Ein Interview
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Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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nicole.f
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Ein Interview

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Beitrag von nicole.f »

Ein Interview

Ein Interview, dass wir so nicht lesen werden, dass man aber wohl so führen könnnte? Und was bedeutet das vielleicht für uns?

Beschreiben Sie sich und Ihre Tätigkeit kurz.

Ich begleite als Therapeut seit vielen Jahren Menschen vor, während und nach dieser weitreichenden Entscheidung.

Was meinen Sie mit "weitreichend"?

Nun, eine solche Entscheidung verändert viel im Leben eines Menschen, angefangen von der eigenen Lebensplanung, Nachkommenschaft, das soziale nähere und weitere Umfeld bishin zum Berufsleben. Durch diese Entscheidung verändert sich Vieles, zum Guten und auch zum Schlechteren. Für die meisten ist es eine sehr positive Entscheidung, die wohl größte, beste und wichtigste in ihrem Leben, aber nicht für alle. Diese Entscheidung sollte also wohl überdacht sein. Hier kann ich als Psychotherapeut als eine Art Coach begleiten und bei auftretenden Prolemen therapeutisch unterstützen.

Können Sie uns etwas mehr über die möglichen Folgen erzählen?

Für alle beginnt damit ein neuer Lebensabschnitt. Das Zusammenleben verändert sich, die Wahrnehmung durch das Umfeld, soziale Kontakte, bis ins Berufsleben. Mit solchen Veränderungen kommen nicht alle Menschen gleich gut klar. Und dann sind da natürlich auch die persönlichen Veränderungen, eine geänderte Selbstwahrnehmung und ein neues eigenes Rollenverständnis. Auch die Sexualität kann sich dadurch stark verändern sowie die damit verknüpften Erwartungen.

Sie haben viele Bereich angesprochen, lassen Sie uns auf einige besonders eingehen. Wie kann ich dies denn im Berufsleben auswirken?

Mit der Entscheidung verändert sich die gesellschaftliche und soziale Rolle und damit auch die Wahrnehmung der Person durch Kollegen und Führungspersonen, was in der Folge zu einer veränderten Arbeitsathmosphäre führen kann. Berufstätige verbringen den meisten Teil ihrer Zeit am Arbeitsplatz, womit dem Arbeitsplatz eine große Bedeutung zukommt. Auch kleine Störungen können dann zu erheblichen persönlichen Problemen werden.

Mit dieser Veränderung gehen auch viele neue Verpflichtungen einher, die, gerade in der Anfangszeit, viel Zeit erfordern. Dies kann einen negtiven Einfluss auf die berufliche Leistungsfähigkeit haben, was zu Konflikten am Arbeitsplatz führen kann. Einige, vor allem weibliche Klienten, stecken daraufhin am Arbeitsplatz zurück oder geben diesen zumindest vorübergehend ganz auf. Im späteren Verlauf haben viele dann Schwierigkeiten wieder zurück in den Beruf zu finden und wenn, dann meist zu schlechteren Bedingungen als zuvor - was auch wieder im Besonderen weibliche Menschen betrifft.

Wollen Sie damit sagen, dass vor allem Frauen dadurch einen beruflichen Nachteil erleiden?

Dies betrifft natürlich nicht alle, doch überwiegend ist das wohl so, ja.

Sie sprachen auch Veränderungen im sozialen Umfeld an?

Richtig. Die Wahrnehmung der Person durch unser Umfeld verändert sich und damit kann es zu unauflösbaren Konflikten im engeren und weiteren persönlichen Umfeld kommen. Freunde können sich auf einmal abwenden, weil sie mit dieser neuen Situation nicht zurecht kommen, Kontakte können abnehmen und die Konflikte können bis in den engsten Familienkreis gehen. Nicht immer wird diese Entscheidung von allen Familienmitgliedern gleich gut aufgenommen, oft genug auch ganz abgelehnt. In der Folge kommt es immer wieder dazu, dass Menschen sich im Anschluss von ihren Familien entfremden oder sogar verstoßen werden. Wenn sich die eigene Familie von einem wegen dieser Entscheidung abwendet, dann ist das wirklich hart.

Nachkommenschaft, also Kinder, ist eine ganz wesentliche Frage.

