Liebe Rusalka,
ein Outing gegenüber den nächsten Verwandten bzw. der Familie ist für viele mit mehr Emotionen verbunden, als gegenüber Freunden oder Außenstehenden.
Es macht bestimmt auch einen Unterschied, über welche Generation wir reden. Ich selbst bin fast 50, meine Eltern sind Kinder der 50er/60er. Natürlich ist Toleranz zeitunabhängig, aber der Zeitgeist der Gesellschaft, in der man aufwächst, prägt schon. Unsere Kinder (aus meiner Alterssicht) haben es mit Sicherheit etwas einfacher, alternative Modelle (in welcher Hinsicht auch immer) zu vermitteln, als wir (50/60+). Schließlich arbeiten wir alle hier im Forum hart daran und ebnen schonmal ein wenig den Weg...
Als ich vor 25 Jahren
meine Frau kennengelernt habe, habe ich ihr recht schnell von meinem Nylonfetisch erzählt. Das hat sie auch immer (manchmal schmunzelnd, manchmal zähneknirschend bzw. genervt) akzeptiert. Das eigentliche Crossdressing (so, wie ich es auslebe, als Mann in weiblicher Kleidung) habe ich erst vor ca. 10 Jahren begonnen. Leider habe ich den Fehler gemacht, das heimlich zu tun. Meine Frau hat wohl zwar schon immer etwas geahnt, aber als ich ihr dann vor etwa zwei Jahren "reinen Wein eingeschenkt" habe, war die größte Enttäuschung nicht die Tatsache, das ihr Mann ab und an im Fummel auf High-Heels rumläuft, sondern dass ich es ihr nicht gesagt hatte. Wenn ich dressed-up unterwegs war, habe ich irgendwelche - meist berufliche - Gründe vorgeschoben, weshalb es mal wieder länger dauert. Kurzum: Ich habe sie belogen - und das war falsch.
Es ist nun nicht so, dass meine Frau nun von meinem "Hobby" begeistert ist (Sie will mich nicht so sehen, geschweige denn mit mir so rausgehen), aber sie hat verstanden, dass das Crossdressing in mir drin und ein Teil von mir ist, den ich ab und zu mal rauslassen muss, da ich mir sonst weh tue (und unerträglich werde). Die wichtigste "Kollateralerkenntnis", die ich meiner Frau vermitteln konnte, ist die Tatsache, dass das Crossdressing für mich keinerlei sexuellen (na gut, schon einen einen kleinen erotischen) Hintergrund hat, ich also nicht fremdgehe, schon mal gar nicht mit Männern.
Ich habe mich nie persönlich explizit gegenüber
meinen Eltern oder Geschwistern als Crossdresser geoutet.
Dass ich Nylons toll finde, wussten sie eigentlich alle, ohne dass wir das irgendwann mal besprochen hätten. Wir sind halt zusammen aufgewachsen und da bleibt ein Nylonfetisch, dessen Ursprünge auf Kindheitstage zurückgehen, natürlich nicht komplett verborgen.
Meine Mutter hat natürlich mitbekommen, dass ich auch als Jugendlicher heimlich Nylons getragen habe. Sie hat mich auch mehrfach erwischt, als ich abends im Bett eine Strumpfhose angezogen hatte, um das Gefühl zu genießen. Sie hat zwar etwas ärgerlich reagiert, was das denn solle und dass ich das bleiben lassen möge, hat aber kein großes Theater draus gemacht. Andererseits hat sie aber auch heimlich meine Strumpfhosensammlung gewaschen und in mein Geheimversteck (haha) zurückgelegt, ohne mir was zu sagen, oder mich drauf anzusprechen. Ein einziges Mal, nachdem ich mal wieder erwischt wurde, hat sie mir gesagt, dass es für sie überhaupt kein Problem wäre, wenn ich schwul wäre, ich soll es nur offen sagen.
Nun ist meine Mutter bereits vor fünf Jahren gestorben, aber ich glaube im Nachhinein, dass es gut war, so wie es war, auch wenn sie mein Crossdressing vermutlich toleriert hätte.
