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Deutsches Historisches Museum: "Identitätswechsel durch Crossdressing"

Verfasst: Fr 5. Feb 2021, 10:47
von Jaddy
"Brauchen wir wirklich ein wahres Geschlecht? Mit einer Beharrlichkeit, die an Starrsinn grenzt, haben die Gesellschaften des Abendlandes dies bejaht." [1] In der Zeit des Übergangs vom Spätmittelalter zur Moderne tötete dieser "Starrsinn" Frauen, die die Entscheidung trafen, durch das Anlegen männlicher Kleidung, auch das Leben als Mann zu verbringen. Sammlungsleiter Thomas Jander wirft in diesem Text einige Schlaglichter auf historisch fassbare Fälle.
Einige historische Beispiele, und zwar vor allem aus dem Gebiet, das heute Deutschland ist. Vorsicht: Die Gesetze früherer Zeiten führten leider zu drastischen Ausgängen. Sichtbar für uns heute sind auch nur die "aktenkundigen" Personen. Es gab bestimmt mehr, so wie es heute ja auch viele unsichtbare cross/trans/gnc Personen gibt.

https://www.dhm.de/blog/2021/02/02/iden ... sdressing/

Jander fasst zusammen, wobei ich gerade wegen des zweiten Absatzes "Frauen" durchweg durch "Personen" ersetzen würde:
Weibliches Crossdressing war ein europäisches Phänomen, das im 15./16. Jahrhundert vermehrt in den Quellen, vor allem in Justizüberlieferungen der letzten 500 Jahre, auftaucht und im 19. Jahrhundert wieder verschwindet. Es sind dabei immer ähnliche und fast durchweg düstere Geschichten von Frauen, die zeitweise oder dauerhaft als Männer oft mit anderen Frauen in einer eheähnlichen Beziehung oder richtigen Ehe lebten bis sie entdeckt, angeklagt, verurteilt und hingerichtet wurden. Doch ein Wandel wurde sichtbar: Verhängten und vollstreckten die Gerichte im 15. und 16. Jahrhundert sehr oft die Todesstrafe, weil sie diese Lebensweise als Gefahr für die göttliche Ordnung, gesellschaftliche Hierarchie und vor allem für die Ehe und deren Reproduktionsfunktion werteten. Seit dem 17. Jahrhundert entstand durch Säkularisierung und Aufklärung ein neues, wissenschaftlich geprägtes Verständnis von Körper und Geschlecht, das Schritt für Schritt eine gewisse Entschärfung der Strafpraxis bedeutete. Zudem zeigen die historischen Beispiele, dass die stehenden Heere der Frühen Neuzeit bis zum Anfang des 19. Jahrhundert ganz offenbar als temporäre Lebensräume genutzt wurden. Forscher*innen verweisen immer wieder auf die Tatsache, dass wir nur von den gescheiterten Versuchen wissen und vermuten eine viel höhere Dunkelziffer tatsächlicher Wechselbiografien.

Ob diese Frauen im heutigen Sinn hetero-, homo-, inter- oder transsexuell bzw. -gender/-ident waren, ist am Ende nicht wirklich erkenntnisfördernd: Diese gegenwärtig gebrauchten Begriffe bzw. Selbstkonzepte können nicht einfach so auf historische Gruppen und Lebenswelten übertragen werden, die oft einseitige und insgesamt dünne Quellendecke lässt das nicht zu. Festzuhalten bleibt aber, dass durch die europaweit und über Jahrhunderte hinweg geübte Praxis des Kleider- und Identitätstauschens, Frauen sich seit dem Spätmittelalter variable Lebens- und Spielräume schufen. Es offenbaren sich so bemerkenswert kreative und wagemutige Reaktionen auf festgeschriebene Geschlechtergrenzen bzw. -rollen, welche wiederum aus dieser Perspektive besser zu umgehen und weniger alternativlos erscheinen.
Natürlich liegt er falsch mit der Ansicht, dass da irgendwas "verschwunden ist". Von Butches bis zu trans Männern und nicht-binären mit/ohne Transition ist das Spektrum riesig.

