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HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mo 19. Sep 2022, 13:24
von Annette
HERZBLUT
Einen eigenen, persönlichen und biografischen Thread wollte ich schon seit langer Zeit in die Welt setzen. So wie einige von euch auch. Bisher war ich mir nur nicht sicher, wollte abwarten bis nach dem erreichten finalen Ziel meiner Transition. Dieser Moment ist gekommen, und somit ist es an der Zeit endlich loszulegen"¦
Ich fange mal an mit meinem persönlichen zeitlichen Nullpunkt. Alles zuvor war im emotionalen Minusbereich, ab jenem Moment ging es stetig bergauf. Es ist der Moment meines ersten Outings, der zaghafte Beginn meiner Transition.
Die folgende Geschichte habe ich bereits irgendwann hier veröffentlicht, und sorry, ich mag mich wiederholen, doch es ist ein guter Anfang.
8. Juni 2020, gegen 2:00 morgens"¦
ERSTES OUTCOMING
Umgeben von tiefster Schwärze dieser Nacht, liege ich seit langem mal wieder neben meiner Frau im Bett. Da alle Zeichen auf Sturm stehen, und ich meinen letzten Kern Empathie längst über Bord geworfen habe, kann ich jetzt nur noch tatenlos dem endgültigen Schiffbruch entgegenfiebern. Da es eh nichts mehr zu verlieren gibt, kann ja wohl nichts dabei sein, endlich Klartext zu reden, denke ich jedenfalls. Wenn es doch nur nicht so gottverdammt schwer wäre. Seit über einem Jahr versuche ich das. Mein Puls rast, ich räuspere mich.
"Was ist denn los mit dir?" fragt meine Frau.
"Ach nichts. Vergiss es."
"Ich kenn dich nur zu gut. Du möchtest mir doch etwas sagen."
Da ist es wieder, dieses beklemmende Gefühl. Unsicherheit und Angst machen sich breit. Erneut werde ich scheitern.
"Na los, nun sag schon!"
Ich werde immer nervöser, wage trotzdem den Versuch.
"Richtig. Ich muss dir was sagen, oder besser gesagt gestehen."
"Und?"
Ich glaube, ich höre wohl nicht richtig, dieses 'und' klingt mir doch ein wenig zu sorglos.
"Was ich dir zu sagen habe, wird unser ganzes Leben über einen Haufen werfen. Aber erst einmal, ich habe dich niemals betrogen. Nicht ein einziges Mal."
"Ok. Und jetzt?"
"Ich bin,"¦ ich bin eine Frau." Nie hätte ich geglaubt, wie einfach mir diese vier Worte über die Lippen gehen. Hätte ich doch schon vor Jahren"¦
"Wie, eine Frau?"
"Eine Frau, ja. Ich fühle mich als Frau. Ich kann nichts dafür, es steckt tief in mir drin."
"Wirklich? Seit wann?"
"Schon immer."
Sie schaltet das Licht an, sieht mir direkt in die Augen, taxiert mich wie ein Hai seine Beute.
"Es tut mir leid, dich zu enttäuschen", flüstere ich, "wenn du jetzt gehen willst, kann ich das verstehen und mich damit abfinden."
Doch dann fasst sie sich ein Herz und umarmt mich.
"Danke für deine Ehrlichkeit. Die habe ich seit Jahren vermisst."
Und es brechen die Dämme, Fluten von aufgestautem Frust ergießen sich in den leeren Raum unserer ramponierten Beziehung. Wir können wieder miteinander reden, offen und frei. Es ist, als würde man nun endlich anfangen dieses Beziehungschaos wegzuräumen. Und ich beginne ihr alles zu gestehen. Wie ich mich einst heimlich an ihrer Garderobe zu schaffen machte, wie ich alleine in unserer Wohnung in Frauenklamotten herumstolziert bin, wie ich mir meine eigenen Frauensachen beschafft habe und so vieles mehr,"¦ und sie hört einfach nur zu, aus ihrem Blick stechen tausend Fragezeichen hervor, aber auch etwas anderes, jene verloren geglaubte Zuneigung scheint sich wieder zu regen. Schlagartig fällt die ungeheure Last von meinen Schultern, ich lehne mich an ihr Herz und weine mich aus. Die seit vielen Jahren omnipräsent gewesene Leere wird allmählich ersetzt durch meine tiefe und innige Dankbarkeit. Und allein, dass meine Frau so verständnis- und liebevoll reagiert und meine verquere Neigungen bedingungslos akzeptiert, fühle ich mich erstarkt und bereit, zusammen mit ihr alle Hürden zu meistern, die da auf uns zukommen mögen.
