Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht
Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht - # 2

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Dietlind
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 16 im Thema

Beitrag von Dietlind »

Karla hat geschrieben: Do 10. Nov 2022, 23:45
Allen, die es schaffen, als Mann oder Frau im gefühlten Gender stealth zu gehen, sei dies gegönnt!
..und die, die das NICHT schaffen, dürfen sagen: auf dem Herren-WC hätte ich Angst, und irgendwo muß ich mal! "d" darf es inzwischen geben!
... ob nun intersexuell oder transident "auf der Reise"!!!

LG Karla
Wir leben ja nicht unser gefühltes Gender stealth aus, denn als intersex Menschen sind wir ja biologisch immer Beides. Bei mir und MartinaL überwiegt der weibliche Anteil, und deswegen leben wir als Frauen. Wir würden bei fast allen weniger detaillierten medizinischen Untersuchungen als Frauen eingestuft werden. Aber es gibt auch intersex Menschen die als Mann leben, weil sie halt mehr männliche Anteile haben, und dann kommt eine Gruppe von intersex Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig finden, und die daher Divers auswählen. Basierend auf PStG § 45b Erklärung zur Geschlechtsangabe und Vornamensführung bei Personen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung, dürfen wir für uns selbst entscheiden, welchem Geschlecht wir angehören wollen, und welche Vornamen wir führen wollen. Ich hätte mich auch für männlich oder divers entscheiden können, unabhängig davon, wie ich aussehe. Ich habe weiblich gewählt, weil ich mich wie eine Frau fühle, und biologisch hauptsächlich eine Frau bin. Andere, die diese Gefühle nicht haben, stufen sich halt als Divers ein.

Leider ist dieses "D" nicht gedacht, das Leben von trans Menschen zu vereinfachen. Man muss halt mal abwarten, was das neue Trans Gesetz auf diesem Gebiet so bringt.


Linde
Jaddy
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 17 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Karla hat geschrieben: Do 10. Nov 2022, 23:45 Ich sehe das "d" als wichtige Alternative an:
[...]
b) für alle Menschen, die irgendwo auf der Reise m <-> f sind - egal, wie lange diese Reise individuell dauert!
Sorry nein. Das kann ich nicht so stehen lassen. Die allermeisten nichtbinären Menschen, die ich kenne sind nicht "auf der Reise", sondern nichtbinär und basta. Nichtbinäre Genderidentitäten inkl. Agender sind eigene, stabile Identitäten.

Das ist der gleich Unfug, wie Bisexuellen zu unterstellen, sie hätten sich nur noch nicht entschieden. Eine bisexuelle Person bleibt auch bisexuell, wenn sie gerade nur mit einer anderen Person eine sexuelle Beziehung hat, egal ob gleich- oder verschiedengeschlechtlich.

Eine nichtbinäre Person bleibt auch nichtbinär, wenn sie sich in den Augen anderer gerade "männlich" oder "weiblich" präsentiert. Das hat weder was mit körperlichen Merkmalen noch mit Kleidung, Sprache oder sonstwelchen Äusserlichkeiten zu tun. Abgesehen davon gibt es nicht mal ein nichtbinäres Passing, weil binär konditionierte Menschen gar nicht drauf kommen, dass die Person gegenüber nicht "Mann" oder "Frau" ist. So wie der Cop heute, der mich allen ernstes "junge Frau" nannte.

Zu unterstellen, wir würden irgendwann schon beim einen oder anderen binären Gender landen ist einfach eine ganz miese Abwertung. Das "d" und die Streichung sind keine "Übergangserscheinungen", sondern in diesem dokumentengläubigen Land endlich eine Möglichkeit, unserere Rechte gegenüber dem ständigen binären Unfug durchzusetzen.
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 18 im Thema

Beitrag von Karla »

Sorry, dear Jaddy,
meine Aufzählung war unvollständig: NB nicht mitgedacht!
(ich habe aber auch schon von nonbinären Menschen gehört, daß sie sich ggf. mehrmals täglich zwischen m und f hin- und herbewegen -> Reisedauer damit unendlich, bzw. immer hin und her - d.h. sie kommen nie endgültig auf einer Seite an: zwar anstrengend, aber natürlich auch i.O.)
Jaddy hat geschrieben: Fr 11. Nov 2022, 01:58 Sorry nein. Das kann ich nicht so stehen lassen. Die allermeisten nichtbinären Menschen, die ich kenne sind nicht "auf der Reise", sondern nichtbinär und basta. Nichtbinäre Genderidentitäten inkl. Agender sind eigene, stabile Identitäten.
LG Karla
Ein Leben ohne Möps(chen) ist möglich, aber sinnlos. (frei nach Loriot)
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 19 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
Jaddy hat geschrieben: Fr 11. Nov 2022, 01:58die ich kenne
das sind wichtige Worte - und bei jeder Reise ist die Frage, wie lange sie dauert und wo sie einmal endet.

