Lana hat geschrieben: So 7. Apr 2024, 13:35
Jaddy hat geschrieben: So 7. Apr 2024, 13:11
Deshalb sage ich ja, dass sämtliche Themen längst bekannt sind.
Längst bekannt sein
könnten oder
sollten.
Ich unterstelle jetzt mal, dass die hier im Forum aktiven Menschen zu den besser informierten gehören, zumindest was diese Thematik betrifft. Und selbst hier werden Defizite regelmäßig sichtbar. Das gilt in weitaus stärkerem Maße für die Allgemeinbevolkerung, und ganz offensichtlich für breite Kreise der Medienschaffenden. Zumindest letztere könnten die aktuelle Leitlinie zur Kenntnis nehmen, bevor sie sich zum Thema äußern. Bei allen anderen kann man es nicht erwarten. Auch ich werde sie mir nicht im Detail ansehen, dafür fehlt mir die Zeit.
Die Frage ist also, wie man dieses Wissen in die Welt bekommt? Da sind Leute wie du, die unermüdlich aufklären. Die aber (ich versuche mal die Wahrnehmung von außen zu beschreiben) sehr oft als abgehoben und in ihrer eigenen Blase gefangen erscheinen. Sich "Argumenten" verschließen, die womöglich gar keine sind, aber durch permanente Wiederholung in den Medien hochgehalten werden und von den wirklich wichtigen Sachfragen ablenken.
Erwiderungen wie die deine, dass das Thema keines (mehr) sei, sind in diesem Zusammenhang nicht hilfreich. Sie wirken arrogant und voreingenommen, mögen sie noch so fundiert sein.
Ich habe keine Lösung für das Problem. Sich über die Unsachlichkeit der anderen Seite zu beschweren, hilft nicht weiter. Sich über diese zu erheben, weil man sich auf der moralisch richtigen Seite wähnt, vertieft die Kluft nur nuch mehr.
Nochmal:
Wir leben mit diesen Leuten in einer Gesellschaft zusammen. Daran wird sich nichts ändern. Unser Ziel sollte also sein, dieses Zusammenleben für alle möglichst angenehm zu gestalten. Die Verschärfung von Konflikten ist dabei kontraproduktiv.
Das sind in der Tat wichtige Fragen. Ich nehme auch bei mir und anderen häufig Frust wahr, die immer gleichen Dinge immer und immer wieder quasi bei Null anfangend erklären zu müssen bzw zu sollen. Gefühlte Sysiphos-Arbeit. Es ist ja auch ein Problem der zahlenmässigen Verhältnisse. "Wir" sind relativ wenige. Selbst wenn die 1..3% hinkommen. Nicht alle wollen oder können sich die Zeit, Nerven und Energie für Aufklärungsarbeit nehmen. Auf der anderen Seite sind über 95% Menschen ohne eigene Betroffenheit, also auch ohne oder mit wenig interner Motivation, sich damit von sich aus zu beschäftigen. Darunter auch Medien, die viel schneller alten und neuen Unfug produzieren können, als je einzeln widerlegbar wäre.
Dazu kommt, dass "wir" (oder jede andere Gruppe) intern schon viel weiter im Thema sind. Die Basis-Fragen längst geklärt oder gar kein Thema.
Ich treffe viele, für die ich die erste sichtbare trans und vor allem nichtbinäre Person bin. Und selbst die tausendste cis-binäre Person kommt mit den gleichen grundlegenden Fragen. Deshalb hab ich ja immer die Flyer dabei. Mein Frust ist hauptsächlich, dass meine tatsächlichen Problempunkte völlig andere sind, als von anderen gefragt werden. Zum Beispiel wird gefragt "auf welches Klo gehst du denn", während mein Problem ist, dass bei nur zwei Türen keine wirklich gut ist, sondern beide unterschiedliche Probleme bedeuten. Ich kann also nirgends einfach entspannt hingehen. Generell geht es nie darum, wie es mir geht, wie ich klar komme, sondern was deren (uninformiertes) Kopfkino aus Medienfetzen und eigener Phantasie für Filme erzeugt.
Heisst: Am meisten belastet mich, wenn ich von vornherein konfrontiert werde, statt zugewandter, offener Fragen. Letztere beantworte ich nämlich gerne und ausführlich.
