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Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 07:55
von ExUserIn-2026-04-08
Moin in die Runde,

ich möchte folgenden Beitrag von M&M als Anlass nehmen, ein wenig über meine aktuellen Gedanken zum Thema Trans zur Diskussion zu stellen.
M&M hat geschrieben: Do 9. Jan 2020, 19:38 Es ist schon interessant , ich finde immer wieder Parallelen, sei es hier in diesem Thread oder einer der vielen anderen.
Depressionen, die Suche nach sich selbst und so einiges mehr.
Sylvester war für mich so eine Art Schlüsselerlebnis , ich war alleine, den ganzen Tag für mich - en femme - ich hab es so sehr genossen, das ich es nicht mehr missen wollte.
Irgendwie hab ich erkannt, es ist ein fester Teil von mir und jetzt möchte ich diese auch endlich akzeptieren, tief in mich hören, hinterfragen, ergründen - war das schon immer so, wie habe ich mich als Kind und Jugendlicher und junger Erwachsener gefühlt, wie fühle ich mich heute, bin ich zufrieden,wo möchte ich hin.

Es ist interessant was man über sich erfährt , hört man tief in sich hinein - es tauchen immer wieder verschüttete Erinnerungen auf und wirft dadurch noch mehr Fragen auf.. :mrgreen: .

Ich denke das braucht Zeit ,herauszufinden wer man ist, oder immer war. war ich immer schon eher weiblich ,hat sich das entwickelt, ist es nur ein Fetisch oder steckt mehr dahinter und wenn wieviel?!

Der erste Schritt wird wohl sein sich zu akzeptieren einzugestehen nicht der Norm zu entsprechen und sich zu verinnerlichen - es ist OK !

Ich für meinen Teil möchte diese Seite nicht mehr verstecken, sondern richtig kennen lernen.
Das wird leider nicht von heute auf morgen gehen...

Die Zeit wirds zeigen
...
Egal wo der Weg hingeht, es ist aller unser eigen Leben und das wir selbst bestimmen und man sollte sich nicht von falschen Werten und Idealen fehlleiten und einengen lassen (ki)
Ich habe mich in letzter Zeit hier etwas rar gemacht, weil ich festgestellt habe, dass ich mich mit meinen Gedanken immer weniger wieder finde. Warum ? Viele Dinge werden hier immer wieder wiederholt und sie verfestigen sich zu einer Art Glaubensgrundsatz. In der Diskussion mit einer Freundin habe ich die These aufgestellt, dass wir Menschen sind, was wir glauben. Damit will ich nicht ausdrücken, dass es in uns keine festgelegte Muster gäbe, aber wesentliches ist, zumindest in Grenzen, steuerbar.

Was bedeutet das für mich ? Ich denke, es gibt viele hier, die in der Geschlechterfrage eine sehr eindeutige Haltung haben, die ziemlich unverrückbar zu sein scheint. Sie nehmen Mühen, Risiken und Kosten auf sich, um ihr Ziel zu erreichen. Von diesen Menschen schreibe ich nicht. Viele von den Übrigen, die sich irgendwie zwischen den Geschlechtern verorten, schreiben viele, dass sie große Probleme haben, Depressionen oder Merkmale von Depressionen aufweisen. Sie sind nicht mit sich selber im Reinen und sie sie brauchen die "Auszeit" en femme. Alles was damit verbunden ist (Schminken, Kleidung, Einkaufen, Sexualität ...), wird zum großen Thema. Viele fühlen sich missverstanden.

Das kenne ich alles auch und ich konnte und kann es nicht für mich akzeptieren. Die Frage, wer ich bin steht für mich im Mittelpunkt. Die Beschäftigung mit der Psychologie hat mich in den letzten Jahren immer mehr daran zweifeln lassen, dass es so etwas wie ein "Ich" gibt, dass man finden und erkennen kann, nur sehr begrenzt gibt. Es stellt ein Fundament dar, auf dem mein Leben aufbaut. Alles andere ist gelernt, durch Eindrücke von außen geprägt und durch die eigenen Gedanken angepasst. Damit meine ich nicht, dass wir beliebig formbar sind, wenn nur die entsprechenden Einflüsse auf uns wirken, aber ich nehme wahr, dass wir viel mehr Einfluss auf unser Wohlbefinden haben als wir denken.

