Der ganz normale tägliche Wahnsinn — Hairway to hell
Verfasst: So 27. Dez 2020, 08:05
Ein lautes Aufkreischen entfährt meinen Lippen, gefolgt von einer minutenlang anhaltenden schnappenden Atmung, indessen ich den Versuch meines ersten eigenständigen Haarefärbens betrachte. Wäre ich Regisseurin eines dystopischen Endzeitdramas, ich hätte diesem post-apokalyptischen Future-Punk, der sich in der silbrigen Spiegelfläche vor mir zeigt, ohne darüber auch nur eine Sekunde nachdenken zu müssen, die weibliche Hauptrolle der marodierenden Kriegerin gegeben. Das toppt alles, was Johannes in seiner Offenbarung zu Papier gebracht hat, durchzuckt es mich, derweil ich bereit bin, das Handtuch nicht nur auf den Boden hinter mich sondern gleich ganz zu werfen. Und das Tier wurde ermächtigt, mit seinem Maul anmaßende Worte und Lästerungen auszusprechen, und es wurde ihm Macht gegeben, dies zweiundvierzig Monate zu tun, erinnere ich mich an den Vers 13,5, ehe ich erneut meinen Mund öffne, um all die "ºschwarzköpfigen Jungfrauen von L'Oreal"¹ mit ihren Colorations-Schönheitsversprechen, samt ihren Mitarbeitern zu verfluchen.
Es gibt Dinge im Leben einer Frau, die können zur psychischen Belastung werden!, schießt es mir durch den Kopf, derweil ich überlege einen dezidierten Brief an unseren Gesundheitsminister Jens Spahn zu verfassen — der uns Bürgern ja empfohlen hat, sich die Haare während der Corona-Krise selbst zu schneiden und zu färben — verbunden mit dem Hinweis, dass in Fällen wie meinem Friseurbesuche doch künftig als Kassenleistung abgerechnet werden sollten — schließlich geht das bei Homöopathie und Konversionstherapie ja auch. Und natürlich auf einer ähnlichen wissenschaftlichen Grundlage, füge ich in Gedanken noch hinzu, derweil meine Augen panikgeweitet noch immer den Alb meiner schlaflosen Nächte anstarren: "ºHaarzilla"¹!
Sich selbst die Haare zu färben bringt so einige Vorteile mit sich, hatte ich noch vor diesem blauäugigen Haarfärbe-Experiment gedacht, zumal es einiges Geld spart. Zu keinem Zeitpunkt bin ich davon ausgegangen, dass es auch nach hinten losgehen könnte. Instinktiv frage ich mich, warum ich es nicht mit einer Professionellen versucht habe. Einer Friseuse, ergänze ich für mich und ringe mir ein gequältes Lächeln ab, ehe die Krallen der Panik wieder nach mir greifen. Schließlich ist eine Friseuse ja keine haarschneidende Prostituierte, und ich möchte diesem Berufsstand nichts unterstellen. Mit keuchendem Atem renne ich, es Franka Potente gleichtuend, Lola-mäßig zum Schrank mit den Medikamenten. Als bestens ausgebildete Intensivschwester weiß ich, dass jetzt nur noch eines hilft: V a l i u m !!
Besser gleich zwei! Nein! Drei!, entscheide ich, nachdem ich mir ein Glas Wasser eingeschenkt habe und das Tabletten-Röhrchen öffne. Meine Gedanken wandern zu Patrick Süßkinds Roman "ºDas Parfüm"¹. Die Haarfärbeaktion sollte mich zu einem betörenden Mirabellenmädchen machen. Waren Jean-Baptiste Grenouilles erstes und letztes Opfer rothaarig, so brauche ich mir keine Gedanken über dessen "ºmörderische Obsession"¹ zu machen. So wie ich gerade aussehe, dessen kann ich sicher sein, wird auch der abgebrühteste Killer den Hasenfuß geben. Ich nehme das Valium mit einigen Schlucken Wasser, ehe ich mich zum Spiegel im Flur wage.
