Hi Carry,
interessante Sichtweise, aberich sehe das anders. Gleichgewicht ist statisch, es bewegt sich nichts. Das was Du austarieren nennst, ist in meinen Augen nichts anderes als den Status Quo zu erhalten. Das hat aber mit Dynamik, also auch der Entwicklung, nichts zu tun. Es gibt keine Entwicklung im Gleichgewicht.
Ein System, dass in einem sehr starken Gleichgewicht ist, braucht entsprechend starke Anstöße, um in Bewegung zu kommen. Ich bezweifle ja nicht, dass wir Phasen des Gleichgewichts, also der Ruhe brauchen. Das findet man auch in der Paardynamik. Es gibt Phasen, da kommt alles in Bewegung. Da werden Dinge in Frage gestellt, neue Erkenntnisse erarbeitet und dadurch kommen die Partner auch auf ein neues Entwicklungsniveau. Das wird oft als Krise verstanden. Es ist in der Tat eine Gefahr, aber auch eine gute Gelegenheit, weiter zu kommen. Dann kommen aber auch wieder Phasen der Ruhe, da die neuen Sichtweisen in die Beziehung Eingang gefunden haben. Auf der neuen Basis wird dann wieder für eine Zeit austariert.
In der Gesellschaft ist das ähnlich. Eine Gesellschaft im Gleichgewicht ist in Ruhe. Manchmal wir die Ruhe allerdings auch erzwungen. Hier steht dem Wunsch nach Veränderung Repressalien gegenüber. Gerat dieses Gleichgewicht außer Kontolle, gibt es massive Veränderungen. Deshalb sind autoritäre Systeme immer auf Kontrolle angewiesen. In der Beziehung konnte früher ein autoritärer Mann seine Frau u.a. durch finanzielle Möglichkeiten kontrollieren. Durch die Veränderung der gesetzlichen Lage mit dem Erfordernis zur Unterhaltszahlung fiel diese Kontrollmöglichkeit weg und die Frau konnte nun unabhängiger agieren. Mehr Ehen wurden geschieden. Dadurch sind Beziehungen auf ein ganz neues Fundament gesetzt worden. Das Gleichgewicht wird nun anders austariert. Aber nicht das Tarieren löst die Veränderung aus, sondern das Ungleichgewicht.
Wir wollen alle Gesundheit, besonders für unsere Kinder. Aber es fällt doch auf, dass viele massive Entwicklungsschübe nach Krankheiten auftreten. Der Körper ist durch das Ungleichgewicht auf ein neues Level gekommen. Damit will ich nicht sagen, dass wir unsere Kinder krank werden lassen sollen. Aber wir sollten die Krankheit nicht verteufeln. Wir mögen ja auch keine Schmerzen, aber ohne Schmerzen hätten wir keine "Alarmanlage". Nicht alles was schlecht scheint, ist auch schlecht. Und so manche Krankheit ist ja auch zu viel für uns. Dann war das Ungleichgewicht zu groß ...
Wenn ich die Filmbeschreibung richtig verstehe, kommt Alice an einen Ort, an dem die Menschen in Schubladen denken. Diese Schubladen bilden quasi das Gleichgewicht, aber es basiert wie beschrieben auf Repression. Man muss sich auf eine Art verhalten, um akzeptiert zu werden. Das ist sorgsam austariert. Aber die Schubladen bilden in sich ein gespanntes System, da die Schubladen den Menschen nicht gerecht wird. Ich stelle mir das bildlich so vor, dass jeder Mensch in diesem System ein labiles aber miteinander verbundenem Gleichgewicht steht. Nun kommt Alice daher und stoß das System an einer Stelle an. Schon reagiert das System nicht nur an dieser Stelle, sondern überall ein bischen. Es verändern sich Gewichte und das System kommt in Bewegung. Das Gleichgewicht war labil, aber unbeweglich. Es war sorgsam austariert. Alice sorgt für Ungleichgewicht und eine Kettenreaktion beginnt. Diese Dynamik sorg für die notwendige Veränderung. Am Ende kommen wahrscheinlich alle an einem neuen Gleichgewicht an, das jetzt stabil ist. So funktionieren viele Filme, aber auch das Leben.
Meine Ehe war auch austariert. Aber jetzt komme ich daher und will manchmal als Frau leben. Schon kommt alles ins Wanken. Es muss geredet und verstanden werden. Die Frage nach der eigenen Betroffenheit steht im Raum, z.B. warum reagiere ich emotional ? Das ist Ungleichgewicht. Man könnte auch sagen, es ist eine Krankheit in der Beziehung. Es fühlt sich ja auch manchmal so an. Es geht nicht darum, dass ich durchsetze, wie ich leben will. Ich will leben, wie es mir gemäß ist und wir suchen neue Wege oder anders gesagt ein neues Gleichgewicht. Aber das Gleichgewicht wird ja auch in jedem der Partner verschoben. Willigt meine Frau nur um des lieben Friedens willen ein, kommt sie mit sich selber ins Ungleichgewicht. D.h. jetzt ist dran, bei sich selber zu suchen, wie sie ein neues Gleichgewicht findet. Wie sie das alte Niveau erreichen, kommt es zum Konflikt. Es entsteht ein Machtkampf. man kann aber auch bei sich selber das Gleichgewicht suchen, in dem man sich fragt, warum es einen so stark betrifft. Die Antwort, es sei logisch, weil es der Mann ist, der für die schlechte Situatin verantwortlich sei, ist nur eine Abwälzung der eigenen Verantwortung. Viel besser erscheint es mir, woher das Schachteldenken m/w den her stammt, das einen beherrscht. Hier liegt der Lohn der Mühe, denn man kann zu völlig neuen Erkenntnissen kommen und die begründen eine eigene Freiheit, in dem man sich vom Schachteldenken anderer befreit.
Wow, viele Worte. Der Ball ist in Deinem Feld