Ich gehe davon aus, dass Mann/Frau neben der körperlichen auch eine gesellschaftliche Dimension haben. An der körperlichen Erscheinung will ich nichts ändern. Mein Körper ist gut, wie er ist. Was er für mich leistet, ist beeindruckend. Er wehrt Bakterien ab und kann sich selber heilen. Und wenn ich ihn gut behandle, leistet er diese Dinge für mich um so besser. Ich könnte mir in meinen Gedanken gut vorstellen, auch einen weiblichen Körper zu besitzen. Ich habe hier ein Dilemma. Ändern kann und will ich aber nur etwas, was auf der Gedankenebene läuft.

Es wird hier immer wieder diskutiert, ob man Mann ist oder Frau. Als würde sich das ausschließen. Der erste Schritt um mich besser zu fühlen, ist die Annahme, dass Mann/Frau nicht männlich/weiblich entspricht. Einfaches Beispiel sind weibliche Männer und männliche Frauen, die sich aber trotzdem so fühlen, wie ihr Körper es erwarten lässt. Männlich/weiblich ist in diesem Sinn etwas, was wir lernen. Simone de Beauvoir schreibt von der "gemachten Frau". Das was weiblich zu sein scheint, darf ich ruhig für mich gelten lassen. Damit fühle ich mich schon besser.

Der nächste Schritt besteht darin, dass ich mir erlaube, die Kleidung zu tragen, die ich möchte. Auch als Mann kann ich z.B. Spitzenwäsche tragen. Es gibt keine Notwendigkeit, dass nicht zu tun, außer wenn wir es denken, dass wir es nicht tun "dürften". Die Probleme, die wir damit haben, stecken in erster Linie in unserem Kopf. Es sind unsere eigenen Ängste, die uns verbieten, etwas zu tun. Bei mir ist es die Angst alleine zu sein, weil ich diese Dinge tue. Meine Schere ist in meinem Kopf, nicht in der Gesellschaft. Die gibt es als solche gar nicht, sondern auch hier wirken Glaubenssätze, um eine Gemeinschaft zu schaffen. Wir können ohne Gemeinschaft nicht leben. Die schlimmste Strafe, die man früher einem Menschen angedeien lassen konnte, war der Ausstoß aus einer Gemeinschaft. Bei Naturvölkern kommt das der Todesstrafe gleich. Der Mechanismus wirkt noch in uns, aber hat er noch seine fundamentale Berechtigung ? Ich denke nein. Wir brauchen deswegen keine existentiellen Ängste mehr zu haben. Als ich mir das klar machte, ging es mir schon viel besser. Das Leben wurde leichter.

Mein vorläufig letzter Schritt geht noch weiter. Er betrifft die Frage, warum ich Männlichkeit ablehne und deshalb (zeitweise) als Frau fühle bzw. fühlen will. Ich fühle bei Männlichkeit wahrscheinlich wie viele hier. Ich finde es (teilweise) abstoßend. Der Gedanke Männlichkeit zu leben, will ich für mich nicht annehmen. Aber auch damit fühle ich mich nicht wirklich wohl. Ist am Ende meine Männlichkeit so verletzt, dass ich sie ablehne, weil ich mich vor diesen Verletzungen fürchte ? Der Gedanke hat mich erschüttert. Er würde bedeuten, dass mit der Aussöhnung mit meiner Männlichkeit ein Tor sich öffnen kann, anders zu leben ? Was passiert, wenn ich es zulasse, ein Mann zu sein, ohne die Tür zur Weiblichkeit zu schließen ? Damit meine ich nicht das Pendeln zwischen den Geschlechtern, sondern das Integrieren meiner Männlichkeit in mein Leben.