Gruß
Anne-Mette
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 20 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Karla hat geschrieben: Fr 11. Nov 2022, 03:58 Sorry, dear Jaddy,
meine Aufzählung war unvollständig: NB nicht mitgedacht!
(ich habe aber auch schon von nonbinären Menschen gehört, daß sie sich ggf. mehrmals täglich zwischen m und f hin- und herbewegen -> Reisedauer damit unendlich, bzw. immer hin und her - d.h. sie kommen nie endgültig auf einer Seite an: zwar anstrengend, aber natürlich auch i.O.)
Nennt sich genderfluid. Die Frequenz variiert von Person zu Person.

Insgesamt ist es für die Perspektive sinnvoll, sich das nichtbinäre Spektrum eher wie einen unendlichen Raum vorzustellen, in dem die klassischen "männlich" und "weiblich" nur zwei Häufungspunkte sind und die nicht-binären darüber, darunter, links, rechts, dazwischen, ganz woanders oder "ohne Eintrag" (wie bei mir).
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 21 im Thema

Beitrag von MartinaL »

Jaddy hat geschrieben: Fr 11. Nov 2022, 10:50
Nennt sich genderfluid. Die Frequenz variiert von Person zu Person.

Insgesamt ist es für die Perspektive sinnvoll, sich das nichtbinäre Spektrum eher wie einen unendlichen Raum vorzustellen, in dem die klassischen "männlich" und "weiblich" nur zwei Häufungspunkte sind und die nicht-binären darüber, darunter, links, rechts, dazwischen, ganz woanders oder "ohne Eintrag" (wie bei mir).
Interessant, meine Tochter bezeichnet sich als genderfluid. Sie wurde vor 36 Jahren als mein Sohn geboren, hatte vor 5 Jahren ihre GaOP, kann und will sich aber nicht in ein starres, weibliches Verhaltenskorsett einzwängen lassen. Sie kleidet sich zwar überwiegend weiblich, will aber trotzdem ihre typisch männlichen Verhaltensweisen nicht ablegen, was bei sehr vielen Menschen (u.A. meiner Frau) auf, zum Teil extreme, Ablehnung stößt.
Viele Grüße aus Neumarkt,
Martina.
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 22 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose »

Ich denke, solage der Begriff Geschlecht" unterschiedlich verwendet wird, wird es immer zu Diskussionen kommen. Für mich gilt:

Geschlecht, biologisch: Es gibt bei Menschen nur zwei Geschlechter im Sinne von Polen. In der Biologie ist dem Geschlecht direkt zwei Funktionen zugeordnet, die aber auch nicht immer die tatsächlichen gegebenheiten abbildet (z. B. Unfruchtbarkeit). darüber hinaus gibt es Menschen, die weder dem einen noch dem Anderen ganz zuzurechnen sind. Ich denke hier an Intersex, genetische Varianten etc. Eine eigenständige dritte Kategorie sehe ich nicht. Dazu kommt, dass wir alle in den ersten Wochen nach der Befruchtung, geschlechtlich nicht zu unterscheiden sind.

Geschlecht, gefühlt: Hier kann ich mir alles mögliche vorstellen. Kategorisierung macht nur begrenzt Sinn, denn wer will schon die Gefühle anderer kategorisieren. Für mich selber kann ich mich einordnen, aber woher weiß ich, dass ein/e Andere/r der sich genau so einordnet, ähnlich fühlt ?

Geschlecht, amtlich: Ich bin froh, dass es eine dritte Kategorie gibt. Leider ist sie nur für eine bestimmte Gruppe vorgesehen. Eigentlich ist mMn der Begriff nicht ganz richtig. Es geht um einen Geschlechtseintrag. Die eigentliche Krux ist aber, dass der gesetzgeber keine Definition vorgibt. Er geht (wahrscheinlich) von einer nicht hinterfragten, tradierten Vorstellung aus. Aber je genauer man hinschaut, um so komplexer werden die Verhältnisse. Durch den dritten Geschlechtseintrag (nicht Geschlecht) macht man einen kleinen zaghaften Schritt, der aber den Erkenntnissen noch immer hinterherläuft. Es gibt eben nur den Sammelbegriff "divers". Auch noch nicht zufriedenstellend.

