Anke in der Stuttgarter Zeitung/den Stuttgarter Nachrichten
Verfasst: So 26. Apr 2020, 08:48
Hallo,
nach einiger Zeit komme ich wieder dazu hier zu schreiben. Ich hoffe alle sind gesund und kommen mit den veränderten Umständen gut klar.
Gestern gab es einen, wie ich finde, sehr gut geschriebenen Artikel in der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten über mich. Hier die Links:
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inha ... duced=true
https://www.stuttgarter-nachrichten.de/ ... duced=true
Leider lässt sich der Beitrag nur mit einem Abo lesen, deshalb habe ich den Artikel hier als Bild eingestellt:

Damit ihr den Text besser lesen könnt, habe ich ihn hier reinkopiert. Viel Spaß beim Lesen.
Anke ist transsexuell. Sie kommt als Junge zur Welt und erlebt eine einsame Kindheit mit dem Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Erst mit Anfang fünfzig traut sie sich, ihr Geschlecht angleichen zu lassen und ganz Frau zu sein. Eine Geschichte über Angst, Mut und Glück.
STUTTGART. Anke trägt fast immer Rock oder Kleid. Sie findet das vor allem: schön weiblich. Weiblich sein zu dürfen, war ein langer Kampf für sie, ein Kampf gegen ihre Ängste. Mit ihren 1,80 Metern und dem kurzen Jeansrock ist Anke ein Hingucker im Dorf in der Nähe von Böblingen, in dem sie seit vielen Jahren lebt. Das brünette Haar fällt ihr in weichen Wellen auf die Schulter, die graugrünen Augen hat sie dezent geschminkt. Anke macht Kaffee, während sie erzählt, dass sie vor fünf Jahren noch ganz anders aussah. Anke ist transsexuell. Sie wurde im Körper eines Jungen geboren, erst mit Anfang fünfzig hatte sie den Mut, ihr Geschlecht angleichen zu lassen. Sie sagt: "Ich war immer weiblich, aber es hat gedauert, bis ich wusste, was mit mir los war."
Ihre Kindheit beschreibt Anke als schwierig. Sie sei auf Junge getrimmt und erzogen worden. "Steh mal wie ein Junge da!" Sie erinnert sich an den immer wiederkehrenden Satz ihrer Mutter, die nicht verstehen konnte, warum ihr Sohn sich lieber mit Haarspangen beschäftigte oder mit den Barbies der Schwester spielte, statt mit den Jungs auf der Straße zu raufen. Anke war in sich gekehrt, oft allein, weil sie das Gefühl hatte, nirgendwo richtig hinzupassen. "Ich war verunsichert, fühlte mich als Außenseiter." Und das ging schon im Kindergarten los. In den 60ern herrschte in der Einrichtung strikte Geschlechtertrennung, erzählt Anke. Intuitiv habe sie schon als Kind gespürt, dass sie anders war.
Nach der Grundschule ging sie auf ein Jungengymnasium, kam sich vor "wie ein Alien". Furchtbar allein sei sie gewesen. Ihre Psyche spiegelte sich in den Noten wider, so dass sie auf die Realschule wechselte, wo sie die Pausen endlich mit Mädchen verbringen konnte.
Nach dem Studium heiratete Anke, die weiterhin als Mann lebte, eine Frau. Sie bekamen zwei Kinder, wirkten wie eine normale Familie. Doch innen drin spürte Anke kein Glück, sondern Leere. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut, war traurig und dachte an Selbstmord. Mit Crossdressing, dem Tragen von Frauenkleidern, versuchte sie heimlich, ihre weibliche Seite auszuleben. Bis sie sich mit Ende dreißig eingestand: "Das reicht mir nicht. Das bin nicht ich." Ihre wahre geschlechtliche Identität war eine andere. Bei ihrer Frau stieß sie auf wenig Verständnis. "Sie konnte damit nicht umgehen." Nach mehr als 20 gemeinsamen Jahren blieb nur die Trennung.
Nach der Scheidung wagte sie einen Neustart in fremder Umgebung, fand wieder eine Partnerin, Susanne (Name geändert). Äußerlich war Anke immer noch ein Mann. Sie versuchte, ihre Transsexualität zu unterdrücken. "Ich dachte, ich krieg"™ das hin. Aber irgendwann fing es doch wieder an, mir schlecht zu gehen." Sie weiß, dass sie damals nur schwer zu ertragen war. Dann kam der Tag X. Der Tag, an dem Anke bei einem Gesangsworkshop mitmachte, in dem sich alle verkleideten. "Ich schnappte mir Frauenklamotten, sah aus wie eine Vogelscheuche, fühlte mich aber sauwohl."
