MEDIZIN: Übersichtsarbeit „ Geschlechtsangleichende Hormontherapie bei Geschlechtsinkongruenz
Verfasst: Di 10. Nov 2020, 20:22
Aktueller Übersichtsartikel aus dem DÄ zu diesem Thema:
https://www.aerzteblatt.de/treffer?mode ... 99&s=TransDtsch Arztebl Int 2020; 117: 725-32; DOI: 10.3238/arztebl.2020.0725
Hintergrund:
Zur Prävalenz der Geschlechtsinkongruenz (Transidentität) in Deutschland liegen keine Daten vor. Auf Basis von Schätzungen aus den Niederlanden könnten in Deutschland etwa 15 000 bis 25 000 Menschen betroffen sein. Der Leidensdruck und der Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung sind oft groß.
Methode:
Es erfolgte eine selektive Literaturrecherche in PubMed mit den Suchbegriffen "transsexualism", "transgender", "gender incongruence", "gender identity disorder", "gender affirming hormone therapy", "gender dysphoria".
Ergebnisse:
Wegen der teilweise irreversiblen Konsequenzen sollte die Therapie nur nach sorgfältiger individueller Abwägung im Konsens mit dem behandelnden Psychiater/Psychotherapeuten und nach ausführlicher Aufklärung durch einen erfahrenen Endokrinologen eingeleitet werden. Vor Therapiebeginn muss ein umfangreiches Screening auf Risikofaktoren erfolgen. Zu den Kontraindikationen zählen (vor allem unbehandelt) schwere thrombembolische Vorerkrankungen, hormonsensible Tumoren und unkontrollierte chronische Vorerkrankungen, wie etwa arterielle Hypertonie und Epilepsie. Individuelle Lösungen zu finden, steht auch bei Vorliegen von Kontraindikationen im Vordergrund. Die Behandlung Mann-zu-Frau erfolgt mit 17ß-Estradiol oder 17ß-Estradiolvalerat in Kombination mit Cyproteronacetat oder Spironolacton als Antiandrogen, bei Frau-zu-Mann mit transdermalen oder intramuskulären Testosteronpräparaten. Klinische und laborchemische Verlaufskontrollen der Therapie sind ebenso wie gynäkologische oder urologische Früherkennungsuntersuchungen dauerhaft notwendig. Ein Anstieg der Lebensqualität wurde in prospektiven Studien und einer Metaanalyse (bei geringer Datenqualität) berichtet. Für Frau-zu-Mann geschlechtsinkongruente Menschen ist es mitunter problematisch, als Patient in einer gynäkologischen Praxis aufgenommen zu werden.
Schlussfolgerung:
Weitere prospektive Studien zur Quantifizierung der Risiken sowie zu positiven Effekten der Hormontherapie sind wünschenswert. Wechselwirkungen der Hormonpräparate mit anderen Medikamenten müssen bedacht werden.