Generell würde ich mir deshalb eine andere Herangehensweise wünschen. Nicht nur bei Themen wie trans und nichtbinär, sondern allen, wo wir uns nicht wirklich auskennnen. Das sind viele und das ist vollkommen okay und verständlich. Die Welt ist viel komplexer und vor allem enger vernetzt geworden. Gerade wenn wir ein möglichst angenehmes Zusammenleben für alle haben wollen, brauchen wir mE mehr Achtsamkeit und eine eher defensive Art, damit umzugehen. Auch eigenes Nichtwissen und Ambivalenz aushalten. Es ist absolut in Ordnung, von etwas keine Ahnung und vor allem keine Meinung oder Lösung zu haben. Der Knackpunkt ist, wie damit umgegangen wird.
Wahrscheinlich haben alle hier irgendein Themengebiet, auf dem sie sich gut bis sehr gut auskennen, aber beim Zusammentreffen mit anderen deren vollkommene Ahnungslosigkeit erleben. Auch bei Medienberichten, die verkürzt, vereinfacht oder schlicht falsch sind; egal ob absichtlich oder fahrlässig. Das kann der Job sein, das Hobby, das unterschiedliche Leben auf dem Land oder in der Stadt, mit oder ohne Kinder, Krankheiten, Herkunft, was auch immer.
Da würde ich mir die Einsicht wünschen, dass es anderen mit ihren Themen genauso geht. Dass es ungünstig ist, sich eine von der Realität völlig unbelastete Gefühlsmeinung zu verschaffen und sie den anderen vor die Füsse zu werfen, statt erst mal nachzufragen, wie denn die Lebenswirklichkeit und das Wissen auf der anderen Seite aussieht. Mit anderen Worten: Lernen wollen statt gleich zu meinen. Und auch zu akzeptieren, dass nicht alle Personen mit einem Thema jederzeit zu allem aufklären können oder wollen.
Für diese Achtsamkeit miteinander verwende ich häufig ein locker an das buddhistische Modell angelehnte Schema der drei Stufen von
Allyship (~="Verbündetentum"):
Stufe 1: "wie vermeide ich Verletzungen und Fettnäpfchen" (Hinayana, wenigstens keinen Schaden anrichten)
Stufe 2: "wie kann ich das Leben angenehmer für alle machen" (Mahayana, sich aktiv bemühen)
Stufe 3: "wie kann ich proaktiv für die Betroffenen wirken" (Vajrayana, anderen Wesen helfen)
Nichts davon ist konfrontativ, egozentriert und über andere hinweg - wie Schwarzer und wie der Artikel -, sondern zugewandt und mit anderen zusammen. Und mindestens Stufe 1 sollte allgemeine Praxis werden.
Klingt insgesamt auch sehr groß und abstrakt, das weiss ich. Etwas besseres habe ich aber noch nicht gefunden, denn wie gesagt sind die Zahlenverhältnisse einfach völlig unfair. Bei hundert zu eins kann ich mich entweder vollkommen aufreiben oder meine Energie konzentrieren. Zum Beispiel auf flauschige Rückzugsmöglichkeiten für mich und andere wie mich. Oder auf gedruckte Basis-Info und FAQs.
Ich kann nicht jede einzelne Person debattieren, zumal darunter auch immer welche sind, die einfach nur feindlich gesinnt sind. Leider kann ich sie aber auch nicht so stehen lassen und wenn ich nur die längst fertige FAQ-Sammlung entgegne, bzw dass diese Fragen alle schon lange ziemlich gut beantwortet wurden, wird das von einigen bereits als überheblich ausgelegt. Soetwas lässt sich einfach nicht gewinnen, wenn nicht wenigstens das Publikum aufgeschlossen ist.
Ich hatte es neulich schon geschrieben: Wir haben heute auch alle eine gewisse Holschuld und keinen Anspruch, zu jedem Thema individuell abgeholt und betreut zu werden. Das funktioniert schon rein zahlenmässig nicht. Das Mindeste ist meiner Ansicht nach, sich im Zweifel und bei eigenem Informationsmangel aktiv ein Minimalwissen Stufe 1, "wie vermeide ich Verletzungen und Fettnäpfchen" zu holen. Und wenn dann noch Bedarf ist, zugewandt nachzufragen.