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State of the Community

Verfasst: Di 28. Jun 2022, 16:34
von JuliaS (†)
Es ist schon viel erreicht, aber wir laufen Gefahr vieles, wenn nicht alles, was in Jahrzehnten erreicht wurde, leichtfertig zu verspielen.

Die bisherige Stärke der Community (trans*, intergeschlechtlich, nicht-binär) war ihre Seriosität und Integrität. Wir waren die Menschen die auf Grund eines unverschuldetem Schicksals das Leben vermiest worden ist und durch die Gesellschaft das Leben schwer gemacht wird. Dadurch konnten wir der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und Schuldgefühle wecken. Wir waren das unschuldige Opfer. Doch genau diese Außenwahrnehmung laufen wir seit jüngster Zeit Gefahr wieder zu verlieren.

Es ist legitim Forderungen zu stellen. Diese dürfen auch durchaus ambitioniert sein. Doch sie sollten auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Mit irrationalen, unerfüllbaren Forderungen ist niemandem, erst recht nicht uns gedient. Vielmehr führen solche zu Befremden bei durchaus auch wohlgesonnenen Kreisen. Man darf nicht vergessen das es nur eine Gruppe von unter einem Prozent der Bevölkerung betrifft. Somit sind wir weit davon entfernt eine demokratisch relevante Gruppe zu sein. Wir brauchen also unumgänglich Verbündete und externe Unterstützung. Dies erreichen wir aber nicht wenn wir uns wie die Geißel der Gesellschaft aufführen. Mit Forderungen wie der grundsätzlichen Abschaffung der postnatalen Geschlechtsfeststellung und Zuweisung oder Prozessieren um des Prozessieren willen verstören wir weite Teile der Gesellschaft, deren Wohlwollen wir wie bereits festgestellt, unabdingbar benötigen.

Es dürfte wohl unbestritten sein, das unsereins im Moment weltweit das bevorzugte Ziel nicht uneinflussreicher gesellschaftlicher Gruppen sind. Wir müssen damit leben. Aber es ist auch der Grund weshalb wir uns nicht intern zerfleischen, als auch durch unüberlegtem, ungeschickten Handeln die Grundlage für derartige Anfeindungen liefern können. Wir sind der Kitt und das Instrument durch welches es gelingt das sich feministisch verstehende Organisationen und Gruppierungen gerade die Interessen klerikal-restaurativer Kreise wahrnehmen. Mit agressiv vorgetragenen, immer neuen Wortschöpfungen und Konstrukten wird es uns nicht gelingen diese unheilige Allianz aufzubrechen und zu beenden. Wir können uns diesen Nebenkriegsschauplatz nicht leisten. Hiergegen vorzugehen ist Aufgabe der Strafjustiz, nicht unsere. Mit irgendwelchen Schmier- und Hetzkampagnen erreichen wir gar nichts und liefern vielmehr gerade die Rechtfertigung zur Begründung und Fortführung. Das Recht ist auf unserer Seite, doch wir dürfen es uns nicht vergraulen. Der einzige Weg ist der der Strafanzeige. Sogenannte "TERF" sind ein Fall für Anzeigen über Anzeigen. Es ist ebenfalls hilfreicher sie dort zu treffen wo es diese am schmerzlichsten trifft, bei ihren Verbindungen in die Mehrheitsgesellschaft und ihrer Reputation. Es dürfte doch gelingen sie als das sichtbar zu machen was sie sind, als nicht mehr auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehend. Geben wir den Institutionen die mit dem Schutz dieser verpflichtet sind, die Informationen die sie benötigen um gegen "TERF" et al wirksam vorzugehen. Dies wird etwas länger dauern und nicht sofort erfolgen, doch die Geschichte und das Recht ist auf unserer Seite. Noch kann es gelingen, doch diese Möglichkeit kann auch durch uns selber auf lange Zeit verbaut werden.

Nicht jeder missliebiger Medienbeitrag rechtfertigt eine Grundsatzdebatte über Begrifflichkeiten und Formulierungen. Wir müssen lernen zwischen aktiv negativen und ungeschickten Beiträgen zu unterscheiden. Hierbei ist es notwendig einen gewissen Spielraum einzuräumen und durch anhaltendes Informieren und Hinterfragen einen langfristigen Sinneswandel herbei zu führen. Dabei sind begründete Beschwerden an den Presserat eine Möglichkeit aber nicht die ultima ratio. Wir sind nicht der Dreh- und Angelpunkt der Welt und Gesellschaft. Wir sind das eine Prozent dem mitunter übel mitgespielt wird. Auch durch uns finden wir im Moment vielleicht etwas zu viel Aufmerksamkeit und in der Vergangenheit waren bei vielen Problemen diskrete und sachbezogene Aufklärungsarbeit mit begleitender politischer nebst gesellschaftlicher Landschaftspflege erfolgreicher und zielführender als unüberlegt aktionistischer Krawall. Mit dem großen Feldgeschrei erreicht man in der Sache nur in Ausnahmefällen etwas aber man verscherzt sich fast unausweichlich das notwendige Wohlwollen der Gesellschaft.

