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Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Mo 4. Mai 2020, 13:46
von sbsr
Hallo allerseits,
in den letzten Wochen war viel Homeoffice und teilweise Kurzarbeit angesagt, da war es nahezu selbstverständlich, dass tagsüber, solange die Frau in der Arbeit ist, Rock oder Kleid auf der Tagesordnung stand. Nach beinahe drei Wochen ohne Einkauf gingen die Vorräte zur Neige, ein Großeinkauf bahnte sich an. Nun hatte ich mich so daran gewöhnt, dass ich nicht gewillt war, etwas anderes als einen Rock anzuziehen, und so ging der Einkauf in weiblicher Optik von statten (
CD-F berichtete).
Dabei kam es zu einer Situation, die einfach so zum schießen war, dass ich sie Euch nicht vorenthalten möchte.
Ich muss dazu sagen, ich bin ja grundsätzlich skeptisch bezüglich Passing, aber ich dachte mir, mit halb verdecktem Gesicht durch die derzeit vorgeschriebenen Masken wird es für den Supermarkt schon reichen. Und wenn nicht, dann hat halt jemand nachher was lustiges zu erzählen. So wie ich nun.
Ein älteres Paar, ich schätze beide um die 70, blockierte einen Gang, er hielt den Einkaufswagen, sie stand daneben und suchte etwas. Also blieb ich in etwas Abstand stehen und wartete geduldig, in Eile war ich ja nicht. Irgendwann bemerkte er mich wohl und sagte zu ihr etwas in der Art, dass jemand durch möchte. Daraufhin schaute sie hoch, mich an und wieder zurück zum Regal, und brummte sichtlich genervt in bestem Grantler Bairisch "na geh hoid vorbei, Wei(b)". Wie die Niederbayern für ihren liebevollen Umgang mit unbekannten Mitmenschen halt so bekannt sind
Ich musste mich beherrschen nicht lauthals los zu lachen, weil das kann auch nur mir passieren, zum ersten mal überhaupt in einer Alltagssituation mit mehr oder weniger direktem Kontakt von Außenstehenden quasi eine Bestätigung für's Passings zu erhalten, und dann in einer so herzerwärmenden Art und Weise. Was gibt es schöneres für eine möchtegern-Teilzeitfrau, als von einer 70-Jährigen im Supermarkt als Weib beschimpft zu werden

Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Mo 4. Mai 2020, 14:47
von triona
sbsr hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 13:46
... von einer 70-Jährigen ... als Weib beschimpft zu werden
"Weib" ist aber bei Menschen dieser Altersgruppe kein Schimpfwort. Das war früher in Süddeutschland (zumindest) das gängige Wort der Umgangssprache für "Frau". Zur Erinnerung: In der Bibel oder auch in älteren Volksliedern wird das Wort vorwiegend benutzt, ohne irgend einen negativen Beigeschmack oder Geringschätzung - wenn man einmal davon absieht, daß Weiblichkeit und Frauen allgemein in der Gesellschaft oft als minderwertig angesehen wurden.
Daß das immer mehr ein Schimpfwort wurde, kam erst viel später. Nach meiner Erinnerung begann das erst in den 1960-er-Jahren. Die allgemeine Geringschätzung von allem weiblichen und den Frauen dürfte diesen Bedeutungswandel sicher unterstützt haben.
Was du erlebt bzw gefühlt hast, dürfte sicher eindeutiger zum Ausdruck kommen, wenn man z.B. im Straßenverkehr als "Tussi" beschimpft wird. Steigerung möglich mit "blöde Tussi" oder gleich mit dem "V-Wort".
liebe grüße
triona
Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Mo 4. Mai 2020, 15:20
von lexes
sbsr hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 13:46
Hallo allerseits,
in den letzten Wochen war viel Homeoffice und teilweise Kurzarbeit angesagt, da war es nahezu selbstverständlich, dass tagsüber, solange die Frau in der Arbeit ist, Rock oder Kleid auf der Tagesordnung stand. Nach beinahe drei Wochen ohne Einkauf gingen die Vorräte zur Neige, ein Großeinkauf bahnte sich an. Nun hatte ich mich so daran gewöhnt, dass ich nicht gewillt war, etwas anderes als einen Rock anzuziehen, und so ging der Einkauf in weiblicher Optik von statten (
CD-F berichtete).
Dabei kam es zu einer Situation, die einfach so zum schießen war, dass ich sie Euch nicht vorenthalten möchte.
Ich muss dazu sagen, ich bin ja grundsätzlich skeptisch bezüglich Passing, aber ich dachte mir, mit halb verdecktem Gesicht durch die derzeit vorgeschriebenen Masken wird es für den Supermarkt schon reichen. Und wenn nicht, dann hat halt jemand nachher was lustiges zu erzählen. So wie ich nun.