Der Gedanke ist für mich radikal. Er macht mir Angst. Ich habe mich bequem in meiner Situation eingerichtet, entweder Frau zu sein oder nicht darüber nachzudenken. Aber fühle ich damit vollständig ? Und was macht mir Angst ? Soweit ich das erkennen kann, ist ein wesentlicher Teil der Angst darin begründet, dass ich Angst vor einem Verlust meines bisherigen Lebens habe. En femme zu sein bedeutet für mich, vollkommen im Hier und Jetzt zu leben. Da gibt es keine Gedanken an morgen oder gestern oder was außerhalb meines Ichs passiert. Es scheint vollkommen zu sein. Das soll ich aufgeben ? Aber das muss ich gar nicht und wenn ich mit der Entdeckung meiner männlichen Seite etwas Neues finde, um so besser. Ich kann ja jederzeit in meine Weiblichkeit flüchten.

Das ist der Prozess, der gerade in mir läuft. Er scheint vielversprechend zu sein, verlässt er doch ausgetretene Pfade, die auf Dauer eine Sackgasse sind. Das Forum hat viel für mich getan, in dem es mir zeigte, dass man viel gelassener mir der Frage der Weiblichkeit umgehen kann. Das Risiko ist groß, dass ich mich damit begnüge. Die Glaubenssätze, die hier immer wieder vertreten werden, sind bequem, für mich zu bequem. Sie haben früher einen Entwicklungschub für mich bewirkt, aber das ist für mich nicht das Ende. Ich kann für mich sagen, und ich glaube es auch bei Anderen zu erkennen, dass die Beschäftigung mit der Männlichkeit viel zu kurz kommt. Hier habe ich Wunden, die nicht heilen können, wenn ich sie beiseite schiebe. Biologisch betrachtet, stammen wir alle aus einem geschlechtslosen Etwas. Erst viele verschiedene Prozesse führen zu einer körperlichen Geschlechtsbildung, Intersex eingeschlossen. Mit Gender scheint es mir ähnlich zu sein. Nur sind hier neben körperlichen Aspekten, wie z.B. der Hormonspiegel, auch die Einflüsse von außen eine wesentliche Rolle zu spielen. Im Kern steckt beides in uns allen. "Vollständig" oder "Ganz" können wir uns nur dann fühlen, wenn wir uns mit männlichen und weiblichen Aspekten auseinander setzen und für uns akzeptieren, egal wie der Körper aussieht oder aussehen soll.

Viele Partnerinnen von uns lehnen es ab, uns en femme zu sehen. Natürlich wirkt ein "was nicht sein kann, was nicht sein darf", aber ich habe den Eindruck, dass viele auch instinktiv auf unsere fehlende Auseinandersetzung mit unserer Männlichkeit reagieren. Sie sehen in uns vielleicht mehr als wir selber wahr nehmen. Meine Frau hat sehr positiv auf den Gedanken der Aussöhnung mit meiner Männlichkeit reagiert. Dabei verurteilt sie nicht meinen weiblichen Teil unseres Kleiderschranks. Und was Partnerinnen hier schreiben, lässt mich vermuten, dass es ihnen ähnlich geht.

Trans sein, gehört zu unserem Leben. Es ist die Auseinandersetzung mit unseren weiblichen Anteilen. Viele scheinen aus meiner Perspektive die Auseinandersetzung mit der männlichen Seite zu vermeiden. Hier wird etwas verleugnet. Unsere Partnerinnen haben einen Mann geheiratet und genau das fordern sie ein. Ich bin davon überzeugt, dass viele Partnerinnen mit unserer weiblichen Seite gut leben können, wenn wir uns aufmachen, unseren männlichen Part zu rkunden. Damit sind nicht männliche Klischees gemeint, sondern das was in uns originär männlich ist. Was das ist, muss jede/r für sich selber finden. Wichtig ist, dass wir es tun und unsere dunklen Ecken erkunden, die wir so vehement verbergen wollen. Es geht nicht um die Frage, ob wir Röcke, BH oder FSH tragen wollen. Es geht darum, dass wir uns zu Menschen entwickeln, die vollständig sind.

