Der ganz normale tägliche Wahnsinn — Das Aschenputtel„Syndrom
Verfasst: Fr 12. Feb 2021, 16:50
Schweißgebadet wache ich auf, nachdem ich über der aktuellen "ºMs. Heel"¹-Ausgabe eingenickt bin. Schuhmacher haben mich im Schlaf verfolgt — jene, die heute noch richtig edle, elegante und perfekt sitzende, angenehme Maßschuhe aus feinsten Materialien anfertigen. Und es entwickelte sich zu einem wahren Albtraum, als mir bewusstwurde, dass diese praktisch immer nur Herrenschuhe herstellen.
Mir kommt das reichlich seltsam vor. Schließlich investieren Frauen wie ich nachweislich ungeheuer viel Energie, Geld, Herzblut und vor allem Lebenszeit — und ich gestehe mir ein, nicht nur meine, auch die von anderen — in die ewige Suche nach dem perfekten Schuh. Warum, frage ich mich unwillkürlich, ist offensichtlich so ziemlich keine von uns auf die Idee gekommen, einfach mal zu einem Schuster zu gehen und sich ihren Traumschuh schlicht maßanfertigen zu lassen? Darüber grübelnd komme ich darauf, dass es unter den klassischen Schuhmachern nur ganz, ganz wenige Frauen gibt — und diese, wenn sie sich denn dem Gewerbe der Lederverarbeitung hingeben, praktisch immer Schmuck, Taschen oder Accessoires machen. Doch so gut wie nie Schuhe!
Ich schiebe meine Füßchen über die Bettkante, praktiziere sie in meine fröhlichen Einhorn-Hausschuhe, und schnappe mir mein Smartphone, um meiner guten Freundin Rosi diese, mich sehr aufwühlende, Beobachtung zu schildern. Doch sie zuckt nur mit den Schultern, erklärt, es logisch zu finden, und fügt direkt hinzu, dass sie sich selbst auf gar keinen Fall als Kundin für Maßschuhe haben wollte. Denn, so erklärt sie mir mit einem Lachen: -»Wir Frauen haben zwar eine ganz genaue, exakte Vorstellung von unserem Traumschuh, können diesen aber auf keinen Fall beschreiben, zeichnen oder gar nur auch ansatzweise skizzieren ... Ich stelle mir das sehr kompliziert vor-«, setzt sie nach, -»wo wir Frauen doch eine so gewaltige, machtvolle und tief in uns verwurzelte Sehnsucht danach haben.-«
-»Nun, vielleicht liegt es daran, das von uns geheimgehalten wird, was diese Sehnsucht eigentlich ausmacht "¦ Und wir dennoch dazu verdammt sind, nach der Erfüllung, also unserem Traumschuh zu suchen-«, seufze ich und schaue zu meinen prallgefüllten Regalen mit all den liebevoll zusammengetragenen High Heels hinüber. -»Das ist wahrlich kein leichtes Brot.-«
-»Es gibt ja immer wieder Momente der Hoffnung-«, meint Rosi schmunzelnd.
-»Aber dann zeigt sich doch stets, dass auch die nächste Schuhhoffnung wieder an verschiedenen Stellen drückt-«, kommt es mir resignierend über die Lippen. -»Letztlich ist das doch vergleichbar mit der Suche nach Männern. Wo man auch immer wieder hofft, etwas Passendes gefunden zu haben, aber die richtig schlimmen Stellen, wo es drückt, erst bemerkt, wenn man mal eine längere Strecke mit ihnen gelaufen ist. Im übertragenem Sinne, meine ich.-«
-»Manche suchen daher ja auch ein Leben lang-«, räumt Rosi ein. -»Es gibt allerdings auch Geschlechtsgenossinnen die hoffen, dass sich der Mann durch längeres Tragen irgendwie einläuft. Und wieder andere suchen sich einfach letzten Endes jemanden, wo sie an den Stellen, wo es besonders schlimm drückt, bereits eine gewisse Hornhaut entwickelt haben.-«
-»Aber die Sehnsucht bleibt-«, keuche ich, derweil mein Blick über eine Seite des Hochglanzmagazins wandert und an einem Paar High Heels von "ºYves Saint Laurent"¹ hängen bleibt. -»Immer, "¦ quasi unstillbar-«, sabbere ich ins Smartphone.
-»Deshalb spricht man in der Schuhpsychologie ja auch vom sogenannten Aschenputtel-Syndrom. Wir sind halt auf der ewigen Suche nach dem Prinzen, der auch noch den richtigen Schuh für uns hat-«, erklärt Rosi und fügt hinzu: -»Einen solchen Prinzen gibt es aber natürlich nur im Märchen. Diese traurige Wahrheit zu realisieren ist für uns Frauen die schwierigste emotionale Prüfung zwischen der Pubertät und den Wechseljahren.-«
-»Du bist also der Meinung, es gibt nur zwei Sorten Frauen auf der Welt?-«, japse ich, ein paar silberne High Heels vom "ºJimmy Choo"¹ betrachtend. -»Die mit dem richtigen Schuh und die mit dem richtigen Mann.-«
-»Genau. Beides geht nicht-«, bestätigt Rosi. -»Maximal gibt es da Graubereiche, oder eine gewisse Verhandlungsmasse zwischen Schuh und Mann.-«
Ich höre ihr zu, überlege aber zugleich angestrengt, welche Kuh ich melken müsste, um die fast dreitausendfünfhundert Euro für die irren "ºJimmy Choo"¹-High Heels aufzubringen, die mich gerade fiebern lassen.