Re: Deutsches Historisches Museum: "Identitätswechsel durch Crossdressing"

Verfasst: Fr 5. Feb 2021, 13:04
von Lana
Hallo Jaddy,

danke für den interessanten Link.
Jaddy hat geschrieben: Fr 5. Feb 2021, 10:47 https://www.dhm.de/blog/2021/02/02/iden ... sdressing/

Jander fasst zusammen, wobei ich gerade wegen des zweiten Absatzes "Frauen" durchweg durch "Personen" ersetzen würde:
Weibliches Crossdressing war ein europäisches Phänomen, das im 15./16. Jahrhundert vermehrt in den Quellen, vor allem in Justizüberlieferungen der letzten 500 Jahre, auftaucht und im 19. Jahrhundert wieder verschwindet


Natürlich liegt er falsch mit der Ansicht, dass da irgendwas "verschwunden ist". Von Butches bis zu trans Männern und nicht-binären mit/ohne Transition ist das Spektrum riesig.
Ich denke, das "Verschwinden" bezieht sich auf die Berichte in Gerichtsakten und nicht auf das Crossdressing selbst.
Mit naturwissenschaftlicher Methodik entstand im 17. und 18. Jahrhundert langsam ein neues Wissen um Körper und Sexualität, was — noch langsamer — zu einer schrittweisen medizinisch-biologischen Pathologisierung des Sexualstrafrechts führte.
Was teilweise bis heute anhält. Daraus ergab sich dann wohl zwingend das:
Hirschfeld und seine Kollegen*innen im Institut für Sexualwissenschaften schrieben in der Zeit der ersten deutschen Republik viele ähnliche Gutachten, worauf örtliche Polizeistellen sogenannte Transvestitenscheine ausstellten. Sie erlaubten das unbehelligte Tragen der individuell richtigen Kleidungsstücke und schufen im frühen 20. Jahrhundert einen zumindest vorläufigen Ausweg aus einer Kriminalisierung des Crossdressing, die bereits im späten Mittelalter zu finden war.
Heute ist es nicht mehr strafbar, aber Dinge wie ein DGTI-Ausweis können in manchen Situationen immer noch ganz nützlich sein.

Ich finde diesen historischen Abriss sehr aufschlussreich, stellt er doch die Ursprünge einiger der bis heute in der Gesellschaft existierenden Vorbehalte gegen Trans-Leben dar.

Den folgenden Satz würden wahrscheinlich heute noch viele unterschreiben:
Wer zugleich Mann und Frau ist, stellt eine soziale Monstrosität dar und gefährdet die Ordnung
Ich könnte mir sogar vorstellen, dass diese Vorstellung unbewusst den Drang zu gutem Passing bei CD befördert. Wer weiß schon so genau, was noch alles an alten, verdrängten Prägungen in uns schlummert...

LGL

Re: Deutsches Historisches Museum: "Identitätswechsel durch Crossdressing"

Verfasst: So 25. Apr 2021, 18:09
von Christel_Inter
Ich bin reichlich irritiert, weil ich entweder die notwendige Info nicht finde, oder...?

Mir fällt für den Zeitraum bis 1914 auf, dass all die Gender-Fragen von Männern "erforscht" wurden. Damit mE schon das Drama. Selbst bei den Assistenten gab es in den Instituten eher keine Frauen, die auch einmal nur bei den Fragestellung zu den Thesen usw korrigierend eingreifen hätten können.
Damit lässt sich für mich auch das Erkennen von Beobachtungen aus den ganz frühen Zeiten schon erheblich niedriger hängen.
Ich hatte etwa um 1990/95 beim Deutschen Bundestag die ernsthafte Frage gestellt und begründet, auf welcher moralischen/ethischen/oä. Grundlage sich die rechtliche Vorgabe bezieht, dass bei der Namensgebung durch die Eltern das Gechlecht des Kindes "eindeutig" erkennbar sein MUSS.
Als denkbare Begründung bot ich selber an: die Miltärverwaltung möchte gerne im Ernstfall ganz schnell auf die wehrfähigen, männlichen Bürger zugreifen können.
Es antwortete keine der beiden großen Fraktionen - lediglich eine kleinere Fraktion reagierte damit, dass meine Frage durchaus berechtigt sei, dass aber bei der eigenen Nachforschung kein Hinweis auf eine anders lautende Begründung zu finden gewesen sei.
Also kann ich schon bei dem Thema NAMEN ansetzen und muss gar nicht die Kleidung heranziehen, um einen scheinbar von mutigen Einzelnen in der Vergangenheit angezeigten Konflikt zu beschreiben...
Und damit zum nächsten Stichwort: Ist es wirklich ein Wechsel der Identität, wenn ich mich anders kleide? Selbst im historischen Rückblick ist das - aus meiner Einsicht - eine waghalsige Verengung.
Es gab schon früh die Uniform, die Schutzkleidung, die Amtstracht,... - Die Menschen, die sich so umkleiden (müssen/mussten) wechselten doch nicht ihre Identität - oder? Ob unter der Montur am OP-Tisch oder vor dem Hochofen eine Frau oder ein Mann oder was sonst stecken, bleibt dem nicht informierten Beobachter eher verborgen, und dennoch bleibt die Identität des Menschen gewahrt. - Es wäre vielleicht von einer anderen "Person" die Rede, per sonare - eine Maske aufgesetzt, durch die ein Ton für die gezeigte Rolle (z.B. im Theater) zu hören ist. Doch von einem Identitätwechsel zu sprechen, ist mE nicht zulässig.

