Mithu Sanyal: Identitti
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Noa
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Mithu Sanyal: Identitti

Post 1 im Thema

Beitrag von Noa »

Heute Abend wird in Frankfurt der alljährliche Deutsche Buchpreis verliehen. Eins der Bücher, die auf der Shortlist stehen, habe ich vor Kurzem gelesen: Identitti von Mithu Sanyal.

Der Titel ist ein Wortspiel. Die Studentin Nivedita ("Ihr könnt mich Identitti nennen") betreibt im Roman einen Blog über Identitätspolitik und, naja, Brüste. Wobei die Brüste eher eine Metapher sind für Drastik, Offenheit, Grenzüberschreitung. Kann ich grad nicht besser formulieren.

Im Nachwort schreibt Sanyal: Das Ringen um Selbstbestimmung und Sichtbarkeit wird in den letzten Jahren oft Identitätspolitik genannt und mit aller Wucht und in größtmöglicher Vielfalt der Meinungen geführt. Identitti sollte die extreme Vielstimmigkeit dieses Prozesses widerspiegeln.

Das triffts wohl ganz gut. Sanyal ist mit den Debatten sehr vertraut, mit all ihren Verästelungen und Widersprüchen, Untiefen und Paradoxien. Identitti ist gewissermaßen ein Diskursroman. Die Debatten um Rassismus, Identität, Selbstbestimmung in Romanform. Wer bin ich? Wer will ich sein? Wer darf ich sein?
Das erlaubt eine Breite und Tiefe der Reflexion, eine Differenziertheit, die man außerhalb eines Romans nicht so leicht zusammenbekommt. (Am ehesten noch in einem Forum wie diesem hier, mit seiner Mischung aus persönlichen, privatesten Geschichten, schrägen und überraschenden und lustigen Details, hundertmal wiederholten und variierten Argumenten und Diskussionen "¦ Das Forum als Roman (buch) )

Das Buch ist unterhaltsam geschrieben, teilweise ausgesprochen witzig. Den Plot finde ich ein bisschen konstruiert, die Hauptsache selbst aber hat Sanyal aus dem realen Leben. Die charismatische Dozentin Saraswati wird geoutet: Sie hat ihre indischen Wurzeln vorgetäuscht, sie ist gar kein PoC. Ähnliche Fälle gingen in den letzten Jahren mehrfach durch die Medien. Am bekanntesten sind wohl Rachel Dolezal und Jessica Krug.

Ob einem die Lektüre was bringt, kommt wie immer auf einen selbst an. Wenn man die Debatten über Identitätspolitik nicht mehr hören kann, dann eher nicht. Wenn man wissen will, ob transracial so was Ähnliches ist wie transgender (und ob es transracial überhaupt gibt), dann schon eher. Wenn man Figuren wie die um ihre Identität ringende und einer Zerreißprobe ausgesetzte Nivedita und die narzisstische, mit allen Guru-Wassern gewaschene Saraswati interessant findet, dann sicher.

Es wird gemunkelt, dass Identitti gute Chancen hat, den Buchpreis zu gewinnen. Ich weiß nicht. Vom Literarischen her hat mich der Roman nicht überzeugt. Aber er bringt vieles zusammen, was wir in den letzten Jahren diskutieren. Das würde vielleicht nicht den Buchpreis rechtfertigen, aber ganz sicher die mediale Aufmerksamkeit, die damit einherginge.

Mal sehen, wie es ausgeht heute Abend. (zeitung) Ich drücke Mithu Sanyal jedenfalls die Daumen.

LG, Noa
scheue_Sarah
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Re: Mithu Sanyal: Identitti

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Beitrag von scheue_Sarah »

Weil ich heute darüber "gestolpert bin...

Literaturpreis.JPG
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Re: Mithu Sanyal: Identitti

Post 3 im Thema

Beitrag von Valerie Bellegarde »

ja aber hallo,
Eine freundliche Rezension, und m.E. ein nettes und mit viel Charme geschriebenes Buch, hat aber dennoch im öffentlichen Bereich leider "nichts gebracht". Für mehr öffentliche Wahrnehmung oder gar einen Literaturnobelpreis oder den Friedenspreis des deutschen Buchhandels braucht es heutzutage mehr als Witz und Charme, da zählen härtere Kriterien wie political correctness, oder man hat irgendein POC-Attribut, oder man gehört irgendeiner verfolgten Minderheit an. Willkommen in der post-rationalen Welt der Rechtgläubigen.