Die Psychologie zeigt für mich, dass Lebenskrisen (Depressionen, Burnout, Verzweiflungen ...) nichts anderes als eine Aufforderung sind, sich mit den eigenen Leichen im Keller, die wir so gerne verdrängen, zu beschäftigen. Es geht darum, dass wir lernen, äußere und innere Anforderungen zu erkennen und zu unterscheiden. Wir müssen nicht Klischees bedienen, um uns mit unserer Männlichkeit auszusöhnen. Wir müssen auch nicht unsere Weiblichkeit deswegen verleugnen. Durch die Aussöhnung können wir etwas hinzugewinnen, ohne das Bestehende zu verlieren. Wir werden für diese langwierige, schmerzhafte und anstrengende Auseinandersetzung viel Respekt von den für uns richtigen Menschen erhalten.

Für mich scheint es ein guter Weg zu sein. Vielleicht ist er ja auch eine Anregung für Andere.

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 08:50
von Bea Magdalena
Wow🙏

Liebe Vicky, in vielen Deiner Gedanken finde ich schon beim Lesen meine wieder.

In meiner Wahrnehmung haben wir alle "weibliche und männliche Anteile" in uns, es liegt an uns, wie weit wir sie erkennen wollen und zulassen.
Dabei spielt meiner Meinung nach unsere Umgebung schon noch eine Rolle. Wir leben in einem gesellschaftlichen Korsett, sobald wir die Norm verlassen, machen wir uns und zum Teil sogar unsere Familie angreifbar. Je nach individueller Umgebung wird dies dann mehr oder weniger, am besten gar nicht genutzt.

Kürzlich, in einer Diskussion mit einer lieben Freundin schrieb ich:"Trans ist für mich kein Label, für mich ist es eher eine Beschreibung
Vielleicht auch absolut unnötig, diese Beschreibung
Eine Frau bin ich nicht
Ein Mann gefühlt auch nicht, oder nicht ganz, bzw. umfänglich"
(rein körperlich bin ich ja ein Mann)

Wir einigten uns auf "Mischwesen", meiner Meinung nach beschreibt das mich am besten.

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 09:24
von Kathi87
Huhu ihr Lieben,

wir leben in einer binären Gesellschaft, was aber nicht bedeutet das jeder Mensch sich hier wieder finden kann und muss.

Mischwesen ist auch wieder so ein Ausdruck den ich nicht wirklich schön finde... Irgendwie finde ich wir sind Menschen schön und gut ist.

Ihr versucht euch alle irgendwie zu definieren und legt euch somit ein gedankliche Korsett an. Egal ob ihr irgendwelche Erwartungen von der Gesellschaft an euch habt oder ihr an die Gesellschaft.
Ihr erwartet das euer Umfeld euch akzeptiert, aber oft akzeptiert ihr euch leider selber nicht.

Versucht doch einfach zu sein wie ihr sein wollt, die Grenzen entstehen zwischen den Ohren.

Mein Lebensmotto ist einfach machen oder besser gesagt im Nachhinein um Entschuldigung zu bitten ist leichter als um Erlaubnis zu fragen, ich komme damit gut klar und habe sehr viel positives daraus gezogen bzw wenn es nicht so gut war wieder was gelernt.

Liebe Grüße
Kathi

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 10:18
von ExUserIn-2026-04-08
Vielen Dank für die Beiträge. Bevor aber die Diskussion in eine Richtung geht, die wir schon öfter hatten, möchte ich noch einmal auf den wesentlichen Aspekt in meinem Eingangsbeitrag hinweisen. Was machen wir mit unserer Männlichkkeit und behindern wir uns nicht selber, wenn wir diesen Aspekt verdrängen, in dem wir uns nur auf die weiblichen Aspekte konzentrieren ? Kann eine Veränderung unseres Denkens unser "Leid" in dem wir uns befinden, lindern und wenn ja wie ?

