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Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Mi 3. Jun 2020, 15:29
von Anne-Mette
Moin,

auf der Internetseite heißt es: Das alte Transsexuellengesetz soll durch ein modernes Selbstbestimmungsgesetz ersetzt werden, dessen Leitbild die persönliche Freiheit ist und nicht irgendwelche Ordnungsvorstellungen über die Geschlechter. Wir haben dazu einen Gesetzentwurf vorgelegt.

https://www.gruene-bundestag.de/themen/ ... -fuer-alle

Ich weiß zwar nicht, ob das "Vermengen unterschiedlicher Themen" (Transsexualität und Intersexualität) in diesem Zusamenhang gut ist; denn das hat nichts mit dem TSG zu tun...
Daher sind eine radikale Reform des Transsexuellenrechts und ein Verbot der genitalverändernden chirurgischen Eingriffe überfällig. Wir schlagen ein Selbstbestimmungsgesetz vor, dessen Leitbild die persönliche Freiheit und nicht irgendwelche Ordnungsvorstellungen über die Geschlechter ist.
Aber immerhin: es ist ein Vorschlag

Gruß
Anne-Mette

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Mi 3. Jun 2020, 20:07
von Marielle
Hallo Anne-Mette, Guten Abend zusammen,

viel mehr als ein Vorschlag wird daraus (leider) auch nicht werden können. Solange AnnaBert nicht Kanzler_in sind, besteht keine Aussicht/Gefahr, dass er zum Gesetz werden könnte. Die CDU/CSU-Fraktion stimmt aus Prinzip dagegen.

Der Umgang mit dem TSG ist nur ein Teilaspekt dieses Gesetzesvorschlags. Er ergäbe keine Reform des TSG, sondern dessen endgültige Aufhebung. Die notwendigen Regelungen würden in entsprechende Standardgesetze (PStG, SGB) ausgelagert bzw in einem für inter*-, trans*- und cis*-Menschen, d.h. für alle, gleichermassen gültigen Selbstbestimmungsgesetz festgeschrieben.

Im Erfordernis nach Selbstbestimmung sehe ich keinerlei Unterschied zwischen irgendwie vorsortierten Menschengruppen.

Einen Kritikpunkt habe ich aber auch.
"die vom Geschlecht abhängigen Rechte und Pflichten"
Das es diese furchtbare Formulierung auch 2020 noch in einen Gesetzentwurf der Grünen schafft, finde ich unglaublich.

Hab es gut

Marielle

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Mi 3. Jun 2020, 20:29
von Svetlana L
Marielle hat geschrieben: Mi 3. Jun 2020, 20:07 Einen Kritikpunkt habe ich aber auch.
"die vom Geschlecht abhängigen Rechte und Pflichten"
Das es diese furchtbare Formulierung auch 2020 noch in einen Gesetzentwurf der Grünen schafft, finde ich unglaublich.
Genau darüber bin ich beim ersten Überfliegen auch gestolpert, wollte es aber morgen erst nochmal in Ruhe lesen. Was die Grünen sich dabei wohl gedacht haben?

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Mi 3. Jun 2020, 22:44
von Michi
Svetlana L hat geschrieben: Mi 3. Jun 2020, 20:29 Was die Grünen sich dabei wohl gedacht haben?
Das Einzige, was mir spontan einfällt, das vom Geschlecht abhängig ist, das ist die Wehrpflicht. Die ist bisher nur halbherzig ausgesetzt, aber nicht abgeschafft.

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Mi 3. Jun 2020, 23:31
von Marielle
Namd Michi, Hallo zusammen,

sogar CDU/CSU-Leute geben hinter vorgehaltener Hand zu, dass niemand ernstlich versuchen würde, die Wehrpflicht nur für Jungs wieder zu reaktivieren. Schliesslich hat schon vor Jahren eine Frau vor dem BVerfG das 'Recht' auf den Dienst mit dem Schiesseisen erstritten (muss man nicht verstehen, ist aber so).