Re: State of the Community

Verfasst: Di 28. Jun 2022, 17:33
von Jaddy
1. Legitime Forderung: "Als nichtbinäre Person nicht zur Selbsteinordnung in binäre Kategorien verpflichtet werden". Zum Beispiel bei Anrede-Auswahl und in Anschreiben. Das Recht haben wir. Sogar unabhängig von irgendwelchen Registereinträgen, sagt LG Frankfurt. Und vor allem, wenn diese binäre Zwangseinordnung für den Geschäftszweck völlig überflüssig ist und demnach laut DSGVO und BDatSchG nicht mal erhoben werden sollte und schon gar nicht verpflichtend.

2. Wenn einfache Bitte um Änderung nicht hilft, kann das nur per Zivilklage durchgesetzt werden. D.h.eine betroffene Person muss sich engagieren. Meines Wissens gibt es keinen dritten Weg. Das ist nicht "um des Prozessierens willen", sondern die einzige Möglichkeit, das Recht auch zu bekommen.

Mal zur Einordnung: Binäre Zwangseinordnung ist das gleiche wie misgendern, im Effekt aber noch stärker, weil es Nichtbinäre unsichtbar macht. Wenn trans Männer und trans Frauen das Recht auf die richtige Anrede und Pronomen einfordern, dann steht "uns" Nichtbinären das ebenso zu.

Ich sehe nicht, wie "wir" uns "das Recht vergraulen", was immer das bedeuten mag, wenn wir nicht nur Hass, Hetze, Beleidigungen und Gewalt mit Strafanzeigen entgegentreten, sondern auch die notwendige Teilhabe und die verbrieften Rechte (BVerfG, AGG und diverse Entscheide und Urteile) auch einfordern, wo sich Firmen und Institutionen bockig zeigen.

3. Auch misslungene Medienbeiträge haben Einfluss. Wenn wieder trans und inter vermischt wird, nichtbinäre Personen falsch gelabelt werden, angebliche Fachleute ihre unhaltbaren und überholten Meinungen als Wahrheiten verbreiten, Registereintrag und medizinische Maßnahmen gleichgesetzt werden, usw. Wenn da nicht immer wieder reagiert, kommentiert und aufgeklärt wird, geht das immer so weiter.

4. Die "grundsätzliche Abschaffung der postnatalen Geschlechtsfeststellung und Zuweisung" ist keineswegs eine abstruse Forderung, steht aber aktuell ja gar nicht zur Debatte. Deshalb kann trotzdem darüber diskutiert werden.

Das Verfassungsgericht hat der Gesetzgebung sogar die komplette Abschaffung des Registereintrags angeboten. Das Gleichstellungsgesetz fordert, Menschen aller Geschlechter vor dem Gesetz in in alltäglichen Prozeduren gleich zu behandeln. Es gibt quasi keine relevanten Gesetze mehr, die sich auf das Registergeschlecht beziehen. Die Schutzvorschriften hingegen müssen an den tatsächlichen, individuellen Bedüfnissen ausgerichtet werden. D.h. wer schwanger werden kann muss in bestimmten Arbeitssituationen besonders geschützt werden, egal welcher Buchstabe im Geburtenregister steht. Und so weiter. Da ist noch reichlich asuzumisten.

Ich sehe also ernsthaft nicht, wo die Exzesse an Öffentlichkeit sein sollen, die wir unterlassen sollten, um von "der Mehrheit" lieb gehabt zu werden.

Re: State of the Community

Verfasst: Di 28. Jun 2022, 23:13
von Helga
Liebe Julia,
ich bin grundsätzlich bei dir. Es ist kontraproduktiv sich in Konflikte mit allen möglichen Gruppierungen ziehen zu lassen, die dann möglicherweise auch noch unheilige Allianzen schmieden.
Aber:
JuliaS hat geschrieben: Di 28. Jun 2022, 16:34 Das Recht ist auf unserer Seite, doch wir dürfen es uns nicht vergraulen. Der einzige Weg ist der der Strafanzeige. Sogenannte "TERF" sind ein Fall für Anzeigen über Anzeigen.
Das ist der falsche Weg. Es kann nicht die Aufgabe von Strafverfolgungsbehörden und Justiz sein sämtliche transphob empfundenen Zeitungsartikel, Internetblogs und Forumsbeiträge daraufhin zu überprüfen, ob sie tatsächlich strafrechtliche Relevanz haben oder möglicherweise von der Meinungsfreiheit gedeckt sind. Die entsprechenden Institutionen sind leider auch notorisch unterbesetzt und haben Anderes, im Zweifel sogar Wichtigeres zu tun. "Anzeigen über Anzeigen" werden an der falschen Stelle zu den falschen Konsequenzen führen, nämlich dazu, dass Strafverfolgung und Justiz Anzeigen wegen transphober Handlungen und Äußerungen nicht mehr Ernst nehmen und bestenfalls nur noch widerwillig bearbeiten.
Es sollte garnicht erst zu Konfrontationen kommen. Vielmehr sollte der Dialog mit den Kritikern gesucht werden. Nicht auf die gleiche polemisierende Art und Weise, sondern ruhig, sachlich, argumentiv. Gerade bei den sogenannten "TERFs" (wir sollten dieses Kürzel eigentlich nicht verwenden, um uns nicht auf die gleiche Stufe zu stellen) erscheint es mir wichtig zu ergründen wo die Ängste liegen, die ein solches Verhalten begründen. Nur indem diese Ängste abgebaut werden lösen sich die Vorbehalte in Luft auf. So lässt sich sicherlich nicht jede Agitatorin erreichen, aber der größte Teil der Mitläuferinnen.

