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Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Di 21. Mai 2024, 10:16
von Sophia69
Hallo zusammen,
ausgehend von Julias (More Than2m) Thread. Spiegel - Hormonbehandlung - Auf einmal verändert sich das Denken..., möchte ich zum einen offen und nicht rhetorisch bei den Personen von euch nachfragen die bereits in Hormontherapie sind, ob ihr die Erfahrung teilt, dass mit der HET die Gefühlswelt sich in Richtung der üblichen Rollenklischees hin verändert? Zum anderen möchte ich anmerken, dass diese Rollenklischees ihren Ursprung in der Zeit der Aufklärung haben und dort insbesondere der Macho Kant federführend war. So attestierte er und auch Herren, wie Rousseau, dem Mann, einen tiefen Verstand, welcher ihm zur edlen Tugend führt, so zum Beispiel, dass er das Böse vermeidet, weil es Unrecht ist und nicht wie die Frau mit ihrem schönen Verstand und der daraus resultierenden schönen Tugend, welche das Böse vermeidet, weil es hässlich ist.
Hieraus und aus vielem weiteren Unfug wird der Mann beschrieben als, dass er rau, hartherzig, egozentrisch, aber auch fest, beständig, kühn, mutig, aktiv und stark ist. Für die Frau ergibt sich folgendes Bild, dass sie mitleidig, mildtätig, sittlich, religiös ist, aber auch wankend, passiv und schwach.
Häufig unterliege ich dem Eindruck, auch hier, wenn ich im Forum lese, dass einige von uns um sich in ihrer Weiblichkeit zurecht zu finden auch mal gerne sich mehr oder weniger an diese Klischees klammern. Darauf komme ich dadurch, dass häufig davon berichtet wird, wenn die HET ihre ersten Wirkungen zeigt, ein Wandel sich vollzieht, hin vom Rauen, Hartherzigen zum Weichen, Emphatischen.
Ist das wirklich so? Und damit verbunden hatten die "großen Aufklärer" tatsächlich recht mit ihren Zuschreibungen für Mann und Frau? Kann es vielleicht sein und jetzt wird's rhetorisch, dass wir so tief durch unsere kulturelle Prägung immer noch in den alten Rollenklischees verhaftet sind und auch wir hier häufig noch uns dieser bedienen?
Zukunftsweisender und vielversprechender empfinde ich die Ansicht der US amerikanischen Philosophen Judith Butler, die folgenden Thesen aufgestellt hat: Die Unterscheidung zwischen Sex und Gender führt zu einer Spaltung der (angeblichen) Einheit des Subjekts. Die Binärität der anatomischen Geschlechter ist zweifelhaft. Wenn wir die Trennung von Sex und Gender radikal denken, dann folgt daraus: Das Konstrukt Mann kommt nicht ausschließlich dem männlichen Körper zu. Ebenso wenig das Konstrukt Frau nur dem weiblichen Körper zu. Es gibt kein Grund nur zwei Gender anzunehmen. Es kann genauso gut mehr als zwei Geschlechtsidentitäten geben. Sex ist immer schon Gendern. Letztendlich sagt sie wörtlich: "Ich sage nicht, dass es keine anatomische Differenz gibt, aber wir sehen sie nie, ohne sie schon zu interpretieren".
Sehr würde ich mich über das Mitteilen eurer Erfahrung und oder auch Meinungen zu diesem Thema freuen.