Zu Tränen gerührt, immer noch"¦
Annette CS
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mo 19. Sep 2022, 13:29
von Annette
WAS NUN?
Nun war es raus! Endlich! Schlagartig fühlte ich mich von diesem ungeheuren Druck befreit und wie einfach war das jetzt gewesen?! Warum nicht früher? Viel, viel früher? Nur zu gut erinnere ich mich an all die hässlichen Szenen, Szenen, die ich in jahrelang aufgestauten Frust und Verzweiflung selbst heraufbeschworen hatte,... doch darüber möchte ich ein andermal berichten. Die Frage, die sich nach dem so schön abgelaufenen Outcoming förmlich aufgedrängt hat, war: Wie ging es jetzt weiter? Mit meiner Frau bin ich während den folgenden Tagen so ziemlich alle möglichen Szenarien durchgegangen. Würden unsere Kinder (heute 16 und 18) eingeweiht werden? Wie würden sie reagieren? Die Nachbarschaft, die Familie? In der Berufswelt? So viele Fragen, und keine einzige leicht zu beantworten. Wir diskutierten und debattierten, endlos lange Gespräche, manchmal wurde gestritten, aber immer hat mir meine Frau das Gefühl von ehrlich gemeinter Akzeptanz und Unterstützung vermittelt. Und nur darauf kam es an: Solch ein Thema hat enormes Konfliktpotential, doch wir brachten gegenseitiges Verständnis füreinander auf und konnten reden, ohne zu sehr aneinander zu geraten. Dafür bin ich meiner Frau auch heute immer noch sehr dankbar. Und eins war ich mir bereits sicher: Ich wollte diesen Weg jetzt gehen, koste es, was es wolle. Ich würde mich nie wieder verstecken, nicht für eine einzige Sekunde! Würde mich nie wieder in diesen verdammten Seelenkäfig hineinsperren lassen. Ich würde den Weg gehen, so schnell wie nur möglich! Selbst wenn es mich Familie und Beruf kosten sollte"¦ Ich fühlte mich befreit und wollte endlich Annette sein! Dafür würde ich alles andere aufgeben!
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mo 19. Sep 2022, 16:40
von Céline
Danke...
Ich denke mehr brauche ich nicht zu sagen
Céline
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Di 20. Sep 2022, 17:05
von Annette
ERSTE SCHRITTE (Juni 2020)
Unmittelbar nach meinem Outing fühlte ich mich sowas von erleichtert, war praktisch über Nacht wie ausgewechselt und auf einmal habe ich so etwas wie Lebensfreude empfinden können. Doch ich wollte jetzt nicht stehen bleiben, sofort habe ich einige Termine bei einer Psychologin gebucht. Und diese sollte sich später noch als absoluter Glücksgriff herausstellen, hatte sie mir doch im Laufe meiner Therapie mehrmals einige entscheidende Hinweise gesteckt, doch dazu später. Außerdem begann ich nach Gleichgesinnten, resp. Leidensgenossinnen zu suchen. Hierzulande fand ich leider nur ein kleines Online-Portal, eine Kontaktbörse für queere Menschen, zu jenem Moment nicht so sehr das Passende. Dann habe ich meine Suche ausgeweitet, zuerst auf den französischsprachigen Raum, bin dann in deutsche Gefilde hinübergewechselt und siehe da,... ein "crossdresser-forum.de" hinterließ sofort einen guten und bleibenden Eindruck. Während einiger Zeit habe ich mich dort regelmäßig als Gastleserin eingeklinkt, dann habe ich mich kurzerhand angemeldet...