Sie hat mit Sicherheit auch mit
meinem Vater mal darüber gesprochen, aber der hat nie ein Wort darüber verloren. Unser Verhältnis ist eher rational und sachlich. Echte Emotionen haben wir uns eher selten gezeigt. Mein Vater ist für mich bis heute Vorbild, wichtiger Ratgeber und Ansprechpartner. Es ist ein eher "preußisches" Vater-Sohn-Verhältnis, in dem ein solch emotionales Thema wie Crossdressing keinen Raum hat. Dennoch glaube ich, dass mein Vater mein Crossdressing vor den sachlichen und faktischen Hintergründen akzeptieren würde, jedoch eher aus einer Selbstdisziplin heraus, als aus einer Selbsterkenntnis.
Mein Vater ist nun bald 80 Jahre alt. Da ich keinen Grund habe, mich gegenüber ihm zu outen (oder sogar outen zu müssen), werde ich das auch nicht mehr tun, auch wenn er mein Crossdressing vermutlich hingenommen hätte. Aber er muss sich wegen mir in seinen letzten Jahren nicht mehr den Kopf zermürben müssen. Wenn Kinder anders sind, als Eltern es sich vorgestellt haben, ist doch die häufigste Frage: "Was haben wir falsch gemacht?". Und es dauert i.d.R. sehr lange, bis sie vollkommen verstanden und vor allem akzeptiert haben, dass sie gar nichts falsch gemacht haben. So viel Zeit hat mein Vater nicht mehr.
Meine beiden jüngeren
Schwestern haben natürlich im Laufe der Jahre, die wir zusammen aufgewachsen sind, meinen Nylonfetisch mitbekommen. Da ich das Crossdressing angefangen habe, als wir schon längst unsere eigenen Wege gingen, wissen sie davon nichts. Ob sie etwas ahnen, weiß ich nicht. Da ich beide als sehr tolerant und aufgeklärt kenne, hätten sie bestimmt überhaupt kein Problem damit. Da beide jedoch (verheiratet und mit Kindern) in anderen Städten wohnen und wir uns nur alle paar Monate mal sehen, gibt es für mich aktuell überhaupt keinen Grund, mich vor ihnen outen zu müssen. Sollte ich irgendwann einmal die Notwendigkeit erkennen, oder einfach Lust dazu haben, hätte ich da überhaupt kein Problem mit - und die beiden (einschl. meiner Schwager) bestimmt auch nicht.
Unsere Kinder (2x3 und 8 Jahre alt) wissen noch nichts. Ich zerbreche mir aber auch nicht den Kopf darüber. Das lasse ich einfach auf uns zukommen. Wichtig ist nur, ehrlich zu bleiben, wenn irgendwann mal Fragen gestellt werden. Wir versuchen, unsere Kinder zu offenen, toleranten Menschen zu erziehen und ihnen zu vermitteln, dass es auch Alternativen zu traditionellen, (aus heutiger Sicht) gesellschaftskonformen Strukturen und Mustern geben kann (zwei der Taufpaten sind schwul). Am wichtigsten ist aber die Authentizität, die wir als Eltern vorleben. Und genau die wird gefragt sein, wenn ich mich irgendwann einmal gegenüber meiner Kinder oute. Angst habe ich nicht davor.
Die
restliche Verwandtschaft weiß und ahnt von nix - und das wird auch so bleiben. Daher ist es für mich müßig, darüber nachzudenken, ob und wie die ein Outing aufnehmen würden. Eine Cousine hat zwar mal in Jugendtagen meinen Nylonfetisch entdeckt und machte eher einen interessierten, als einen ablehnenden Eindruck, was aber kein Grund für mich ist, jetzt vorzupreschen. Sollte es irgendwann mal zu einem Outing kommen, dann könnte ich bestimmt gut damit leben. Ich die es könnten, ist mir - mit Verlaub - egal.
Herzlichst
Helga
P.S.: Bei der
Bundeswehr hat übrigens meine ganze Kompanie regelmäßig Nylons getragen:
viewtopic.php?p=177265#p177265