen Pferdeschwanz mit pastellfarbenem Stoffhaargummi umgestylt ist - insgesamt also mittelgute Voraussetzungen, zwar ganz gewiss nicht für ein Passing bei direktem Blickkontakt oder gar näherem Hinsehen, aber genug, um nicht aus hundert Meter Entfernung aufzufallen, trotz in der konkreten Situation eher schlechter Voraussetzungen (kein Make-up dabei, weder richtige Damenschuhe noch -brille dabei, keine Shapewear) - das ganze war ja spontan. Oder besser gesagt, Flora hat sich gemeldet in Form eines im Sale entdeckten supergünstigen violetten Tops (weite halblange Ärmel und breites Dekolletee, die beide die Schultern schmaler wirken lassen, und ein Peplum für optisch mehr Hüfte) und des Zufallsfundes einer zusammen mit zahlreichen aussortierten Kleidungsstücken achtlos neben einem Restmüll(!)container entsorgten und dennoch sauberen Handtasche. Also war erstmal Shoppen angesagt, trotz des vollen Kleiderschranks daheim. Nur meine Vty-Sneaker gingen schon mal als unisex durch.
Shopping
Im Einkaufszentrum habe ich in verschiedenen Läden mehr oder weniger auffällig Sachen in die Umkleidekabinen mitgenommen, ohne dass sich jemand beschwert oder komisch geschaut hätte, vielleicht hat auch niemand was mitbekommen. Ich trug Jeans und ein eng anliegendes einfaches Oberteil, die Haare als tiefen Pferdeschwanz gebunden (mit einfachem Haargummi), habe also trotz insgesamt erkennbar männlichem Auftreten optisch nicht aktiv den Eindruck unterbunden, dass die Sachen womöglich für mich sein könnten. Dort, wo ich dann letztendlich den weißen Maxirock (Beine waren ja nicht enthaart, und scheint ohnehin grad modern zu sein) und das Untertop gekauft habe, gab es eine besetzte Theke am Eingang zur Umkleidekabine und fast hätte ich mich nicht getraut, aber als ein freundlich aussehender Typ Mitte 20 dortstand, habe ich gefragt, ob es etwas ausmacht, wenn ich das anprobiere, und die Antwort war "Nein, nein, kein Problem", völlig natürlich im Tonfall, vielleicht noch so etwas wie "nett, dass du extra fragst, ist aber echt ok" mitschwingend. Bei der Unterwäsche hat mich dann bei Intimissimi und Calzedonia unter dem strengen Blick der jungen Verkäuferinnen der Mut etwas verlassen und es wurde am Ende ein einfacher Push-up-BH und ein passendes Höschen aus der Shop-in-shop-Filiale eines großen Bekleidungsgeschäftes innerhalb des SB-Warenhauses im Einkaufszentrum. An der Kasse ein bisschen geschaut, wo ich nicht zu lange in der Schlange stehe, dann Augen zu und durch, die Unterwäsche, einen kleinen Flacon mit Damenduft und ein paar Lebensmittel aufs Band, die Kassiererin (Ende 50) wird sich ihren Teil gedacht haben, hat sich aber absolut nichts anmerken lassen und war freundlich wie zu jedem anderen Kunden vor mir auch.
Los geht's
Zum Umziehen war mir auf der Toilette dann zu viel Betrieb, und ehrlich gesagt war es mir dann auch fast lieber, nicht als allererstes frontal durch das Einkaufszentrum zu flanieren, in dem ich mich schon seit geraumer Zeit aufhalte. Also in einer ruhigen Ecke des riesigen Parkplatzes im Auto umgezogen, und ab Richtung Ausfahrt. Was ich dann auf der Straße so nicht erwartet hatte war, dass dermaßen viele Autofahrer im Gegenverkehr oder auf der Nebenspur einen Blick riskieren, wenn man mit Pferdeschwanz und violettem, ausgeschnittenem Top im Wagen sitzt... und wenn man da so in Sekundenschnelle aneinander vorbeihuscht, weiß man halt nicht so genau, welches Bild da grad im Kopf entsteht: Nehmen sie eine weibliche Silhouette wahr, begierig, mehr davon zu sehen? Oder nehmen sie einen Typen in Frauenkleidung wahr, den sie mal schnell begaffen müssen? Eigentlich egal, man ist ja geborgen in seiner Blechkiste und sofort wieder weg, aber ich muss gestehen, dass ich die Sonnenblende dann nicht nur wegen der Abendsonne runtergeklappt habe. Durch eine Brotzeit und ein kleines Bierchen auf einem Parkplatz am Straßenrand gestärkt habe ich dann noch die letzten 3-4 Kilometer bis zu einem Parkplatz am Rand der Fußgängerzone zurückgelegt.