...und jetzt nutze ich diese Gelegenheit einmal, um dieses Forum angemessen zu würdigen. Danke an alle, danke für alles!
Aber auch im richtigen Leben habe ich sehr schnell erkannt, so manches ändern zu müssen. Die alte Garderobe sollte ausgedünnt und allmählich ersetzt werden, überdies machte ich meine ersten (offiziellen!) Gehversuche durch die Damenabteilungen der Konfektionshäuser. Früher habe ich das auch gemacht, auf die Schnelle, um bloß nicht erkannt zu werden, und war zudem noch mit tiefsten Schamgefühlen behaftet gewesen. Aber das kennen viele andere ja selbst zur Genüge. Und solche Spiessrutenläufe sollten nun endgültig der Vergangenheit angehören, denn bereits in dieser Vorzeit meiner Transition ging ich sehr offen mit dem Thema um. Und ich war frei, ich war glücklich und hatte selbst keine Hemmungen mehr, mir auch den allerkitschigsten Modeschmuck zu besorgen. In einem Laden fand ich eine Art Medaillon, ein übergroßes Ding, doch es hat mir gefallen. Einige Wochen später habe ich dieses dann auch in der Öffentlichkeit getragen, und das ist mir beinahe zum Verhängnis geworden"¦
(Fortsetzung folgt)
Annette CS
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mi 21. Sep 2022, 01:26
von Inga
Liebe Annette,
Danke. Danke ? - Danke muß ich dir sagen für deinen Thread, in dem du schon mit den ersten Beiträgen so viel aus deinem Leben und Werden mit uns teilst.
Mich berührt es sehr.
Liebe Grüße
Inga
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mi 21. Sep 2022, 10:44
von Juliane
Liebe Annette.
Dankeschön für deine offenen und ehrlichen Worte, Sätze und Erfahrungen.
So vieles davon kenne ich aus eigenem Erleben, auch wenn mein Weg in den letzten gut 20 Jahren ein anderer, aber ähnlicher war.
So gut tut dieses Gefühl, seine Gedanken und tiefsten Gefühle herauslassen zu können und dann auch noch verstanden und
akzeptiert zu werden. Ich wünsche dir auf deinem weiteren Weg alles Gute und weiterhin das nötige Verständnis und den
Rückhalt den du brauchst.
Schreibe bitte gerne weiter, denn von deinen Erfahrungen können sicher einige etwas für ihr eigenes Leben mitnehmen.
Liebe Grüße, Juliane
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mi 21. Sep 2022, 11:05
von Annette
Juliane hat geschrieben: Mi 21. Sep 2022, 10:44
Schreibe bitte gerne weiter,...
Jetzt ist die Büchse der Pandora geöffnet...
Tatsächlich tut mir das sehr gut, ich schreibe sehr viel und auch ganz gerne, zumeist Satire, Lyrik oder Short-Stories, manchmal auch krankes und abartiges Zeug.
Doch diesen Thread hier empfinde ich selbst als äusserst positiv, weil er mir die Möglichkeit bietet, meine gesamte Transition noch einmal in Gedanken zu durchleben, und nun, nachdem ich angekommen bin, ist es mir eine einzige Freude, diese Geschehnisse noch einmal Revue passieren zu lassen. Da kommt noch einiges.
Liebe Grüsse,
Annette CS
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mi 21. Sep 2022, 11:42
von Annette
DAS MEDAILLON (Juli 2020)
Wie bereits erwähnt, habe ich in einer Boutique einiges an Modeschmuck ergattern können. Nichts besonderes, aber das Zeug gefiel mir. Zum anstehenden Termin bei meiner Psychologin trug ich dann auch ein etwas überdimensioniertes Medaillon auf der Brust, dazu violette Pants und ein pinkfarbenes Top, ich kann mich nur zu gut erinnern, meine Therapeutin meinte gar, ich sei ja ganz in "Deep Purple". Nach der Sitzung noch eine erlesene Runde Kaffee und Kuchen, ich war rundum zufrieden und genoss den schönen Tag"¦ Dann kam dieser verdammte emotionale Rückschlag! Heute nicht mehr als ein kleines und irrelevantes Detail in meiner Erinnerung, doch damals ist ein unrühmliches und tragisches Ende greifbar nahe gewesen.