Sie zeigte Susanne ein Video davon. Der fiel auf, wie glücklich ihr Mann darin wirkte. Sie schenkte Anke das Buch "Manuel-le", eine Geschichte über einen Kerl, der zwei Seelen in sich spürt. Anke hatte Angst vor dem Lesen und den Konsequenzen für ihr eigenes Leben. Heute bezeichnet sie Susanne liebevoll als ihre Geburtshelferin. Denn sie war es, die sie sanft in ein neues Leben schubste.
Anke kleidete sich zum ersten Mal offiziell wie eine Frau, mit Perücke und allem Drum und Dran. Beide haben eine Liebesbeziehung verloren. Und eine Freundin gewonnen. Während die Frauen erzählen, fließen Tränen. "Noch nie stand jemand so an meiner Seite", erzählt Anke. Susanne umarmt sie und sagt: "Du hättest das Gleiche für mich getan." Die beiden leben noch immer zusammen, wenn auch nicht als Paar.
Bis zur Geschlechtsangleichung war es ein langer Weg. Das Outing machte Anke Angst. Der Moment, als sie zum ersten Mal eine Verkäuferin nach passenden Frauenklamotten fragte. Der Besuch in der Parfümerie, wo sie sich Schminktipps holte. Der Tag, an dem sie sich zum ersten Mal als Frau auf die Straße traute. Und auch: der Urlaub in der Toskana mit angeklebten Silikonbrüsten und unsichtbar gemachten Geschlechtsteilen.
Nach dieser befreienden Reise stellte Anke einen Antrag auf Namensänderung, ließ sich von zwei Psychiatern begutachten und die Geschlechtsangleichung gerichtlich bewilligen. Das Prozedere kostete sie Kraft und mehrere Tausend Euro. Von der Antragstellung bis zum Bescheid vergingen neun Monate.
"Transsexualität ist keine Krankheit, sondern eine Ausprägung", betont Anke und erzählt, "dass es hart sei, sich fremden Menschen zu offenbaren, die das Recht haben, über dein weiteres Leben zu entscheiden". Die Krankenkasse bezahlte die siebenstündige Operation und die Hormone, die Anke immer noch nimmt. Für die langwierige Gesichtsepilation musste sie tief in die eigene Tasche greifen.
Nach der Operation betrachtete Anke ihren nackten Körper eine Stunde lang im Spiegel. Glück durchströmte sie. Sie dachte: "Jetzt passt alles zusammen." Dumme Kommentare musste sie bis heute nur wenige einstecken. Nachbarn, Freunde, Bekannte, die meisten reagierten positiv auf Ankes neues Ich. Als sie zitternd ihren Chef informierte, spendierte der Prosecco.
Heute entert Anke selbstbewusst die Bühnen der Region. Als Burlesque-Künstlerin spielt sie mit ihren Reizen, sie nimmt am "Erotic Poetry Slam" teil, singt in einer Rockband, ist Mitglied der Showtanzgruppe Siren Sisters. Anke zelebriert ihre Weiblichkeit. Der Kampf ist beendet.
Info
Hintergrund
Transsexualität drückt das starke Gefühl aus, mit dem falschen Geschlecht geboren worden zu sein. Den Betroffenen ist es oft ein Bedürfnis, ihren Körper mit Hormonen oder Operationen dem bevorzugten Geschlecht anzugleichen. Das deutsche Transsexuellengesetz trat 1980 in Kraft. Es ermöglicht Transsexuellen, den Vornamen zu wechseln oder im Personenstandsregister den Status von "männlich" auf "weiblich" (oder umgekehrt) ändern zu lassen. Seit 2011 ist die Änderung auch ohne operativen Eingriff möglich.
Hilfe
Der Verein Trakine steht Eltern und Angehörigen von Transkindern oder Transjugendlichen mit Rat und Tat zur Seite (www.trans-kinder-netz.de). Ziel der ehemaligen Elterninitiative ist, den Kindern ein Leben frei von Stigmatisierung und Ausgrenzung zu ermöglichen. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität bündelt auf www.dgti.org viele Informationen.
Bühne
Die von uns porträtierte Transfrau Anke veranstaltet die "Night Of Dark Burlesque — Rock Edition" am 17. Oktober 2020 im Stuttgarter Climax Institutes. Als Belle Larouge tritt sie selbst auf.
