Mal vorneweg: Ich war gestern sehr ärgerlich und auch etwas unfair in meinen Formulierungen und bitte das zu entschuldigen. In meinem Umfeld sehe ich hauptsächlich jene, die massiv Probleme haben, überhaupt vernünftige Therapeutys und andere Fachmenschen zu finden. Lange Wartezeiten, wehrige Kassen, häufig mangelnde Fachkenntnisse auf dem Stand der Zeit. Statt die Versorgung zu verbessern wird zunehmend eine anti-trans Propaganda gemacht, die auch jene instrumentalisiert, bei denen _auch_ der Versorgungsmangel zu Rückentscheidungen führt.
Es gibt, denke ich, von beidem was. Sowohl die Neles, die voller Überzeugung (woher auch immer) durch die Transition gehen, wo alle Therapeutys - Indikation, Begleitung, Gutachten, OP-Vorgespräche - ihnen ihre Ernsthaftigkeit abnehmen. Es gibt auch jene, die zusätzlich andere psychische Probleme haben, die nichts mit trans zu tun haben müssen - aber können. Es gibt aber kein Instrument zur Feststellung, was genau im Einzelfall gegeben ist. Wann verlängert eine "Bremse" nur das Leid, wann wäre mehr Reflektion geboten?
Gerade Nele ist aber ein Beispiel für eine ganz andere Fragestellung. Ihr eigentliches Problem war eine bestimmte negative Körperwahrnehmung, aber die einzig Lösung, die sie finden konnte - Medien, Internet, wohl auch Therapeutys - war eine Transition. "Du möchtest deine feminine Erscheinung los werden / ändern, okay, dann musst du komplett als Mann leben". Das ist eine völlig willkürliche und unnötige Verknüpfung.
Bei dir klingt es auch so, als ob eine körperliche Veränderung und_oder eine neue Zuordnung im Genderverse - ich betrachte das als wirklich getrennte Dinge - ein vollkommen andere Sache wäre, als andere Entscheidungen, die den Lebensweg nachhaltig prägen. Warum denkst du so? Warum ist das so viel höher, als eine Entscheidung für eine Lebenspartnerschaft, für Kinder oder eine Investition, die über die nächsten 30 Jahre das eigene materielle Befinden beeinflussen wird? Übrigens hab ich in der angeheirateten Verwandtschaft mehrere Fälle von Ehe, Haus, Kinder, um dem vorgegebenen Rollenbild zu entsprechen. Sowohl in der 30+ Generation, als auch bei deren Eltern. Und bei den Eltern sind die Trennungen und psychischen Leiden am von anderen erwarteten Lebensweg schon angekommen. Wo ist da der Unterschied, ob ein Mensch lieber Künstly werden oder ohne Brüste leben möchte, wenn es zur gleichen Kollision mit der Umgebung führt?
Warum wird eine freiwillige Mastektomie oder eine Hormonumstellung so viel drastischer wahrgenommen als ins Kloster zu gehen oder sich einer anderen - oder gar keiner - Religion anzuschliessen? Das wäre vor einigen Generationen hierzulande noch undenkbar gewesen. In einigen Ländern ist es das heute noch.
Ich möchte auf ein paar Punkte aufmerksam machen, die mir zu wenig beachtet, bzw überhaupt nicht gedacht zu werden scheinen.
Erstens wird mE körperliches Wohlbefinden und der Wunsch nach Modifikationen unzulässig stark mit Gender verknüpft. Körper- und Genderdysphorie können aber einzeln und getrennt auftreten - und haben nicht zwingend ein anderes, behandelbares Problem als Ursache. Eine Frau, die freiwillig ohne Brüste leben will, ein Mann, der freiwillig ohne Hoden und_oder Penis leben will, sind aber systemisch "undenkbar". Dazu mal ein Ausschnitt aus einem Text, den ich heute morgen gelesen habe (Fetlife):
During the scheduling process and the day of breast cancer surgery #1, a lumpectomy of the tumor and removal of a lymph node, they asked me well over a hundred questions. I had discussed my gender presentation as well as my relationship with my breasts as a butch dyke with my surgeon in detail. I remember one talk about mastectomy with reconstruction and I stopped her and said "I"™m a butch dyke. My relationship with my breasts has always been finding what I need to wear to make them disappear under my shirt. If you take stuff out, you are NOT putting any back in!"
O-Ton einer cis butch Lesbe.
Zweitens wird die doppelt binäre Trennwand (cis/trans + m/w) durch das trans Prozedere selbst eher höher gezogen, als abgebaut. Freigabe für medizinische Massnahmen ohne Gender- oder Körperdysphorie sind praktisch nicht machbar. Keine Endos, keine Chirurgys lassen sich darauf ein, nicht einmal mit einer Bestätigung, dass du nach allen bekannten Instrumenten weisst, was du da willst und die Konsequenzen akzeptierst. D.h. Nele hatte nur die Wahl, entweder Dysphorie "wegtherapieren"
good luck with that, oder aber die Diagnose "trans" akzeptieren, und zwar binär, weil im psycho-medizinischen System nichts anderes vorkommt. Keine Ahnung, was für sie das beste ist, aber ich vermute mal, keine von beiden Alternativen.
Drittens, ja, Hormone sind keine Smarties. Aber sie verursachen auch keine Schäden wie zum Beispiel Nikotin, Alkohol oder ein ungeschicktes Überholmanöver. Die tatsächlichen medizinischen Risiken sind vergleichsweise gering. Du hast mehrere Jahre Zeit, das zu überlegen und wenn es sich als falsche Entscheidung herausstellt, musst du eben in Zukunft je nachdem weitere Shirts oder nen Rasierer kaufen - und ja, Nachwuchs gibt's ggf nicht mehr. Aber du bist danach nicht weniger lebensfähig. Auch nicht bei einer Mastek, Orchi, Hysterektomie.
Life happens.
Mal konstruktiv gedacht, und da treffen wir uns vermutlich: Ich möchte mehr Aufklärung und Beratung. Mehr peer und bessere Fachleute. Ich möchte ein System beseitigen, das mittels hoher Einstiegshürden erst erheblichen Druck im Kessel erzeugt und nur durch unnötig überhöhte Entscheidungen Möglichkeiten eröffnet. Ich möchte, dass Menschen Dinge probieren können, das geht nämlich, offen darüber reden, sich umentscheiden, frühere Entscheidungen darstellen, ohne von anderen niedergemacht oder instrumentalisiert zu werden. Ich möchte, dass Leben als veränderlich, stufenlos anpassbar gesehen wird und ein sich nicht
once and for all auf eine von zwei Möglichkeiten festlegen muss.
Dann hätte Nele vielleicht gar nichts gemacht oder wäre einfach eine lesbische Frau ohne Brüste oder hätte ganz anders über ihren Körper nachgedacht. Aber wer in einer Welt lebt, in der die Leute nur Hammer kennen, lernt eben Probleme auch nur als Nägel zu betrachten.
(verdammt ist das wieder lang geworden...)