an(ge)kommen ...
Verfasst: Sa 29. Aug 2020, 16:38
Hallo,
ich bin jetzt vier Wochen Post-OP, wie man so schön sagt und seit Mittwoch wieder zu Hause. Es zwickt und zwackt und alles ist noch anstrengender als ich dachte. Dazu kommt eine große Enttäuschung und eine große Freude. Ein Herzensmensch hat sich mit meiner Rückreise von mir abgewendet, ein andere dafür eher unerwartet zugewendet. Gerade die Person, die mich in den letzten Monaten am intensivsten begleitet hatte (oder ich eher sie?) verweigert mir momentan Zuneigung und Freundschaftsdienste indem sie sich in völliges Schweigen zurückgezogen hat. Aber genau diese Person hatte mich gebeten, nach meiner Transition ein Buch über das Ankommen zu schreiben, quasi als Abschluss einer lyrischen Triologie über meinen Weg.
In dieser persönlichen Konstellation habe ich nun hier den Beitrag über Angst gelesen. Ich habe mehrfach versucht in dieses Thema einzusteigen, habe aber gemerkt, dass ich dazu keinen richtigen Bezug finden kann. Und das, obwohl mir doch einige Punkte aus meiner eigenen Geschichte wohl bekannt sind bzw. waren.
So kreisen seit einigen Stunden die Gedanken um diese Themen: Angst und Ankommen. Bei mir steht Angst für den Anfang meiner Transition und Ankommen für das Gefühl beim Aufwachen im Aufwachraum nach der OP. Ängste lähmten mich und versuchten mich in meiner alten Rolle und in meinem gefestigten sozialen System zu halten. Ich kam mir vor wie an Gummiseilen in einer Kugel zu sein. Kaum wollte ich in die eine Richtung aufbrechen, wurden die Ängste so groß, dass es mich immer wieder in die Mitte zog. Die Folge war Stillstand und damit verbunden Verzweiflung, Depression und sogar der Gedanke an einen Suizid, um aus dem System entfliehen zu können. Man könnte es auch gut mit Hoffnungslosigkeit beschreiben. Wer meine Geschichte etwas kennt, weiß, dass es letztlich mein Körper war, der mir sagte, es geht nicht so weiter. Ironischerweise war es ein Nervenzusammenbruch, der mich wachrüttelte und im Moment dieser absoluten Schwäche, die Kraft gab, den so undenkbaren Schritt in die "Freiheit" zu gehen und mich von meiner Familie zu trennen. Dass dies ganz andere Probleme und negativen Emotionen auslöste, brauch ich wohl niemanden zu erklären. Und trotzdem war es der entscheidende Moment mich endlich anzunehmen und zu mir zu stehen. Keine Veränderung ohne Schmerz, sagte mal mein Psychologe zu mir und so leid es mir tut, es scheint ein Naturgesetz zu sein.
In den Monaten nach der Trennung, ging es dann Schlag auf Schlag: Outing in Beruf und Gesellschaft, Hormonersatztherapie, Namens- und Personenstandsänderung, bis zu der angleichenden Genital-OP zwei Jahre später. Für mich ein gute und befreiende Zeit, nicht ohne Schmerz und Zweifel. Ein Weg der Persönlichkeitsentwicklung. Ich habe vor etwa einem Jahr erkannt, dass die Probleme der Transition die gleichen Grundmuster haben, wie alle anderen Probleme, die Menschen so haben können. Trans zu sein ist mit Nichten etwas besonderes, sondern nur eines von vielen Dingen, was Menschen "erfahren" können und dann leider oft als Last und Bürde mit sich schleppen und darauf herumkauen, wie auf einem alten, ausgelutschen Kaugummi, der immer bitterer wird, statt ihn einfach irgendwann auszuspucken. Vielleicht mache ich mich gerade nicht besonders beliebt mit dieser Meinung und dem Vergleich, unterschlägt er doch etwas die Schwierigkeiten, die definitiv für viele Trans*Personen existieren können. Angefangen bei der Akzeptanz in der Familie bis hin zu Mobbing und Diskriminierung am Arbeitsplatz oder generell in der Gesellschaft. Ich möchte das nicht klein reden oder verschweigen, aber "wir" sind da eben nicht die einzigen, denen es so ergehen kann. Vielleicht passt hier der Spruch: "Jeder ist seines Glückes Schmied, aber nicht jeder Schmied hat Glück"
Kernpunkte meines Prozesses waren Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Insofern stimme ich den Erfahrungen anderer hier zu, dass wir mit unserer persönlichen Einstellung vieles bewegen können und mit einer reduzierten Erwartungshaltung an andere deutlich besser fahren und weniger oft in Konflikte geraten. Absichtslosigkeit ist hier ein wichtiger Begriff, der nicht meint, keine Absicht zu haben, sondern für die Dinge die man tut, keine Gegenleistung einzufordern. Naja, zumindest sich bewusst sein, dass man das Verhalten und Denken anderer nicht bestimmen kann. Ich finde daher auch immer wieder diese Begrifflichkeit "missgendern" grenzwertig. Meist werde ich nicht (absichtlich) missgeadert, sondern fühle mich missgeadert, weil ich eine Erwartungshaltung habe, die in dem Moment nicht erfüllt wird. "Selbsterfüllende Prophezeiung" fällt mir dazu ein und: "Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus".