Valerie
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Re: Mithu Sanyal: Identitti

Post 4 im Thema

Beitrag von Noa »

Valerie Bellegarde hat geschrieben: Fr 29. Okt 2021, 13:59 Für [...] einen Literaturnobelpreis oder den Friedenspreis des deutschen Buchhandels braucht es heutzutage mehr als Witz und Charme, da zählen härtere Kriterien wie political correctness, oder man hat irgendein POC-Attribut, oder man gehört irgendeiner verfolgten Minderheit an. Willkommen in der post-rationalen Welt der Rechtgläubigen.
Hallo, Valerie.

Ich fürchte, ich habe deinen Beitrag nicht so ganz verstanden.

Für einen Literaturnobelpreis braucht es schon immer mehr als Witz und Charme. In erster Linie braucht es literarische Qualität. Dass die nicht leicht zu beurteilen ist und dass da ein starker subjektiver Faktor reinkommt, d'accord. Traust du dir ein Urteil zu über die Literatur-Nobel-Preisträger*innen der letzten 20 Jahre? Ich nicht, oder nur bei einigen. Dass das Komitee in Verruf geraten ist und zeitweilig pausieren musste (so dass es 2018 keinen Literaturnobelpreis gab), ist eine andere Geschichte. Die ist auch interessant, hat aber nichts mit PoC oder verfolgten Minderheiten zu tun. Auch nicht mit political correctness.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den du erwähnst, ist kein Literaturpreis, auch wenn er vom Buchhandel gestiftet wurde.

Der Deutsche Buchpreis, für den Identitti nominiert war, ist einer der wichtigsten Literaturpreise in Deutschland. Es gibt ihn seit knapp 20 Jahren. Er wird für Bücher verliehen, die im Original auf Deutsch erschienen sind. Entsprechend finden sich unter den Preisträger*innen nicht viele PoC. Wahrscheinlich auch nicht viele Angehörige verfolgter Minderheiten, aber ich gebe zu, das habe ich nicht überprüft. Was die political correctness angeht, da muss ich passen. Das wäre denn doch ein zu weites Feld, um das hier zu erörtern. Und ja, ich bin skeptisch, wenn jemand einen rhetorischen Kampfbegriff wie political correctness als hartes Kriterium bezeichnet.

Den Deutschen Buchpreis hat dieses Jahr Antje Rávik Strubel bekommen, für den Roman Blaue Frau. Ich habe den bisher nicht gelesen. Soweit ich weiß, geht es um eine Vergewaltigung. Aber PoC? Hm. Wenn die Jury, wie du nahelegst, PoC bevorzugt hat, warum haben sie dann nicht Mithu Sanyal gekürt? Sondern die mittelblonde Antje aus Potsdam? Weil Antje Strubel politisch korrekter schreibt als Mithu Sanyal? Dann hast du diese Bücher also gelesen?
Oder meintest du, dass Strubel einer verfolgten Minderheit angehört? Ok, sie ist queer. Aber verfolgt? In Deutschland?

Vor allem verstehe ich nicht, von welcher post-rationalen Welt der Rechtgläubigen du redest. Ich habe allerdings einen Verdacht. Mit post-rational hast du möglicherweise deine eigene Welt charakterisiert. Sowas passiert einem ja manchmal, und das ist dann unfreiwillig komisch. Dein Beitrag wirkt auf mich ein bisschen so.

Grübelnd, Noa
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Re: Mithu Sanyal: Identitti

Post 5 im Thema

Beitrag von Noa »

Hallo Sarah.

Ich kann das Bild nicht sehen (hab noch keine Berechtigung), ich vermute mal, es ist irgendwas über den Buchpreis?

Vielleicht bezog sich Valeries Beitrag gar nicht auf meinen Eingangspost, sondern irgendwie auf dein Bild? und ich hätte ihren Beitrag besser verstanden, wenn ich das Bild hätte sehen können??
Hab ich zu schnell auf Absenden geklickt? :?

LG, Noa
Lana
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Re: Mithu Sanyal: Identitti

Post 6 im Thema

Beitrag von Lana »

Noa hat geschrieben: Fr 29. Okt 2021, 19:21 Vielleicht bezog sich Valeries Beitrag gar nicht auf meinen Eingangspost, sondern irgendwie auf dein Bild? und ich hätte ihren Beitrag besser verstanden, wenn ich das Bild hätte sehen können??
Hallo Noa,

bin zwar nicht Sarah, kann aber das Bild in ihrem Beitrag sehen: Es ist ein Zeitungsausschnitt mit einer Rezension. Ich hatte Valeries Beitrag als Antwort darauf verstanden, da in dieser Rezension u.a. die von ihr genannten Themen angesprochen werden.

LGL
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