Kleidung war viel zu lange in unseren Breiten ein Standes- und Zuordnungsausweis. Jungfrauen hatten sich (besonders deutlich in den "Trachten") erkennbar zu kleiden, erkennbar ihrem Alter sortiert, Witwen mussten sich zu erkennen geben. -- Auch war der gezeigte (erkennbar kostbare) Schmuck nur im Rahmen der gesellschaftlichen Stellung erlaubt. - - - allein diese Korsettierung der äußerlichen Ausstattung kann Freigeister schon zum "Crossdressing" verleiten.
Ein weißer Kittel am OP-Tisch hat doch ein anderes Gewicht, als ein Briefträger-Uniform der Post. - das wäre ja auch eine Form des Crossdressing. Der "Hauptmann von Köpenick" entlarvte allein für seinen Eigennutz die zu tiefst kaputte Gesellschaft, was Crossdressing bewirken kann.

Zur Historie noch ein Satz...
Nach meiner Einsicht dürfen wir die damaligen Zeiten (bis frühstens ca 1850) nicht mit unseren Zeiten (nach 1918) vergleichen. Bedenke ich nur einmal die Lebensspanne der Lebenserwartunng der Menschen "früher". Wenn wir heute zurückblicken, sind schon zehn Jahre eine Epoche der Veränderungen. - Die Menschen bis 1850 kannten kein "früher", wie wir es beschreiben, denn selbst ihre Großeltern (wenn sie denn noch lebten) hatten, die gleichen Lebensumstände (technisch, gesellschaftlich, Ernährung...). Sie lebten in einer ihnen gesetzten Ordnung und mussten zusehen, dass sie heile durch die täglichen Überraschungen kamen, und da hätte jede Unordnung für die Familie erhebliche Gefahr bedeutet.
Darum ist es aber auch wirklich waghalsig, unserer wahrlich liberale Epoche mit früheren Zeiten in einer Verbindung zu sehen.
Und warum tun sich die Menschen heute so schwer, das Leben der Anderen zu aktzeptieren?
Es entlarvt vielleicht zu sehr die eigene Schwäche!

Frage zum Schluss: was könnte das Ergebnis sein, wenn ab sofort der gesamte Textilhandel von A-Z keine vorauseilende Zuordnung bei den Kleidungsstücken vornimmt, sondern es den interessierten Kunden überlässt, sich das auszuwählen, was ihnen passt und gefällt? - Die Kleingeister hätte arge Probleme und die Welt sähe fröhlicher aus der Wäsche. Richtig?

Re: Deutsches Historisches Museum: "Identitätswechsel durch Crossdressing"

Verfasst: Mo 26. Apr 2021, 11:52
von Jaddy
Moin Christel :)

Sehr gute Einsichten und Anmerkungen, vielen Dank. Dass die offizielle, sprich: publizierte, öffentlich wahrgenommene Wissenschaft bis ins 20te Jahrhundert nur von Männern betrieben wurde, erzeugt natürlich einigen Bias. Allen voran Freud mit seinen eigenen Komplexen und Vorurteilen, dessen Unwissenheit, Projektionen, Fehlannahmen und -schlüsse viel unnötiges Leid verursacht haben, und gegen den der pinky gloves Unfug nur eine amüsante Anekdote ist.

Zur Wahrnehmung von nicht-Männern in der Wissenschaft ürbigens ein aktueller Artikel mit Podcast: "Beinahe Nobelpreisträgerin".

Bei der Identität wird es irgendwie schwierig. Der Begriff ist ziemlich unscharf, weil sehr unterschiedlich über Zeit und Kontext. Ich denke, im Sinne des Ausgangsartikels und Deiner Anmerkungen würde in aktueller Genderterminologie "Ausdruck" / "gender expression" am besten passen: Die eher bewusst gewählten Signale an die Umwelt, die mehr oder weniger eine Rolle referenzieren, in der die Person aktuell gesehen werden möchte. Mit anderen Worten: "Kleider machen Leute".