Es geht m.E. um andere Dinge, die mit der hergebrachten Verflechtung der Grünen mit Teilen der feministischen Bewegung zu tun haben. Viel eher als um die Wehrpflicht (von der die entsprechenden Damen qua Alter überwiegend ohnehin nicht mehr betroffen wären), geht es um Quotenregelungen und geschlechtsspezifische (Sonder-)Regelungen, wie z.B. die, dass in den allermeisten Bundesländern nur Frauen Gleichstellungsbeauftragte werden können (auch Diverse können das nicht werden).

Aufgrund der unbestreitbaren historischen Benachteiligungen von prinzipiell gebärfähigen Menschen, die tatsächlich an diese Eigenschaft gebunden waren, ist es ein schwieriges Thema. Aber ein so dummer und einfältiger Satz kann 2020 nicht die richtige Antwort sein.

Habt es gut

Marielle

PS: Ziemlich peinlich ist, dass es zu diesem Entwurf Abstimmungen mit LGBT-Verbänden gegeben hat, die offenbar nicht in der Lage waren, diesen Unfug zu verhindern.

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Do 4. Jun 2020, 08:02
von Ulrike-Marisa
Moin,

...wie leider so oft im Leben: gut gedacht, schlecht gemacht und aussichtslos in der derzeitigen politischen Landschaft in Deutschland.
Immerhin ist es ein Vorschlag, ob der den Wahlkampf nächstes Jahr noch beeinflussen wird??? - bleibt abzuwarten...

Grüße, Ulrike-Marisa

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Do 4. Jun 2020, 08:16
von Marlene K.
Kann mir jemand die Frage beantworten, ob die Interessenverbände von Trans- und/oder Intergeschlechtlichen Menschen am Entwurf beteiligt waren. Das würde mir bei der Beurteilung sehr helfen.

Kennt jemand einen besseren veröffentlichten Ansatz?

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Sa 6. Jun 2020, 09:22
von Marlene K.
Eine der möglichen Antworten habe ich auf Facebook gefunden:
http://emmaklum.de/offener-brief-an-sve ... oRs7usLw5I
...und wie folgt kommentiert:
Als ehemals schwuler Mann und jetzt heterosexuelle Frau, aber in jedem Falle queerer Mensch verwahre ich mich gegen eine solche ausschließende Aussage:
Auch Lesben- und Schwulen-Vereinigungen haben hierbei nichts beizusteuern.
Niemand legt fest, wer sich äußern darf. Aussagen können hinterfragt werden, nicht Menschengruppen.

Es tut mir leid, ich kann mich nicht in meine Facetten aufspalten!

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Sa 6. Jun 2020, 10:00
von Anne-Mette
Moin,
Ralf-Marlene hat geschrieben: Sa 6. Jun 2020, 09:22 Niemand legt fest, wer sich äußern darf. Aussagen können hinterfragt werden, nicht Menschengruppen.
Das ist sicherlich richtg.
Andererseits ist die Frage, ob es nicht in manchen Fällen in "Fremdbestimmung" mündet oder zumindest ein leichtes Gefühl entsteht, das in die Richtung geht.
Auch im LSVD (als Besipiel) sind meines Wissens mehr Männer an den entscheidenden Stellen vertreten.
Die Frage wäre für mich: "warum ist das so?"

Sicherlich erhalten oftmals Vereine und Einzelpersonen Mitsprache-, Informations- und Beratungsrechte, "weil sie die politischen Spielregeln beherrschen".
Das mag gerechtfertigt sein, weil sie sich über die Jahre einen großen Vorsprung erarbeitet haben, was Arbeitsmethoden und Umgang mit politischen Einrichtungen angeht.
Allerdings sind sie auch "fern der Basis".
Nun muss/kann einigen Gruppierungen (z.B. interrsexuellen Menschen / transsexuellen Menschen) vorgeworfen werden, dass sie als wahrnehmbare Gruppe zu wenig oder zu leise in Erscheinung treten und
dass sie sich von relativ starken Gruppen mit "eigentlich anderer Thematik" vertreten lassen, weil sie selbst kein Vertretungsgremium haben, das mit gleicher Stärke agiert.

