Tira hat geschrieben: Mo 26. Sep 2022, 13:22
Mir kommt es manchmal vor, als wenn das noch ein ganz großes Tabu-Thema ist und dann denk ich mir:
"Sind wir nicht alle ein bisschen Inter*"?
Sicherlich nicht so, daß es nötig ist, es in ein Krankheitsbild reinzupacken, aber die Welt ist nunmal nicht Schwarz/Weiß
Und ob es überhaupt nötig ist, alles in Schubladen zu packen?
Ein bisschen Beschränktheit ablegen würde manchen sicherlich helfen, auch in der Medizin
Tira, der Gedanke an das Tabu liegt gar nicht so fern. Das Dilemma, in dem wir stecken, ist ein dickes Paket Weitergabe von unlogischen Denkmodellen. Um allein im Bild des Daumen-Abdrucks auch nur einen Doppelgänger zu finden, müssten wir auch in die Gräber steigen und dort suchen. Selbst die Iris unserer Augen ist einzig für das jeweilige Individuum. Das wissen wir und wir legen sogar großen Wert darauf, dass wir EINZIGARTIG sind. Und doch wollen wir uns einreden (lassen), dass ausgerechnet bei der Ausprägung dessen, was wir "Geschlecht" nennen, nur zwei Ausprägungen denkbar und gültig sind. Und das im 20ten und 21ten Jahrhundert, also in einer Epoche, die vor Forschungstiefe und -breite nur so strotzt und es darum längst besser weiß. Allein weil das Wissen aber nicht in die vorhandenen und zu engen Schuhkartons passt, wird es geleugnet und als falsch abgelehnt. Selbst die Weißkittel, die mit dem Wissen schon im Grundstudium der Medizin konfrontiert wurden, gehen hin und widersprechen dem. - ein klassisches Tabu! - Ganz besonders eifrige Fromme
* (wir sollten sie richtiger als "Fundamentalisten" bezeichnen) hauen dann auch noch brutal mit den heiligen Schriften um sich; ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass sie sich grundlegend verirrt haben, weil ihre menschenverachtende Rede einem billigen Nachlesen der angeblichen Quellen nicht mal annähernd Stand hält.
Konkret sieht es inzwischen so aus, dass Inter* (-geschlechtlichkeit) sich aus etwa 600 verschiedenen biologisch-medizinischen Wurzeln ergeben kann. Und es zeigte sich bereits, dass es wesentlich mehr Menschen gibt, die eigentlich in den Schuhkarton mit der Aufschrift "inter*" gehören. Doch die allermeisten sind sich ihres Status' gar nicht bewusst und das ist auch ganz OK so. - Denn was haben wir von der Einteilung, Frau, Mann oder was sonst zu sein? - Wir wurden geboren, wir sind aufgewachsen und wir sind einfach wie alle anderen auch auf diesem Globus vorhanden.
Unser Konflikt beginnt eigentlich erst (oder: nur!), wenn wir uns gegen ein von uns erwartetes Rollenklischee auflehnen, wenn unser Tun, Denken und Wirken nicht dem uns zugedachten binären Rollenmuster entspricht (Kleidung, Fähigkeiten, Denkweise, und wer weiß, welche Dummheiten da noch denkbar sind). - Wer aber legte fest, was "typisch Frau/Mann" ist. Am Ende des 19ten Jhd wurde den Jungs die Farbe ROSA als typisch passend zugewiesen (abgeleitet von ROT, die Herrschaftsfarbe) und den Mädchen "himmelblau" (abgeleitet vom Himmel, dem göttlichen), wie schnell wir manipulativ umgepolt werden können.
Inter* ist kein Krankheitsbild. Es sei denn, jemand leidet an seinem Gender-Status. Inzwischen gibt es erste Fachmediziner (Endokrinologen), die in diesem Spannungsfeld zwischen Frau - Inter* - Mann auch die richtige Schlussfolgerung wahrnehmen: Es wird in Zukunft eine wesentlich differenzierte und damit individualisierte Medizin geben; es wird auf den persönlichen Hormon-Status des Menschen bei Erkrankungen ankommen. Dann wird es nicht mehr nur um das Geschlecht, die Größe, das Gewicht und das Alter gehen, sondern um weitere Parameter.
Es gibt längst Fortschritte, die "draußen" kaum wahr genommen werden. Aufgrund meiner besonderen Bauart, habe ich mit einer Krebserkrankung und den folgenden Therapien rundherum viel Glück gehabt... bis auf die lästige Nebenwirkung, dass mir bei der Bestrahlung im Darmbereich ein kleines Sieb eingebrannt wurde, dass nach fünf Jahren wirksam wurde. Seit 2017 habe ich darum inzwischen neun OPs hinter mich bringen können (lästig, aber ich kann damit leben)... Und dabei hatte ich bislang mit zwei Kliniken zu tun... und beide Kliniken sehen auf meiner Versicherungskarte den Code für "männlich". Trotzdem gab es nur jeweils eine einmal gestellte Frage: "Sie sind damit einverstanden, wenn wir ihnen ein Bett in einem Frauenzimmer zuweisen?!" - Was ist das NEUE?, sie fragen und überlassen die Entscheidung mir! - Genauso die da und dort an mich gerichtete Frage nach der Anrede "Wie dürfen wir Sie anreden?" Ich überlasse es dann gerne den Fragenden, und biete als Alternative auch "mit dem Vornamen" an, auch damit lässt sich die höfliche Sie-Form wahren. Und ich staune gar nicht mehr, einer sagt's der anderen und es funktioniert besser, als viele ahnen. - Nach einer der OPs kam ich im Wachraum wieder zu mir und mich sprach die diensthabende Schwester an, "wie erklärt sich das eigentlich mit Ihnen und Ihrem Vornamen?" (lache jetzt nicht) nach zwanzig Minuten war ich nicht nur putzmunter, sondern am Bett standen vier Schwestern und wollten noch mehr zum Thema Inter* wissen.
Übrigens: Jetzt Anfach September lag ich mal wieder in der einen Klinik und neben mir im anderen Bett lag auch eine "Christel".
- Alles in Allem, ich habe ein meinem Leben (mit Ausnahme der Eltern) keinerlei Probleme mit meinem Sein gehabt, in den ersten fünfunddreißig Jahren war ich eher mir selbst das Problem, bis mir dann endlich eine freundliche Menschin sagte: "Sei doch einfach mal Du selbst!"
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ich bezeichne mich selbst auch als fröhlich-fromme:n Christ:in