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 10:35
von Dolores59
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 10. Jan 2020, 10:18 Vielen Dank für die Beiträge. Bevor aber die Diskussion in eine Richtung geht, die wir schon öfter hatten, möchte ich noch einmal auf den wesentlichen Aspekt in meinem Eingangsbeitrag hinweisen. Was machen wir mit unserer Männlichkkeit und behindern wir uns nicht selber, wenn wir diesen Aspekt verdrängen, in dem wir uns nur auf die weiblichen Aspekte konzentrieren ? Kann eine Veränderung unseres Denkens unser "Leid" in dem wir uns befinden, lindern und wenn ja wie ?
Veränderung unseres Denkens in dem Sinn, dass wir unserem männlichen Körper annehmen. So wie er ist. Was nicht bedeutet, auf Makeup & Co. zu verzichten. Wenn es gelingt, eine Symbiose von Männlichkeit und Weiblichkeit zu erreichen, lebt es sich leichter. Kurzzeitig hatte ich eine Phase, in der ich mich danach gesehnt habe, Frau zu sein. Dann ist mir aufgefallen, dass Männlichkeit nicht so schlecht ist wenn ich sie um weibliche Elemente erweitere. Ich nenne es mal: den männlichen Horizont mit Weiblichkeit erweitern und einen ganzen Menschen daraus formen.

In der Welt am Sonntag habe ich kürzlich einen Artikel über die Hirnforschung gelesen, in dem festgestellt wurde, dass das weibliche und das männliche Gehirn jeweils männliche und weibliche Zonen beinhaltet. 100% von der einen oder anderen Seite scheint es nicht zu geben.

So habe ich mittlerweile gelernt, nach außen weiblich erscheinen und im Inneren männlich sein. Ohne mir ständig den Kopf darüber zu zerbrechen, wohin ich gehöre. Ist bestimmt kein gradliniges Leben, aber wo steht geschrieben, dass es das sein muss?

LG
Dolores

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 11:24
von chris
Hi Vicky,

Das ist (für mich) ein ganz neuer Aspekt die Dinge zu betrachten.
Auf Anhieb gefiel mir deine Idee super.
Ich bin noch nicht mal ansatzweise in diese psychologische Tiefe vorgedrungen - weiß auch gar nicht ob ich das kann und will.
Aber mit etwas Abstand und auf einfacherer Ebene und mit der Sichtweise die Kathi noch ins Spiel bringt ein toller Ansatz für mich persönlich

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 11:33
von Jaddy
Mein erster, spontaner Gedanke bei Titel, Beitrag und Antworten: Das springt alles zu kurz. Auch wenn die genderbinäre Denke in Frage gestellt wird, bleiben die Konzepte meiner Wahrnehmung nach eindimensional. Eine Strecke mit den Endpunkten "männlich" und "weiblich", auf denen sich 1 nur verorten kann.

Natürlich klappt das nicht. Meiner Wahrnehmung nach ist das Genderverse mindestens 3-bis-4-dimensional und viele von uns nehmen keine eindeutige, konstante Punktkoordinate ein, sondern eine in der Zeit und je nach Kontext variable Wolke von Aufenthaltswahrscheinlichkeiten.

Sofern die ganze Genderei überhaupt irgendeinen Sinn ergibt! Ich meine, was soll diese totale, ubiquitäre Sortiererei überhaupt? Für mich ergibt die ganze Idee keinen Sinn. Probiert vielleicht mal ein Gedankenexperiment und ersetzt in einem beliebigen Text wie dieser Diskussion da oben die Wörter männlich/weiblich durch rund/eckig oder blau/grün, also einem Begriffspaar, das zu euch keinen persönlichen, identifizierenden Bezug hat. Der ganze Sinn der Diskussion selbst ist plötzlich weg und das Thema selbst wird vollkommen absurd.

Grünlichkeit in der Blauheit?

Das ist, wie ich Gender wahrnehme und warum ich mich so schwer tue. Klar gibt es die Leute da draussen. Aber ich habe viel zu lange versucht, in ihrer Sprache zu reden in Verhalten, Erscheinung usw. Es ist sinnlos, frustrierend und weder macht es zufrieden, noch kann es je gelingen. In meiner Abwägung verliere ich mehr an Lebensqualität, als ich durch scheinbare Unauffälligkeit gewinne.

Drastisch gesagt empfinde ich Menschen mit binärer Denke inzwischen als durch Erziehung und folgende Selbstbeschränkung im Wortsinn be_hindert. Viel Spass dabei, aber ich bin raus aus dem Spiel und gehe fliegen.