Gruß
Anne-Mette

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Sa 6. Jun 2020, 10:18
von Marlene K.
Anne-Mette hat geschrieben: Sa 6. Jun 2020, 10:00 Moin,
Ralf-Marlene hat geschrieben: Sa 6. Jun 2020, 09:22 Niemand legt fest, wer sich äußern darf. Aussagen können hinterfragt werden, nicht Menschengruppen.

Nun muss/kann einigen Gruppierungen (z.B. interrsexuellen Menschen / transsexuellen Menschen) vorgeworfen werden, dass sie als wahrnehmbare Gruppe zu wenig oder zu leise in Erscheinung treten und
dass sie sich von relativ starken Gruppen mit "eigentlich anderer Thematik" vertreten lassen, weil sie selbst kein Vertretungsgremium haben, das mit gleicher Stärke agiert.

Gruß
Anne-Mette
Ich verstehe die Kritik. Ich weise darauf hin, dass es keine Entscheidung zwischen schwarz und weiß sein kann.

Ich weise außerdem darauf hin, dass hier nicht nur die Schwulen als nicht Mitspracheberechtigt sondern auch die Lesben, wenn ich mich richtig erinnere, Frauen, ausdrücklich angesprochen sind.

Es geht für mich auch nicht um einen Alleinvertretungsanspruch. Den sollte niemand haben. Es geht um Abwägung, Diskussion und Solidarität.

Ich setze mich an entsprechender Stelle, zum Beispiel beim Ausbooten von RuT durch die Schwulenberatung, gegen patriarchalisches Vorgehen durch eine Schwulenvertretung ein.

Ich finde aber für mich, es kann keine Lösung sein, wenn ich meine noch vorhandenen schwulen und männlichen Anteile verleugnen muss um "richtig" und "berechtigt zu Teilnahme und Meinung, zu soidarischem Handeln als aktiver und passiver Mensch" zu sein.

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Sa 6. Jun 2020, 10:32
von Marlene K.
Ich stelle noch mal die Frage: Welche Verbände sind zum Entwurf befragt worden.

War es nur der LSVD? Dann sind die Grünen, nun, sage ich es vorsichtig, eher ungeschickt bis dumm.
Haben die Grünen aber andere angefragt und diese nicht geantwortet, dann liegt das Problem bei denen, die nicht geantwortet haben.
Hat der LSVD diese Initiative angestoßen, ohne die Interessenverbände zu fragen liegt hier toxische Männlichkeit vor. Falls die Grünen dies so zugelassen haben sind sie mit verantwortlich.

Ich für mich stelle fest, ich als Mensch mit Facetten bin auf jeden Fall berechtigt zu einer Meinung mit allen meinen Anteilen. Sie sind keine Schwäche sondern eine Stärke, da ich verschieden Standpunkte, die nicht immer eindeutige Antworten geben, verbinden kann. ...und das lasse ich mir weder von einem gleichgeschlechtlich liebenden Menschen noch von einem Menschen, der sein äußeres Erscheinungsbild seinem Geschlecht angepasst hat absprechen.

Ich weiß, dass Du das nicht tust, liebe Anne-Mette. Meine deutliche Antwort bezieht sich auf die ganze Diskussion, jede Menge anderer Erfahrungen und dem Versuch, das Gefühl loszuwerden, nirgendwo so sein zu dürfen, wie ich bin. Dieser Raum, den Du uns anbietest ist einer, wo ich das Gefühl habe, so sein zu dürfen, wie ich bin. Dafür bin ich sehr dankbar.

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Sa 6. Jun 2020, 10:43
von ExuserIn-2020-10-20
Wenn ich mich recht erinnere entstand der Christoffer Street Day eigentlich dadurch, daß sich in erster Linie Dragqueens und Transsexuelle am 28 Juni 1969 gegen die Polizei-Willkür gewehrt haben. Die Schwulen und Lesben traten aber in den Vordergrund, und lassen uns jetzt blaß aussehen.

