Linda Hostedder hat geschrieben: Do 8. Dez 2022, 12:55
Jaddy hat geschrieben: Do 8. Dez 2022, 11:55
Da sind dir vielleicht ein paar Details in Ungarn, Polen und Italien entgangen.
Zunächst einmal Danke, dass Du Dir soviel Mühe gemacht hast. Ich sehe ein Problem:
Die Menschen, die dem Querdenker-, Reichsbürger-, Coronaleugner-, Was weiß ich-Milleu angehören und uns alle als Schlafschafe etc. bezeichnen, kritisieren Medienmanipulationen. Gesammelter Begriff: Lügenpresse. Das untermauern sie mit Links aus dem Internet auf irgendwelche Blogs von irgendwelchen Leuten oder Youtube-Videos, die die ganzen Wahrheiten aufdecken.
Jetzt kommst Du und sprichst von der Aushöhlung der demokratischen Strukturen in div. Ländern durch Medienmanipulationen. Da ist grundsätzlich sicherlich etwas dran. Die Situation in Deutschland unterstreichst Du mit dem Link auf einen Blog von einem Herrn Kemper, der über ein Netzwerk informiert, in das u.a. eine Politikerin verwickelt sein soll.
Wenn ich jetzt die Bezeichnung des Netzwerkes und die Politikerin bei Google eingebe, erhalte ich auf der ersten Seite nur Publikationen eben dieses Autors und Verlinkungen auf seine Social Media Kanäle. Auf den Seiten dahinter nur irgendwelche Mini-Seiten, mittendrin einmal die Taz, die auch auf den Autoren verweist.
Kurz gesagt: Beide Seiten bedienen sich der gleichen Instrumente. Somit ist es schwer richtiges von falschem zu trennen.
Oh. Sorry, das sind schon unterschiedliche Qualitäten.
Die Medienmanipulation, die ich beschrieben habe, betreibt erst mal die Aushöhlung der zentralen Funktion von Medien in Demokratie. Also nicht mal sonderlich tendenziöse Berichte, das kommt ggf später, sondern Einsparung journalistischer Qualität. Redaktionen werden ausgedünnt, zentrale Newsdesks bearbeiten nur Agenturmeldungen, aber das Gros der Beiträge wird aus banalem Zeugs erstellt. RTL2 Style statt Deutschlandfunk. Dazu Druck auf die verbliebenen Journalistys, die einflussreichen Leute ungeschoren zu lassen, mit denen die Eigentümys der Verlage und Medienkonzerne gut befreundet sind und natürlich den Anzeigenkundys.
Sprich: Die Agenda da ist einerseits profitorientiert, andererseits will sie nicht mal tendenziöse Beiträge, sondern einfach gar keine (tiefschürfenden) mehr. Die Bild macht das seit ihrem Beginn so. Ihre Auflagezahlen nehmen ab, seit sie keine nackten Brüste mehr auf Seite 1 packen.
False Balance gehört übrigens auch dazu, weil sie vordergründig objektiv erscheint, aber nur für irreführende Aufregung sorgt. Das sind dann so pseudo-journalistische Formate wie von Plasberg, Lanz & Co., aber das geht auch schlimmer, wie andere Länder zeigen.
Heisst: Mit genug Eigentum an Medien musst du lediglich die Kosten reduzieren und umverteilen, von journalistischer Arbeit auf Masse und Quote, schon wackelt ein wesentliches Element von Demokratie. Übrigens lässt sich da ganz schnell eine Spirale in Gang setzen, wenn sich der Quatsch besser verkauft als die Qualität, und wenn du dann irgendwann investigative Qualität
brauchst, ist keine mehr da.
Das ist keine Lügenpresse, sondern gar keine Presse mehr.
So. Medienkompetenz. Ich stimme Deiner Einschätzung bzw Gleichsetzung nicht zu. Erstens weil Andreas Kemper seit Jahren wissenschaftlich zu den Themen arbeitet, publiziert und in seinem Fachgebiet anerkannt ist. Das lässt sich schnell herausfinden. Er ist eine der wenigen Fachpersonen, die in D zu Klassismus und den ihn stärkenden Kräften forschen. Deshalb kennt er sich auch so gut in den Kreisen aus, die Adelsprivilegien, Ständesystem, Beschränkung des Wahlrechts auf Vermögende usw. wieder einführen wollen. Das wäre Schritt eins einer journalistisch sauberen Prüfung: Hat die Quelle Ahnung von genau diesem Fachgebiet? Jupp.
Zweitens sind seine Quellen in dem Artikel sehr ausführlich und gehen zum größten Teil auf die Seiten der Leute, über die er schreibt oder zu offiziellen Institutionen, wie EU-Arbeitsgruppen. Dort lassen sich die Originale nachlesen und prüfen, ob sie die Aussage hergeben oder vielleicht falsch zitiert oder aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Schritt zwei der journalistischen Prüfung: Sind die angegebenen Quellen seriös? Ja. Geben sie die Behauptungen her? Ja.
Schritt drei: Lassen sich weitere, unabhängige Informationen zum Thema finden? Auch das: Die "TFP" findet sich schon auf Anhieb bei Wiki, wenn eins den vollen Namen sucht:
Sociedade Brasileira de Defesa da Tradição, FamÃlia e Propriedade. Darin nach dem gruseligen Abstract unter "Andere Länder" noch viel gruseligeres, was der deutsche Ableger macht und wer sich da rumtreibt.
Reichlich Quellenangaben, die nicht zu Kemper oder taz gehen. Reichlich Namen, die sofort auf rechte, reaktionäre bis faschistische, auf jeden Fall anti-feministische und queerfeindliche Aktivitäten führen. Oldenburg, Storch, Gersdorff, Kelle, usw. Egal wo du einsteigst kommen immer wieder die gleichen Leute und Gruppen ans Licht. International vernetzt, wie auch bei Böhmermann letzte Woche kurz angerissen und höchstens Millimeter von Reichsbürgys, Umsturz- und Apokalypsefans (Krall, Finck), religiösen Traditionalistys und so weiter entfernt.
Deshalb ist ein Blogartikel wie der von Kemper fundierte seriöse Arbeit und nicht vergleichbar mit selbstreferenziellen, auf keinen belastbaren Fakten basierenden Verschwörungsblogs.
Was ich meinte: Eigene Medienkompetenz ist wichtig. Die wenigsten haben sie gelernt und geübt. Die meisten haben aber auch nicht die Zeit für eigene, gute Recherche in der Tiefe. Daher bruchen wir zwingend eine breite journalistische Basis, die mit genug Personal, Zeit und Geld genau das für uns unternimmt. Auf die wir uns wenigstens einigermassen verlassen können und die sich auch gegenseitig beobachten.
Zum Selbststudium:
Carl Sagans Baloney Detection Kit und
PLURV.