-»Im Weiteren bedeutet das auch-«, spricht Rosi weiter. -»Eine Frau, die die Hoffnung, einen besseren Schuh zu finden, irgendwann aus welchen Gründen auch immer aufgibt, wird sich dann als Trost oder als Übersprungshandlung zumindest einen besseren Mann suchen. Mit anderen Worten, in dem Moment, wo eine Frau in völlig normalen Tempo, ohne gewichtigen Grund an mehreren Schuhgeschäften desinteressiert und achtlos vorbeiläuft, ja nicht einmal in die Auslage eines "ºTamaris"¹-Schaufensters schaut, da "¦
-»"¦ hätte ich direkt Angst, keine richtige Frau mehr zu sein-«, kommt es mir entsetzt über die Lippen.
-»"¦ wird es definitiv Herbst in der Beziehung-«, vollendet Rosi sachlich.
-»Du meinst: An der Bereitschaft, Schuhe zu kaufen, erkennen wir Frauen die Potenz, beziehungsweise Pseudopotenz und Bereitschaft zu Treue "¦-«
-»"¦ eines Mannes-«, ergänzt sie den Satz direkt und fügt hinzu: -»In der berechtigten Annahme, dass ein Mann, der sein gesamtes Vermögen in die Schuhe einer Frau investiert hat, diese nicht so schnell verlässt "¦-«
-»Zumindest nicht die Schuhe-«, falle ich ihr grinsend ins Wort, -»denn Frauen mit derselben Schuhgröße gibt es ja wie Sand am Meer.-«
-»Du nun wieder! "¦ Jedenfalls ist da höchste Vorsicht geboten! Und deshalb-«, schließt sie mit einem charmanten Lächeln in der Stimme ihre Ausführungen, -»ist der Schuhkauf bei Frauen auch immer so etwas wie ein Treuebekenntnis, eine Art Liebeserklärung an den Mann.-«
Ich weiß nicht, wie vielen Männern Rosi diese — ihre — Schuhlogik schon erklärt hat. In jedem Falle hat sie wie ich wirklich sehr viele, sehr schöne Schuhe, und ich beschließe heute eine ausgiebige Shoppingtour zu machen. Aber selbst wenn ich fündig werden sollte, bliebe meine Befriedigung noch dahingestellt, zumal ich ja zu dem einen Schuh noch mindestens einen zweiten suchen müsste, um wenigstens über ein Paar zu verfügen "¦
Mir kommt das reichlich seltsam vor. Schließlich investieren Frauen wie ich nachweislich ungeheuer viel Energie, Geld, Herzblut und vor allem Lebenszeit — und ich gestehe mir ein, nicht nur meine, auch die von anderen — in die ewige Suche nach dem perfekten Schuh. Warum, frage ich mich unwillkürlich, ist offensichtlich so ziemlich keine von uns auf die Idee gekommen, einfach mal zu einem Schuster zu gehen und sich ihren Traumschuh schlicht maßanfertigen zu lassen? Darüber grübelnd komme ich darauf, dass es unter den klassischen Schuhmachern nur ganz, ganz wenige Frauen gibt — und diese, wenn sie sich denn dem Gewerbe der Lederverarbeitung hingeben, praktisch immer Schmuck, Taschen oder Accessoires machen. Doch so gut wie nie Schuhe!
Ich schiebe meine Füßchen über die Bettkante, praktiziere sie in meine fröhlichen Einhorn-Hausschuhe, und schnappe mir mein Smartphone, um meiner guten Freundin Rosi diese, mich sehr aufwühlende, Beobachtung zu schildern. Doch sie zuckt nur mit den Schultern, erklärt, es logisch zu finden, und fügt direkt hinzu, dass sie sich selbst auf gar keinen Fall als Kundin für Maßschuhe haben wollte. Denn, so erklärt sie mir mit einem Lachen: -»Wir Frauen haben zwar eine ganz genaue, exakte Vorstellung von unserem Traumschuh, können diesen aber auf keinen Fall beschreiben, zeichnen oder gar nur auch ansatzweise skizzieren ... Ich stelle mir das sehr kompliziert vor-«, setzt sie nach, -»wo wir Frauen doch eine so gewaltige, machtvolle und tief in uns verwurzelte Sehnsucht danach haben.-«
-»Nun, vielleicht liegt es daran, das von uns geheimgehalten wird, was diese Sehnsucht eigentlich ausmacht "¦ Und wir dennoch dazu verdammt sind, nach der Erfüllung, also unserem Traumschuh zu suchen-«, seufze ich und schaue zu meinen prallgefüllten Regalen mit all den liebevoll zusammengetragenen High Heels hinüber. -»Das ist wahrlich kein leichtes Brot.-«
-»Es gibt ja immer wieder Momente der Hoffnung-«, meint Rosi schmunzelnd.