Zuhause wurde ich mit den erstaunten Augen meiner Frau empfangen, sie wunderte sich wozu ich denn solch ein extrem feminines Medaillon trüge, und machte dabei ihrem Unmut Luft indem sie immer wieder beteuerte, ich könne das nicht machen, es wäre viel zu früh, und was sollen die Leute denken, usw. Außerdem sei das Ding potthässlich. Eine bessere Erklärung wie meine eigenen positiven Emotionen hatte ich nicht parat, und sie schien ziemlich verärgert. War es das nun mit ihrer versprochenen Unterstützung? Ich fühlte mich maßlos enttäuscht, schlich wie ein geprügelter Hund in unsere Garage und konnte nur noch weinen. Sie kam mir hinterher, sagte, dass sie mich nicht verletzen möchte, doch solch damenhaftes Zeug zu tragen ginge gar nicht, dafür sei es noch nicht an der Zeit, die Leute könnten denken ich sei homosexuell, und nicht auszumalen wenn mich ein Bekannter damit gesehen hätte. Na und? Ich wollte das nicht wahrhaben, für mich ein herber emotionaler Rückschlag, ich fühlte mich angegriffen und daran gehindert mich entfalten zu können. Abends ging es dann so weiter. Meine geschundene Seele wurde traktiert mit Argumenten, die ich nicht verstehen wollte, ich selbst war die ganze Nacht nur noch am Heulen. Und ich hatte Angst! Angst davor aufzugeben und mein erbärmliches Dasein doch wieder als "Mann" fristen zu müssen. So reifte dieses endgültige Vorhaben in mir heran"¦
Am Morgen war die Diskussion immer noch nicht beendet, ich versuchte ein letztes Mal zu erklären, wie glücklich ich mich gefühlt habe, doch vergebens! Dann zog ich mich an, ganz in Schwarz, wie früher, Männerzeug, das ich eigentlich wegschmeißen sollte. Cargo-Hosen, Hoodie, Army-Mantel, sagte Auf Wiedersehen und wollte los.
"Wohin so plötzlich?"
"Ich nehm den Zug"
Ganz in der Nähe befindet sich eine Bahnstrecke"¦ Sie hat's sofort geschnallt, ließ sich aber nicht beirren.
"Tu's doch!"
Dann aber stellte sie sich mir in den Weg, trug ihr Anliegen erneut vor, aber irgendwie anders, und ich verstand sie. Das Medaillon-Gehabe war nicht mehr wichtig, allmählich dämmerte es mir, dass meine Frau sich mir niemals in den Weg stellen würde, was ich ja geradezu postuliert hatte. Ich sackte in mir zusammen und heulte darauf los. Ich entschuldigte mich für mein irrsinniges Vorhaben, doch emotional bin ich zu aufgewühlt gewesen, legte mich zurück ins Bett und war einem Weinkrampf ganz erlegen. Irgendwann setzte sie sich zu mir, drückte mir das Medaillon in die Hand, und sagte, sie könne dessen symbolischen Wert für mich verstehen und dass sie weiterhin zu mir halten würde. Und ich wusste, sie meinte es ehrlich. Dann aber doch die Bitte, dieses Ding nicht mehr öffentlich zu tragen, es sei übertrieben und würde mir wahrhaftig nicht stehen. In ihrem Schmuckkästchen hätte sie ja viel schönere Sachen"¦
So brauchte ich noch einige Stunden um aus diesem seelischen Abgrund hervorzukommen, in jener Gefühlslage habe ich damals (hier im Forum) einen kleinen Beitrag verfasst. Anne-Mette hatte diesen treffend kommentiert, doch für einen Moment ist es mir wirklich in den Sinn gekommen,
es zu tun"¦
ABGRUND
Dunkelheit und Seelenfinsternis
strecken tentakelbewehrte Fangarme
nach mir aus und reissen mich hinab
zurück in den Abgrund.