Ein langes Ausschweifen und Darstellen meiner persönlichen Meinung, entschuldigt. Ich denke aber es ist notwendig gewesen, um mein heutiges Erlebnis zu schildern ... Es geht nämlich auch um das Thema bei sich "ankommen" und natürlich "Angst"
Da ich angeschlagen bin, und es mir noch immer nicht gut geht, bin ich heute im bequemen sportlichen Dress zur Apotheke gegangen. Wie man sieht, erfüllt das nur wenig die klischeehaften Vorstellungen von Männern, wie ein Frau auszusehen hat. Mein Besuch war notwendig, weil ich fälschlicher Weise eine Intimdusche Station einer Vaginaldusche gekauft hatte. Der freundliche Apotheker kannte den Unterschied selbst auch nicht und so habe ich es ihm dann erklärt. Da viel dann der Satz: "Naja, woher sollen wir auch wissen, was unsere Frauen da brauchen" und er lächelte mich dabei an. Ich lächelte innerlich zurück und erwiderte: "Ich bin die Frau, die das braucht". Im folgenden entwickelte isch ein etwa 20 minütiges Gespräch rund um das Thema Trans, Akzeptanz und die OP-Methoden. Alles völlig locker, offen und interessiert. Nach dem Gespräch wusste ich, dass ich angekommen bin. Ich muss nicht mehr um Räume kämpfen ... ich fülle sie einfach aus ... ich bin einfach da und gehe natürlich mit mir und den anderen um. Es gibt nichts mehr zu beweisen ... ich bin einfach eine Frau. Und tatsächlich muss ich mir eingestehen, dass die OP doch viel wichtiger für mich selbst war, als ich es mir die ganze Zeit eingestehen wollte.
Natürlich werde auch ich immer wieder in Konflikte geraten und mich über geglotze der Menschen ärgern ... aber als Frau, nicht als TransFrau, so scheint es mir momentan. Vielleicht ist das mein Ankommen und das Resultat, wenn man seine Ängste ablegen kann. Namasté.
Vielleicht hilft diese kleine Geschichte, vielleicht löst sie auch nur Kontroverse und Achselzucken aus, aber unter dieser Überschrift würde ich gerne meine Erfahrungen und Gefühle nach der angleichenden OP mit Euch teilen.
Alles Liebe
Vanessa
ich bin jetzt vier Wochen Post-OP, wie man so schön sagt und seit Mittwoch wieder zu Hause. Es zwickt und zwackt und alles ist noch anstrengender als ich dachte. Dazu kommt eine große Enttäuschung und eine große Freude. Ein Herzensmensch hat sich mit meiner Rückreise von mir abgewendet, ein andere dafür eher unerwartet zugewendet. Gerade die Person, die mich in den letzten Monaten am intensivsten begleitet hatte (oder ich eher sie?) verweigert mir momentan Zuneigung und Freundschaftsdienste indem sie sich in völliges Schweigen zurückgezogen hat. Aber genau diese Person hatte mich gebeten, nach meiner Transition ein Buch über das Ankommen zu schreiben, quasi als Abschluss einer lyrischen Triologie über meinen Weg.
In dieser persönlichen Konstellation habe ich nun hier den Beitrag über Angst gelesen. Ich habe mehrfach versucht in dieses Thema einzusteigen, habe aber gemerkt, dass ich dazu keinen richtigen Bezug finden kann. Und das, obwohl mir doch einige Punkte aus meiner eigenen Geschichte wohl bekannt sind bzw. waren.
So kreisen seit einigen Stunden die Gedanken um diese Themen: Angst und Ankommen. Bei mir steht Angst für den Anfang meiner Transition und Ankommen für das Gefühl beim Aufwachen im Aufwachraum nach der OP. Ängste lähmten mich und versuchten mich in meiner alten Rolle und in meinem gefestigten sozialen System zu halten. Ich kam mir vor wie an Gummiseilen in einer Kugel zu sein. Kaum wollte ich in die eine Richtung aufbrechen, wurden die Ängste so groß, dass es mich immer wieder in die Mitte zog. Die Folge war Stillstand und damit verbunden Verzweiflung, Depression und sogar der Gedanke an einen Suizid, um aus dem System entfliehen zu können. Man könnte es auch gut mit Hoffnungslosigkeit beschreiben. Wer meine Geschichte etwas kennt, weiß, dass es letztlich mein Körper war, der mir sagte, es geht nicht so weiter. Ironischerweise war es ein Nervenzusammenbruch, der mich wachrüttelte und im Moment dieser absoluten Schwäche, die Kraft gab, den so undenkbaren Schritt in die "Freiheit" zu gehen und mich von meiner Familie zu trennen. Dass dies ganz andere Probleme und negativen Emotionen auslöste, brauch ich wohl niemanden zu erklären. Und trotzdem war es der entscheidende Moment mich endlich anzunehmen und zu mir zu stehen. Keine Veränderung ohne Schmerz, sagte mal mein Psychologe zu mir und so leid es mir tut, es scheint ein Naturgesetz zu sein.