Die Frage ob, wie und mit wem ein Mensch leibliche oder nicht leibliche Nachkommen haben möchte, ist wohl eine der größten Fragen der menschlichen Existenz. Mit Nachkommen geht man eine potentiell lebenslange Verpflichtung und Verantwortung ein. Einmal in die Welt gesetzt, ist diese nicht mehr zurückzunehmen. Entsprechend sehr wohl überlegt sollte also jede Entscheidung sein, die dies beeinflussen könnte - und die Entscheidung über die wir hier sprechen gehört sehr eindeutig zu diesem Entscheidungsraum. Durch diese Entscheidung werden ganz maßgeblich die Rahmenbeindungen gesteckt, die Möglichkeiten festgelegt, unter welchen Nachkommenschaft im Anschluss möglich ist. Eine solch weitreichende Entscheidung muss daher auf jeden Fall sehr gut abgewägt und von möglichen weiteren Faktoren getrennt werden.

Nicht alle Menschen sind gleichermaßen urteilsfähig. Bei der Tragweite dieser Entscheidung ist es daher folgerichtig angezeigt, durch unabhängige Dritte Unterstützung einzuholen, um gemeinsam die Entscheidung zu hinterfragen, Vor- und Nachteile abzuwägen, gemeinsam die Folgen und anstehenden Veränderungen zu besprechen und zu hinterfagen, ob die Person sich der Tragweite auch völlig bewusst ist und mit den Folgen umzugehen vermag. Wir haben hier auch eine Schutzfunktion, Personen vor möglicherweise falschen Entscheidungen und deren Folgen zu bewahren.

Dies ist doch eine zutiefst persönliche Entscheidung, wie kann soetwas falsch sein?

Der Mensch ist ein soziales Wesen, wir leben in Gemeinschaften. Gemeinschaften haben einen wesentlichen Einfluss auf uns, unsere Selbstwahrnehmung und unser Handeln. Veränderungen in der Gemeinschaft bewirken auch Veränderungen in uns und umgekehrt. Wir beobachten immer wieder Effekte, die man wohl mit einer Art "sozialen Ansteckung" beschreiben könnte, d.h. wenn Personen des näheren Umfelds eine solche Entscheidung treffen, scheint es den Druck auf andere zu erhöhen, die gleiche oder eine ähnliche Entscheidung zu treffen. In diesem Moment muss man sich dann schon fragen, ist es wirklich eine persönliche Entscheidung oder eine von außen beeinflusste Entscheidung? Im Rahmen einer therapeutischen Begleitung kann dies hinterfragt werden und auch Gegenmodelle im Rahmen des Coachings vorgestellt werden, die ein Leben ohne diese Entscheidung als Option aufzeigen.

Wie sicher kann man sich denn sein?

Eine absolute Sicherheit gibt es natürlich nicht. Doch eine falsche Entscheidung dieser Größenordnung kann ein Menschenleben und vielleicht auch noch weitere in dessen Umfeld sehr nachhaltig negativ beeinflussen oder gar zerstören. Gewalterfahrungen nach dieser Entscheidung, ob richtig oder nicht, sind leider keine Seltenheit und betreffen auch hier vor allem wieder die Frauen. Suizidalität ingfolge dieser Entscheidung ist auch keine Seltenheit. Für eine signifkante Zahl an Menschen ist auch die Rückabwicklung, soweit es dann noch möglich ist, eine Lösung, doch meist bleiben lebenslang Spuren zurück, mit denen man dann auch zurechtkommen können muss. Eine ultimative Sicherheit gibt es wohl nicht, trotz therapeutisher Unterstützung vor, während und nach der Entscheidung.

Sollte also eine therapeutische Begutachtunng und Begleitung bei diesen Entscheidungen verpflichtend sein?

Diese Entscheidung gehört wohl zu den privatesten und intimsten die wir kennen. Auch wenn sie weitreichende Folgen hat, so können wir nicht ernsthaft Menschen dazu verpflichten. Wir möchten, wie es die allgemeine Deklaration der Menschenrechte auch formuliert, davon ausgehen, dass alle Menschen gleich an Vernunft begabt sind und eigenverantwortlich handeln. Wir alle treffen täglich Entscheidungen, die unser eigenes oder das Leben anderer mehr oder weniger stark beeinflussen. Manche Entscheidungen haben nur kurze Wirkung, andere können sehr lange oder lebenslang sein. Diese Entscheidungsfreiheit ist Teil des Grundrechts auf freie Entfaltung, ist von der Verfassung geschützt und darf daher nicht eingeschränkt werden.

Also nein, die Entscheidung für oder gegen eine Eheschließung darf ganz sicher nicht von einer psychologischen Begutachtung abhängig gemacht werden.
Ich bin trans* - und das ist gut so!
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