Der Höhenflug meines Glücks
von allzu kurzer Dauer
ein unsichtbares Aufblinzeln
mehr ward mir nicht vergönnt.
Anmerkung: Es ist mir bewusst, dass andere viel größere und wichtigere Probleme haben als die Kritik an unpassendem Schmuck und ich sollte mich nicht beschweren. Dennoch hätte diese Geschichte ganz tragisch ausgehen können. Sie zeugt von meinem damals sehr labilen Gemütszustand, wenn ich nur daran denke, kommen mir erneut die Tränen hoch.
Annette CS
20220921_101157.jpg
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mi 21. Sep 2022, 13:20
von Susi T
Ufff, schönes Amulett, äh ich glaub mir wäre es ähnlich ergangen. Meine sind vielleicht kleiner, aber ähnlich schön finde ich

Erstaunlich das solche Kleinigkeiten zu so große Probleme führen können. Schön das du es verkraftet hast.
Liebe Grüße Tira

Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mi 21. Sep 2022, 13:32
von Veronika
Liebe Annette,
Das Medaillon finde ich sehr schön, es ist auch nicht zu groß. Trage es so oft Du kannst.
Ich hatte vor ca. 2 Jahren einen kleinen Anhänger in Gold mit einer kleinen Perle von meiner verstorbenen Mutter an meiner Halskette, meistens unter dem Hemd. Dieses Mal war er für meine Frau sichtbar, es gab einen ganz schlimmen Aufstand wo sie von Trennung sprach wenn ich ihn weiter Trage. Seitdem habe ich ihn versteckt.
LG Veronika
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mi 21. Sep 2022, 19:41
von Lana
Tira hat geschrieben: Mi 21. Sep 2022, 13:20
Erstaunlich das solche Kleinigkeiten zu so große Probleme führen können.
Das kommt mir bekannt vor. Ich habe versucht, es zu ergründen, aber keine klare Antwort bekommen. Mir wurde immer nur gesagt "das sieht zu weiblich aus", wenn es Probleme gab mit der Akzeptanz. Wahrscheinlich ist es tatsächlich das: wenn der letzte Rest männlicher Erscheinung von auffälligen, eindeutig weiblich konnotierten Attributen überdeckt wird, fällt es den Partnerinnen schwer damit umzugehen. Das Unwohlsein, den Mann, den es da mal gab, komplett zu verlieren, bricht sich Bahn. Ob es dabei um Schmuck, Make-up oder bestimmte Kleidungsstücke geht, ist nicht wichtig. Vielleicht ist es auch die eigene Überforderung, die zu solchen Reaktionen führen kann. Weil auf einmal der bisherige Rahmen, in dem die Veränderungen stattfanden, erweitert wird über eine für uns unmerkliche Grenze hinaus, die bei der Partnerin etwas auslöst, mit dem Sie erst einmal umgehen lernen muss. Diese Unsicherheit zeigt sich dann in ablehnenden Kommentaren.
LGL
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mi 21. Sep 2022, 21:35
von Marit
Liebe Annette,
erstmal vielen Dank, dass du deine Erlebnisse von Anfang an so offen hier teilst. Vielleicht mache ich das auch noch einmal, doch viele Begebenheiten sind ähnlich, nur in anderer Reihenfolge.
Mit auffälligem Schmuck hatte ich nie ein Problem, den hatte ich schon als Mann tragen dürfen. Bei uns ging der Stress wegen eines Lederrocks los, der meiner Partnerin zu kurz war und den ich daher als Mann nicht tragen könne. Das Teil ist harmlos, knielang und ich trage es als Frau problemlos. Nun, damals als Mann hatte ich nur knöchellange Röcke an, schon allein wegen der Stachelbeerwaden.