-»Aber dann zeigt sich doch stets, dass auch die nächste Schuhhoffnung wieder an verschiedenen Stellen drückt-«, kommt es mir resignierend über die Lippen. -»Letztlich ist das doch vergleichbar mit der Suche nach Männern. Wo man auch immer wieder hofft, etwas Passendes gefunden zu haben, aber die richtig schlimmen Stellen, wo es drückt, erst bemerkt, wenn man mal eine längere Strecke mit ihnen gelaufen ist. Im übertragenem Sinne, meine ich.-«
-»Manche suchen daher ja auch ein Leben lang-«, räumt Rosi ein. -»Es gibt allerdings auch Geschlechtsgenossinnen die hoffen, dass sich der Mann durch längeres Tragen irgendwie einläuft. Und wieder andere suchen sich einfach letzten Endes jemanden, wo sie an den Stellen, wo es besonders schlimm drückt, bereits eine gewisse Hornhaut entwickelt haben.-«
-»Aber die Sehnsucht bleibt-«, keuche ich, derweil mein Blick über eine Seite des Hochglanzmagazins wandert und an einem Paar High Heels von "ºYves Saint Laurent"¹ hängen bleibt. -»Immer, "¦ quasi unstillbar-«, sabbere ich ins Smartphone.
-»Deshalb spricht man in der Schuhpsychologie ja auch vom sogenannten Aschenputtel-Syndrom. Wir sind halt auf der ewigen Suche nach dem Prinzen, der auch noch den richtigen Schuh für uns hat-«, erklärt Rosi und fügt hinzu: -»Einen solchen Prinzen gibt es aber natürlich nur im Märchen. Diese traurige Wahrheit zu realisieren ist für uns Frauen die schwierigste emotionale Prüfung zwischen der Pubertät und den Wechseljahren.-«
-»Du bist also der Meinung, es gibt nur zwei Sorten Frauen auf der Welt?-«, japse ich, ein paar silberne High Heels vom "ºJimmy Choo"¹ betrachtend. -»Die mit dem richtigen Schuh und die mit dem richtigen Mann.-«
-»Genau. Beides geht nicht-«, bestätigt Rosi. -»Maximal gibt es da Graubereiche, oder eine gewisse Verhandlungsmasse zwischen Schuh und Mann.-«
Ich höre ihr zu, überlege aber zugleich angestrengt, welche Kuh ich melken müsste, um die fast dreitausendfünfhundert Euro für die irren "ºJimmy Choo"¹-High Heels aufzubringen, die mich gerade fiebern lassen.
-»Im Weiteren bedeutet das auch-«, spricht Rosi weiter. -»Eine Frau, die die Hoffnung, einen besseren Schuh zu finden, irgendwann aus welchen Gründen auch immer aufgibt, wird sich dann als Trost oder als Übersprungshandlung zumindest einen besseren Mann suchen. Mit anderen Worten, in dem Moment, wo eine Frau in völlig normalen Tempo, ohne gewichtigen Grund an mehreren Schuhgeschäften desinteressiert und achtlos vorbeiläuft, ja nicht einmal in die Auslage eines "ºTamaris"¹-Schaufensters schaut, da "¦
-»"¦ hätte ich direkt Angst, keine richtige Frau mehr zu sein-«, kommt es mir entsetzt über die Lippen.
-»"¦ wird es definitiv Herbst in der Beziehung-«, vollendet Rosi sachlich.
-»Du meinst: An der Bereitschaft, Schuhe zu kaufen, erkennen wir Frauen die Potenz, beziehungsweise Pseudopotenz und Bereitschaft zu Treue "¦-«
-»"¦ eines Mannes-«, ergänzt sie den Satz direkt und fügt hinzu: -»In der berechtigten Annahme, dass ein Mann, der sein gesamtes Vermögen in die Schuhe einer Frau investiert hat, diese nicht so schnell verlässt "¦-«
-»Zumindest nicht die Schuhe-«, falle ich ihr grinsend ins Wort, -»denn Frauen mit derselben Schuhgröße gibt es ja wie Sand am Meer.-«
-»Du nun wieder! "¦ Jedenfalls ist da höchste Vorsicht geboten! Und deshalb-«, schließt sie mit einem charmanten Lächeln in der Stimme ihre Ausführungen, -»ist der Schuhkauf bei Frauen auch immer so etwas wie ein Treuebekenntnis, eine Art Liebeserklärung an den Mann.-«
Ich weiß nicht, wie vielen Männern Rosi diese — ihre — Schuhlogik schon erklärt hat. In jedem Falle hat sie wie ich wirklich sehr viele, sehr schöne Schuhe, und ich beschließe heute eine ausgiebige Shoppingtour zu machen. Aber selbst wenn ich fündig werden sollte, bliebe meine Befriedigung noch dahingestellt, zumal ich ja zu dem einen Schuh noch mindestens einen zweiten suchen müsste, um wenigstens über ein Paar zu verfügen "¦