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An Tagen wie diesen

Verfasst: Fr 19. Feb 2021, 22:03
von kaliya
An Tagen wie diesen - Niemand, der mir sagt wieso (Fettes Brot)

Es ist wohl schon jedem so ergangen - manchmal laufen die Dinge einfach nicht gewünscht.
Es ist wie verhext - wenn nichts mehr geht, dann geht auch gar nichts mehr

So ist es mir am Veilchen-Dienstag ergangen (für die Nicht-Rheinländer: der Tag nach Rosenmontag).
Vorweg muss ich sagen, dass Karneval kein Grund für das Drama war, denn den Rosenmontag hatte ich mit Anstand und sehr souverän über die Bühne gebracht, was angesichts des Shutdowns aber keine wirkliche Meisterleistung war.

Es fing am Dienstagmorgen unspektakulär an: einfach mal locker um eine Stunde verschlafen.
Um Zeit gutzumachen dann beim Frühstück ein bisschen Gas gegeben: Käse geschnitten, mit dem Hobel einen halben Finger weggehobelt.
Blut, dickes Pflaster, aber nach 15 Minuten war dann wieder alles gut.

Hastig zum Auto, um während der Fahrt zum Büro direkt in das erste Meeting einzusteigen (wenn der Chef teilnimmt, sollte man schon Präsenz zeigen).
Irgendwie klappte die Einwahl nicht, ok - kann ja mal passieren.

Genau fünf Minuten vor dem nächsten Meeting traf ich im Büro ein - viel Zeit für eine Vorbereitung blieb nicht mehr.
Und so kam es, wie es kommen mußte: ich war völlig unvorbereitet.
Die entscheidenden Phasen des Meetings ("decision-making") versuchte ich durch übertriebene Lockerheit zu überspielen.
Meine Kollegen waren überrascht ("ja, ja, der Karneval"), die ausländischen Teilnehmer etwas kosterniert - Egal.

Und so ging es den ganzen Vormittag weiter. Es lief nichts bzw ich einfach ständig der Musik hinterher.
Zur Mittagszeit entschied ich mich dann, es gut sein zulassen (man soll aufhören, wenn es am schönsten ist).
Meiner Assistentin erklärte ich leicht zusammenhangslos etwas von "habe noch einen privaten Termin", "nicht mein Tag heute", "muss hier auch ohne mich laufen".

Zu Hause angekommen und nach einem Blick in den Briefkasten dann -Endlich !- ein Lichtblick.
Ich fand ein Foto, auf dem ich sehr vorteilhaft aus leicht schrägem Blickwinkel getroffen war - und das Ganze in Schwarz-Weiß (wenn gut gemacht, bin ich ein echter S/W-Fan).
Der Preis von 120 EUR neben einer kleinen Bearbeitungsgebühr war absolut angemessen; die Kreisverwaltung war noch so nett, das alles im Detail zu erläutern - Toll gemacht !.

Dermaßen motiviert entschied ich mich, doch noch etwas zu arbeiten.
Vor kurzer Zeit hatte ich mein Passwort erneuert. Ich war mir aber nicht mehr ganz sicher, ob der Name meiner damaligen Freundin groß oder klein geschrieben worden war, hatten wir uns jetzt am 13Dez oder 14Dez kennengelernt und war das aus nachträglicher Verachtung benutzte Sonderzeichen ein "?" oder ein "!" ?
Auf jeden Fall zu viele Fragen - nach kurzer Zeit war mein User gesperrt.

Eine halbe Stunde in meinem Schaukelstuhl, mit leichten Schaukelbewegungen und dezenter Chill-out Musik, brachten mich dann auf andere Gedanken.
Ich ging an den Kleiderschrank und legte ein paar schicke Sachen raus. So sollte der Tag enden - mit Stil und Niveau.

Beim Hochziehen der FSH (Kunert Mystique 17 EUR) signalisierte mir ein kaum wahrnehmbares Geräusch, dass ich mir die FSH an der Schenkelinnenseite mit einer derben Laufmaschine veredelt hatte - kann mal passieren.
Das Geräusch beim Hochziehen des (sehr engen) Bodysuits (Good American 95 EUR) war dann schon deutlich markanter: Riss der Naht im Achselbereich - kann auch passieren.
Ich merkte aber, dass mein Puls langsam wieder auf Betriebstemperatur kam.
Zum Glück hatte ich meine Lieblings-Sandaletten angezogen: leichtes Plateau, sehr hoch, scharfes Aussehen, aber trotzdem ausgesprochen bequem.

Ich entschloss mich, aus dem Keller einen guten Wein zu holen und war überrascht, dass treppabwärts bei einem falschen Schritt es viel mehr Spaß macht, sich 12 cm Absätze aufzureissen als mit ordinären, flachen Pumps.
Das war dann schon nicht mehr so lustig.
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Schlussendlich saß ich dann mit einem guten Saint-Émilion Grand Cru - das Weinglas leicht kreisend zum Karaffieren - wieder in meinem Schaukelstuhl. Die Frage, was mich für den Rest des Tages noch erwarten würde, wurde zehn Minuten später beantwortet, als ich mir in einem Augenblick der Unachtsamkeit das halbe Glas über Rock und Bluse gefegt hatte.

Das sollte es dann aber wirklich gewesen sein.
Ich war ganz schön fertig - mit mir, der Welt, mit allem

Re: An Tagen wie diesen

Verfasst: Fr 19. Feb 2021, 22:16
von Céline
Wieso hast du meine Aldo Heels;), find ich ja mal lustig den gleichen Geschmack zu haben.
Danke für deinen Bericht
Liebe Grüße
Céline

Re: An Tagen wie diesen

Verfasst: Fr 19. Feb 2021, 22:57
von NanaVistor
nun ja, immerhin, das Forum hat noch funktioniert
und, nochmal immerhin, eine Spur Humor ist noch vorhanden :-)

Re: An Tagen wie diesen

Verfasst: Fr 19. Feb 2021, 23:22
von Maya
Kaliya, jetzt hast du es echt geschafft.
Ich habe jetzt mit einem ganz schlechten Gewissen lachen müssen.
Lachen, weil du so humorvoll geschrieben hast.
Mit schlechtem Gewissen, weil du echt einen Katastrophentag hattest.
Solche Tage gibt es.
Da bleibt man am Besten gleich im Bett

mitfühlende Grüsse (flow) (dr)

Maya

Re: An Tagen wie diesen

Verfasst: Sa 20. Feb 2021, 07:45
von VanessaB
Inhaltlich natürlich nicht so schön, aber gestalterisch ein traumhafter Text.
Vielen Dank, ich habe nicht schadenfroh gelacht, aber über Wortwahl und Wortwitz viel geschmunzelt und gelächelt ..

Ein toller Start ins Wochenende ...


Vielen Dank fürs Teilen

Van

Re: An Tagen wie diesen

Verfasst: Di 23. Feb 2021, 11:37
von scheue_Sarah
Hallo Kaliya,

Du hast auch von mir einen "Daumen hoch" bekommen.
Nicht für die vielen guten Taten, auch nicht für das große Glück an dem Tag...

Nein, dafür, dass Du Deinen Humor nicht (ganz) verloren hast!!! (ap)
(yes) Sarah