Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten
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Helga
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Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 1 im Thema

Beitrag von Helga »

Zur dunklen, kalten Winterzeit haben traditionell indoor- Kulturveranstaltungen wie Konzert, Kino oder Theater Hochsaison. Dieser Tradition wollen wir uns auch nicht verschließen, daher möchte ich euch einladen an der Premiere eines ganz besonderen Theaterstückes mit direktem Forumsbezug teilzuhaben. Titel: "Eine Frau mit Penis".
Die Überschrift klingt vielleicht etwas schreierisch, für forumsfremde Personen ungewohnt, möglicherweise etwas verstörend, aber das Theater hat sich längs aufgemacht das Prädikat "seichte Unterhaltung" abzulegen und dieses Feld den zahlreichen Fernsehkanälen zu überlassen, die nach den hiermit potentiell verbundenen Werbeeinnahmen gieren.

Mensch sollte beim Begriff "Theater" nicht zusehr volkstümelndes wie Millowitsch, Ohnesorg oder Stadl im Hinterkopf haben, auch das muffige Boulevardtheater ist längst nicht mehr Stand des Zeitgeistes. Modernes Theater will auf Probleme aufmerksam machen, kritisch hinterfragen, zum Denken anregen, den Spiegel vorhalten, manchmal aber auch provozieren, pöbeln, das Publikum abstoßen. Einem modernen Theatermacher ist ein massiver Verriss um Welten lieber als entgangene Aufmerksamkeit von Publikum und Kritik.
Gegenüber dem Film, in dem Betrachter*innen beliebig „spazieren geführt“ werden und den Schauspielern so nahe kommen können, dass sie das weiße in den Augen sehen, gibt es beim Theater einige Unterschiede. Der räumliche Abstand zwischen Publikum und Bühne ist relativ groß, der Betrachtungswinkel ist für einzelne gleichbleibend, dafür aber von Zuschauer*in zu Zuschauer*in unterschiedlich. Damit die Charaktäre in den hinteren Rängen wahrgenommen werden, werden sie meist stark überzeichnet. Das Bühnenbild zeichnet sich meisten weniger durch Originalgetreue und Detailreichtum aus, als vielmehr durch Symbolik und Experimentierfreude.

Leider können wir uns derzeit nicht an Atmosphäre und Architektur der klassischen Theatersäale erfreuen. Sicherlich könnten wir das Stück über elektronische Medien verbreiten, aber das wäre bei weitem nicht dasselbe, würden doch große Teile des Reizes, den dieses Genre ausmacht, verloren gehen. Daher erscheint mir ein weitgehend unbekanntes, weil selten umgesetztes Format dafür am geeignetsten, nämlich das des Kopftheaters. Das Kopftheater ist unabhängig von Wetter, Uhrzeit, Kontaktbeschränkungen, selbst repressive politische Strömungen können ihm nichts anhaben. Eine Aufführung kann zu jeder Zeit und an jedem Ort stattfinden, denn die Bühne ist der Kopf der zuschauenden Person. Der Reiz des Kopftheaters liegt darin, dass dem Publikum Aufgaben auferlegt werden, die über das reine Konsumieren weit hinausgehen und das Erheben eines Eintrittsgeldes von vornherein verbieten, um keine Honorarforderungen von Seiten aktiver Zuschauer*innen zu provozieren. Dies reduziert den Aufwand des Theatermachers enorm und bindet das Publikum in nie gekannter Weise in die Aufführung ein. Dadurch hat es die Chance aktiv an der dramaturgischen Gestaltung teilzunehmen, Charaktäre zu verändern und je nach Geschmack eine Vorgeschichte oder ein anderes Ende einzufügen. Vorgegeben werden nur die Dialoge und einige Regieanweisungen. Dem Publikum obliegen wesentliche Aufgaben wie Bühnenbild, Ausstattung, Licht, Ton, orchestralische Untermalung um nur die wichtigsten zu nennen. Natürlich kommt es auch dem Publikum zu die Rollen adäquat zu besetzen. Hierfür steht eine fast unbegrenzte Anzahl an möglichen Akteuren zur Auswahl. Da weder auf Terminpläne noch auf Gagenforderungen Rücksicht genommen werden muss, können die Rollen mit großen Namen besetzt werden. Keine Angst vor Starallüren: Das Schöne am Kopftheater ist, dass die Darsteller in der Regel nie erfahren für welche Rolle sie besetzt wurden. Selbstverständlich können aber auch Nachwuchstalente oder Laienschauspieler angagiert werden. Das Kopftheater bietet obendrein die Möglichkeit schauspielerisches Talent und Aussehen unterschiedlicher Individuen zu kombinieren und sehr viel mehr mit den Charaktären zu arbeiten als das herkömmliche Theater dies ermöglicht. Alles in allem ein anspruchsvolles Format für ein anspruchsvolles Auditorium.

