Mein erstes Outcoming
Verfasst: Do 4. Mär 2021, 00:01
Guten Tag
Nachdem ich diese Woche ein wichtiges Zwischenziel auf meinem Weg erreicht habe, möchte ich doch einmal innehalten und an den Augenblick zurückdenken, an dem sich schlagartig mein ganzes Leben verändern sollte, den Moment meines erstmaligen Outings gegenüber meiner Frau im Juni letzten Jahres. Der Prozess des Outcomings in der Öffentlichkeit hat sich mitunter 100fach wiederholt, und immer wieder war ich sehr von all den positiven Resonanzen beeindruckt gewesen. Doch es bleibt dabei, am meisten berührt und geprägt hat mich eben dieses erste Outing letzten Jahres. Und diese Szene war einer der intensivsten Momente meines ganzen Lebens und verdient es einmal genauer beschrieben zu werden. Ich versuche, diese Szene so getreu wie möglich wiederzugeben, etwa so, als würde ich sie in einen Roman hineinpacken...
8. Juni 2020, gegen 2:00 morgens"¦
Umgeben von tiefster Schwärze dieser Nacht liege ich seit langem mal wieder neben meiner Frau im Bett. Da alle Zeichen auf Sturm stehen, und ich meinen letzten Kern Empathie längst über Bord geworfen habe, kann ich jetzt nur noch tatenlos dem endgültigen Schiffbruch entgegenfiebern. Da es eh nichts mehr zu verlieren gibt, kann ja wohl nichts dabei sein, endlich Klartext zu reden, denke ich jedenfalls. Wenn es doch nur nicht so gottverdammt schwer wäre. Seit über einem Jahr versuche ich das. Mein Puls rast, ich räuspere mich.
"Was ist denn los mit dir?" fragt meine Noch-Frau.
"Ach nichts. Vergiss es."
"Ich kenn dich nur zu gut. Du möchtest mir doch etwas sagen."
Da ist es wieder, dieses beklemmende Gefühl. Unsicherheit und Angst machen sich breit. Erneut werde ich scheitern.
"Na los, nun sag schon!"
Ich werde immer nervöser, wage trotzdem den Versuch.
"Richtig. Ich muss dir was sagen, oder besser gesagt gestehen."
"Und?"
Ich glaube, ich höre wohl nicht richtig, dieses "und" klingt mir ein wenig zu sorglos.
"Was ich dir zu sagen habe, wird unser ganzes Leben über einen Haufen werfen. Aber erst einmal, ich habe dich niemals betrogen. Nicht ein einziges Mal."
"Ok. Und jetzt?"
"Ich bin,"¦ ich bin eine Frau." Nie hätte ich geglaubt, wie einfach mir diese vier Worte über die Lippen gehen. Hätte ich doch schon vor Jahren"¦
"Wie, eine Frau?"
"Eine Frau, ja. Ich fühle mich als Frau. Ich kann nichts dafür, es steckt tief in mir drin."
"Wirklich? Seit wann?"
"Schon immer."
Sie schaltet das Licht an, sieht mir direkt in die Augen, taxiert mich wie ein Hai seine Beute.
"Es tut mir leid, dich zu enttäuschen", flüstere ich, "wenn du jetzt gehen willst, kann ich das verstehen und mich damit abfinden."
Doch dann fasst sie sich ein Herz und umarmt mich.
"Danke für deine Ehrlichkeit. Die habe ich seit Jahren vermisst."
Und es brechen die Dämme, Fluten von aufgestautem Frust ergießen sich in den leeren Raum unserer ramponierten Beziehung. Wir können wieder miteinander reden, offen und frei. Es ist, als würde man nun endlich anfangen dieses Beziehungschaos wegzuräumen. Und ich beginne ihr alles zu gestehen. Wie ich mich einst heimlich an ihrer Garderobe zu schaffen machte, wie ich alleine in unserer Wohnung in Frauenklamotten herumstolziert bin, wie ich mir meine eigenen Frauensachen beschafft habe und so vieles mehr,"¦ und sie hört einfach nur zu, aus ihrem Blick stechen tausend Fragezeichen hervor, aber auch etwas anderes, jene verloren geglaubte Zuneigung scheint sich wieder zu regen. Schlagartig fällt die ungeheure Last von meinen Schultern, ich lehne mich an ihr Herz und weine mich aus. Die seit vielen Jahren omnipräsent gewesene Leere wird allmählich ersetzt durch meine tiefe und innige Dankbarkeit. Und allein, dass meine Frau so verständnis- und liebevoll reagiert und meine verquere Neigungen bedingungslos akzeptiert, fühle ich mich erstarkt und bereit, zusammen mit ihr alle Hürden zu meistern die da auf uns zukommen mögen.
