Na, dann mal schlaglichtartig über die Jahrzehnte (sind bei mir immerhin sieben - also langer Text):
Kindheit (50er Jahre): Sissyboy. Nah am Wasser gebaut, dafür bestraft: "Ein Junge weint nicht!" Ich kann nicht verstehen, warum ich nicht auch mit den Spielsachen meiner älteren Schwester spielen darf. Im Freibad soll ich mal einen Badeanzug meiner Schwester anziehen, weil meine Badehose nass ist; bei einem Kind in meinem Alter sei das doch "egal" - ich finde das schrecklich und wehre mich verzweifelt (letztlich erfolgreich) dagegen. Probiere aber heimlich in der Badewanne den drüber zum Trocknen aufgehängten BH meiner Mutter an - und bin sehr enttäuscht darüber, dass er mir zu viel zu weit ist und lose von den Schultern hängt.
Jugend (60er Jahre): Versuche so verzweifelt wie vergeblich, ein Junge zu sein. Immer noch nah am Wasser gebaut, und immer wieder dafür verspottet. Bin der Schwächste in der Klasse, werde ständig gemobbt, laufe deshalb jahrelang in der großen Pause allein unter 700 Gymnasialschülern auf dem Hof herum, weitab von meinen Klassenkameraden. Kriege den Spitznamen "Wally" verpasst: "die Wally", konsequent mit weiblichen Personalpronomina. Empfinde es insgeheim als DAS große Highlight meiner ganzen Schulzeit, dass ich im Deutschunterricht mal ein Mädchen spielen "muß". Werde zuhause im Wohnort von den Eltern zu der Jungengruppe im Turnverein geschickt, um "stärker" zu werden und "mich wehren zu können" - leide dort aber so sehr unter der Überforderung, dass meine Eltern ein Einsehen haben, mich da wieder raus nehmen und stattdessen in die Mädchenturngruppe schicken; da komme ich besser zurecht. Verspätete Pubertät mit starker (aber nie ausgelebter) homoerotischer Phase; bin froh über den Stimmbruch (weil erwartet, und weil das meine fragile "Männlichkeit" stützt), erschrecke aber gleichzeitig über den pubertären Wachstumsschub an Stamm, Adamsapfel und Gelenkknöcheln: das habe ich nicht erwartet, es entspricht auch überhaupt nicht meinem "inneren Körper-Sollbild", ich halte mich da für krank und missgebildet. Verliebe mich erstmals (klammheimlich aus der Entfernung) in Mädchen. Trage heimlich den Badeanzug meiner Schwester unter der Schulkleidung, komme mir deshalb schrecklich "pervers" vor, kaufe aber trotzdem irgendwann vom Taschengeld eines ganzen Monats meinen ersten BH - das Abenteuer dieses Kaufs habe ich ja unter "Mein erster BH" schon mal ausführlich beschrieben

Meine Tränen kriege ich endlich in den Griff: unter soviel Selbstabtötung, dass ich dann 10 Jahre lang - bis weit ins Erwachsenenalter - gar nicht mehr weinen kann. Ich versuche ebenso verzweifelt wie vergeblich, ein "Mann" zu werden; die Überforderung raubt mir schließlich jeglichen Lebenswillen: mit 17 erkranke ich schwer an Lungentuberkulose und bin froh darüber: ich
will daran sterben.
Studium, Assistentenzeit (70er Jahre): Das Jahr Pause in der Lungenheilstätte hat mir gut getan, ich werde dort schließlich doch wieder gesund und sammle genug Kraft, endlich das Abitur und das Studium der Zahnheilkunde zu absolvieren. In meiner Umgebung gelte ich endlich unangefochten als Mann. Aber so sehr ich mich nach einer Liebesbeziehung sehne - da kriege ich nichts hin. Ich hätte zwar durchaus sogar bei ein paar der meistbegehrten Mädels Chancen, sie signalisieren es mir auf ihre weiblich-passive Art; aber ich bringe es nie fertig, die Initiative zu ergreifen, die sie von mir als "Mann" erwarten, ich warte stattdessen vergeblich darauf, dass
sie zu mir kommen... Viele halten mich deshalb für schwul. Bin ich nicht; ich bin schrecklich einsam. Ich lasse mir einen Vollbart wachsen, in der Hoffnung, damit "männlicher" zu wirken. Gleichzeitig trage ich heimlich Damenunterwäsche - und verstehe mich selber nicht mehr. Eine erste, kurze Intimbeziehung zu einer Frau ergibt sich - holprig - erst gegen Ende meines Studiums. Während der Assistentenjahre suche ich mir meine Beziehungen über Zeitungsannoncen: zumeist verkrampfte Geschichten, oberflächlich, nichts von Dauer. Zweimal geht's tiefer: brutaler Liebeskummer...