Dass ich in diesem speziellen Fall meinen Bedürfnissen nicht folgen durfte, hat mich zu einer Selbsthilfegruppe gebracht und war damit auch der ursprüngliche Anlass, über meine Identität nachzudenken.
So dramatisch wie bei dir war die Sache nicht, doch ich kann verstehen, wie du dich gefühlt haben musst. Nur gut, dass es noch glimpflich ausgegangen ist.
Jedenfalls bin ich gespannt wie es weitergeht. Und vielleicht schaffe ich auch noch, die Dinge mal von Anfang an aufzuschreiben. Bisher habe ich gedacht, dass das im Nachhinein nichts bringt, doch wenn ich deinen Bericht lese, ist es wohl doch die Mühe wert.
Liebe Grüße von Marit
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Mi 21. Sep 2022, 22:12
von Annette
Marit hat geschrieben: Mi 21. Sep 2022, 21:35
So dramatisch wie bei dir war die Sache nicht, doch ich kann verstehen, wie du dich gefühlt haben musst. Nur gut, dass es noch glimpflich ausgegangen ist.
Jedenfalls bin ich gespannt wie es weitergeht. Und wenn ich deinen Bericht lese, ist es wohl doch die Mühe wert.
Liebe Marit
Danke für deine Antwort. Im Vergleich zu früher ist diese Medaillongeschichte nicht sooo schlimm gewesen. Natürlich habe ich das wie einen emotionalen Rückschlag empfunden, und ich bin für eine Nacht und einen Tag sehr traurig gewesen. Doch all dies war nichts im Vergleich zu dem was ich während der Zeit vor meinem Outing erlebt habe und ich hatte Angst vor einem Rückfall in jene Zeiten. Das war die Hölle gewesen, und ich hab so manch hässliches Zeug erlebt. Irgendwann werde ich davon berichten.
Im Moment jedoch erst die Geschichte nach meinem Outing, dem Zeitpunkt ab dem mein Leben wieder lebenswert wurde. Für mich ist es die Mühe wert, in dieser Hinsicht habe ich noch was vor und möchte deswegen den Werdegang meiner Transition schriftlich festhalten. Warum dann nicht auch einiges davon hier teilen?
Wie es weitergeht? Wunderbar! Das verspreche ich. Doch vorerst eine Mütze Schlaf... bis morgen!
Danke und liebe Grüsse,
Annette CS
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Do 22. Sep 2022, 17:47
von Annette
OUTING II - MEINE KINDER (Juli 2020)
Noch am selben Tag dieser schrecklichen Medaillongeschichte: Ich war immer noch ganz down, doch was dann folgte, war eines der schönsten Ereignisse überhaupt. Meine Frau saß neben mir, fragte plötzlich, ob ich nicht unsere beiden Söhne (damals 14 und 16) einweihen sollte. Der Zeitpunkt meines ersten Outings bei ihr war gerade mal fünf Wochen vergangen, und um ehrlich zu sein, zuhause wünschte ich mir nichts sehnlicher als mit den beiden Klartext zu reden, somit wären, zumindest was meine Familie beträfe, die Weichen gestellt, der Weg frei. Vom Versteckspiel hatte ich die Faxen dicke, außerdem wäre dies nicht weiter fair gegenüber den Jungs. Sie würden's ja eh rauskriegen.
Ich begab mich nach oben ins Zimmer des ältesten, rief den jüngeren herbei. Puh! Gar nicht so einfach, wie würden sie reagieren? Würden sie mich weiterhin mögen und akzeptieren? Wenn nicht, was dann? Wie sollte ich reagieren? An ein Zurück wäre jetzt nicht mehr zu denken"¦ Dann kündigte ich an, ich hätte ihnen etwas sehr Wichtiges mitzuteilen. Etwas ganz persönliches, das großen Einfluss auf unser Familienleben haben könnte. So erzählte ich einiges aus meiner Vergangenheit, aus meiner Gefühlswelt und wie verzweifelt und frustriert ich immer gewesen bin, erklärte dass ich gerade begonnen habe, all dies zum Besseren zu verändern. Ich gab aber auch zu, dass womöglich massive familiäre Umwälzungen deswegen im Anmarsch seien, doch beteuerte auch, dass ich sie immer lieb haben werde. Ich gab ihnen eine kurze Pause, um das mal sacken zu lassen, redete ein bisschen was über Frauen und"¦ dann,... tja dann"¦ Es traf mich völlig unerwartet! Es war mein ältester:
"Was redest du hier so rum? Gib doch einfach zu, dass du transsexuell bist!"