Das hat mit der anderen Bedeutung von Identität - "(relativ) unveränderliches Sein" - die Du nach meiner Lesart meinst, nicht so viel zu tun. Die Expression rückt nur einen Aspekt der gesamten Identität momentan in den Vordergrund.

Übrigens berichten viele hier auch von der umgekehrten Wahrheit des obigen Spruchs: Andere Kleidung verändert auch das eigene Verhalten und Perspektive.

Ich finde diese Zuordnung auch zwiespältig. Auf der einen Seite erleichtert sie scheinbar das Zusammenleben. Ich brauche "nur" die richtigen Sachen - in einer für andere stimmig verständlichen Form - und kann mir lange Erklärungen sparen. Hallo "passing"... Andererseits gibt es für etliche Signalkombinationen gar keine passenden Formulierungen in der Ausdruckssprache. "Ich bin auch in schick weiblich gekleidet fachkompetent (und es ist keine Aufforderung zum angrabbeln!)" zum Beispiel. Oder auch "There is no non-binary passing". Was ich nicht senden kann, oder wofür mein Gegenüber keinen Empfänger hat, kann nicht kommuniziert werden.

Der Trick wird mE darin bestehen, Signale und ihre mögliche Bedeutung wahrzunehmen, aber nicht automatisch für wahr zu halten :) Das ist eine Lern- und Gewöhnungssache.

Last not least, keine vorauseilende Zuordnung... Ja, das wäre schön. Vor allem, wenn Kleidung nicht so einseitig produziert würde: Bunt und Glitzer nur in kurz, tailliert, mit Brustabnähern, aber nicht für lange, gerade Körper. (Ausnahme Mango. Die haben quasi alles nur in kurz und flach. Die meisten ihrer Models können in "beiden" Abteilungen arbeiten...) Ein paar Label haben schon "genderneutrale" oder "nicht-binäre" Kollektionen probiert, aber die meisten waren eher form- und ausdruckslos langweilig, nach dem Motto: Was allen passt, gefällt kein"¢ex mehr.

Im Präsenzhandel wäre die Sortierung im Laden vielleicht schwierig, aber online ist das nicht so weit entfernt, schon allein weil Großversandfirmen eine inzwischen unüberschaubare Vielfalt anbieten. Bei Aboutyou habe ich selbst mit vorgewählten Größen bei Standardkleidungsstücken tw 1500 bis über 2000 Treffer in der Suche. Also haben sie zumindest in der App einen "Größenfinder" im persönlichen Profil, den ich voreinstellen kann, mit Bauchform, Hüftform, etc, und natürlich verschiedenen Maßen.

Ich denke, da ist der Schritt zur Aufhebung der binären Teilung nicht mehr so weit.

Re: Deutsches Historisches Museum: "Identitätswechsel durch Crossdressing"

Verfasst: Mo 26. Apr 2021, 20:48
von Christel_Inter
JADDY, DANKE!
Ich nehme mal aus eigenen Erfahrungen den Gedanken der prägenden Be-Kleidung.
1964 "durfte" ich zum ersten Mal einen Anzug anziehen müssen. Anlass war die Konfirmation. Diese Zwangskluft habe ich schon am Nachmittag wieder vom Körper gerupft - ich fühlte mich darin sehr unwohl, den größten Teil des Frustes strahlte dabei die Krawatte auf mich aus. - - dann hing das Teil nur noch im Schrank - und passte schon ein Jahr später zu meiner Freude nicht mehr. Also war der Tag der Schulentlassung für mich Anzugfrei. - - Doch dann kam ich mit meiner Berufswahl wieder mit diesem Kleidungsstück in Berührung - und ich merkte selbst an den veröffentlichen Fotos, wie steif ich bei den öffentlichen Auftritten stehe... Kleidungg, die nicht zu mir gehört, fesselt mich.
Eine umgekehrte Wirkung stellte sich dann (für mich zunächst unmerklich) vor etwa dreizig Jahren ein. Step by step fand ich bei der vorgeblichen "Damen"Kleidung die mit viel besser gefallenden und sogar besser passenden Teilen... offenbar war mein Auftreten in der beruflichen Öffentlichkeit viel lockerer. Entsprechende Hinweise aus dem Kreis der Kolleg:innen machten das deutlich. Dabei stand niemals meine Kleidung im Gespräch... Seit ich mich nach dem Berufsende nicht mehr mit Kleidungs-Vorschriften befassen mussen, bin ich eine Befreite und so fühle ich mich auch.
Christel grüßt