"Wir sind alle Riesen, die von Zwergen erzogen wurden, und uns deshalb angewöhnt haben, mit einem Buckel herumzulaufen" (R.A.Wilson)

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 11:52
von ExUserIn-2026-04-08
Vielleicht ist der Titel nicht gut gewählt. Mir geht es auch mehr darum, dass die Akzeptanz der eigenen Männlichkeit bei Menschen, die im Genderfluidmysterium unterwegs sind, zu einer Erleichterung der eigenen Befindlichkeiten führen kann. Bei mir scheint es in diesem Sinne zu wirken. Es geht gerade nicht um das ausschließliche Entweder-oder. Es geht mir um die Frage, ob ich durch die Fixierung auf das Weibliche nicht meine Männlichkeit übersehe oder übersehen will. Diese Auseinandersetzung hat bisher nicht nur nicht statt gefunden, sondern ist mir in grauer Vorzeit einfach nur vergällt worden. Männlichkeit ist damit für mich toxisch geworden. Aber vielleicht mus das gar nicht so sein und so habe ich mich aufgemacht, das für mich zu klären.

Kurz gefragt, was ist für mich an der Männlichkeit so schlimm, dass ich sie bisher außer Acht gelassen habe ? Wenn das Ergebnis lautet, das Männlichkeit mir nicht sagt, kann ich mich immer noch als TS bezeichnen und als Frau leben. Aber ich bezweifle das. Gerade der Umstand, dass ich trotz aller Versuche ein Leben als Frau zu führen auch nicht passt, lässt mich vermuten, das an der Frage der Männlichkeit für mich mehr drin ist.

Ich denke nicht bipolar, aber Geschlecht äßert sich für mich nur zwischen zwei Polen. Für ein Genderverse, wie Du es beschreibst, das mehrdimensional ist, fehlt mir die Vorstellungskraft. Klar, wenn spezielle Pilze ca. 23000 verschiedene Geschlechter haben sollen, dann sollten wir auch 3 oder 4 schaffen ;-) Einzig, mir fehlt der Glaube oder ich bin noch nicht so weit. Mir reichen meine beiden vollauf ...

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 12:08
von Lavendellöwin
Jaddy hat geschrieben: Fr 10. Jan 2020, 11:33 "Wir sind alle Riesen, die von Zwergen erzogen wurden, und uns deshalb angewöhnt haben, mit einem Buckel herumzulaufen" (R.A.Wilson)

Hmmm..

"The mind is everything. What you think you become" das soll der historische Buddha, also Buddha Gautama
gesagt haben...

wenn du also nur Fragen hast wirst du immer fragend und damit unsicher bleiben.
Oder im buddhistischen Sinne "unerleuchtet". Auch Siddhartha musste erst mal die Mara's besiegen.

Hallo Vicky,

Jaddy schreibt "das springt alles zu kurz" ja und nein finde ich jetzt.
Ich würde sagen, deine Gedanken sind viel zu sperrig-und zu eingrenzend. Aber irgendwie meinen Jaddy
und ich glaube ich das Selbe, Gleiche...wie auch immer..

ich habe in dem Thread hier

viewtopic.php?f=16&t=19447&p=264731#p264731

vor allem trans* als Label in Frage gestellt-ich will das für mich nicht mehr haben.
Eine Pseudoschublade weniger..

an anderer Stelle habe ich angemerkt-was für Kleidung ich trage, ob ich mir die Nägel lackiere oder
nicht, ist vollkommen egal. Das mach ich für mich wie ich Lust habe, nicht deshalb damit sich andere
Gedanken darüber machen können. Anders gesagt-nackig oder angezogen bin ich eine Frau.
(bei mir steht aber tatsächlich der Körper im Mittelpunkt meiner Geschichte-ich kann an einem männlichen
Körper nicht wirklich Schönheit entdecken...)
ABER ich bin eine Frau mit einem fluiden Anteil, also auch männlichem Anteil und dazu stehe ich.
Wie viele andere in meinem Umfeld übrigens auch. Das gehört dazu und ist die Normalität.
(Ich habe an der Stelle weiblich und männlich benutzt, um mich eben nicht in unnötigen Gedanken zu
verlieren. Die hatte ich auch nie bevor ich hier im Forum war-ich bin einfach rausgegangen ohne mich
da viel zu fragen.)