Ehehölle, Scheidung, Selbstfindung und Therapie (80er Jahre): Als 30-Jähriger übernehme ich die zahnärztliche Praxis meines Vaters - und heirate in einer Art Torschlusspanik eine meiner Annoncen-Bekanntschaften, ausgerechnet eine wahre Xanthippe. Den ganzen "Weiberkram" verbrenne ich vorher, ebenso alle meine Tagebuchaufzeichnungen: Schluss mit dem "krankhaften Zeug", ich will mich nun endlich als Mann bewähren... Aus der Ehe wird schon gleich zu Beginn eine pathologische Hölle, in der ich Tag für Tag physisch und psychisch übelst misshandelt werde und aus der ich trotzdem fünf Jahre lang keinen Ausweg finde: das bekannte Syndrom der vom gewalttätigen Mann misshandelten Frau - nur andersrum. Erst als nach ein paar Jahren meine weiblichen Anwandlungen wieder so übermächtig wurden, dass mich die Xanthippe irgendwann dabei "erwischte", nahm
sie das nach einer filmreifen Horrorszene Gottseidank zum Anlass, mitsamt unserer kleinen Tochter auszuziehen. Ich empfand es vom ersten Tag an als Befreiung. --- In den folgenden Jahren nutzte ich die wiedergewonnene Freiheit, um endlich mehr die weibliche Seite auszuleben. Ich besuchte erste TS-Gruppen, begann eine jahrelange Psychotherapie, um die Nachwirkungen der Ehehölle zu überwinden und - immer noch - in der Hoffnung, vielleicht auf diesem Weg endlich doch noch ein "richtiger" Mann werden zu können. Die Therapie war sehr erfolgreich - aber anders, als ich es mir vorgestellt hatte: ich mußte schließlich erkennen und akzeptieren, dass ich transsexuell bin. Ich rasierte mir den Bart ab und begann, Hormone einzunehmen.
Transsexueller Weg (90er Jahre): Ich nehme jahrelang Östrogene und Antiandrogene ein und höre endlich auf, gegenüber Frauen - insbesondere dann, wenn eine Beziehung ansteht - den Mann zu mimen. Zwar nicht öffentlich, aber immerhin im privaten Rahmen bekenne ich mich offen zu meiner weiblichen Seite. Zu meiner großen Verwunderung vermassele ich mir damit keineswegs auch noch die letzten Chancen bei Frauen, ganz im Gegenteil: erstmals laufen mir neue Beziehungen einfach so "über den Weg", ich brauche keine Annoncen mehr. Bei Frauen eines ganz bestimmten Typs, die ich eigentlich schon immer am meisten verehrt und begehrt hatte, bei denen ich aber nie landen konnte, habe ich nun plötzlich Chancen - und bin dann manchmal sogar richtig glücklich, weil mit ihnen die Beziehung erstmals wenigstens zeitweise auch wirklich "stimmt". Die langen, einsamen Jahre sind endlich vorbei; ich lebe zwar immer noch allein, habe aber die meiste Zeit immerhin gut funktionierende Wochenend- und Urlaubsbeziehungen von allmählich zunehmender Dauer. Die Hormone entfalten nicht die erhoffte Wirkung; ich entschließe mich dazu, mir die Brust chirurgisch aufbauen zu lassen. Nachdem zum selben Zeitpunkt meine (im Haus lebenden) Eltern beide verstorben sind, gebe ich meine Praxis auf, verkaufe das Haus und steige weit weg, in der ehemaligen Heimat meiner Mutter, bei einem Kollegen als Gemeinschaftspraxis-Partner ein.
Leben im neuen Sein (1998 - 2015): Der neu gewählte Lebenskompromiss bewährt sich: mit Brüsten, aber männlich belassenem Unterleib, öffentlich als Mann, im intimen Umfeld als "die Wally". Berufliche Probleme habe ich damit nicht, und der transsexuelle Leidensdruck ist weitgehend verschwunden, seit ich wenigstens in der intimen Beziehung weiblich sein darf und nicht mehr den Mann mimen muß. Es geht mir einfach gut so... 2005 lerne ich meine jetzige Frau kennen; es "stimmt" auf Anhieb so gut zwischen uns, dass wir 2007 heiraten (auf
meine Initiative - nachdem ich 20 Jahre lang geschworen hatte, NIE WIEDER zu heiraten

). 2008 wechsle ich nach 10 Jahren nochmal die Praxis, wir beziehen an meinem neuen Wirkungsort gemeinsam ein kleines Einfamilienhaus und verbringen hier harmonisch die letzten 7 Jahre unseres Berufslebens.
