Der Titel ist ein Wortspiel. Die Studentin Nivedita ("Ihr könnt mich Identitti nennen") betreibt im Roman einen Blog über Identitätspolitik und, naja, Brüste. Wobei die Brüste eher eine Metapher sind für Drastik, Offenheit, Grenzüberschreitung. Kann ich grad nicht besser formulieren.
Im Nachwort schreibt Sanyal: Das Ringen um Selbstbestimmung und Sichtbarkeit wird in den letzten Jahren oft Identitätspolitik genannt und mit aller Wucht und in größtmöglicher Vielfalt der Meinungen geführt. Identitti sollte die extreme Vielstimmigkeit dieses Prozesses widerspiegeln.
Das triffts wohl ganz gut. Sanyal ist mit den Debatten sehr vertraut, mit all ihren Verästelungen und Widersprüchen, Untiefen und Paradoxien. Identitti ist gewissermaßen ein Diskursroman. Die Debatten um Rassismus, Identität, Selbstbestimmung in Romanform. Wer bin ich? Wer will ich sein? Wer darf ich sein?
Das erlaubt eine Breite und Tiefe der Reflexion, eine Differenziertheit, die man außerhalb eines Romans nicht so leicht zusammenbekommt. (Am ehesten noch in einem Forum wie diesem hier, mit seiner Mischung aus persönlichen, privatesten Geschichten, schrägen und überraschenden und lustigen Details, hundertmal wiederholten und variierten Argumenten und Diskussionen "¦ Das Forum als Roman
Das Buch ist unterhaltsam geschrieben, teilweise ausgesprochen witzig. Den Plot finde ich ein bisschen konstruiert, die Hauptsache selbst aber hat Sanyal aus dem realen Leben. Die charismatische Dozentin Saraswati wird geoutet: Sie hat ihre indischen Wurzeln vorgetäuscht, sie ist gar kein PoC. Ähnliche Fälle gingen in den letzten Jahren mehrfach durch die Medien. Am bekanntesten sind wohl Rachel Dolezal und Jessica Krug.
Ob einem die Lektüre was bringt, kommt wie immer auf einen selbst an. Wenn man die Debatten über Identitätspolitik nicht mehr hören kann, dann eher nicht. Wenn man wissen will, ob transracial so was Ähnliches ist wie transgender (und ob es transracial überhaupt gibt), dann schon eher. Wenn man Figuren wie die um ihre Identität ringende und einer Zerreißprobe ausgesetzte Nivedita und die narzisstische, mit allen Guru-Wassern gewaschene Saraswati interessant findet, dann sicher.
Es wird gemunkelt, dass Identitti gute Chancen hat, den Buchpreis zu gewinnen. Ich weiß nicht. Vom Literarischen her hat mich der Roman nicht überzeugt. Aber er bringt vieles zusammen, was wir in den letzten Jahren diskutieren. Das würde vielleicht nicht den Buchpreis rechtfertigen, aber ganz sicher die mediale Aufmerksamkeit, die damit einherginge.
Mal sehen, wie es ausgeht heute Abend.
LG, Noa