Liebe Grüße
Sophia
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Di 21. Mai 2024, 10:32
von Mirjam
Dann will ich gleich mal die erste sein
Hmm "¦ also ob Rollenklischees wirklich was mit der Hormontherapie zu tun haben? Ich weiß ja nicht — ich würde eher vermuten, dass ein Wechsel ins "weibliche Klischee" mit der Erkenntnis kommt, eine Frau zu sein (oder natürlich umgekehrt bei transgeschlechtlichen Männern). Allerdings muss das nicht so sein, das sehe ich ja an mir. Ich habe nie wirklich "die andere Seite" gelebt, und so hat sich bei mir nicht ganz so viel verändern können als bei den meisten, die einen ähnlichen Weg gehen. Andererseits bin ich bestimmt nicht die "Klischee-Frau", ich will es auch gar nicht sein. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn man(n) mir die Türen aufhält, obwohl ich eigentlich schneller an der Türe wäre und meine Hände frei habe. Ich behaupte auch mal, ich kann immer noch mit Werkzeug umgehen

und finde das Arbeiten damit auch gar nicht schlimm. Und bestimmt noch so einiges anderes "¦
Aber wenn ich jetzt das hier lese
Sophia69 hat geschrieben: Di 21. Mai 2024, 10:16
Hieraus und aus vielem weiteren Unfug wird der Mann beschrieben als, dass er rau, hartherzig, egozentrisch, aber auch fest, beständig, kühn, mutig, aktiv und stark ist. Für die Frau ergibt sich folgendes Bild, dass sie mitleidig, mildtätig, sittlich, religiös ist, aber auch wankend, passiv und schwach.
und darüber nachdenke, dann bin ich mir gar nicht mehr so sicher. Irgendwie passen die angeblich weiblichen Eigenschaften doch besser zu mir. Das war allerdings schon in der "vor-Mirjam-Zeit" so gewesen. Ja, ich bin einfach nicht "normal", und das ist auch gut so
LG
Mirjam

Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Di 21. Mai 2024, 11:43
von Susi T
Ein interessantes und komplexes Thema.
Wir stehen doch alle im ständigen Austausch mit unserer Gesellschaft. Die Rollenklisches mögen tendenziell passen, aber es gibt immer auch deuliche Abweichungen.
Ein Mann mit vielen Eigenschaften die sonst einer Frau zugesprochen werden? Wie kommt der mit seinen Mitmenschen klar? Nach meiner Erfahrung stößt er ganz schnell auf Unverständnis und damit vorallem bei vielen Männern auf Ablehnung. Bist du Schwul, können manche Dinge Heutzutage vieleicht einsortiert werden und zumindest Frauen tun sich dann mit der Akzeptanz leichter. Aber in der Männerwelt ist es extrem schwer nicht zum Aussenseiter gestempelt zu werden, gemobbt und verachtet.
In meiner Kindheit/Jugend habe ich mich in Kämpfe gestürzt, kein Gegner war mir zu Groß oder zu stark, auch wenn ich klein und Schwach war. Aber so hab ich mir immer Respekt erkämpft und konnte "normal" leben, inmitten meiner Freundinnen, aber immer bereit mich zu wehren.
Als Frau kann ich mir den ganzen Stress sparen, ich komme mit Männern ganz selbstverständlich klar, ich lasse mir gerne die Tür aufhalten, oder bei Arbeiten helfen, die andere besser können. Habe höchstens mal Probleme, wenn sie unfähig sind und sich nichts sagen lassen wollen, das sind dann leider die Schattenseiten des ganzen. Manchmal akzeptiere ich es mit einem Lächeln, aber ich hab mich auch schon gegen Wiederstände durchgesetzt, oder einfach gezeigt, das ich auch eine taffe Seite hab.
Das wesendliche ist für mich, so sein zu können wie es mir entspricht und da habe ich einige typisch weibliche Seiten für die ich mich nicht mehr schäme, sondern im Gegenteil mit ihnen nun auf Verständnis treffe und viel leichter Leben kann.
Kleine Anmerkung am Rande: großen Frauen werden leichter ein paar typisch männliche Eigenschaften zugebilligt bzw. Kompetenzen zugestanden, das merke ich zwar manchmal, aber spätestens wenn ich in einem vollen Saal sitze und es um Technik geht, sind vorallem (ältere) Frauen kaum in der Lage einer anderen Frau zuzuhören.
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Di 21. Mai 2024, 15:23
von Céline
Sehr gutes Thema....