Boah! Ich war völlig perplex. Ich hatte mich redlich bemüht, sie nicht ins kalte Wasser zu schubsen, wollte sie ganz sachte an das Thema heranführen. Und dann diese abrupte Feststellung! Aber irgendwie freute mich das, der Kern meines Anliegens war endlich raus, wenn auch auf eine Weise, die ich so niemals erwartet hätte. Ich hörte auf rumzueiern, ging aufs Ganze.
"Na gut, das hast du richtig erkannt. Schon sehr lange fühle ich mich als Frau, und nun möchte ich das auch sein."
Sofort wollte er wissen, ob ich mich auch operieren lassen würde. Ich bejahte, und wollte von allen beiden wissen, wie sie dazu stünden. Der jüngere sagte, davon gehe ja die Welt nicht unter. Außerdem wäre ihnen bereits aufgefallen, dass ich seit kurzem mehr Wert auf mein Äußeres legen und mich viel angenehmer benehmen würde. Auch der älteste war dieser Auffassung. Beide wiederholten mehrmals, es wäre ihnen egal wer oder was ich bin, hauptsache glücklich. Ich umarmte alle beide, konnte meine Tränen kaum noch verbergen und bedankte mich für ihre wohlwollende und tolerante Haltung. Insgeheim habe ich solch eine Einstellung erhofft, wenn nicht gar erwartet, denn während ihres ganzen bisherigen Lebens sind Werte wie Offenheit und Toleranz immer eine Säule der Erziehung gewesen. Als ich sie wieder alleine ließ, brachen abermals die Dämme, und ich habe den ganzen Abend nur noch geweint. Komisch, nicht wahr? Morgens vor Frust, abends vor Glück!
Wie ging es nun weiter? Meine Söhne haben ihre Einstellung mir gegenüber nie geändert, immerzu sehr verständnisvoll. Wenn anfangs Freunde von ihnen bei uns hereingeschaut haben, wollte ich ungesehen im Hintergrund verbleiben, wollte ihre Freundschaftsbeziehungen nicht zu sehr strapazieren, aber sie selbst sind bald mit der besten aller Lösungen gekommen. Sie haben ihrem ganzen Umfeld einfach erzählt, ihr Vater wäre trans und ab jetzt auf dem Weg eine Frau zu werden. Ich wüsste nicht, dass einer von ihren Freunden sich negativ darüber geäußert hätte. Auch in ihrer Schule spielten sie mit offenen Karten, alles lief einfach perfekt. Aber letztendlich wundert mich all das nicht, bei dieser "Jugend von heute." Dieser Begriff wird ja gerne im pejorativen Sinne verwendet, aber Tatsache ist: Die Jugendlichen von heute sind sehr weltoffen! Dabei sind sie nicht einmal toleranter als unsere Generation damals, doch heutzutage sind sie viel aufgeklärter als wir es zu unserer Zeit je gewesen waren. Queer, trans, divers, usw, alles Themen die nicht mehr verschwiegen werden und auch in den Schulen wird nichts mehr unter den Teppich gekehrt. Ja fast könnte man meinen, es gehöre zum guten Ton, zumindest eine "andersartige" Person persönlich zu kennen. Sehr oft habe ich in der Folgezeit, und auch heute noch, Sachen mit meinen Söhnen und ihren Freunden unternommen und ich muss sagen, in ihrer Gesellschaft fühle ich mich auf keinen Fall ausgegrenzt! Für sie bin ich Annette, aber immer auch "ihr Vater". Dankeschön an meine beiden Söhne und Lobrede auf die Jugend.