Ein älteres Paar, ich schätze beide um die 70, blockierte einen Gang, er hielt den Einkaufswagen, sie stand daneben und suchte etwas. Also blieb ich in etwas Abstand stehen und wartete geduldig, in Eile war ich ja nicht. Irgendwann bemerkte er mich wohl und sagte zu ihr etwas in der Art, dass jemand durch möchte. Daraufhin schaute sie hoch, mich an und wieder zurück zum Regal, und brummte sichtlich genervt in bestem Grantler Bairisch "na geh hoid vorbei, Wei(b)". Wie die Niederbayern für ihren liebevollen Umgang mit unbekannten Mitmenschen halt so bekannt sind
Ich musste mich beherrschen nicht lauthals los zu lachen, weil das kann auch nur mir passieren, zum ersten mal überhaupt in einer Alltagssituation mit mehr oder weniger direktem Kontakt von Außenstehenden quasi eine Bestätigung für's Passings zu erhalten, und dann in einer so herzerwärmenden Art und Weise. Was gibt es schöneres für eine möchtegern-Teilzeitfrau, als von einer 70-Jährigen im Supermarkt als Weib beschimpft zu werden
Wie großartig ist das ...
aber ich hatte Dein Outfit ja schon ( ohne Maske ) gesehen ...
Da darf man als "Weib" gerne einkaufen gehen ... Passing-Test bestanden ..
Und der ältere Herr trauert noch immer der hübschen jungen Frau im roten Mantel nach und ärgert sich seit 40 Jahren mit der grimmigen Alten liiert zu sein.
Lexi
Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Mo 4. Mai 2020, 16:33
von Wally
lexes hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 15:20
Ein älteres Paar, ich schätze beide um die 70, blockierte einen Gang, er hielt den Einkaufswagen, sie stand daneben und suchte etwas. Also blieb ich in etwas Abstand stehen und wartete geduldig, in Eile war ich ja nicht. Irgendwann bemerkte er mich wohl und sagte zu ihr etwas in der Art, dass jemand durch möchte. Daraufhin schaute sie hoch, mich an und wieder zurück zum Regal, und brummte sichtlich genervt in bestem Grantler Bairisch "na geh hoid vorbei, Wei(b)". Wie die Niederbayern für ihren liebevollen Umgang mit unbekannten Mitmenschen halt so bekannt sind
Hallo Lexi,
Da hast Du nur die halbe, niederbayerische Geschlechterverwirrung abgekriegt. Es hätte Dir durchaus passieren können, dass die Frau anschließend - zu ihrem Mann hin - Dein Vorbeigehen noch fragend kommentiert hätte: "Hoda koa Zeit?" Im gschertesten Niederbayerisch referenziert man nämlich auch Frauen durchaus schon mal männlich - besonders dann, wenn man sie für irgend etwas tadelt. Das weibliche Geschlecht wird damit NICHT in Abrede gestellt
Herzliche Grüße
Wally
Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Mo 4. Mai 2020, 16:37
von Jasmine
Das Wort Wei(b) ist hier in der Oberpfalz eine gängige Bezeichnung. Beispiel: Is dei Wei scho dahoam. oder: Hod dei Wei scho d'Suppn gmocht?
Daher sehe ich das Wort eher nicht vergleichbar mit Tussi. Vielmehr ist es bei alteingesessenen der ortsübliche Begriff für Frau.
Ich möchte das Bayrische Wörterbuch zitieren: Wei, das Weib = 1. Frau 2. Gattin, Gemahlin (mei Wei = meine Gemahlin)
https://www.bayrisches-woerterbuch.de/wei-das-weib-das/
Liebe Grüße Jasmine
Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Mo 4. Mai 2020, 16:49
von triona
Siehste, also immer noch. Ich war ausgegangen von meiner Muttersprache (Schwäbisch). Da ist es heutzutage mittlerweile eher leicht aus der Mode gekommen. Wird aber immer noch verwendet (in der allgemenen und nicht negativ behafteten alten Art und Weise). Vor allem von älteren Leuten, wenn sie noch richtig Schwäbisch sprechen, und nicht dieses verwässerte neuzeitliche "Rundfunk- und Fernseh-Schwäbisch".
liebe grüße
triona
Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Mo 4. Mai 2020, 17:00
von Dolores59
Herzlichen Dank für diese lustige Anekdote!
LG
Dolores
Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Mo 4. Mai 2020, 17:05
von Olivia
Hallo sbsr,
unabhängig vom Wort "Weib" und dessen Bedeutung, die man bei der Geschichte auch nicht wird ergründen können, ist es doch schön, dass Du als Frau wahrgenommen wurdest - Glückwunsch!!