Aber genug der Vorrede. Wer mag kann sich noch in eine dem Anlass angemessene Garderobe kleiden. Verzehr im Theater ist erlaubt, von Rauchen bittet die Hausleitung Abstand zu nehmen. Rascheln oder Knistern sollte vermieden werden.

Der zweite Gong ist soeben ertönt, bitte Platz nehmen. Das Murmeln ebbt ab, das Licht im Zuschauerraum wird gedimmt.

Der Vorhang öffnet sich.
Helga
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Eine Frau mit Penis- erster Akt

Post 2 im Thema

Beitrag von Helga »

Die Szene spielt in einem Café. An einem Tisch sitzen Mann und Frau. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte es sich um ein Päarchen handeln, bei näherer Inaugenscheinnahme gibt es eine deutlich distanzierte Haltung auf beiden Seiten.

Sie: „Ich bin eine Frau mit Penis"

Er: „Was bedeutet das."

Sie: „Der einzige Unterschied zu anderen Frauen ist: Ich kann keine Kinder gebären, dafür kann ich Kinder zeugen!"

Er: „Aber du hast keinen Busen?“

Sie: „Da ich keine Kinder gebären kann, muss ich keine Kinder stillen. Ich brauche keinen Busen. Damit mein Kleid keine unschönen Falten wirft, lege ich kleine Kissen in meinen BH.

Er: „Du hast eine tiefe Stimme!"

Sie: „Zarah Leander hatte eine tiefe Stimme, Amana Lear, Grace Jones, Tina Turner, Frauen mit tiefer Stimme gelten als erotisch!"

Er: „Willst du dich operieren lassen?"

Sie: „Wozu, ich kann trotzdem keine Kinder bekommen. Da ich mich als lesbische Frau definiere kann ich meiner Partnerin viel mehr bieten als andere Frauen. Selbst wenn ich das Bedürfnis haben sollte eine Beziehung mit einem Mann einzugehen"(sieht ihn prüfend an); „auch dem könnte ich deutlich mehr bieten als andere Frauen!"

Er: „Woher weißt du, dass du eine Frau bist?"

Sie: „Mein Kopf sagt es mir! Ausserdem muss ich nur in den Spiegel schauen" (zieht einen Kosmetikspiegel aus ihrer Handtasche, sieht hinein, lächelt) "dann weiß ich sicher, dass ich eine Frau bin!"

Er: „Das überzeugt mich nicht!"

Sie: „Schau mich an! Ich habe lange Haare, bin geschminkt, trage ein Kleid und hochhackige Schuhe. Sehe ich aus wie ein Mann?"

Er: „Nein! Sicherlich nicht. Du siehst aus wie eine Frau. Aber du bist keine Frau. Frauen haben keinen Penis. Frauen können Kinder bekommen.“

Sie: „Bist du also auch der Meinung, dass Frauen sich nur über das Kinderkriegen definieren? Ist eine Frau, die keine Kinder bekommen kann keine vollwertige Frau? Sollen Frauen sich wieder auf ihre Aufgabe als Gebärmaschine konzentrieren?“

Er: (kleinlaut) „Das wollte ich damit nicht gesagt haben. Es gibt halt bestimmte Merkmale, an denen man eine Frau erkennt. (trotzig) Das habe ich bereits in der Schule gelernt!"

Sie: „Du hast auch in der Schule gelernt, das Deutschland aus zwei Staaten besteht, dass die Welt sich in Gut und Böse aufteilt, wobei Gut immer im Westen und Böse immer im Osten zu finden ist. Du hast gelernt, dass sich das Klima in Zehntausend Jahren nur um wenige Grad verändern kann, und du hast gelernt, dass wir in unserer Zivilisation Seuchen und gefährliche Krankheiten weitgehend ausgerottet haben. Was gestern als gesicherte Wahrheit erschien kann sich heute als Trugschluss herausstellen!"

Er: „Du irritierst mich!"