Es soll möglicherweise schon Rothaarige bei den Neandertalern gegeben haben, kommt mir der Bericht eines Forscherteams aus Leipzig und Barcelona in den Kopf, den ich erst kürzlich gelesen habe. Bei Erbgutanalysen hatten die Wissenschaftler eine Mutation des MC1R-Gens entdeckt und darüber auf ein Prozent der damaligen Bevölkerung geschlossen. -»Neandertalerin trifft's nicht ganz-«, stöhne ich und mustere die "ºPumuckl-Mutantin"¹, die mir mit ihrem seltsam gelbstichigen strohigen Haar ungeniert entgegenstarrt und zuruft: -»Hurra, hurra, "¦ der Pumuckl ist da!-«
-»Halt' bloß die Schnauze!-«, fauche ich ermattet und genervt, nach dem erneutem Lüften meines Handtuchturbans. Am liebsten wäre ich lauthals kreischend in mein Bett gesprungen, hätte mir die Decke über den Kopf gezogen und die nächsten vier Wochen in embryonaler Schockstarre verbracht. Ich sehe aus wie eine dieser Frauen, die sich nach einer gescheiterten Beziehung neu erfinden will — und deshalb nicht ganz so durchdachte Entscheidungen trifft. Ich bin zu keiner Gefühlsregung mehr in der Lage. In diesem Augenblick fühle ich mich schwach wie eine Flasche leer, verfluche Giovanni Trapattonis Deutschkenntnisse, sinke auf die Knie und hauche mit sterbender Stimme: -»Ich habe fertig!-« Jetzt bleibt mir nur noch zu kamikazen, pocht es nach einer Weile wild an meine Hirnschale. Zu verlieren habe ich nichts mehr, denn so kann ich unmöglich vor die Tür. Raff' dich auf, Blümchen, und schreite frischverwegen zur Tat!
Das Valium beginnt zu wirken, derweil ich mich erhebe und nun federzart und gleichsam tiefenentspannt ein weiteres Mal ins Bad husche, das mich nach der Färbeaktion an eines aus Bates Motel erinnert, nachdem sich Norman einem Blutrausch hingegeben hat. Ungewollt fällt mein Blick in den Spiegel und drogentrunkend beginne ich zu kichern: -»Du doofe Curryphäe kriegst das hin!-« Ich krame nach einer neuen Färbepackung — glücklicherweise habe ich die Farbe im "º1€-Shop"¹ gleich im Dutzend eingekauft - und summe, garniert mit unflätigen Ausdrücken, "ºHairway to hell"¹ vor mich hin ...
Es gibt Dinge im Leben einer Frau, die können zur psychischen Belastung werden!, schießt es mir durch den Kopf, derweil ich überlege einen dezidierten Brief an unseren Gesundheitsminister Jens Spahn zu verfassen — der uns Bürgern ja empfohlen hat, sich die Haare während der Corona-Krise selbst zu schneiden und zu färben — verbunden mit dem Hinweis, dass in Fällen wie meinem Friseurbesuche doch künftig als Kassenleistung abgerechnet werden sollten — schließlich geht das bei Homöopathie und Konversionstherapie ja auch. Und natürlich auf einer ähnlichen wissenschaftlichen Grundlage, füge ich in Gedanken noch hinzu, derweil meine Augen panikgeweitet noch immer den Alb meiner schlaflosen Nächte anstarren: "ºHaarzilla"¹!