Ich versuche einmal in wenigen Worten früher und Heute zu beschreiben
Mein altes Ich: Introvertiert, Verschlossen, Schüchtern, Arbeitswütig, Verträumt und teilweise sehr aggressiv und doch geduldig und friedlich
Heute: Jetzt wirds länger. Heute bin ich zielstrebig und setzte mir soooo viele Ziele...wahrscheinlich lebe ich nicht so lange um alles zu erreichen aber das ich gut so denn dann bleiben mir viele Träume. Ich bin sehr Dominant bis auf eine Ausnahme und schätze es doch sehr auf Händen getragen zu werden was so typische Dinge wie Tür aufhalten etc beinhaltet. Ich stehe im Gegensatz zu früher als ich am liebsten unsichtbar gewesen wäre im Rampenlicht und Menschenscheue kenne ich nicht. Ich liebe das Rampenlicht. Kleider und tägliches Styling sind für mich nebensächlich und im Alltag stehe ich meine "Frau" auch im Blaumann. Früher war das tragen gegengeschlechtlicher Kleidung essentiell wichtig um mich wohlzufühlen. Heute brauch ich keine Einflüsse von Außen um zu wissen wer ich bin. Mein Spiegelbild zeigt mein Abbild....Einfach Ich unabhängig von Männlichen oder Weiblichen Vorstellungen.
Positiv...so würde ich meine Ausstrahlung beschreiben. Und genau das bekomme ich von meiner Außenwelt zurück. Ein Ankommen das in Worte nicht zu beschreiben ist, unabhängig von Klischees.
Was nicht heißt das ich nicht Hinterfrage, Kritisiere, Forsche und unbequeme Meinungen laut sage. Manche sagen ich hätte mehr "Ei.." in der Hose als so mancher Mann
Der kleine Junge und später Ruhige und Schüchterne Mann hat der Lautstarken Selbstbewussten Extrovertierten Frau den Weg geebnet und freigemacht .
Klischees kann man so und so sehen...vielleicht steckt vieles von Anfang an in uns und wartet nur frei gelassen zu werden... man muss es nur zulassen und zielstrebig seinen Weg gehen.
Wie immer ich
Céline
Eines erfühle ich tatsächlich...ich bin Zickig geworden und rede wie ein Wasserfall

Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Di 21. Mai 2024, 16:57
von Lillie
Ich gehöre eigentlich gar nicht in diese Diskussionsrunde, da ich mich nicht als Frau fühle sondern klar Crossdresser bin. Trotzdem entdecke ich in mir Eigenschafften, die man eher einer Frau zuschreibt. Ich kann keine Filme sehen in denen es um verletzte oder sterbenskranke Kinder geht. Ich kann keine Nacktschnecken im Garten mit der Schere abmurksen ( das muss meine Frau machen)weil sie den Salat wegfressen. Ich glaube, dass ich mich sehr in andere Personen hineinfühlen kann wenn es ihr schlecht geht usw. Ergo: in jedem Menschen Eigenschafften, die man allgemein einem Geschlecht zuordnet. Davon sollte man sich lösen.
Viele Grüße
Lillie
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Di 21. Mai 2024, 17:33
von Patricia
Ich hatte das bereits in anderen Themen geschrieben, meine emotionale Welt hat sich mit der HET stark verändert. Ich bin deutlich weniger aggressiv, weniger dominant, (auch wenn ich es immer noch bin) dafür bin ich viel näher am Wasser gebaut. Und dennoch bei weitem nicht so nahe wie Mirjam

(was ich manchmal gerne wäre)
Auch meine Gedankenwelt ist eine andere, irgendwie. Das lässt sich schwer beschreiben.
Und ja ich kann den aggressiven, dominanten, lauten Kerl immer noch "auspacken" falls es nötig sein sollte. Da spielen die Erfahrungswerte eine Rolle, nur war das früher selbstverständlich und heute ist es eher eine sehr bewußte Entscheidung doch anders zu handeln als ich eigentlich möchte.
LG
Patricia
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Di 21. Mai 2024, 19:54
von Aria
Woher kommen denn bestimmte Rollenklischees? Von Beobachtungen der jeweiligen Personengruppen über viele Generationen. Die sind aber nicht in Stein gemeiselt und ändern sich fortwährend. Dennoch bleiben einige Kernaussagen zur männlichen oder weiblich gelesenen Personengruppe bestehen; z.B. zurückhaltender für Frauen und aggressiver für Männer. Als Ursache für diese Verhaltensweisen, würde ich definitiv Hormone nennen. Wie sehr das bei der jeweiligen Person in Erscheinung tritt, ist aber eine sehr individuelle Sache. Von daher würde ich sagen dass HET und Rollenklischees nicht in direktem Zusammenhang zu sehen sind, sondern viel mehr daraus gebildet werden.