Rentnerdasein (ab 2016): die letzte, große Zäsur. Wir empfinden es beide seitdem als große Befreiung, dass unsere Zeit endlich uns selber gehört, und genießen es gemeinsam in vollen Zügen. Für mich als transsexuellen Menschen hat das nochmal eine zusätzliche Dimension: ich muß keine Rücksichten mehr nehmen und niemandem mehr irgendwas beweisen... Es ist jetzt nicht mehr transsexueller Leidensdruck, sondern einfach schiere Lebensfreude, dass ich mich seit meiner Verrentung zunehmend auch öffentlich von der weiblichen Seite zeige - ganz ohne den ängstlichen Anspruch auf widerspruchsfreies "Passing", der in früheren Jahrzehnten Voraussetzung jeglicher Toleranz war. Ich darf jetzt endlich einfach so zwitterig sein, wie ich nun mal bin; auch Freunde, Nachbarn und das ganze Dorf dürfen mich jetzt so sehen. Ich genieße es immer wieder, zu erleben, wie sehr sich die Einstellung der Leute uns gegenüber zum Positiven gewandelt hat.
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Was hat sich nun im Lauf der Jahrzehnte geändert, und was ist über all die Jahre gleich geblieben? Unveränderlich gleich geblieben ist der Kern meiner Geschlechtlichkeit: ein Konglomerat von hunderterlei Befindlichkeiten, Motivationen, Bedürfnisse, Antipathien, Fähigkeiten und Unfähigkeiten, in denen sich die Geschlechter typischerweise unterscheiden, und mit denen ich mich vom Kern meines Wesens her zwar auch nicht ganz, aber doch überwiegend auf der weiblichen Seite wiederfinde - heute wie damals. Schon als Kind war ich nie wirklich ein Junge. Als Jugendlicher habe ich verzweifelt versucht, einer zu sein und ein Mann zu werden - vergebens. So sehr vergebens, dass mich meine Kameraden gegen meinen damaligen Protest meine ganze Jugend hindurch "die Wally" gerufen haben... Und selbst als Erwachsener, der nun endlich als Mann gesehen und anerkannt wurde, scheiterte ich kläglich an jedem Versuch, gegenüber Frauen ein Mann zu
sein. Letztlich konnte ich dabei nicht zum Mann, sondern nur zum Gewaltopfer in meinem ersten, schiefgegangenen Eheversuch werden. Der Mann in mir war immer ein Schwächling, der psychisch weibliche Anteil war immer der stärkere - und ist es bis heute geblieben.
Mein rationales Denken hat sich dagegen über die Jahrzehnte radikal geändert. Klar: die Welt der 50er Jahre, in der ich aufgewachsen bin, war völlig anders als heute; "Transsexuelle" gab es damals noch gar nicht, es gab in der Vorstellung der Leute nur "Schwule" (damals ein ganz übles Schimpfwort!) und andere "perverse Drecksäue". Selbst beim besten Willen
konnte mir damals niemand erklären, was mit mir los war, weil es niemand wußte. Ich spürte zwar schon als kleines Kind, dass mit mir irgendwas "nicht stimmte"; aber bis ich es endlich benennen konnte, war ich schon mein halbes Leben hilflos im Dunkeln herumgetappt. Erst als 40-Jähriger habe ich in etwa zu der rationalen Einstellung gefunden, die sich für mich seitdem bewährt hat und stabil bleiben konnte.
Die Welt hat sich für unsereins ebenfalls radikal geändert - aber zeitversetzt. Während meine Selbstfindung - nach 30 Jahren des Herumirrens und weiteren 10 Jahren allmählichen Erfolgs - so ca. 1990 mit dem Ende meiner Psychotherapie weitgehend abgeschlossen war, fingen die gesellschaftlichen Umwälzungen zu diesem Zeitpunkt erst so richtig an. Ich staune jetzt, 30 Jahre später, immer noch, wie sehr sich die Einstellung der Leute speziell gegenüber "Enbies" wie mir von Jahr zu Jahr verbessert. Noch vor 10 Jahren war das sehr anders und vor 20 Jahren völlig anders. Wie es 1990 und davor war, das können sich Leute, die es nicht selbst erlebt haben, heute schon gar nicht mehr vorstellen - das war eine komplett andere Welt. Man stelle sich vor: da gab's noch nicht mal Handys
Puh - das ist mal wieder ein ellenlanger Artikel geworden. Aber ein Fazit über ein Dreiviertel-Jahrhundert passt halt nicht in drei Sätze.
Herzliche Grüße
Wally