Sich selbst die Haare zu färben bringt so einige Vorteile mit sich, hatte ich noch vor diesem blauäugigen Haarfärbe-Experiment gedacht, zumal es einiges Geld spart. Zu keinem Zeitpunkt bin ich davon ausgegangen, dass es auch nach hinten losgehen könnte. Instinktiv frage ich mich, warum ich es nicht mit einer Professionellen versucht habe. Einer Friseuse, ergänze ich für mich und ringe mir ein gequältes Lächeln ab, ehe die Krallen der Panik wieder nach mir greifen. Schließlich ist eine Friseuse ja keine haarschneidende Prostituierte, und ich möchte diesem Berufsstand nichts unterstellen. Mit keuchendem Atem renne ich, es Franka Potente gleichtuend, Lola-mäßig zum Schrank mit den Medikamenten. Als bestens ausgebildete Intensivschwester weiß ich, dass jetzt nur noch eines hilft: V a l i u m !!
Besser gleich zwei! Nein! Drei!, entscheide ich, nachdem ich mir ein Glas Wasser eingeschenkt habe und das Tabletten-Röhrchen öffne. Meine Gedanken wandern zu Patrick Süßkinds Roman "ºDas Parfüm"¹. Die Haarfärbeaktion sollte mich zu einem betörenden Mirabellenmädchen machen. Waren Jean-Baptiste Grenouilles erstes und letztes Opfer rothaarig, so brauche ich mir keine Gedanken über dessen "ºmörderische Obsession"¹ zu machen. So wie ich gerade aussehe, dessen kann ich sicher sein, wird auch der abgebrühteste Killer den Hasenfuß geben. Ich nehme das Valium mit einigen Schlucken Wasser, ehe ich mich zum Spiegel im Flur wage.
Es soll möglicherweise schon Rothaarige bei den Neandertalern gegeben haben, kommt mir der Bericht eines Forscherteams aus Leipzig und Barcelona in den Kopf, den ich erst kürzlich gelesen habe. Bei Erbgutanalysen hatten die Wissenschaftler eine Mutation des MC1R-Gens entdeckt und darüber auf ein Prozent der damaligen Bevölkerung geschlossen. -»Neandertalerin trifft's nicht ganz-«, stöhne ich und mustere die "ºPumuckl-Mutantin"¹, die mir mit ihrem seltsam gelbstichigen strohigen Haar ungeniert entgegenstarrt und zuruft: -»Hurra, hurra, "¦ der Pumuckl ist da!-«
-»Halt' bloß die Schnauze!-«, fauche ich ermattet und genervt, nach dem erneutem Lüften meines Handtuchturbans. Am liebsten wäre ich lauthals kreischend in mein Bett gesprungen, hätte mir die Decke über den Kopf gezogen und die nächsten vier Wochen in embryonaler Schockstarre verbracht. Ich sehe aus wie eine dieser Frauen, die sich nach einer gescheiterten Beziehung neu erfinden will — und deshalb nicht ganz so durchdachte Entscheidungen trifft. Ich bin zu keiner Gefühlsregung mehr in der Lage. In diesem Augenblick fühle ich mich schwach wie eine Flasche leer, verfluche Giovanni Trapattonis Deutschkenntnisse, sinke auf die Knie und hauche mit sterbender Stimme: -»Ich habe fertig!-« Jetzt bleibt mir nur noch zu kamikazen, pocht es nach einer Weile wild an meine Hirnschale. Zu verlieren habe ich nichts mehr, denn so kann ich unmöglich vor die Tür. Raff' dich auf, Blümchen, und schreite frischverwegen zur Tat!
Das Valium beginnt zu wirken, derweil ich mich erhebe und nun federzart und gleichsam tiefenentspannt ein weiteres Mal ins Bad husche, das mich nach der Färbeaktion an eines aus Bates Motel erinnert, nachdem sich Norman einem Blutrausch hingegeben hat. Ungewollt fällt mein Blick in den Spiegel und drogentrunkend beginne ich zu kichern: -»Du doofe Curryphäe kriegst das hin!-« Ich krame nach einer neuen Färbepackung — glücklicherweise habe ich die Farbe im "º1€-Shop"¹ gleich im Dutzend eingekauft - und summe, garniert mit unflätigen Ausdrücken, "ºHairway to hell"¹ vor mich hin ...