Aussagen die ein Zusammenhang von HET und Rollenklischees beinhalten und für die Rechtfertigung einer Transition gebraucht werden, sehe ich kritisch und frage mich dann, ob diese Person nicht zu sehr Klischeebildern aufgesessen ist.
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Mi 22. Mai 2024, 07:13
von Momo58
Ich denke, das sind 2 verschiedene Paar Stiefel. Nach meiner HET hat sich mein emotionales denken und fühlen geändert und ist eindeutig weiblich geworden. Die Rollenklischees entspringen den gesellschaftlichen veralteten Vorstellungen, wie eine Frau zu sein hat. Wie habe ich denn als Frau zu sein? Nach dem Diktat der Gesellschaft? In diese Fall tappen viele. Das ist mir am Anfang auch passiert. Nein, ich bin ich, mit allen Ecken und Kanten, mit all meinen weiblichen Emotionen und das ist gut so.
LG Manuela
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Mi 22. Mai 2024, 07:52
von Sophia69
Aria hat geschrieben: Di 21. Mai 2024, 19:54
Woher kommen denn bestimmte Rollenklischees? Von Beobachtungen der jeweiligen Personengruppen über viele Generationen. Die sind aber nicht in Stein gemeiselt und ändern sich fortwährend. Dennoch bleiben einige Kernaussagen zur männlichen oder weiblich gelesenen Personengruppe bestehen; z.B. zurückhaltender für Frauen und aggressiver für Männer. Als Ursache für diese Verhaltensweisen, würde ich definitiv Hormone nennen. Wie sehr das bei der jeweiligen Person in Erscheinung tritt, ist aber eine sehr individuelle Sache.
Hallo Aria,
da Möchte ich dir widersprechen. Wie eingangs erwähnt, dienen diese Rollenklischees, verbreitet durch das Patriarchat zur Machterhaltung auf Seiten der Männer und Unterdrückung der Frauen.
Außerdem belegen viele glaubwürdige Studien, dass Mädchen nicht weniger aggressiv sind als Jungen. Sie werden nur anders erzogen, so dass Aggressionen bei Ihnen viel weniger geduldet werden.
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Mi 22. Mai 2024, 11:26
von Magdalena
Hallo,
bei mir begann die Hormontherapie fast zeitgleich mit der vollzogenen Personenstandsänderung. Beides hatte Auswirkungen auf mein Wohlbefinden. Die Zeit des sich Verstellens war vorbei. Bald zeigten sich erste Veränderungen bei mir. Das Brustwachstum setzte ein und die Körperbehaarung ging zurück. Das sind die Äußerlichkeiten. Und es kam was Neues hinzu. Plötzlich wurde ich wahrgenommen als das was ich bin. Eine Frau! Nach einer Weile setzt so etwas wie die weibliche Pubertät ein. Ich wurde eine richtige Zicke! Hinterher tat mir einiges Leid, was ich geäußert hatte. Ich versuchte mich zu entschuldigen. Zum Glück ist diese Zeit inzwischen überstanden. In vielen Dingen bin ich empfindsamer geworden. Interessen haben sich verschoben. Diese nun typisch weiblich einzuordnen wäre vermessen. Ich habe eine gute "Beste Freundin" gefunden, mit der ich offen über alles reden kann. Mit dieser Freundin drückte ich einst die Schulbank. Vor einem Jahr fanden wir uns wieder.
Ich gehe anders auf Menschen zu, bin in weiteren Dingen offener geworden Ja, manchmal spielen mir meine Gefühle einen Streich. Da überkommen mich Tränen. Und ich bin froh ein Tempo griffbereit zu haben.
Viele liebe Grüße von Magdalena
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Mi 22. Mai 2024, 12:36
von MoreThan2m
Da ich ja den Artikel gepostet hatte will ich auch mal versuchen meine Meinung dazu zugeben.
Ich denke eine Hormontherapie unterstützt die körperliche Anpassung (Haut, Haare, Busen) und ändert nicht sehr die Gefühlswelt.