Liebe Grüße von Olivia
Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Mo 4. Mai 2020, 17:17
von lexes
Wally hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 16:33
lexes hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 15:20
Ein älteres Paar, ich schätze beide um die 70, blockierte einen Gang, er hielt den Einkaufswagen, sie stand daneben und suchte etwas. Also blieb ich in etwas Abstand stehen und wartete geduldig, in Eile war ich ja nicht. Irgendwann bemerkte er mich wohl und sagte zu ihr etwas in der Art, dass jemand durch möchte. Daraufhin schaute sie hoch, mich an und wieder zurück zum Regal, und brummte sichtlich genervt in bestem Grantler Bairisch "na geh hoid vorbei, Wei(b)". Wie die Niederbayern für ihren liebevollen Umgang mit unbekannten Mitmenschen halt so bekannt sind
Hallo Lexi,
Da hast Du nur die halbe, niederbayerische Geschlechterverwirrung abgekriegt. Es hätte Dir durchaus passieren können, dass die Frau anschließend - zu ihrem Mann hin - Dein Vorbeigehen noch fragend kommentiert hätte: "Hoda koa Zeit?" Im gschertesten Niederbayerisch referenziert man nämlich auch Frauen durchaus schon mal männlich - besonders dann, wenn man sie für irgend etwas tadelt. Das weibliche Geschlecht wird damit NICHT in Abrede gestellt
Herzliche Grüße
Wally
Das wusste ich auch nicht , Merci für die Info
Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Mo 4. Mai 2020, 19:50
von Theresa
Interessant und sehr irritierend wäre gewesen wenn du mit tiefer Brummstimme "Danke" gesagt hättest....

Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Di 5. Mai 2020, 08:02
von sbsr
triona hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 14:47
"Weib" ist aber bei Menschen dieser Altersgruppe kein Schimpfwort. Das war früher in Süddeutschland (zumindest) das gängige Wort der Umgangssprache für "Frau".
Jasmine hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 16:37
Das Wort Wei(b) ist hier in der Oberpfalz eine gängige Bezeichnung. Beispiel: Is dei Wei scho dahoam. oder: Hod dei Wei scho d'Suppn gmocht?
Da habt Ihr natürlich allesamt Recht, wir verwenden im Spaß zum Beispiel "mei(n) Wei(b)", wenn wir
über unsere eigenen Ehefrauen sprechen. Als direkte Anrede ist der Begriff allerdings schon ziemlich ausgestorben, also ich käme nicht auf die Idee, Weib
zu einer Frau zu sagen.
Nichtsdestotrotz, ich nehme es der guten Frau in keiner Weise übel, ich kenne den Begriff in dem Zusammenhang, und immerhin hat sie mich in ihrer Art als Frau angesprochen
Wally hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 16:33
Im gschertesten Niederbayerisch referenziert man nämlich auch Frauen durchaus schon mal männlich
Vor allem beliebt, wenn Genitiv durch Dativ ersetzt wird: der Svenja sei(n) G(e)wand = Svenjas Kleid, weiblicher Artikel mit männlichem Possessivpronomen. Diese Ausdrucksweise hört man tatsächlich noch des öfteren, ich find's furchtbar.
Ein noch älterer, nicht ganz so wohlwollender Ausdruck für Frauen war "Menscher". Wobei da der Unterschied im Genus noch schwerwiegender war, der Menscher war mehr oder weniger neutral, des (das) Menscher hingegen ein Schimpfwort.
Ich finde es ja schade, dass der bairische Dialekt immer mehr aufgeweicht wird. In meiner Familie wurde und wird noch Dialekt gesprochen, aber auch nur noch mit eher modernem Wortschatz. Mein Vater kennt viele alte Begriffe, verwendet sie aber sehr selten. Im Job habe ich viel Korrespondenz mit ganz Deutschland, und noch mehr mit dem Ausland, wo dann meist englisch telefoniert wird. Da fällt es manchmal direkt schwer, abends überhaupt wieder in den Dialekt zurück zu finden.
Theresa hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 19:50
Interessant und sehr irritierend wäre gewesen wenn du mit tiefer Brummstimme "Danke" gesagt hättest....
Das musste der Verkäufer in der Frischfleich Abteilung erleben. Mit Maske klingt man finde ich noch brummiger als eh schon. Wie zu erwarten war hat ihn das aber nicht weiter bekümmert.
Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Di 5. Mai 2020, 09:15
von edeka
triona hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 16:49
Ich war ausgegangen von meiner Muttersprache (Schwäbisch). Da ist es heutzutage mittlerweile eher leicht aus der Mode gekommen. Wird aber immer noch verwendet (in der allgemenen und nicht negativ behafteten alten Art und Weise). Vor allem von älteren Leuten, wenn sie noch richtig Schwäbisch sprechen.
z.B. so:
D'Weibr hend emmr rächd, bsonders dia oigene!
oder umgekehrt, wenn das Weib was sagt:
"Mei Mo hodd geschdrn amol widdr midd mr gschwätzd!" - "Was hodd'r gsagd?" - "Dass I mei Gosch halda soll!"
Re: Passing Bestätigung der bayerischen Art
Verfasst: Di 5. Mai 2020, 16:45
von Kerstin