Vesta hat geschrieben: So 19. Mai 2024, 21:53
Genau an der Stelle stimme ich dir nicht zu. Die Eigenheit, alle anderen Menschen nach Mädchen und Junge, nach Frau und Mann einteilen zu wollen, ist erst einmal natürlich, angeboren, instinktiv, und zwar unabhängig vom sexuellen Antrieb oder Begehren. Es ist gar nicht nötig, Kindern ab fünf Jahren ein paarungsbedingtes Verhalten unterstellen zu wollen, die instinktive Einteilung in Mädchen und Jungen wird trotzdem vorgenommen. Der sicherlich vorhandene kulturelle Überbau verstärkt dies dann.
Ist das so? Woran erkennen Kinder in dem Alter denn Junge und Mädchen? Woran erkennen Erwachsene sie? Ist es glaubhaft, dass in dem Alter (äusserlich nicht sichtbares) Geschlecht eine größere Rolle spielen soll, als beispielsweise Haarfarbe? Aus Studien ist bekannt, dass Erwachsene sich selbst bei Kleinkindern blitzschnell Urteile über das Geschlecht bilden, selbst wenn diese neutral gekleidet und die Namen unbekannt sind ("Baby-X-Experimente",
Text mit Links, Videobeispiel:
Baby-X), und dieses Vorurteil dann konsequent den Kindern auflasten. Sie sprechen anders mit ihnen, geben ihnen andere Spielzeuge, erwarten unterschiedliches Verhalten, interpretieren Verhalten unterschiedlich und reagieren eben auch anders ("Jungs weinen nicht"), usw. Kurz: Sie vergeschlechtlichen sie im doppelten Sinne. Sie behandeln sie unterschiedlich und das führt auf der anderen Seite zu einem verstärkten Anpassungsverhalten an die geschlechtlichen Erwartungen. Jedenfalls bei den meisten...
Wir können der Vergeschlechtlichung schon ab unserer Geburt nicht entkommen. Verwandte fragen zuerst ob Junge oder Mädchen, spätestens in der Kita wird mindestens unbewusst sortiert und die Kinder mit anderen konfrontiert, die von ihren Eltern "als Junge" oder "als Mädchen" behandelt werden. Es sei denn, in einer Kita wie
Egalia in Schweden.
Also wie viel unseres vergeschlechtlichen Verhaltens ist wirklich "natürlich"? Ist diese Alldurchdringung nicht vielmehr
naturalisiert, also von klein auf so trainiert und internalisiert, dass sie uns "natürlich"
scheint? (Und unser
Confirmation Bias diese fixe Idee ständig bestätigt)
Immerhin verwenden wir in jedem Satz über eine konkrete Person sofort geschlechts-markierende Formen. Es ist (zu Beginn) sogar sehr anstrengend, das nicht zu tun; siehe Nemo und den Anlass des Threads.
Was passiert dann "in der siebten Klasse"? Ah, Pubertät. Körperliche Veränderung und daraus folgend eine Suche nach Orientierung. Auch hier wird den Kindern erklärt, dass sie jetzt "zur Frau" bzw "zum Mann" werden. Wieder Anpassungan das erwartete Verhalten, mit den Vorbildern, die eben zur Verfügung stehen. Seien es auch Barbie oder Andrew Tate.
Anyway: Du wirst nicht schlüssig beweisen können, dass irgendetwas an geschlechtlichem Verhalten wirklich natürlich ist - sprich: sich ohne Einfluss durch vergeschlechtlichende Umgebung entwickeln würde. Tierisches Verhalten ist da nicht wirklich hinreichend; siehe die Vergeschlechtlichung von Kindern, was mit Sexualverhalten eher nichts zu tun hat.
Ich kann im Gegenzug nicht beweisen, dass daran gar nichts "natürliches" ist. Aber ich kann sagen, dass der soziale Einfluss massiver ist, als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Vergleich zu ihren Gemeinsamkeiten ausmachen, denn dazu gibt es wissenschaftliche Ergebnisse. Heisst: Wir müssten diese Unterschiede nicht machen. Wir müssten sie nicht allen so verbissen aufzwingen und angstvoll und tw sehr aggressiv auf Abweichungen von der Norm reagieren. Und ich kann feststellen, dass so zwischen 1 bis 4% der Menschen mit der gewohnten Vergeschlechtlichung nicht klar kommen. Sind sie - sorry, "wir", ich zum Beispiel - nicht "natürlich"?