Ich denke hier spielen viele soziale Normen rein. Ich rede jetzt mal von Transfrauen. Viele Transfrauen wachsen in einer männerdomierten Gesellschaft auf und versuchen gegen Ihrer inneren Einstellung dieser Norm zu entsprechen.
Die wenigsten sind bereit die Konventionen als Mann hinter sich zu lassen um nicht aufzufallen usw.
Mich selbst hat dieses männliche getue (was vorgeblich die Norm definiert) abgestossen. Stärke zeigen, als Macho auftreten usw. damit konnte ich beim besten Willen nichts anfangen.
Sich anderes zu geben hatte ich mich allerdings nicht getraut.
Je nach Erziehung ist die Prägung halt seht stark vorhanden. Ich habe mich auch früher schon ertappt Gefühle zu zeigen, (im Kino zum Beispiel). Diese wurden jedoch dann von mir immer bewusst unterdrückt. Wodurch ich früher auch immer als sehr ruhig und nach innen gekehrt wahrgenommen wurde. Dies mag auch der Grund sein warum viele Transfrauen in Berufen aktiv sind die wenig Menschenkontakt erfordert (ich sag mal nur IT)
Ich glaube das die HET dafür sorgt, das man nun die innerliche Blockade nicht mehr als gegeben sieht und den inneren Character freien Lauf läßt. Unabhängig von den Hormene. Ich denke vieles spielt sich dann in den Gedanken ab, das man nun die "Erlaubniss" hat sich weiblich zu zeigen und zu zeigen. So wie es die Gesellschaft definiert hat.
Dafür spricht, das dieser Effekt bei vielen so schnell nach dem Beginn einsetzt, was meiner Meinung nach nicht so schnell passieren dürfte. Immerhin haben wir Transfrauen nicht die gesamte Erfahrung der Geschlechtsidentität und der damit verbundenen sozialen Interaktionen und Erwartungen einer Frau während des aufwachsen erlebt.
Es gibt viele Studien die keine Einfluß von Östrogen auf das innere Denken sehen, lt. Studienlage ist es wohl nur das Prolaktin was während eine Schwangerschaft ausgeschüttet wird, das wissenschaftlich nachweisbar als das "Weinhormen" anerkannt wird.
Bei Testosteron sieht es wohl anders aus. Testosteron bewirkt wohl tatsächlich eine deutlich erhöhte Risikobereitschaft und Aggressivität einer Person. Ob die Entfernung dieses Einflusses dazu führt das diese Eigenschaften verschwinden glaube ich allerdings nicht so sehr.
Ich könnte mir auch vorstellen, das man während einer Transition gerne die "klassischen" Rollenbilder des gewählten Geschlechtes annimmt um als eben das gewählte Geschlecht gelesen zu werden. Dafür spricht meiner Meinung nach das gerade am Anfang der Transition oder auch unter CD Kleidung und Auftreten gerne "über" die Grenze hinausschiessen (gerne mal leicht nuttig, zuviel Makeup, Mieder, Korsett usw). Da schliesse ich mich nicht aus.
Erst im Laufe der Zeit bildet sich dann der eigenen "neue" Stil / Character aus, der durchaus wieder androgyner ausfallen kann.
Ich kenne mittlerweile einige Transfrauen die Jahre nach der Transition auch wieder Ihren "Mann" im job stehen.....
Das waren meine "2 cent" zu dem Thema.
Und Ja auch ich habe mich deutlich verändert seitdem ich die Transition begonnen habe, und ob es die Hormone waren oder nicht ist mir eigentlich egal. Für mich hat der Schritt den Widerspruch zwischen innen und aussen aufgelöst. Das ist das was mich befreit hat.
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Mi 22. Mai 2024, 19:43
von Aria
Sophia69 hat geschrieben: Mi 22. Mai 2024, 07:52
Wie eingangs erwähnt, dienen diese Rollenklischees, verbreitet durch das Patriarchat zur Machterhaltung auf Seiten der Männer und Unterdrückung der Frauen.
Außerdem belegen viele glaubwürdige Studien, dass Mädchen nicht weniger aggressiv sind als Jungen. Sie werden nur anders erzogen, so dass Aggressionen bei Ihnen viel weniger geduldet werden.