In meinen Augen, sorry, machst du einen entscheidenden Fehler, nämlich danach zu suchen, was ist
wirklich weiblich oder männlich-anstatt "einfach zu leben" und diese Gedanken auf die Müllhalde der
Geschichte zu bringen...

Alles Liebe Marie (flo)

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 13:19
von Nicole Fritz
Dann meldet sich mal Enby Nr. 2.

Der Körper ist meiner Meinung nach nicht wirklich das Problem. Der ist so wie er ist. Ich habe da statt Eierstöcken und Gebärmutter eben dieses Gehänge und den Schniedelwutz. Da ist aber diese Gesellschaft, die mir wegen dieser äußeren Merkmale bestimmte Charakterzüge und eine eng definierte Lebensweise zuschreibt. Und wenn mir dann als Kind ständig Angst gemacht wird in der Gosse zu landen, wenn ich diesem Bild nicht entspreche, bemühe ich mich ständig letztlich erfolglos darum. Folge: Verzweiflung, Depressionen, Burnout.

Und nun kommt der nächste Punkt. Ich Frage: Was ist die Ursache? Ist jetzt die Gesellschaft falsch oder mein Körper? Dann wurde mir ständig eingeredet: du bist doch immer nur selbst schuld! Habe ich aber etwas falsch gemacht? Nein, nicht wirklich. Also muss mein Körper falsch sein. Folglich wird alles besser, wenn ich den angleichen lasse und lerne wie eine Frau zu leben. Die nächste große Mühe. Und wenn ich dann auch keinen Erfolg verspüre: wieder Verzweiflung, Depressionen, Burnout.

Bevor ich mich als trans* geoutet habe, hatte ich mich bereits fast vollständig aus der Gesellschaft zurück gezogen. Ich passte nicht hinein, die Mühe war sinnlos geworden. Dann fraß mich die Einsamkeit immer mehr auf. Und nun kommt die Sexualität ins Spiel - der "fetischistische Transvestit". Hätte ich am Anfang meine männliche Hetero-Sexualität ausleben können, wäre es wohl nie nötig geworden mich in eine Frau zu verwandeln. Schließlich war ich selbst als Frau dann schöner und besser als jede Partnerin - das Aus für jede Beziehung.

Was bin ich also? Ich bin ein (biologischer) Mann, der mit der ihm zugewiesenen Rolle nie wirklich etwas anfangen konnte. Wenn ich den Mann, den ich spielte, im Spiegel sah, wollte ich den Tag gar nicht erst beginnen. Rasieren, Kämmen, Anziehen - alles schon zu viel - und dann auch noch arbeiten? Bei einem fiesen Chef, hinterlistigen Kollegen und stets unzufriedenen Kunden?

Was brauche ich nun, damit es mir besser geht? - Erst einmal muss dieser fiese Typ im Spiegel verschwinden. Das ist inzwischen weitgehend geschehen. Anstelle dieses fiesen Typs ist da jetzt immer ein Monster mit langen zotteligen Haaren. Und wenn sich das als Frau zurecht macht, sieht es einigermaßen ansprechend aus. Also ist der Tag schon mal gerettet.

Zusammen gefasst: Hier gibt es nicht wirklich Männlichkeit oder Weiblichkeit. Da ist jemand, der sich am typischen Bild einer schönen Frau erfreuen kann und diese deshalb darstellen möchte. Vom Trans-Weg mit Ärzten, Indikationen, Psychologen, Gutachten, usw. fühlt er sich gegängelt und bevormundet. Für etwas mehr weibliches Aussehen ist er nicht bereit sich hier wieder Abzumühen, auch wenn ihm mehr äußerliche Weiblichkeit gut tun könnte. Nicht wenige Transfrauen denken da ähnlich und machen bei der Gängelei zu Gunsten eines besseren Wohlbefindens mit. Das ist für mich vollkommen in Ordnung, solange sie nicht mit der Behauptung ankommen, dass nach der Transition immer alles besser würde, ich das aber als sexuell motivierter Transvestit niemals verstehen könnte.