Mein Fazit: Wenn man über Geschlecht redet, muss man auch sagen, was man damit meint. Werden unausgesprochen unterschiedliche Perspektiven eingenommen, ist das Missverständniss programmiert.
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 23 im Thema

Beitrag von MartinaL »

Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 11. Nov 2022, 12:30 Ich denke, solage der Begriff Geschlecht" unterschiedlich verwendet wird, wird es immer zu Diskussionen kommen. Für mich gilt:

Geschlecht, biologisch: Es gibt bei Menschen nur zwei Geschlechter im Sinne von Polen. In der Biologie ist dem Geschlecht direkt zwei Funktionen zugeordnet, die aber auch nicht immer die tatsächlichen gegebenheiten abbildet (z. B. Unfruchtbarkeit). darüber hinaus gibt es Menschen, die weder dem einen noch dem Anderen ganz zuzurechnen sind. Ich denke hier an Intersex, genetische Varianten etc. Eine eigenständige dritte Kategorie sehe ich nicht. Dazu kommt, dass wir alle in den ersten Wochen nach der Befruchtung, geschlechtlich nicht zu unterscheiden sind.

Geschlecht, gefühlt: Hier kann ich mir alles mögliche vorstellen. Kategorisierung macht nur begrenzt Sinn, denn wer will schon die Gefühle anderer kategorisieren. Für mich selber kann ich mich einordnen, aber woher weiß ich, dass ein/e Andere/r der sich genau so einordnet, ähnlich fühlt ?

Geschlecht, amtlich: Ich bin froh, dass es eine dritte Kategorie gibt. Leider ist sie nur für eine bestimmte Gruppe vorgesehen. Eigentlich ist mMn der Begriff nicht ganz richtig. Es geht um einen Geschlechtseintrag. Die eigentliche Krux ist aber, dass der gesetzgeber keine Definition vorgibt. Er geht (wahrscheinlich) von einer nicht hinterfragten, tradierten Vorstellung aus. Aber je genauer man hinschaut, um so komplexer werden die Verhältnisse. Durch den dritten Geschlechtseintrag (nicht Geschlecht) macht man einen kleinen zaghaften Schritt, der aber den Erkenntnissen noch immer hinterherläuft. Es gibt eben nur den Sammelbegriff "divers". Auch noch nicht zufriedenstellend.

Mein Fazit: Wenn man über Geschlecht redet, muss man auch sagen, was man damit meint. Werden unausgesprochen unterschiedliche Perspektiven eingenommen, ist das Missverständniss programmiert.
Ich sehe das Ganze inzwischen so (zumindest für mich):
Unsere Welt ist definitiv Bipolar ausgelegt, ob das nun biologisch, organisatorisch oder politisch arrangiert ist, ist erstmal relativ unwichtig. Das Problem hat in erster Linie jeder selbst, auf welcher Seite er (sie) sich einordnet. Ich halte die dritte Kategorie (inzwischen) wichtig für Menschen die, aus egal welchen Gründen, nicht genau in einen der beiden Pole reinpassen. Jetzt ist aber das große Problem unsere Gesellschaft, die über sehr lange Zeit in diese Zweisamkeit gedrückt wurde. Ich sehe die Allgemeinheit als noch nicht in der Lage, eine dritte Option anzuerkennen; ich bilde mir sogar ein, das je mehr die Politik das Thema versucht zu integrieren, desto mehr Abneigung entwickeln die Leute gegen das "Gender-Wischiwaschi". In meinem Umfeld, und die sind ja durch mich, bzw meine Tochter einiges gewöhnt, werden die Stimmen immer lauter, die Kinder in den Schulen nicht mehr mit einem dritten Geschlecht, oder anderen Themen rund um die Geschlechtervielfalt zu belästigen. Nach Meinung dieser "besorgten" Eltern fördern solche Themen nur eine nicht "normale" Entwicklung. "Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder sein Geschlecht selbst auswählen darf, bzw. wechseln, wenn Einem danach ist" ist nur einer der Sprüche die ich immer wieder zu hören bekomme.
Wenn die Gesellschaft weiter wäre, hätte ich mich wahrscheinlich auch für ein "d" entschieden, einfach schon aus dem Grund, weil ich nie ein kompletter Mann war, und auch niemals eine 100 prozentige Frau werde. Ich werde, trotz meines "XX" Chromosonensatzes, immer einen männlichen Anteil besitzen, und, glaubt es oder auch nicht, es stört mich nicht. Ich habe 60 Jahre damit gelebt, jetzt wird eine andere Erscheinungsform angenommen, und weiter geht´s. Die dritte Variante wäre toll, wird aber noch nicht besonders akzeptiert und ist somit keine Option für mich.
Viele Grüße aus Neumarkt,
Martina.
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 24 im Thema