Es ist eigentlich auch egal, in solchen Fällen sollte man den sicheren Weg gehen, und über Standesdünkel hinwegsehen.
Will sagen: " Getrennt marschieren und gemeinschaftlich zuschlagen."

LG
Petra Sofie

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Sa 6. Jun 2020, 11:09
von Marlene K.
Petra Sofie hat geschrieben: Sa 6. Jun 2020, 10:43 Wenn ich mich recht erinnere entstand der Christoffer Street Day eigentlich dadurch, daß sich in erster Linie Dragqueens und Transsexuelle am 28 Juni 1969 gegen die Polizei-Willkür gewehrt haben. Die Schwulen und Lesben traten aber in den Vordergrund, und lassen uns jetzt blaß aussehen.

Es ist eigentlich auch egal, in solchen Fällen sollte man den sicheren Weg gehen, und über Standesdünkel hinwegsehen.
Will sagen: " Getrennt marschieren und gemeinschaftlich zuschlagen."

LG
Petra Sofie
Wenn ich die queere Geschichte ansehe, ist die Trennung queeren Lebens ungefähr in den sechziger Jahren so scharf geworden. Es gab auch vorher Brüche, aber man war durch stärkere Verfolgung zu mehr Solidarität gezwungen.
Ich würde gerne als Einheit, schwuler Mann und heterosexuelle Frau, mitmarschieren und zuschlagen dürfen. Ich kann nicht, je nach Anlass, einen Teil von mir zuhause lassen und will es auch nicht.

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Sa 6. Jun 2020, 11:32
von Anne-Mette
Moin,
Ralf-Marlene hat geschrieben: Sa 6. Jun 2020, 10:18 Ich verstehe die Kritik. Ich weise darauf hin, dass es keine Entscheidung zwischen schwarz und weiß sein kann.
das sollte keine Kritik an denen sein, die sich für "Betroffene" den A**** aufreißen, sondern ich habe mir (und euch) Fragen gestelllt.

Eine ganz grundsätzliche Frage, die ich mir stelle ist auch: warum haben transsexuelle/transidentische Menschen es bis heute nicht geschafft, selbst eine Organisation zu schaffen, die als ernstzunehmende Vertretungsorganisation auftritt?
Wir haben etliche Organisationen und Vereine, die den Anspruch erheben, aber teils untereinander "verfeindet" sind (Bundesverband, dgti, ATME, VTSM...) und jeweils unterschiedliche Ziele verfolgen.
Eine Vertretungslegitimation "für alle" wird untereinander abgelehnt.

Gruß
Anne-Mette

Re: Grüne Bundestagsfraktion: " Trans* und Inter* Selbstbestimmung für alle".

Verfasst: Sa 6. Jun 2020, 13:02
von Anke
Hallo,

ja, leider wird das erstmal nur ein Vorschlag bleiben. Mal sehen, wie es nach der nächsten Bundestagswahl aussieht.
Marielle hat geschrieben: Mi 3. Jun 2020, 20:07
Einen Kritikpunkt habe ich aber auch.
"die vom Geschlecht abhängigen Rechte und Pflichten"
Das es diese furchtbare Formulierung auch 2020 noch in einen Gesetzentwurf der Grünen schafft, finde ich unglaublich.
Das ist eine nervige Formulierung, allerdings befürchte ich, dass sie noch notwendig ist. Unser Rechtssystem ist durchzogen von der Unterscheidung zwischen Mann und Frau. Ein Beispiel ist das Thema Mutterschutz oder geschlechtsspezifische Vorsorguntersuchungen. Ich hoffe sehr, dass das irgendwann mal bereinigt wird, doch das dürfte eine ziemliche Sisyphusaufgabe sein. Dementsprechend ist diese Formulierung aus meiner Sicht der Rechtstechnik geschuldet.

Liebe Grüße

Anke