In den Monaten nach der Trennung, ging es dann Schlag auf Schlag: Outing in Beruf und Gesellschaft, Hormonersatztherapie, Namens- und Personenstandsänderung, bis zu der angleichenden Genital-OP zwei Jahre später. Für mich ein gute und befreiende Zeit, nicht ohne Schmerz und Zweifel. Ein Weg der Persönlichkeitsentwicklung. Ich habe vor etwa einem Jahr erkannt, dass die Probleme der Transition die gleichen Grundmuster haben, wie alle anderen Probleme, die Menschen so haben können. Trans zu sein ist mit Nichten etwas besonderes, sondern nur eines von vielen Dingen, was Menschen "erfahren" können und dann leider oft als Last und Bürde mit sich schleppen und darauf herumkauen, wie auf einem alten, ausgelutschen Kaugummi, der immer bitterer wird, statt ihn einfach irgendwann auszuspucken. Vielleicht mache ich mich gerade nicht besonders beliebt mit dieser Meinung und dem Vergleich, unterschlägt er doch etwas die Schwierigkeiten, die definitiv für viele Trans*Personen existieren können. Angefangen bei der Akzeptanz in der Familie bis hin zu Mobbing und Diskriminierung am Arbeitsplatz oder generell in der Gesellschaft. Ich möchte das nicht klein reden oder verschweigen, aber "wir" sind da eben nicht die einzigen, denen es so ergehen kann. Vielleicht passt hier der Spruch: "Jeder ist seines Glückes Schmied, aber nicht jeder Schmied hat Glück"
Kernpunkte meines Prozesses waren Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Insofern stimme ich den Erfahrungen anderer hier zu, dass wir mit unserer persönlichen Einstellung vieles bewegen können und mit einer reduzierten Erwartungshaltung an andere deutlich besser fahren und weniger oft in Konflikte geraten. Absichtslosigkeit ist hier ein wichtiger Begriff, der nicht meint, keine Absicht zu haben, sondern für die Dinge die man tut, keine Gegenleistung einzufordern. Naja, zumindest sich bewusst sein, dass man das Verhalten und Denken anderer nicht bestimmen kann. Ich finde daher auch immer wieder diese Begrifflichkeit "missgendern" grenzwertig. Meist werde ich nicht (absichtlich) missgeadert, sondern fühle mich missgeadert, weil ich eine Erwartungshaltung habe, die in dem Moment nicht erfüllt wird. "Selbsterfüllende Prophezeiung" fällt mir dazu ein und: "Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus".
Ein langes Ausschweifen und Darstellen meiner persönlichen Meinung, entschuldigt. Ich denke aber es ist notwendig gewesen, um mein heutiges Erlebnis zu schildern ... Es geht nämlich auch um das Thema bei sich "ankommen" und natürlich "Angst"
Da ich angeschlagen bin, und es mir noch immer nicht gut geht, bin ich heute im bequemen sportlichen Dress zur Apotheke gegangen. Wie man sieht, erfüllt das nur wenig die klischeehaften Vorstellungen von Männern, wie ein Frau auszusehen hat. Mein Besuch war notwendig, weil ich fälschlicher Weise eine Intimdusche Station einer Vaginaldusche gekauft hatte. Der freundliche Apotheker kannte den Unterschied selbst auch nicht und so habe ich es ihm dann erklärt. Da viel dann der Satz: "Naja, woher sollen wir auch wissen, was unsere Frauen da brauchen" und er lächelte mich dabei an. Ich lächelte innerlich zurück und erwiderte: "Ich bin die Frau, die das braucht". Im folgenden entwickelte isch ein etwa 20 minütiges Gespräch rund um das Thema Trans, Akzeptanz und die OP-Methoden. Alles völlig locker, offen und interessiert. Nach dem Gespräch wusste ich, dass ich angekommen bin. Ich muss nicht mehr um Räume kämpfen ... ich fülle sie einfach aus ... ich bin einfach da und gehe natürlich mit mir und den anderen um. Es gibt nichts mehr zu beweisen ... ich bin einfach eine Frau. Und tatsächlich muss ich mir eingestehen, dass die OP doch viel wichtiger für mich selbst war, als ich es mir die ganze Zeit eingestehen wollte.
Natürlich werde auch ich immer wieder in Konflikte geraten und mich über geglotze der Menschen ärgern ... aber als Frau, nicht als TransFrau, so scheint es mir momentan. Vielleicht ist das mein Ankommen und das Resultat, wenn man seine Ängste ablegen kann. Namasté.
Vielleicht hilft diese kleine Geschichte, vielleicht löst sie auch nur Kontroverse und Achselzucken aus, aber unter dieser Überschrift würde ich gerne meine Erfahrungen und Gefühle nach der angleichenden OP mit Euch teilen.
Alles Liebe
Vanessa