Beitrag von Olivia »

Hallo Martina,

auf welche "Messdaten" stützt Du diese Aussage:
MartinaL hat geschrieben: Sa 12. Nov 2022, 08:18 Unsere Welt ist definitiv Bipolar ausgelegt
würde mit vielen Grüße gerne wissen

Olivia
EmmiMarie
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 25 im Thema

Beitrag von EmmiMarie »

MartinaL hat geschrieben: Fr 11. Nov 2022, 12:28 Interessant, meine Tochter bezeichnet sich als genderfluid. Sie wurde vor 36 Jahren als mein Sohn geboren, hatte vor 5 Jahren ihre GaOP, kann und will sich aber nicht in ein starres, weibliches Verhaltenskorsett einzwängen lassen. Sie kleidet sich zwar überwiegend weiblich, will aber trotzdem ihre typisch männlichen Verhaltensweisen nicht ablegen
Hey...

das finde ich total wertschätzend von deiner Tochter sich selbst gegenüber.
Mir geht es ja ganz ähnlich und ich lege nichts ab was ich an mir selbst schätze nur
weil eine andere Person denkt ich müsste oder sollte das machen.
MartinaL hat geschrieben: Sa 12. Nov 2022, 08:18 Ich werde, trotz meines "XX" Chromosonensatzes, immer einen männlichen Anteil besitzen, und, glaubt es oder auch nicht, es stört mich nicht
Das finde ich jetzt medizinisch sehr spannend. Der XX-Satz ist bei dir bestätigt und du bist "Vater" geworden?
Ist das bei dir das De la Chapelle Syndrom oder hast du eine Differentialdiagnose?
Und wurde dann eine Hodenbiopsie vorgenommen damit deine Partnerin schwanger werden konnte?
Ich dachte in fast allen Fällen sollte wegen Azoospermie keine Spermatogenese stattfinden?

Sorry für die Neugier..

alles Liebe Marie (flo)
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Dietlind
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 26 im Thema

Beitrag von Dietlind »

EmmiMarie hat geschrieben: Sa 12. Nov 2022, 15:49 Das finde ich jetzt medizinisch sehr spannend. Der XX-Satz ist bei dir bestätigt und du bist "Vater" geworden?
Ist das bei dir das De la Chapelle Syndrom oder hast du eine Differentialdiagnose?
Und wurde dann eine Hodenbiopsie vorgenommen damit deine Partnerin schwanger werden konnte?
Ich dachte in fast allen Fällen sollte wegen Azoospermie keine Spermatogenese stattfinden?

Sorry für die Neugier..

alles Liebe Marie (flo)
Ich bin ja ähnlich wie Martina. Bei zwei ersten Chromosomuntersuchungen wurde bei mir XX festgestellt, eine dritte Karyotyp Analyse, kam mit XY auf, was bedeutet, dass ich Mosaismus habe. Teile meines Körpers haben XX, und andere Teile XY Chromosome. Bei Mosaismus liegt eine sehr eingeschränkte Fruchtbarkeit for, davon abhängig wo die XY Sachen zu finden sind. Ich wurde operativ männlich gemacht, entwickelte mich aber weiblich. Ich hatte einen, in etwa, funktionsfähigen Hoden, der bei der Entfernung etwas weniger als 3 cm gross war. Normal ist 4,5 bis 5 cm. Es ist anzunehmen, dass dieser Hoden nicht fähig war, Sperma zu produzieren, zudem hatte ich auch einen Testosteronspiegel der immer im weiblichen Bereich lag.
Wie Martina, hatte ich nie die Chance, ein Mann zu werden, aber ich werde auch nie zu 100% eine Frau sein können. Ich habe zwar einen Eierstock und eine verkrüppelte Gebärmutter, aber etwas in meinem Körper ist halt doch männlich, aber ich weiß nicht was (ich habe keine Prostata). Ich fühle mich 100% als Frau, und lebe auch seit vielen Jahren so. Mann zu sein war immer sehr belastend für mich, da ich weder den Körperbau oder die Muskeln hatte, und mich zusätzlich nicht in der Männerwelt zurecht finden konnte.
Ich bin gerne eine Frau, das ist meine Welt, und ich bin eine recht zufriedene Frau.


