Hallo Lina,
du wolltest eine Antwort von mir. Sorry, dass es nicht schneller ging. Ist bei mir oft so, zumal bei einem Thema, von dem ich herzlich wenig Ahnung habe.
Lina hat geschrieben: Do 5. Jan 2023, 03:16
Aber wenn du es absolut diffferenziert haben willst
Nein, wollte ich nicht. Die Rede war von
ein klein wenig.
Du bringst mehrere Negativbeispiele für den Vorwurf der
kulturellen Aneignung und sagst:
Lina hat geschrieben: Do 5. Jan 2023, 03:16
ich hoffe, dass jemand - vielleicht du - unsere Aufmerksamkeit auf ein positives Beisppiel ziehen kannst
Nein, kann ich nicht. Darum ging"™s mir auch nicht. Das ist ein Missverständnis. Ich wollte nicht den Begriff der
kulturellen Aneignung verteidigen, sondern das differenzierende Nachdenken über diesen Begriff.
Das, was an dem Begriff, dem Konzept, der Idee möglicherweise interessant und legitim ist, gerät aus dem Blick, wenn man nur auf die Leute hört, die zu gern recht haben. Völlig egal, welcher Seite sie angehören, sie sind ein Problem: die Lautsprecher. Sie absorbieren in der Aufmerksamkeitsökonomie so viel Interesse, dass die Sache um die es eigentlich geht, zur Nebensache wird.
Was ist das Interessante, das aus dem Blick gerät? Die ursprüngliche Kritik richtet sich nicht gegen kulturellen Austausch auf Augenhöhe, sondern gegen ein Verhältnis der Ausnutzung. Darum geht es: darum, dass es nicht gerecht erscheint, wenn unsere dominante westliche weiße Kultur den Rest der Welt plündert auf der Suche nach schicken neuen Frisuren, Styles, Outfits usw.
Mir kommt das Konzept vor wie ein Versuch, Boden zu gewinnen in einem Kampf, der immer schon verloren war. Der aber jetzt neuerdings von einer jüngeren Generation anders wahrgenommen wird. Dadurch kommt dann auch ein Generationenkonflikt hinzu. Bei dem die Älteren häufig keine besonders gute Figur machen.
Der Kontext der Kritik, die im Begriff der kulturellen Aneignung steckt, ist ein ziemlich großer, historischer. Eine jahrhundertelange Geschichte von Invasion, Unterdrückung, Ausbeutung, Gewalt, Mord, und Raub. Raub:
Aneignung. Eine Geschichte, die man eigentlich nicht ignorieren kann, die immer noch nicht vorbei ist, die unsere heutige Welt so asymmetrisch macht, so ungerecht, so verlogen. Bist du sicher, dass du diesen Kontext im Blick hast? Du hast ja am Schluss deines Beitrags von Kontext geschrieben:
Lina hat geschrieben: Do 5. Jan 2023, 03:16
Das Problem mit den Leuten, die sich als "woke" betrachten, sehe ich darin, dass sie nur bis zur eigenen Nasenspitze denken und nich auf Kontext achten.
Auf welchen Kontext achtest du? Wie weit gucken wir hinaus über unsere spitzen Nasen? Ich meine das ernst. Ich kann für mich selbst nicht so genau sagen, wie weit ich auf Kontexte achte. Ich versuchs halt. Aber verdammt vieles entgeht mir. Wir sind ziemlich begrenzte Wesen. Und immer darauf angewiesen, dass uns wohlmeinende Leute freundlich erklären, was wir gerade nicht merken, worauf wir gerade nicht achten.
Den Kontext des Kolonialismus und des Rassismus unserer Kultur nehme ich inzwischen seit einigen Jahren wahr. Den der kulturellen Dominanz habe ich hingegen die längste Zeit meines Lebens ignoriert.
Ignorieren heißt: nicht wissen. Und es schwingt in dem Wort immer mit, dass wir wissen könnten. Aber nicht wollen. Wir wischen gern Dinge weg, die uns nicht behagen.
Was geht mich das an? Bin doch kein Rassist. Hab niemals Sklaven gehalten. Außerdem liebe ich die Kultur der Native Americans. Und bitteschön, ich benutze sogar bewusst NICHT das Wort INDIANER! So what? Nein, ich unterstelle dir in keiner Weise, dass du so denkst. Ich habe nur ein paar plakative Sätze gesucht, um die Geste des Wegwischens zu illustrieren.
Ich gehe davon aus, dass du nicht in einer Schwarz-Weiß-Welt lebst. Dir ist vermutlich auch klar, dass ein berechtigtes Anliegen dahintersteckt. (Hinter der Kritik an kultureller Aneignung) Oder meinst du wirklich, ein paar negative Beispiele genügen, und die Sache ist eindeutig? Bei
kultureller Aneignung ist leider nichts eindeutig. Eindeutig ist nur die Geste des Wegwischens.
Ich setze mich damit nicht auseinander. Es ist Unsinn.
Die Auseinandersetzung damit ist aber kein Unsinn.
Nehmen wir mal ein Beispiel aus einem Bereich, in dem besonders viel von
kultureller Aneignung die Rede ist: die Musikbranche. Vielleicht kennst du den Reggaemusiker Gentleman. Ich wusste bis vor einiger Zeit gar nicht, dass er ein weißer Deutscher ist, ich hab einfach nur seine Musik gehört, vor 20 Jahren sogar ziemlich viel, aber keine Videos dazu gesehen, und sein Jah-Jah-Reggae-Patois klang für mich überzeugend, eben nach Musiker in Deutschland mit karibischen Wurzeln.
Dieser Musiker, der sich wahrscheinlich schon einiges anhören musste von
woken Kritikern, sagt eben nicht, dass die Diskussion Nonsens ist. Im Gegenteil.
https://www.spiegel.de/kultur/musik/reg ... dbb5b64735
Ich stimme zu, dass Leute das vielfach überzogen haben, den Bogen überspannen, sich aufspielen zu moralischen Richtern usw. Ist die Auseinandersetzung mit dem Thema darum Zeitverschwendung? Ich denke, wer das sagt, begibt sich einfach nur auf die andere Seite einer Barrikade. Auf beiden Seiten werden ständig Kinder aus Badewannen gekippt.
Die Begriffe werden dabei zu Kampfbegriffen, die nur so schillern vor Kontext.
Woke Leute: bezeichnen die sich wirklich immer noch selbst so? Hauptsächlich dürfte
woke inzwischen ein Kampfbegriff von Leuten sein, die einen Pappkameraden brauchen, den sie abschießen können.
Das Interessante ist, dass ich lediglich auf einen Mangel an Differenziertheit hinweise. Jemand erklärt eine Diskussion zu einem Thema wie
kultureller Aneignung für komplett überflüssig. Mich deprimiert das. Ein paar Themen, zu denen wir zufällig selber einen Zugang haben, weil wir zufällig selber betroffen sind, die nehmen wir ernst. Für den Rest haben wir nur Wischgesten übrig.
Weg damit.
Ich weiß, das ist jetzt viel zu lang geworden. Zum Glück werde ich nur selten um eine Antwort gebeten.
Herzlich,
Noa