Ende des ersten Aktes. Der Vorhang schließt sich. Applaus oder Buh-Rufe bleiben dem mitgestaltendem Publikum überlassen. Wir treffen uns zu einer kleinen Erfrischung im Foyer.
ExuserIn-2022-03-18
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 3 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2022-03-18 »

Hallo Helga,

Das hast das sehr schön geschrieben finde ich :)
So real irgendwie...
Mal was ganz was anderes :wink:

LG, Alexandra )))(:
Christiane67
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 4 im Thema

Beitrag von Christiane67 »

Liebe Helga,
Ich bin gerade in schlechter Stimmung weil ich heute morgen meiner Familie zuliebe wieder in meine mir durch die Gesellschaft als Mann auferlegten Rolle schlüpfen und funktionieren muss. Aber Du hast mir mit Deinem wunderbaren kreativen Beitrag heute morgen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert und mir ein wenig mehr Mut gemacht in diesem Leben zu verbleiben und nicht aufzugeben. Ich weiß aus mir spricht Schwermut, bitte verzeih. Es ist gerade so. Ich danke Dir für Deine Muße und Zeit die Du Dir für Deinen Beitrag genommen hast. Alles Liebe von Christiane
Helga
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 5 im Thema

Beitrag von Helga »

-Alexandra- hat geschrieben: Sa 9. Jan 2021, 02:24
Christiane67 hat geschrieben: Sa 9. Jan 2021, 09:19
Vielen Dank! Der eigentliche Dank gebührt aber euch, die ihr meine sparsamen Dialoge in reale, mutmachende Inszenierungen umgesetzt habt.
Liebe Grüße
Helga
Helga
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Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater, zweiter Akt

Post 6 im Thema

Beitrag von Helga »

Sie steht mit einem Korb in der Hand vor einer großen Ablage mit Obst und Gemüse. Links von ihr stehen ein alter Mann und eine alte Frau. Die alte Frau ist ihr zugewandt, der alte Mann richtet seine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung.

Sie: „Ich bin eine Frau mit Penis!"

Alte Frau: „Du solltest dich was schämen!"

Sie: „Ich habe mich mein halbes Leben lang geschämt, bis ich irgendwann nicht mehr wusste weswegen eigentlich. Sag mir einen triftigen Grund, dann will ich mich gerne weiterschämen!"

Alte Frau: „Es gehört sich ganz einfach nicht!"

Sie: „Was gehört sich nicht?“

Alte Frau: „Ein Mann trägt keine Frauenkleider!“

Sie: „Ich sagte doch dass ich eine Frau bin. Ausserdem trägst du eine Hose, Schuhe mit flachen Absätzen, eine Kurzhaarfrisur und bist nicht geschminkt. Trotzdem möchtest du als Frau angesprochen werden. Wenn du dich wie ein Mann kleiden darfst, warum darf ein Mann sich dann nicht wie eine Frau kleiden?"

Alte Frau: (sichtlich um Fassung ringend) „Dein Benehmen ist obszön!“

Sie: „Dieses Wort ist ebenso altmodisch und inhaltslos wie deine gesamte Einstellung!“

Der alte Mann hat sich zwischenzeitlich zu ihr herumgedreht und mischt sich in die Zwiesprache ein.

Alter Mann: „Was fällt dir ein meine Frau zu beschimpfen?

Sie: „Entschuldige bitte, deine Frau ist angefangen! Sie fordert mich auf, dass ich mich schämen soll, kann mir aber nicht erklären warum.“

Alter Mann: (kommt in Rage) „Dann will ich es dir erklären! Ein Mann, der nicht weiß, wo sein Platz in der Gesellschaft ist und der nicht bereit ist seine Aufgaben in unserer Gemeinschaft zu erfüllen, hat in unserem Solidarsystem nichts verloren!"

Sie: „Das heißt ich kann meine Zahlungen an die Rentenversicherung, die dir einen finanziell abgesicherten Lebensabend bescheren, enstellen? Ich kann den Beitrag an die Krankenversicherung, die deine Prostata- OP bezahlt hat, für mich behalten? Und ich kann das Geld, das bisher an das Finanzamt ging, durch das die Politik in die Lage versetzt wird dir Annehmlichkeiten wie gepflasterte Straßen, gepflegte Parkanlagen und öffentliche Sicherheit zu bieten, für mich selbst ausgeben?"

Alter Mann (sichtlich erregt): „in meiner Kindheit wurde soetwas wie du in Konzentrationslager gebracht!"