Ich weiss nicht ob wir da vom selben sprechen. Meine Beobachtungen die ich während der Transition gemacht habe waren andere. Wenn wir mal bei dem Punkt Zurückhaltung bleiben, habe ich an mir festgestellt, dass ich das wurde - und das führe ich auf die HET zurück und nicht, weil ich denke, dass sich das für eine Frau gehört. Will heissen, dass ich mich im Laufe der Transition den vorherrschenden Rollenbildern angepasst habe oder, dass mir jemand gesagt hat, dass ich so und so zu sein habe, weil ich ja nun Frau bin. Nein, mir war das plötzlich einfach zu anstrengend und ich habe oft in Diskussionen zu mir gesagt "ach komm, hör auf, schone deine Nerven" obwohl ich genau wusste, dass ich im Recht war. Das wäre mir früher nicht passiert. Aber, es lebt sich so viel entspannter und ich könnte mir nicht mehr vorstellen wie damals zu agieren.
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Do 23. Mai 2024, 08:35
von Wally
Dass die Hormontherapie auch Gefühle und Verhalten ändert, scheint mir zwar naheliegend; aber ganz konkret bezüglich einzelner Details ist das schwerlich nachweisbar. Es geht dabei um Aspekte, in denen sich Männer und Frauen - wenn überhaupt - nur quantitativ unterscheiden, mit weiten Überschneidungen: durchschnittlich ein bisschen mutiger, ein bisschen vorsichtiger, ein bisschen aggressiver, ein bisschen mehr mitfühlend... Inwiefern das im Einzelfall mit der Hormonlage zusammenhängt, bleibt immer eine Frage der Interpretation. Die besondere, psychische Konstitution, die mich zum Transsexuellen machte und mir das Leben in der männlichen Rolle erschwerte, hatte ich im Übrigen auch schon vor der HET, seit der Kindheit. Es mag danach vielleicht noch etwas deutlicher zutage getreten sein - aber die HET allein hat mich sicher nicht zu einem "anderen Menschen" gemacht.
Der einzige Punkt, den die HET (Östrogen plus Antiandrogen) bei mir wirklich nachweisbar und drastisch geändert hat, war die sexuelle Libido: die ist bei Männern nun mal viel stärker als bei Frauen, und sie wurde durch die HET prompt sehr viel schwächer. Das war für mich eine höchst lehrreiche, neue Erfahrung: plötzlich empfand ich es als sehr skurril, was Männer so alles auf sich nehmen, nur um bei einer Frau landen zu können... Ich empfand das Nachlassen des Sexualtriebs durch die HET als befreiend; vorher hatte ich den Trieb in seiner enormen Intensität eher als quälend erlebt.
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Do 23. Mai 2024, 10:03
von Susi T
Finde ich interessant Wally was du im letzten Abschnitt schreibst. Ich für mich muß da deutlich differenzieren.
Ich empfand den männlichen Part immer wie einen Presslufthammer an meinem Ohr, wärend ich versuchte den lieblichen Klängen eines Klassic Konzertes zu lauschen.
Der Presslufthammer ist nun weg, aber das Bedürfnis den lieblichen Klängen zu lauschen ist geblieben, ja eigendlich sogar stark angestiegen.
Sicherlich unterscheidet sich das wesendlich von dem was viele Männer interessiert, aber da mein Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit erfüllt wird, bleib ich sicherlich nicht nur brav.
Ich gehe als Frau die Sache nur völlig anders an.
Ein Teil davon ist die richtige Hormoneinstellung, ein anderer ist mehr das was wir mit "angekommen" bezeichnen. Ein Teil von mir der nun auch passt.
Re: Hormonbehandlung und Rollenklischees
Verfasst: Do 23. Mai 2024, 10:10
von ChristinaF
Kann mich meinen Vorschreiberinnen nur anschließen. Im Grunde war bei mir die HRT und die damit verbundenen Ergebnisse ein sehr wichtiger Schritt hin zum Normalen. Gefühle und Emotionen wurden tiefer und die körperlichen Änderungen waren und sind einfach nur schön.
LG Christina