Liebe Grüße
Anke
nach einiger Zeit komme ich wieder dazu hier zu schreiben. Ich hoffe alle sind gesund und kommen mit den veränderten Umständen gut klar.
Gestern gab es einen, wie ich finde, sehr gut geschriebenen Artikel in der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten über mich. Hier die Links:
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inha ... duced=true
https://www.stuttgarter-nachrichten.de/ ... duced=true
Leider lässt sich der Beitrag nur mit einem Abo lesen, deshalb habe ich den Artikel hier als Bild eingestellt:
Damit ihr den Text besser lesen könnt, habe ich ihn hier reinkopiert. Viel Spaß beim Lesen.
Anke ist transsexuell. Sie kommt als Junge zur Welt und erlebt eine einsame Kindheit mit dem Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Erst mit Anfang fünfzig traut sie sich, ihr Geschlecht angleichen zu lassen und ganz Frau zu sein. Eine Geschichte über Angst, Mut und Glück.
STUTTGART. Anke trägt fast immer Rock oder Kleid. Sie findet das vor allem: schön weiblich. Weiblich sein zu dürfen, war ein langer Kampf für sie, ein Kampf gegen ihre Ängste. Mit ihren 1,80 Metern und dem kurzen Jeansrock ist Anke ein Hingucker im Dorf in der Nähe von Böblingen, in dem sie seit vielen Jahren lebt. Das brünette Haar fällt ihr in weichen Wellen auf die Schulter, die graugrünen Augen hat sie dezent geschminkt. Anke macht Kaffee, während sie erzählt, dass sie vor fünf Jahren noch ganz anders aussah. Anke ist transsexuell. Sie wurde im Körper eines Jungen geboren, erst mit Anfang fünfzig hatte sie den Mut, ihr Geschlecht angleichen zu lassen. Sie sagt: "Ich war immer weiblich, aber es hat gedauert, bis ich wusste, was mit mir los war."
Ihre Kindheit beschreibt Anke als schwierig. Sie sei auf Junge getrimmt und erzogen worden. "Steh mal wie ein Junge da!" Sie erinnert sich an den immer wiederkehrenden Satz ihrer Mutter, die nicht verstehen konnte, warum ihr Sohn sich lieber mit Haarspangen beschäftigte oder mit den Barbies der Schwester spielte, statt mit den Jungs auf der Straße zu raufen. Anke war in sich gekehrt, oft allein, weil sie das Gefühl hatte, nirgendwo richtig hinzupassen. "Ich war verunsichert, fühlte mich als Außenseiter." Und das ging schon im Kindergarten los. In den 60ern herrschte in der Einrichtung strikte Geschlechtertrennung, erzählt Anke. Intuitiv habe sie schon als Kind gespürt, dass sie anders war.
Nach der Grundschule ging sie auf ein Jungengymnasium, kam sich vor "wie ein Alien". Furchtbar allein sei sie gewesen. Ihre Psyche spiegelte sich in den Noten wider, so dass sie auf die Realschule wechselte, wo sie die Pausen endlich mit Mädchen verbringen konnte.
Nach dem Studium heiratete Anke, die weiterhin als Mann lebte, eine Frau. Sie bekamen zwei Kinder, wirkten wie eine normale Familie. Doch innen drin spürte Anke kein Glück, sondern Leere. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut, war traurig und dachte an Selbstmord. Mit Crossdressing, dem Tragen von Frauenkleidern, versuchte sie heimlich, ihre weibliche Seite auszuleben. Bis sie sich mit Ende dreißig eingestand: "Das reicht mir nicht. Das bin nicht ich." Ihre wahre geschlechtliche Identität war eine andere. Bei ihrer Frau stieß sie auf wenig Verständnis. "Sie konnte damit nicht umgehen." Nach mehr als 20 gemeinsamen Jahren blieb nur die Trennung.
Nach der Scheidung wagte sie einen Neustart in fremder Umgebung, fand wieder eine Partnerin, Susanne (Name geändert). Äußerlich war Anke immer noch ein Mann. Sie versuchte, ihre Transsexualität zu unterdrücken. "Ich dachte, ich krieg"™ das hin. Aber irgendwann fing es doch wieder an, mir schlecht zu gehen." Sie weiß, dass sie damals nur schwer zu ertragen war. Dann kam der Tag X. Der Tag, an dem Anke bei einem Gesangsworkshop mitmachte, in dem sich alle verkleideten. "Ich schnappte mir Frauenklamotten, sah aus wie eine Vogelscheuche, fühlte mich aber sauwohl."