Sie: „Willst du damit sagen, dass es richtig war soetwas wie mich und nebenbei noch Millionen von Juden, Zigeunern und Andersdenkenden in Konzentrationslager zu bringen?"

Alter Mann (nach einer Gedenkpause sichtlich verstört): „Du irritierst mich!"

Der Vorhang schließt sich, Ende des zweiten Aktes. Wir holen unsere Mäntel und gehen kurz an die frische Luft.
Michaela Smile
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 7 im Thema

Beitrag von Michaela Smile »

Hi Helga,
Kopftheater erster klasse! (ap) (ap) (ap) (ap)

nächster Akt bitte
Michaela
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bunt ist das dasein......und granatenstark!
Helga
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Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater dritter Akt

Post 8 im Thema

Beitrag von Helga »

Szenenwechsel. Sie steht mit dem Rücken zum Publikum vor einem Waschbecken, hinter dem sich ein großer Spiegel befindet. Links neben ihr befindet sich ein identisches Waschbecken mit Spiegel. Vor diesem steht die Nebenprotagonistin.

Sie: „Ich bin eine Frau mit Penis!"

Nebenprotagonistin: „Warum gehst du dann nicht auf die Herrentoilette?"

Sie: „Hast du gesehen wie klein die Spiegel dort sind?"

Nebenprotagonistin: „Kommst du hierher um zu spannen?"

Sie: „Was soll ich hier sehen? Alle Kabinen haben blickdichte Türen. Du wirst deine Notdurft doch nicht hier am Waschbecken erledigen. Auf der Herrentoilette ist die Wahrscheinlichkeit Einblicke in Bereiche zu erhalten, die ich eigentlich lieber nicht sehen möchte, wesentlich größer!“

Nebenprotagonistin: „Willst du mich sexuell belästigen oder vergewaltigen?"

Sie: „Wenn ich das wollte würde ich mir einen Ort suchen wo nicht ständig jemand reinkommt. Wenn ich dich belästigen oder vergewaltigen wollte, würde ich mich vorher auch nicht aufwändig schminken. Das hat mich immerhin eine Stunde meiner kostbaren Zeit gekostet. Du würdest mir mit Sicherheit mein Make-up ruinieren!"

Nebenprotagonistin: „Ich traue dir nicht. Ich habe gelernt, dass Männer alles was sie tun, nur tun um Macht über mich auszuüben. Du bist in meinen Schutzraum eingedrungen, was willst du hier?"

In dem Moment wird Gepolter von der rechten Seite der Bühne hörbar. Ein Nebenprotagonist nähert sich. Gang, Mimik und Sprache deuten darauf hin, dass er stark alkoholisiert oder anderweitig berauscht ist. In der Optik entspricht er typischen Macho- Klischees. Wie dieses optisch umzusetzen ist, bleibt dem Publikum überlassen.

Nebenprotagonist: „Hey, Ihr Puppen! Wer hat Lust mir..." (In einer live inszenierten Vorstellung hätte der Schauspieler jetzt natürlich eine gemeinhin bekannte Macho- Standard- Floskel verwendet. Da wir nicht kontrollieren können, in welche Köpfe diese Vorstellung übertragen wird, mögen die Zuschauer*innen hier selbst passende Worte einsetzen.)

Sie wendet sich vom Spiegel ab und geht lächelnd auf den Nebenprotagonisten zu. Sie streckt ihre Arme aus. In einer blitzschnellen Bewegung hat sie ihm die Arme auf den Rücken gedreht und sein Gesicht krachend gegen die Wand geschlagen. Bei der Akustik hat das Orchester unmerklich mitgeholfen. Der Schauspieler hatte einen Beutel Theaterblut im Mund, welchen er aufgebissen hat und jetzt die Wand hinunterrinnen lässt. Außerdem spuckt er einige weiße Steinchen aus. Hier bieten sich mit dem Licht besondere Effekte an, um den Ekel der Szene zu untermalen.

Sie: „Nimm dies als Lektion: Selbst wenn ich jemals das Bedürfnis hätte jemandem...(wie vor) dann sicherlich nicht dir oder jemandem der sich so benimmt wie du!"

Sie entlässt den Nebenprotagonisten aus der Umklammerung, schubst ihn zum rechten Bühnenrand zurück, und tritt ihn noch einmal mit dem spitzen Absatz ihres Schuhs. Natürlich hatte der Schaupieler eine geeignete Schutzplatte in seiner Hose.

Sie geht zurück zum Spiegel, wäscht sich die Hände, ordnet ihre Frisur, zupft ihr Kleid zurecht. Dann dreht sie sich zur Nebenprotagonistin.