Kleine Anekdote: Im Sommer 2021 bin ich mit meinem ältesten auf der Dokumi-Messe in Düsseldorf gewesen, er hat dort Freunde aus Deutschland getroffen, und als diese mich gesehen hatten, fragte ihn einer: "Wie denn? Du hattest doch erzählt, du würdest mit deinem Vater kommen, wo ist der denn?" Er stellte mich seinen Freunden vor, und zusammen haben wir zwei schöne Tage dort verbracht. Inklusive Hotel- und Restaurantbesuch, ich dabei in knallrotem Abendkleid. Die Jungs hatten damit kein Problem"¦
Anmerkung: Vielleicht mag all dies etwas unglaublich daherkommen und eigentlich zu schön um wahr zu sein, doch es hat sich tatsächlich so ereignet! Meine Leidenszeit sollte endlich vorbei sein. Dank der tollen Unterstützung meiner Familie!
Annette CS
Re: HERZBLUT „ MEINE TRANSITION
Verfasst: Sa 24. Sep 2022, 09:07
von Annette
OUTING III - FREUNDE UND ELTERN (Juli 2020)
Es war mir bewusst, ich würde nur vorankommen, wenn alle potentiellen Hindernisse aus dem Weg geräumt würden. Die bisherige Unwissenheit meines näheren Umfeldes bezüglich meines Outings war solch ein Hindernis. Alle mir nahestehenden Personen mussten eingeweiht werden, je eher, desto besser. Nur so würden bei mir Kopf und Weg frei werden, nur so würde es mir möglich sein, ohne das zermürbende Versteckspiel auszukommen.
Bei meinen Freunden sah es ziemlich einfach aus, die meisten von uns entstammten der früheren Punkrock-Szene, und in diesem Milieu sucht man vergebens nach Wut, Hass und Intoleranz. So habe ich meinen besten Freund getroffen und ihm mein Herz ausgeschüttet. Erst einmal hat er sich sehr dankbar gezeigt und fühlte sich gerührt, denn jemandem solch ein intimes Geheimnis anzuvertrauen wäre schon ein enormer Vertrauensbeweis. Wie zu erwarten hat er mich sofort akzeptiert, wir haben lange darüber geredet, weitere wurden eingeweiht, und alle anderen schienen irgendwie erfreut, dass ich mich nun endlich gefunden habe. Sie versicherten auch, falls jemand blöde daherkommen sollte, dann unbedingt Bescheid geben. Sehr viel Zuspruch und Verständnis habe ich auch von all den Frauen aus meinem Bekanntenkreis erhalten, dies habe ich als noch emotionaler empfunden, denn sie waren ja genau so, wie ich sein wollte. Ach, welch viele schöne Gespräche haben wir zusammen geführt.
Das Outing bei Freunden verlief absolut unkompliziert, als nächstes sollten meine Eltern dran sein. Das würde ein emotionaler Kraftakt werden. Obwohl ich keine Erlaubnis von ihnen bräuchte, war mir deren Akzeptanz dennoch nicht unwichtig. Zum ersten habe ich meiner Mutter mitgeteilt, wie es um mich steht, habe nichts verheimlicht, nichts beschönigt und ich staunte nicht schlecht, wie wohlwollend und unproblematisch sie reagiert hat. Sie sicherte mir zu, alles sei in bester Ordnung (Hä???). Einige Tage später kam sie mit meinem Vater vorbei, wir redeten darüber, jedoch nicht allzu lange. Beide sagten, alles klar, dann waren sie wieder weg. Nun, dachte ich, das war doch jetzt zu einfach gewesen. Gerade bei meiner Mutter, die kannte ich ja gar nicht als so tolerant und aufgeschlossen. Auch meine Frau wollte dieser Wischi-Waschi-Toleranzbezeugung nicht so recht trauen. Und wir sollten recht behalten, nur Geduld, das dicke Ende kommt noch!
Annette CS