Da du den Zustand der Community ansprichst, selber im Vorstand der dgti und eingetragene Lobbyistin des Bundestages bist, möchte ich dir eine vorsichtige Frage stellen: Betrachtetst du mich als Crossdresser, der seine Weiblichkeit nur gelegentlich auslebt und sich im Übrigen in seiner "männlichen Rolle" nicht unwohl fühlt, auch als Mitglied dieser Community?
Wenn ja, möchte ich eine dringende Bitte loswerden:
JuliaS hat geschrieben: Di 28. Jun 2022, 16:34 Wir waren die Menschen die auf Grund eines unverschuldetem Schicksals das Leben vermiest worden ist und durch die Gesellschaft das Leben schwer gemacht wird. Dadurch konnten wir der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und Schuldgefühle wecken. Wir waren das unschuldige Opfer.
Wenn dies eine erklärte Strategie ist, dann sollte sie dringend überdacht werden.
Schuldgefühle erzeugen im besten Fall Mitleid, Mitleid führt zugegebenermaßen kurzfristig zu Almosen. Mitleid ist aber nie von langer Dauer, wie die alljährlichen Spendenaktionen kurz vor Weihnachten oder ganz aktuell der Konflikt in der Ukraine zeigt, der uns alle abgestumpft hat. Auch wenn Mitleid sicherlich dazu führt, dass die Solidargemeinschaft die GaOP bezahlt- Mitleid führt nicht dazu, dass ein Mensch als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft aufgenommen wird, sondern lediglich dazu geduldet zu werden und sein Dasein fristen zu dürfen. Mitleid kann auch in das Gegenteil umschlagen, nämlich in dem Moment, wenn der Mitleid- auslösende Faktor objektiv oder subjektiv nicht mehr besteht. Dann kommen nämlich Fragestellungen auf wie: Warum bekommen Transfrauen Schönheits- OPs finanziert, die cis- Frauen selbst bezahlen müssen?
Schuldgefühle erzeugen im schlechteren Falle Agressionen gegen die, die die Schuldgefühle auslösen. Insbesondere dann, wenn diejenigen, denen wir Schuldgefühle machen wollen, sich eigentlich keiner Schuld bewusst sind. Wer kennt nicht dieses Gefühl von Abwehr und Ohnmacht, wenn uns als Kinder-, Enkel- und Urenkelgeneration die Kollektivschuld am Holocaust vorgehalten wird? Einige reagieren mit Demut, andere mit blankem Hass. Ich will mich nicht dahin versteigen, dass in der Strategie Schuldgefühle zu erzeugen, die Ursachen für die allgemein beklagte Transphobie begründet liegen. Aber Hass und Agressionen brauchen wir alle nicht! Schuldgefühle schlagen möglicherweise kurzfristigen Gewinn raus, sind aber keine nachaltige Basis für ein gesellschaftliches Zusammenleben. Erst recht nicht für ein Miteinander auf Augenhöhe!
Die Strategie sollte dahin gehen für Akzeptanz zu werden, und an einer neuen Normalität zu arbeiten. Daran fehlt es nämlich noch immer.
Um die Situation aus der Sicht eines Crossdressers zu schildern: Es fehlt nicht an der Akzeptanz, dass ich mit "en- femme" in der Öffentlichkeit zeige und auch nicht an der Normalität dass ich dabei mit Menschen in Kontakt trete. Um dies zu tun muss ich leider 50km weit in die nächste Stadt fahren, denn es fehlt an der Akzeptanz, dass mein persönliches Umfeld sagt: "Mein Mann, mein Vater, mein Nachbar ist trans*, aber das hat keine Bedeutung. Deswegen wird er nicht seinen Job aufgeben, seine Familie in stich setzen, sich operieren lassen." (leider denken sie genau das Gegenteil). Uns fehlt die Normalität, dass ein Mann sich je nach Lust und Laune aufbrezelt tagsüber "en homme" seinem Beruf nachgeht um sich abends "en femme" den schönen Dingen des Lebens, wie einem guten Theaterstück, zu widmen.
Wenn diese Akzeptanz und Normalität erreicht ist, müssen sich auch Transfrauen nicht mehr ständig rechtfertigen und sich gegen Anfeindungen zur Wehr setzen.
Liebe Grüße
Helga