Der Gedanke, Geschlecht mal konsequent als menschliches Konstrukt zu denken, als künstliche und weitgehend willkürlich erzeugte Struktur und Kategorisierung, ist ja ziemlich intensiv durchgearbeitet worden und durchaus valide. Es ist erstaunlich, was sich dann alles als künstliche Annahme herausstellt.
Es ist ganz interessant, dass du das Thema gerade jetzt aufgebracht hast, denn so kann ich dich einladen, diesen Gedanken einfach mal durchzuspielen:
Video (75 Min, englisch).
So. Damit zu einem ganz wichtigen Missverständnis, das leider immer wieder auftaucht und im Effekt extrem queer-feindlich und insbesondere nichtbinär-feindlich ist:
Aber mal ehrlich, wenn wir auf das Ausleben der Zweigeschlechtlichkeit komplett verzichten würden, dann würde dem Leben das Salz in der Suppe fehlen, zumindest den meisten Menschen (gilt für dich scheinbar nicht). Wären wir alle Zwitter, sähen wir das vermutlich anders, aber wir sind nun mal keine Zwitter. Eine Gleichmacherei (nicht zu verwechseln mit Gleichberechtigung) ist für die meisten nicht wünschenswert.
Ich kenne keinen Menschen zwischen oder ausserhalb der zwei Häufungspunkte aka Geschlechter, der Geschlecht abschaffen oder gleich machen oder verbieten will! Das ist mindestens Unfug bzw falsche Vorstellung, bei einigen allerdings auch absichtliche Lüge. Ich unterstelle dir keine *feindlichkeit. Diese Idee ist aber wirklich falsch und wirklich gefährlich.
Wer sich einer irgendwie definierten Rolle "Mann" verbunden fühlt, in seiner ganz persönlichen Ausprägung, der möge das gerne tun. Wer sich einer ...s.o.... Rolle "Frau" verbunden fühlt, ebenso. Was genderqueere, nichtbinäre inkl agender Menschen wollen ist, dass sie nicht gegen ihren Willen in eine der beiden Rollen gepresst werden. Dass wir auch Teilhabe und Lebensräume
in und nicht neben der Restgesellschaft haben und nicht andauernd zwischen zwei Türen mit ähnlich schlechten Konsequenzen wählen müssen. Gleich
stellung. Das ist etwas anderes als Gleich
berechtigung und etwas völlig anderes als Gleich
macherei.
Das bedeutet auch, dass Menschen unabhängig von ihren (vermuteten) Reproduktionsorganen ihrem persönlichen Verhältnis zu den angebotenen Rollen folgen können. Sei es Tradwife, Sarah Connor, Femboy, Redneck, Yuppie oder was auch immer. Die Forderung ist, diese persönliche Freiheit zu akzeptieren. Nur lasst anderen die gleiche Freiheit.
Kurz: Wir wollen Vielfalt und persönliche Freiheit statt nur zwei fremdbestimmte, angeblich biologisch festgelegte Rollen.
Für "das Salz in der Suppe" ist Gender mehrere Größenordnungen zu oppressiv und lebensbeeinträchtigend. Nichts gegen persönliche Kinks, aber doch bitte einvernehmlich.
Selbstbestimmtes Geschlecht ist etwas ganz anderes als die Wesen auf LeGuins Gethen. Die wurden irgendwann genetisch so verändert, die meiste Zeit biologisch geschlechtslos und ohne Sexualtrieb zu sein - nur um einmal monatlich im
Kemmer unvorhersehbare Sexualorgane und Trieb zu entwickeln. Im Gegensatz dazu will meines Wissens keinein biologische Features abschaffen oder defunktionalisieren. Es geht darum, dass es keinen sinnvollen Grund gibt, dass wir daran Sprache, Kleidung und eine Menge Zwänge und Erwartungen knüpfen. Und zwar bei anderen Menschen. Basierend auf unseren Vermutungen, welche Reproduktionsorgane sie haben.
Das wäre den Leuten auf Gethen wirklich schwer zu erklären - siehe die Szene gegen Ende, wo die Gethen-Leute der Besatzung des Hauptschiffs begegnen, die
unveränderlich im ständigen Kemmer feststecken. Ai hat durch den langen Aufenthalt die antrainierte Sicht auf Geschlechtlichkeit so verlernt, dass der Anblick rein weiblicher bzw männlicher Wesen vollkommen ungewohnt ist. Wenn du Kritik an Ver-Zweigeschlechtlichung bei LeGuin möchtest: Hier ist sie. Und sie sagt dasselbe, wie ich oben: Es ist (zum allerüberwiegendsten Teil) eine willkürliche fixe Idee
