Kapitel 7
"Meine kurze Zeit an der Normandie"
Roland, der Leiter von der Diakonie Schleswig-Holstein kam um mich abzuholen. Wir fuhren dann zusammen mit dem Auto los. Etwa 1300 Kilometer sollten es sein. Wir waren lange, sehr lange unterwegs und nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir endlich an. Wir wurden wieder wie üblich mit Kaffee und Kuchen begrüßt, die anderen 3 Jugendlichen waren auch mit dabei. Ich war ja 14, in Böklund durfte man erst ab 15 rauchen. Hier in Granville durfte ich aber schon rauchen, das fand ich toll. Damals konnte man ja schon in Deutschland ab 16 rauchen. Wie es in Frankreich aussah weiß ich gar nicht. Aber ich hatte in den Tabak Läden nie Probleme an Zigaretten zu kommen.
Etwa eine Woche später nachdem ich mich ein bisschen eingelebt hatte, musste ich auch mit im Haus von denen oder im Garten arbeiten. Wir Jugendlichen hatten so einen kleinen Anbau wo wir unsere Zimmer hatten und eine eigene kleine Küche. Da mussten wir uns Abends immer selbst versorgen.
Und der Tagesplan lief immer gleich ab.
06:00 Uhr — Aufstehen
06:30 Uhr — Musste immer eine/r rüber in die Küche und das Frühstück mit vorbereiten. Jede Woche war jemand anderes dran.
07:00 Uhr - > Frühstück
07:30 Uhr - > Abräumen und die Küche sauber machen.
08:00 Uhr - > Arbeiten im Haus oder Garten, oder dem Mann beim Hausbauen helfen, er baute da irgendwie so ein kleines Haus für irgendwas, was genau weiß ich nicht mehr. Das Grundstück war sehr groß und die Arbeit echt anstrengend. Rasen mähen, Unkraut jäten, Blätter zusammen haken, irgendwas rumwerkeln. Es war Knochenarbeit. Ich kam mir direkt vor wie in einem Arbeitslager.
11:00 Uhr - > Musste immer eine/r mithelfen das Mittag zu kochen. Die anderen mussten weiter arbeiten.
12:00 Uhr - > Mittag essen.
13:00 Uhr - > Weiter arbeiten
15:00 Uhr - > "Feierabend"
Wir bekamen zwar etwas Geld dafür, aber nicht wirklich viel. Es war sehr idyllisch da direkt am Strand und so weiter, aber die Umstände eben nicht. In meiner Freizeit war ich in einem Fußballverein und sogar im Box Verein.
Im Fußball war ich echt gut, aber merkte auch wie die Leute über mich redeten. Da ich kein Französisch konnte, wusste ich natürlich nicht was sie sagten.
Im Box Verein wurde ich toll aufgenommen, ein anderer Jugendlicher aus der Pflegefamilie, er hieß Dean, war ebenfalls da im Verein und zeigte mir alles. Aber da habe ich schnell gemerkt, etwa 1 bis 2 Monate später, dass dies nichts für mich ist. Es tat mir zu sehr weh was auf die Nase zu bekommen"¦
Ab und an hatte Dean einen Kampf und wir fuhren mit ihm dann zu den Kämpfen.
Im Fußballverein blieb ich aber die ganze Zeit und war sogar Stammspieler im Sturm.
Normal Schule hatte ich nicht, bzw. besuchte auch keine Schule da. Es kam einmal die Woche eine Privatlehrerin für 3 oder 4 Stunden und das war es auch schon. So kann ich kein Französisch lernen.
Zusammengefasst war es ziemlich schrecklich da. Mit 14 möchte ich andere Dinge tun als den ganzen Tag zu arbeiten.
Ich war etwa 4 oder 5 Monate da, bis dann ein Jugendlicher von seinem "Urlaub" aus Berlin wieder kam
Ich wollte wieder nur weg da und ging als alle arbeiten waren, kurz in sein Zimmer und schaute nach wieviel Geld er hat. Es waren um die 100 Euro. Ich nahm sie mir einfach und haute auch von da ab. Ich lief erst zum Bahnhof, kaufte mir eine Fahrkarte nach Paris.
Ich sagte zu dem Verkäufer im gebrochenen Englisch; "One ticket to Paris please for my little Brother, he is eleven." Da die Tickets ja für unter 12 jährige billiger sind, bzw waren. Das ging alles problemlos.
Ich musste noch 2 Stunden oder so auf den Zug warten, also beschloß ich noch ein bisschen durch die Stadt zu laufen. Denn wie sich mich anfangen zu suchen, sie vielleicht direkt am Bahnhof schauen. Ich wollte kein Risiko eingehen. Bei LIDL kaufte ich mir eine Packung von diesen Bonbons in dieser goldenen Alubox. Mehr Geld wollte ich nicht ausgeben, da ich ja nicht wusste wieviel das Ticket von Paris nach Berlin kosten sollte.
Ich wurde von niemanden entdeckt und so stieg ich dann in den Zug nach Paris ein. Ich wurde auf der 2 oder 3 stündigen Fahrt nicht kontrolliert und kam in Paris an.
Dort besorgte ich mir das Ticket nach Berlin, wieder mit der oben genannten Methode. Ich musste jetzt mit der Metro vom Nordbahnhof zum Südbahnhof fahren, oder andersrum. Das weiß ich nicht mehr. In Paris in der Metro ist es ja so dass du einen Fahrschein haben musst, sonst kommst du nicht durch die Schranke. Und das Geld hat gerade so noch gereicht dafür.
Ich hatte vielleicht noch EINEN Euro oder so.
Am Bahnhof angekommen stieg ich dann schon bald in dem Zug nach Berlin ein. Suchte mir einen gemütlichen Platz und der Zug fuhr dann kurze Zeit später auch schon los. Der Zoll kam zum Glück nicht, weil ich keinen Ausweis bei hatte. Das wäre dann natürlich blöd gewesen.
Nur der Kontrolleur kam, ich zeigte ihm mein Ticket, er stempelte ihn ab und ging wieder. So langsam bekam ich richtig Hunger und auch Durst. Ich aß meine Bonbons und trank auf der Toilette etwas. Ich war einfach zu durstig.
Und irgendwann kam ich endlich in Berlin an.
Ich habe es geschafft. 14 Jahre alt. Von Granville nach Berlin, ohne Ausweis und mit Tickets die ich natürlich eigentlich nicht benutzen durfte.
Ich stieg am Zoologischen Garten aus und fuhr dann mit U-Bahn und Bus zu meiner besten Freunden und meiner Ersatzmama. Ihr erzählte ich alles und sie staunten nicht schlecht.
Ich habe dann ein paar Tage da geschlafen und irgendwann kam das Jugendamt vorbei und nahm mich erst einmal wieder mit. Wir unterhielten uns dann ein wenig und meine Bearbeiterin meinte dann bloß zu mir dass ich jetzt in Berlin bleiben darf. Sie sagte nur dass sie mich nach Amerika schicken könnten, und ich von da sicherlich auch erfolgreich abhauen wurde. Und ja, ich hätte es irgendwie geschafft.
Ich kam also erst einmal in eine Krisenunterkunft nach Neukölln, und da nahm das alles seinen Lauf, wie man so schön sagt. Aber das kommt im nächsten Kapitel.