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Der Zaunfink: Die einfache Lösung für gendergerechte Sprache wird es nicht geben

Verfasst: Sa 27. Apr 2024, 17:12
von Jaddy
Ein ganz wunderbarer Beitrag vom Zaunfink im Fediverse:
Die einfache Lösung für gendergerechte Sprache wird es nicht geben. Ein paar Gedanken.

Ich höre immer wieder die Hoffnung, dass wir beim weiteren Experimentieren zu geschlechtergerechter Sprache irgendwann die perfekte Form finden werden, die dann alle bisherigen Ideen ablösen und das Problem auf eine elegante und bequeme Weise lösen wird. Ich glaube nicht daran.

Das Deutsche hat sich in eine Richtung entwickelt, in der es uns zwingt, Personen eines von zwei Geschlechtern zuzuweisen, auch wenn wir das gar nicht wollen und wenn Geschlecht gerade überhaupt keine Rolle spielt. Das ist halt so. Der Zwang zum binären Gendern ist so tief in die deutsche Grammatik eingewoben, dass wir da nicht ohne Ruckeln und Knirschen wieder rauskommen werden.

Es hat keinen Sinn, auf eine unkomplizierte Lösung zu warten, die nicht kommen wird. Sicher wird es in der Zukunft Ideen geben, die wir jetzt noch nicht kennen, aber sie werden auch nicht bequemer sein als die bekannten.

Es ist zwar richtig, dass sich Sprache schon immer verändert hat, aber ich glaube, wir sollten anerkennen, dass eine geschlechtergerechte deutsche Sprache einen ziemlich radikalen Sprachwandel voraussetzt. Es geht hier um etwas anderes als den gewohnten Sprachwandel durch ein paar Lehnwörter, neue Fachausdrücke oder sogenannte Jugendsprache. Es hat einen berechtigten Grund, dass sich dieser Sprachwandel anders anfühlt als mancher vorherige. Hier geht es nicht nur um Gendersternchen oder Partizipien, sondern auch um Pronomen und zig andere grammatikalische Details. Hier muss ein Kernbereich der Grammatik neu konstruiert werden. Wir werden den binären Geschlechtszwang nicht abschütteln, ohne eine mittlere grammatikalische Revolution anzuzetteln.

Wenn das passieren soll, werden wir einen Teil unseres bisherigen jahrelang antrainierten Sprachgefühls überwinden und wirklich anders sprechen lernen müssen. Das wird auch nur dann funktionieren, wenn wir gleichzeitig lernen, anders über Geschlecht nachzudenken - und genau das ist ja der Sinn der Sache. Ich halte es für falsch, so zu tun, als wäre das beides für jeden Menschen total mühelos zu bewerkstelligen. Na klar, ganz oft fehlt es schon einfach beim Willen. Aber auch Gutwillige ändern ihre Sprache und ihr Denken nicht auf Knopfdruck. Man muss die neuen Optionen nicht nur finden und sie erlernen, sondern man muss sie auch permanent üben und anwenden. Wir sollten die Schwierigkeiten anerkennen, die mit den neuen Formen verbunden sind, nicht nur, weil wir dann gnädiger mit dem Scheitern umgehen können, sondern auch, weil wir strategische Lösungen finden müssen, die diese Schwierigkeiten anerkennen, statt sie zu leugnen. Aber wie sagte Kennedy über die Mondlandung: Wir haben uns nicht dafür entschieden, weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist. Und wir sind gerade dabei, etwas Schweres zu tun, weil wir davon überzeugt sind, dass es sich lohnt.

Aber wir können es uns und einander leichter machen, indem wir uns weniger darauf konzentrieren, was wir - angeblich - nicht mehr dürfen, sondern darauf, was wir alles können. Wir haben heute mehr Möglichkeiten denn je, mit verschiedenen Optionen zu spielen und diese zu verbreiten. Sprache hat vielleicht noch nie so vielen Menschen gleichzeitig gehört. Noch nie hatten auch marginalisierte Menschen - und sie sind der Motor dieses Wandels - solche Möglichkeiten, eigene neue Konventionen zu erfinden und sie mithilfe niedrigschwelliger und reichweitenstarker Medien zu verbreiten. Vielleicht haben noch nie so viele Menschen gleichzeitig an den Fundamenten ihrer Sprache herumgebastelt. Das erleben wir gerade, und es ist eine großartige Chance. Reden wir weniger über Ge- und Verbote, sondern mehr über Freiheit und Spielfreude und die Möglichkeit, Verantwortung für unsere eigene Sprache zu übernehmen, wenn wir das nur wollen.

Sprachwandel nicht als lästige Einschränkung begreifen, sondern als Aufforderung zu einem neuen Tanz, nach neuen Regeln und ohne jemandem auf die Füße zu treten - dann kriegen wir das hin mit der Gerechtigkeit. Und es wird Spaß machen.
(https://eldritch.cafe/@der_zaunfink/112343717583878722)


Ausserdem frisch erschienen: Fussnoten - "... sind selbstverständlich mitgemeint" - reichen nicht. Auch nicht mit Markerungszeichen am Ende der Wörter ("Busfahrer*"). Jedenfalls nicht bei der maskulinen Form, sagt ein Papier der Uni Würzburg: "Reminding may not be enough: Overcoming the male dominance of the generic masculine"
Presse-Artikel der Uni auf deutsch: https://www.uni-wuerzburg.de/aktuelles/ ... askulinum/
Wiss. paper auf englisch: https://doi.org/10.1177/0261927X241237739

tl;dr Entsprechende Experimente legen den Schluss nahe, dass bei annotierten Formen und Fussnoten am Ende doch nur die verankerten Assoziationen aktiviert werden. Heisst: "Busfahrer" werden männlich assoziiiert. Wer hätte das gedacht...

Ob das mit annotiertem Femininum ("Busfahrerin*") anders wirkt, wäre mal interessant. Möglicherweise würden dann grundsätzlich nur Frauen assoziiert. Der Aufruhr der maskulinen Seite wäre sicherlich entsprechend hoch, weil sie sich - oh Wunder! - nicht mitgemeint fühlen.

So ganz persönlich bin ich mit annotierten Formen eh nicht zufrieden. Mal ganz abgesehen davon, dass sich ein Endzeichen im Gegensatz zum Sternchen im Wort quasi gar nicht sprechen lässt.. Ich sehe mich da als nichtbinäre Person ebenso zum "Anhängsel" gemacht, wie es früher "/-in" oder "(in)" taten. Mir ist klar, dass sich 98% der Menschen binär einordnen und "wir" da die kleinste Gruppe sind. Aber bei Überlegungen zur Gleichstellung würde ich doch gerne auch tatsächlich gleichgestellt gesehen werden 😏