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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 27 im Thema

Beitrag von MartinaL »

Olivia hat geschrieben: Sa 12. Nov 2022, 14:40 Hallo Martina,

auf welche "Messdaten" stützt Du diese Aussage:
MartinaL hat geschrieben: Sa 12. Nov 2022, 08:18 Unsere Welt ist definitiv Bipolar ausgelegt
würde mit vielen Grüße gerne wissen

Olivia
Grüß dich Olivia.
Ich stütze mich da nicht auf Messdaten für diese, für mich geltende, Aussage. Vielmehr habe ich in vielen kleinen und großen Vorkomnissen rundherum gemerkt das die Welt digital funltioniert und Zwischenlösungen nur aufgepfropft erscheinen. Ich bin Informatikerin und für mich ist das Binäre ( 0und 1) Standard, und dieser Standard lässt sich auf so gut wie alle Bereiche übertragen. Sei es die Unterteilung männlich - weiblich, an - aus, plus - minus, oder, neuerdings geimpft - ungeimpft .... etc. Es mag da überall Zwischenlösungen geben, aber die werden normalerweise als nicht natürlich betrachtet, bekämpft oder schlicht und ergreifend ignoriert.
Aber wie geschrieben, das ist meine Sicht der Dinge und für sonst niemanden verbindlich
Viele Grüße aus Neumarkt,
Martina.
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 28 im Thema

Beitrag von MartinaL »