Sie: „Wenn du mich in deinen Schutzraum lässt, dann können wir uns gegenseitig schützen!"

Nebenprotagonistin: „Du irritierst mich!"

Der Vorhang schließt sich, Ende des dritten Aktes.

Jetzt folgt eine etwas längere Pause. Wer Lust hat holt sich einen kleinen Imbiss.
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 9 im Thema

Beitrag von Christiane67 »

Liebe Helga,
einfach Klasse - eine starke Frau - ich habe mich köstlich amüsiert.
So - mein Glas Sekt ist alle und einen zweiten vertrag ich nicht, Hans-Hubert nervt mit seinem pseudokulturellen Gesülze - wann ertönt denn endlich der Pausengong ?

Liebe Grüße
Ein Fan
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 10 im Thema

Beitrag von Helga »

Christiane67 hat geschrieben: So 10. Jan 2021, 19:38 So - mein Glas Sekt ist alle und einen zweiten vertrag ich nicht, Hans-Hubert nervt mit seinem pseudokulturellen Gesülze - wann ertönt denn endlich der Pausengong ?
Liebe Christiane,
im Feuilleton des letzten Freitag erschienenen "Donnerstag" gab es ein ausführliches Feature über eine Neuinterpretation von Tolstois "Krieg und Frieden" im dialektischen Spannungsfeld mit Engels "Lage der arbeitenden Klasse in England". Gib das Hans- Hubert zu lesen, dann hat er bis zum kommenden Freitag zu tun. Da die Macher des Kopftheaters unter der Woche in andere Aufgaben eingebunden sind, muss ich euch leider bis zum kommenden Wochenende vertrösten.
Nachdem das Kopftheater Anklang gefunden hat, testen wir eine neue Variation, das "Fortsetzungs- Kopftheater".
Christiane67
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 11 im Thema

Beitrag von Christiane67 »

Liebe Helga,
Tolstoi vs. Engels :? - da hat Hans-Hubert aber 'ne ordentliche Nuss zu knacken...
Wie dem auch sei: Hans-Hubert ist langweilig, Du bist kreativ (ap) (ap) (ap) - ich gehe mit Dir, Herzblatt (he) .
Sei schön fleißig und am WE lechze ich dann im langen Schwarzen und Fönwelle dem 4. Akt.
Hans-Hubert schick ich zum (Eis-)Angeln, zusammen mit Tolstoi und Engels (die armen Fische :| )
Viele liebe Grüße aus Köln
Christiane
ExuseIn-2021-01-31
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 12 im Thema

Beitrag von ExuseIn-2021-01-31 »

Einfach nur herrlich! (ap)

LG Kathy
Blossom
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 13 im Thema

Beitrag von Blossom »

Großartig, Helga!

Liebe Grüße vom
Blümchen (na)
»Jeder hat in seinem Leben Menschen um sich, die schwul, lesbisch, transgender oder bisexuell sind.
Sie wollen es vielleicht nicht zugeben, aber ich garantiere, sie kennen jemanden.«
Billie Jean King (*1943)
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 14 im Thema

Beitrag von scheue_Sarah »

Helga, ein riesen Lob!

Dein Kopfkino gibt zu denken und liefert zugleich tolle Antworten, wenn frau welche braucht (ap)
Von "das war immer schon so" bis hin zu "was werden die Nachbarn sagen" (auch Protagonisten?) zeigt es den Scheuklappenblick unserer Umgebung...

Es gibt tausende dieser Szenen (nein, Du brauchst nicht alle zu erzählen) und Du bringst sie auf den Punkt!

Weiter so
Sarah
"Don't dream it, be it!"
aus der Rocky Horror Picture Show

"Es braucht einen echten Mann, um sich mit seiner weiblichen Seite wohlzufühlen..."
Backstreet Boy AJ McLean aus Solidarität zu Harry Styles' Foto im Kleid auf der Vogue
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Re: Eine Frau mit Penis- ein Kopftheater in mehreren Akten

Post 15 im Thema

Beitrag von Helga »

Guten Abend meine Lieben,
eine längere Pause neigt sich dem Ende zu. Ich hoffe ihr konntet euch ein wenig erfrischen und hattet gute Gespräche.
Nehmt jetzt bitte wieder eure Plätze ein und achte bitte jemand darauf dass Hans- Hubert nicht so mit der Zeitung raschelt.
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