Sie zeigte Susanne ein Video davon. Der fiel auf, wie glücklich ihr Mann darin wirkte. Sie schenkte Anke das Buch "Manuel-le", eine Geschichte über einen Kerl, der zwei Seelen in sich spürt. Anke hatte Angst vor dem Lesen und den Konsequenzen für ihr eigenes Leben. Heute bezeichnet sie Susanne liebevoll als ihre Geburtshelferin. Denn sie war es, die sie sanft in ein neues Leben schubste.
Anke kleidete sich zum ersten Mal offiziell wie eine Frau, mit Perücke und allem Drum und Dran. Beide haben eine Liebesbeziehung verloren. Und eine Freundin gewonnen. Während die Frauen erzählen, fließen Tränen. "Noch nie stand jemand so an meiner Seite", erzählt Anke. Susanne umarmt sie und sagt: "Du hättest das Gleiche für mich getan." Die beiden leben noch immer zusammen, wenn auch nicht als Paar.
Bis zur Geschlechtsangleichung war es ein langer Weg. Das Outing machte Anke Angst. Der Moment, als sie zum ersten Mal eine Verkäuferin nach passenden Frauenklamotten fragte. Der Besuch in der Parfümerie, wo sie sich Schminktipps holte. Der Tag, an dem sie sich zum ersten Mal als Frau auf die Straße traute. Und auch: der Urlaub in der Toskana mit angeklebten Silikonbrüsten und unsichtbar gemachten Geschlechtsteilen.
Nach dieser befreienden Reise stellte Anke einen Antrag auf Namensänderung, ließ sich von zwei Psychiatern begutachten und die Geschlechtsangleichung gerichtlich bewilligen. Das Prozedere kostete sie Kraft und mehrere Tausend Euro. Von der Antragstellung bis zum Bescheid vergingen neun Monate.
"Transsexualität ist keine Krankheit, sondern eine Ausprägung", betont Anke und erzählt, "dass es hart sei, sich fremden Menschen zu offenbaren, die das Recht haben, über dein weiteres Leben zu entscheiden". Die Krankenkasse bezahlte die siebenstündige Operation und die Hormone, die Anke immer noch nimmt. Für die langwierige Gesichtsepilation musste sie tief in die eigene Tasche greifen.
Nach der Operation betrachtete Anke ihren nackten Körper eine Stunde lang im Spiegel. Glück durchströmte sie. Sie dachte: "Jetzt passt alles zusammen." Dumme Kommentare musste sie bis heute nur wenige einstecken. Nachbarn, Freunde, Bekannte, die meisten reagierten positiv auf Ankes neues Ich. Als sie zitternd ihren Chef informierte, spendierte der Prosecco.
Heute entert Anke selbstbewusst die Bühnen der Region. Als Burlesque-Künstlerin spielt sie mit ihren Reizen, sie nimmt am "Erotic Poetry Slam" teil, singt in einer Rockband, ist Mitglied der Showtanzgruppe Siren Sisters. Anke zelebriert ihre Weiblichkeit. Der Kampf ist beendet.
Info
Hintergrund
Transsexualität drückt das starke Gefühl aus, mit dem falschen Geschlecht geboren worden zu sein. Den Betroffenen ist es oft ein Bedürfnis, ihren Körper mit Hormonen oder Operationen dem bevorzugten Geschlecht anzugleichen. Das deutsche Transsexuellengesetz trat 1980 in Kraft. Es ermöglicht Transsexuellen, den Vornamen zu wechseln oder im Personenstandsregister den Status von "männlich" auf "weiblich" (oder umgekehrt) ändern zu lassen. Seit 2011 ist die Änderung auch ohne operativen Eingriff möglich.
Hilfe
Der Verein Trakine steht Eltern und Angehörigen von Transkindern oder Transjugendlichen mit Rat und Tat zur Seite (www.trans-kinder-netz.de). Ziel der ehemaligen Elterninitiative ist, den Kindern ein Leben frei von Stigmatisierung und Ausgrenzung zu ermöglichen. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität bündelt auf www.dgti.org viele Informationen.
Bühne
Die von uns porträtierte Transfrau Anke veranstaltet die "Night Of Dark Burlesque — Rock Edition" am 17. Oktober 2020 im Stuttgarter Climax Institutes. Als Belle Larouge tritt sie selbst auf.
Liebe Grüße
Anke