MartinaL hat geschrieben: Sa 12. Nov 2022, 08:18 Ich werde, trotz meines "XX" Chromosonensatzes, immer einen männlichen Anteil besitzen, und, glaubt es oder auch nicht, es stört mich nicht
Das finde ich jetzt medizinisch sehr spannend. Der XX-Satz ist bei dir bestätigt und du bist "Vater" geworden?
Ist das bei dir das De la Chapelle Syndrom oder hast du eine Differentialdiagnose?
Und wurde dann eine Hodenbiopsie vorgenommen damit deine Partnerin schwanger werden konnte?
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alles Liebe Marie (flo)
[/quote]
Hallo Marie.
Keine Sorge, Neugier ist was Gutes (yes) .
Ein bisschen was hat ja weiter oben meine "große Schwester" Linde dazu geschrieben, die mich auch persönlich kennt und in Sachen Intersex unterrichtet.
Um das Ganze zu erklären muss ich etwas weiter ausholen. Ursprünglich war ja angedacht meine "Entstehungsgeschichte", die sich zum Teil sehr deutlich vom Werdegang Transsexueller unterscheidet, in einer Art Tagebuch hier im Forum zu veröffentlichen. Aber da ich hier leider zu einer Art "persona non grata" wurde habe ich davon Abstand genommen und den, bereits fast fertig geschriebenen Ablauf, zu den Akten gelegt.
Nichtsdestotrotz hast du eine Antwort auf deine Frage verdient.
Ich wurde in den frühen 60ern geboren und zuerst als Sabine im Geburtenregister geführt und bin auch die ersten beiden Jahre als Mädchen aufgezogen worden (laut Aussage meiner Patin, meine bereits verstorbenen Eltern haben nie ein Wort darüber verloren, denen war das irgendwie peinlich). Nach zwei Jahren wurde diese Entscheidung, aus welchen Gründen auch immer, revidiert und ich wurde fortan als Rainer geführt, der ich auch bis zum August 2022 blieb. In meiner Kindheit wurden Operationen im Genitalbereich an mir durchgeführt, von denen lediglich noch sehr gut verheilte Narben zeugen. Ich war bis zur Einschulung sehr oft in Krankenhäusern und danach auf Erholungskuren. Was genau an mir durchgeführt wurde lässt sich leider nicht mehr nachverfolgen, meine Eltern haben alles vor mir verschwiegen und mir auch keinerlei Erklärung zukommen lassen.
Jetzt zur "Produktion" meines Kindes: Jennifer wurde ganz normal, in einem dem Liebesakt ähnlichem, Sexrausch hergestellt :mrgreen: . Die Kindsmutter hatte allerdings noch mehr Verkehr mit einer, bisher unbekannten, Anzahl von Männern, von denen schlussendlich drei (mit mir) zum Vaterschaftstest vorgeladen wurden. Das Ergebnis fiel mit 95% für mich eher ungünstig aus, da wir schon lange getrennt waren. Es kam zur Gerichtsverhandlung und mir wurde die Ehre zuteil, ab sofort Zahlvater ohne Besuchsrecht zu spielen. Bei dieser Verhandlung kam ich das erste Mal mit meinem "Anderssein" in Kontakt, da der Richter, den bei meinem Testergebnis vermerkten Karyotyp XX, einfach durchstrich, mit der Bemerkung das wäre ein Tippfehler. OK, das dachte ich auch und so ging das Leben, mit deutlich weniger Geld meinerseits, eben weiter.
Viele Jahre später, ca. 2003, befand ich mich in einer Umschulungsmaßnahme und lernte die erste transsexuelle Person meines Lebens kennen, mit der ich mich auf Anhieb blendend verstand. Wir freundeten uns an und waren fortan nahezu unzertrennlich. Sie hat mich immer als Freundin wahrgenommen, obwohl ich zu der Zeit mein Bestes gab einen Mann zu spielen. Aufgund dieser Tatsache habe ich begonnen meine Frühzeit etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und nahm Kontakt mit meiner Patin auf, mit der ich ein gutes Verhältnis hatte (im Gegensatz zum Rest meiner Familie). Im Laufe dieses Gespräches rückte sie dann mit den Geschehnissen nach meiner Geburt raus, die ich, naturgemäß, nicht mehr wusste. Zusammen mit dem Vorfall vor Gericht wurde mir nun langsam ungefähr klar, was Sache war. Ich habe trotzdem weiterhin, mit wechselndem Erfolg, den Mann gespielt bis zum Jahr 2018, da kam ich in die Pubertät :| . Man muss dazu sagen, das ich nie eine Pubertät in der Kindheit hatte, eine Vermännlichung im normalen Sinne hat so nie stattgefunden, selbst das annähernd männliche Sprechen wurde mir von einer befreundeten Logopädin erst beigebracht.
Nunja, jetzt konnte, mit immerhin 56, das erste Mal mit dem regelmäßigen Rasieren begonnen werden. Auch die Talgproduktion meines Gesichtes hat den Betrieb aufgenommen und ich bekam Akne vom Feinsten, die bis heute anhält. Gleichzeitig mit der beginnenden Vermännlichung des Körpers fand eine Verweiblichung des Geistes statt, sodass ich begann, mir in China Frauenkleidung zu bestellen und diese in meiner Freizeit zu tragen. Nach ca. 2 Jahren entschloß ich mich dann doch endlich mal einen Arzt aufzusuchen, da inzwischen bei mir der typisch männliche Haarausfall begann, und den wollte ich nicht. Mit einer Überweisung zur Endokrinologie der Frauenklinik der Uni Erlangen in der Tasche, machte ich dort einen Termin in der Trans-Sprechstunde aus und kaum ein dreiviertel Jahr später war ich dort auch vorstellig. Nach einem sehr durchwachsenen Vorgespräch wurde mir Blut abgezapft und ein paar Wochen später hatte ich meine Ergebnisse mit wahrhaft furchteregenden Werten: Z.B. Testosteron bei 31,95 nmol/l, Prolaktin 557,6 ml/l oder LH 18,36 mlU/l. Dazu Östradiol im normalen, unteren weiblichen Bereich. Leider waren diese Werte kein Grund, das sich die Endokrinologie weiter damit befasst, lediglich mein Hausarzt bekam Schnappatmung :roll: . Zusammen mit meiner, inzwischen in einem anderen Forum gefundenen, neuen Freundin und Medizinerin Dietlind starteten wir eine Art vorgezogener HET um wenigstens den extremen Testo-Wert zu drücken. So nahm ich ab April Gynokadin-Gel sowie Spironolacton bevor dann die offizielle HET der Uniklinik im August begann. Von der Uniklinik wurde auch die Humangenetische Untersuchung durchgeführt mit dem Ergebnis Karyotyp XX. Auch wurde dort bei einem MRT ein 4x4 mm großes Prolaktinom festgestellt. Meine genaue Diagnose lautet: Intersexualität (Karyotyp XX, phänotypisch/hormonell männlich, PAIS - Partial Androgen Insensivity Syndrom), Hyperprolaktinämie.
Dieser Befund wurde meinem Hausarzt, sowie der KK (auf deren Anforderung, als Gutachten für den medizinischen Dienst zur Bewilligung der weiterführenden Behandlungen) zugesendet.
So, bevor mein, auch im Intersexbereich sehr seltener Fall, die Medizinwelt entgültig ins Schleudern bringt, hat die amerikanische Expertin Linde noch ein bisschen weitergeforscht: Da es Gentechnisch nicht möglich ist, das zweimal XX ein XY herstellen (mein Kind war ja bei der Geburt männlich), muss bei mir zwingend auch ein Mosaic Syndrom vorliegen, d.h. das bei mir nicht überall XX herrscht. Genaueres werde ich wohl erst im Januar erfahren wenn ich eine vollständige, humangenetische Untersuchung in einem Nürnberger Speziallabor durchführen lasse.
Und ja, vermutlich ist das bei mir eine Spielart des De la Chapelle Syndroms, anders ist es nicht zu erklären. Ich habe mein gesamtes Leben unter den Folgen dieses "Genfehlers" gelitten, da auch z.B. verschiedene Organe anders sind und hoffe jetzt darauf das, wenn ich meiner ursprünglichen Natur freien Lauf lassen kann, ich endlich zur Ruhe komme.
Ich danke für eure Aufmerksamkeit.
P.S.: Bitte entschuldigt die Rechtschreibfehler, ich bin etwas übernächtigt :roll:
Zuletzt geändert von MartinaL am So 13. Nov 2022, 12:03, insgesamt 1-mal geändert.
Viele Grüße aus Neumarkt,
Martina.
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 29 im Thema