Zu Tränen gerührt,
immer noch"¦
Annette
Nachdem ich diese Woche ein wichtiges Zwischenziel auf meinem Weg erreicht habe, möchte ich doch einmal innehalten und an den Augenblick zurückdenken, an dem sich schlagartig mein ganzes Leben verändern sollte, den Moment meines erstmaligen Outings gegenüber meiner Frau im Juni letzten Jahres. Der Prozess des Outcomings in der Öffentlichkeit hat sich mitunter 100fach wiederholt, und immer wieder war ich sehr von all den positiven Resonanzen beeindruckt gewesen. Doch es bleibt dabei, am meisten berührt und geprägt hat mich eben dieses erste Outing letzten Jahres. Und diese Szene war einer der intensivsten Momente meines ganzen Lebens und verdient es einmal genauer beschrieben zu werden. Ich versuche, diese Szene so getreu wie möglich wiederzugeben, etwa so, als würde ich sie in einen Roman hineinpacken...
8. Juni 2020, gegen 2:00 morgens"¦
Umgeben von tiefster Schwärze dieser Nacht liege ich seit langem mal wieder neben meiner Frau im Bett. Da alle Zeichen auf Sturm stehen, und ich meinen letzten Kern Empathie längst über Bord geworfen habe, kann ich jetzt nur noch tatenlos dem endgültigen Schiffbruch entgegenfiebern. Da es eh nichts mehr zu verlieren gibt, kann ja wohl nichts dabei sein, endlich Klartext zu reden, denke ich jedenfalls. Wenn es doch nur nicht so gottverdammt schwer wäre. Seit über einem Jahr versuche ich das. Mein Puls rast, ich räuspere mich.
"Was ist denn los mit dir?" fragt meine Noch-Frau.
"Ach nichts. Vergiss es."
"Ich kenn dich nur zu gut. Du möchtest mir doch etwas sagen."
Da ist es wieder, dieses beklemmende Gefühl. Unsicherheit und Angst machen sich breit. Erneut werde ich scheitern.
"Na los, nun sag schon!"
Ich werde immer nervöser, wage trotzdem den Versuch.
"Richtig. Ich muss dir was sagen, oder besser gesagt gestehen."
"Und?"
Ich glaube, ich höre wohl nicht richtig, dieses "und" klingt mir ein wenig zu sorglos.
"Was ich dir zu sagen habe, wird unser ganzes Leben über einen Haufen werfen. Aber erst einmal, ich habe dich niemals betrogen. Nicht ein einziges Mal."
"Ok. Und jetzt?"
"Ich bin,"¦ ich bin eine Frau." Nie hätte ich geglaubt, wie einfach mir diese vier Worte über die Lippen gehen. Hätte ich doch schon vor Jahren"¦
"Wie, eine Frau?"
"Eine Frau, ja. Ich fühle mich als Frau. Ich kann nichts dafür, es steckt tief in mir drin."
"Wirklich? Seit wann?"
"Schon immer."
Sie schaltet das Licht an, sieht mir direkt in die Augen, taxiert mich wie ein Hai seine Beute.
"Es tut mir leid, dich zu enttäuschen", flüstere ich, "wenn du jetzt gehen willst, kann ich das verstehen und mich damit abfinden."
Doch dann fasst sie sich ein Herz und umarmt mich.
"Danke für deine Ehrlichkeit. Die habe ich seit Jahren vermisst."
Und es brechen die Dämme, Fluten von aufgestautem Frust ergießen sich in den leeren Raum unserer ramponierten Beziehung. Wir können wieder miteinander reden, offen und frei. Es ist, als würde man nun endlich anfangen dieses Beziehungschaos wegzuräumen. Und ich beginne ihr alles zu gestehen. Wie ich mich einst heimlich an ihrer Garderobe zu schaffen machte, wie ich alleine in unserer Wohnung in Frauenklamotten herumstolziert bin, wie ich mir meine eigenen Frauensachen beschafft habe und so vieles mehr,"¦ und sie hört einfach nur zu, aus ihrem Blick stechen tausend Fragezeichen hervor, aber auch etwas anderes, jene verloren geglaubte Zuneigung scheint sich wieder zu regen. Schlagartig fällt die ungeheure Last von meinen Schultern, ich lehne mich an ihr Herz und weine mich aus. Die seit vielen Jahren omnipräsent gewesene Leere wird allmählich ersetzt durch meine tiefe und innige Dankbarkeit. Und allein, dass meine Frau so verständnis- und liebevoll reagiert und meine verquere Neigungen bedingungslos akzeptiert, fühle ich mich erstarkt und bereit, zusammen mit ihr alle Hürden zu meistern die da auf uns zukommen mögen.
Zu Tränen gerührt,
immer noch"¦
Annette