Floras Bühne
Im Grunde genommen ist es mit dem Rausgehen eine Mischung aus der Alone-in-the-dark- und der Shopping-Mall-Variante geworden, nämlich das Stadtzentrum einer mittelgroßen Provinzhauptstadt im liberalen Norden dieses in Teilen ja doch eher konservativen Landes, warmer Frühsommerabend mit mäßig belebten Straßen und Plätzen und gut besuchten Cafe- und Restaurantaußenbereichen bei einsetzender Dämmerung, und ich kann ein solches Setting auch im Nachhinein nur empfehlen: kein Gedränge, aber reichlich Menschen, die genug anderes zum Gucken haben und die zudem in einem echten Notall auch hätten helfen können bzw. ihn durch ihre bloße Anwesenheit unwahrscheinlich machen, früh genug, um keinen finsteren alkoholisierten Nachtgestalten zu begegnen, und spät genug dafür, dass die Lichtverhältnisse zumindest die gröbsten Kanten in den Gesichtszügen gnädig verschleiern.
Hinein ins Getümmel
Auf den ersten Metern waren kaum Leute unterwegs, was für mich auch gut war, um erst noch so richtig in Flora anzukommen, in ihrer Gangart, ihrer Haltung, für alle Fälle in ihrer Stimme (letztendlich habe ich aber mit niemandem mehr als ein Wort gewechselt).
Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Obwohl erstmal kaum jemand in Sichtweite war, war da ein Gefühl der Exponiertheit, aber das Kribbeln kam ganz überwiegend doch von dem Hochgefühl, sich das hier tatsächlich zu trauen. Im abendlichen Schatten der Alleebäume in der links und rechts von den Fahrbahnen des Alttadtrings gesäumten Anlage dann zum ersten Mal das leicht mulmige Gefühl: folgt mir vielleicht jemand?, man schaut zurück über die Schulter und obwohl niemand Bedrohliches zu sehen ist, fragt man sich: gehe ich da lang wo ich wollte, oder doch besser dort, wo es heller ist?, dann die Betroffenheit auslösende Erkenntnis, dass man gerade zum allerersten Mal am eigenen Leib spürt, nicht nur rational erfasst, sondern wirklich spürt, was für den weiblichen Teil der Bevölkerung von Jugend an vielerorts leider der ganz normale Alltag ist. Durch das häufige Umdrehen konnte ich aber auch beobachten, dass mir entgegenkommende Passanten sich ihrerseits selten nach mir umdrehten, und das war dann so beruhigend wie überraschend nach den Erlebnissen auf der Autofahrt.
Wo es belebter war, gab es dann viele Menschen, die in dem Trubel keine Notiz von mir nahmen, manche schauten auch, so wie viele Menschen eben entgegenkommende Passanten scannen. Weitergehende Reaktionen gab es wie gesagt nur selten, und vielleicht ein oder zweimal ein Johlen und ein "oh mein Gott" aus den Reihen der Außengastronomie, um die ich bewusst nicht extra einen Bogen gemacht habe, und schließlich ist da für viele Leute vor und nach dem Essen das Sehen und Gesehenwerden die Hauptbeschäftigung. Aber da sich solche Sachen prozentual sehr in Grenzen hielten, konnte ich damit gut umgehen und erhobenen Hauptes weitergehen.
Überhaupt die Haltung: es lohnt sich, das vorher zu üben. Es hat lange gedauert, bis ich es raushatte, mich mit leicht(!) mitschwingenden Hüften, enger Armhaltung und entsprechendem Gang, Brust raus, Schultern nach hinten, den Rücken durchgedrückt, Kopf nach oben zu bewegen, und noch viel länger, bis es sich nicht mehr völlig verkrampft anfühlte (und sicherlich auch aussah). Man kann den Effekt gar nicht hoch genug einschätzen, nicht nur weil man weniger als Fremdkörper auffällt, sondern weil diese Haltung Selbstsicherheit ausstrahlt, und zwar sowohl nach innen als auch nach außen, man sich also nicht nur weniger angreifbar fühlt, sondern es ein Stück weit auch tatsächlich ist.
Das eine oder andere ehrlich anerkennende Lächeln bleibt dann nicht aus, und gerade wenn man sonst eher die "graue Maus" ist, sind diese positiven Momente der ungewohnten Aufmerksamkeit schon ein sehr erhebendes Gefühl, das für die paar unangenehmen Momente mehr als entschädigt. Ein kleines Highlight war dann auch, als mir ein junger Mann, der mir an einer Bürgersteig-Engstelle entgegenkam, routiniert höflich den Vortritt gelassen hat - erkennbar ganz ohne Hintergedanken, was ich im Vorbeigehen mit einem fast stimmlos dahingehauchten "grazie" quittierte, bevor ich mich per Schulterblick versichern konnte, dass er mir in keiner Weise irgendwie nachgegafft hat. Auch wenn ich mit Männern nichts anfangen kann, hab ich mich da schon ein wenig geschmeichelt gefühlt.
Insgesamt bin ich wohl so zwei Stunden herumspaziert, hab gelegentlich in Schaufenster geschaut oder die beleuchteten Fassaden der historischen Gebäude bestaunt und die Infotafeln davor gelesen. Wenn ich mal wieder so was mache - hoffentlich dann ordentlich geschminkt und überhaupt besser zurechtgemacht - will ich aber auch den direkten Kontakt zu anderen Menschen wagen, wie Essen bestellen oder shoppen. So bin ich erstmal müde, aber mit einem glücklichen Hochgefühl zurück zum Auto. Das Einsteigen mit Maxirock muss ich aber noch üben...
tl;dr: Schön war's und aufregend