Beitrag von Tira »

Hallo Martina,
ich bin Mal gespannt wie lange deine DNA Untersuchung dauert. Meine normale hat schon 9 Wochen gebraucht und Mosaic war noch nicht einmal dabei, da müsste ich auch irgendwohin zum Spezialisten. Wäre zwar auch neugierig da weiter zu kommen, Werd das aber von dem Verhalten der KK abhängig machen. Kommen die mir quer, müssen die halt schauen, wie sie die nötigen Untersuchung zahlen. Solange alles glatt läuft, kann ich auch ohne den ganzen Stress gut leben.
Liebe Grüße Tira (flo)
Veränderungen können schön sein, wenn Frau sie nur zulässt.
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Re: Intersexualität und die Debatte um ein drittes Geschlecht

Post 30 im Thema

Beitrag von MartinaL »

Tira hat geschrieben: So 13. Nov 2022, 12:49 Hallo Martina,
ich bin Mal gespannt wie lange deine DNA Untersuchung dauert. Meine normale hat schon 9 Wochen gebraucht und Mosaic war noch nicht einmal dabei, da müsste ich auch irgendwohin zum Spezialisten. Wäre zwar auch neugierig da weiter zu kommen, Werd das aber von dem Verhalten der KK abhängig machen. Kommen die mir quer, müssen die halt schauen, wie sie die nötigen Untersuchung zahlen. Solange alles glatt läuft, kann ich auch ohne den ganzen Stress gut leben.
Liebe Grüße Tira (flo)
Hallo Tira.
Ich hatte ja schon 6 Monate Vorlaufzeit nur um den Untersuchungstermin zu bekommen, da kommt es auf ein paar Wochen mehr auch nicht mehr an :()b .
Aber du hast recht, eigentlich braucht man das Ganze überhaupt nicht.
Was die Bezahlung von solchen Untersuchungen angeht, sind die KKs verpflichtet uns Intersex-Menschen ein bisschen mehr Freiraum zu geben zu geben, da eine genaue Bestimmung dieser Besonderheiten für ein gesundes Weiterleben eventuell wichtig ist. Das wurde mir auf Nachfrage von meiner KK-Sachbearbeiterin mitgeteilt. Ich kann ja mal versuchen das ich das von ihr in schriftlicher Form bekomme und dann gebe ich es an dich weiter damit du Futter für deine KK hast.
Viele Grüße aus Neumarkt,
Martina.
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