LG Nicole

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 14:03
von Whoopy Highfly
Männlichkeit in der Weiblichkeit, oder Weiblichkeit in der Männlichkeit?

Was ist denn die eigentliche Frage?
Es gibt viele Möglichkeiten in unserem Leben.
Die einen leben im richtigen Körper, wiederum andere im falschen. Andere mögen einfache Kleidung im "einheitsgrau", andere wiederum schöne frabige..
Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.
Ich möchte niemanden verletzten oder an den Pranger stellen. Außenseiter sind wir doch alle, wir sind alle einmalig und trotzdem alles Menschen.
Die chinesische Lehre besagt, das jedes Lebewesen männliche und weibliche Merkmale besitzt. Bei jedem sind diese mehr oder weniger stärker ausprägt.
Wenn die eigenen Bedürfnisse unterdrückt werden, wird der Mensch krank. Burn-Out, Depressionen und Suizid sind die Folgen.
Weswegen werden die eigenen Bedürfnisse unterdrückt?
Das ist doch die eigentliche Frage, oder?

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 14:19
von ExUserIn-2026-04-08
@Marie: Bez. des "Fehlers" muss ich noch etwas nachdenken... Übrigens ich lebe meine Weiblichkeit ziemlich frei, so, wie es mir richtig erscheint. Es ist aber nicht meine ganze Wahrheit. Und die suche ich noch. Männlichkeit scheint auch ein Teil davon zu sein. Vor der scheue ich mich aber. Vielleicht ist es ähnlich wie bei Nicole, aber nicht so extrem.
Nicole Doll hat geschrieben: Fr 10. Jan 2020, 13:19 Hier gibt es nicht wirklich Männlichkeit oder Weiblichkeit.
Hi Nicole, wie kann man etwas ablehnen, was es nach Deiner Ansicht gar nicht gibt ?
Whoopy Highfly hat geschrieben: Fr 10. Jan 2020, 14:03 das jedes Lebewesen männliche und weibliche Merkmale besitzt.
Hi Whoppy, das wird so kolportiert. Ich gehe auch davon aus, aber es gibt einen Unterschied von Merkmalen und Identität. Weibliche und männliche Merkale machen mich nicht zu Mann oder Frau. Meine Frage war eine andere. Kann es sein, dass man sich nur deshalb als Frau fühlt, weil man das Mannsein ablehnt ? Ganz wichtig: Ich unterstelle das nicht allen, die davon betroffen sind. Ich bin davon überzeugt, dass es Menschen gibt, bei denen das eindeutig ist und deshalb alles auf sich nehmen, um das zu erreichen, wie sie sich fühlen. Mir geht es um die Menschen, die irgendwo in der "Suppe schwimmen". Wie schon gesagt, der Gedanke an meine Männlichkeit ist definitiv belastet. Mein persönlicher Ausdruck kann als eine Art Flucht betrachtet werden.

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 14:33
von Nicole Fritz
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 10. Jan 2020, 14:19 Hi Nicole, wie kann man etwas ablehnen, was es nach Deiner Ansicht gar nicht gibt ?
Natürlich gibt es dieses binäre Rollenbild von weiblich und männlich. Und da lehne ich für mich das männliche ab. Dem weiblichen kann ich mich aber letztlich nur ein Stück weit anlehnen, weil mein Körper männlich ist und ich ein halbes Jahrhundert lang männlich geprägt wurde. Wie fühlt aber ein Mann oder eine Frau? - Keine Ahnung. Da ist nach meinem Empfinden der Übergang fließend, also gibt es da kein männlich oder weiblich. Fühle ich mich wirklich weiblich, wenn ich über meine kleinen Brüste streiche, oder ist es letztlich nur männlich-sexuelle Erregung?

LG Nicole

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 14:51
von ExUserIn-2026-04-08
Nicole Doll hat geschrieben: Fr 10. Jan 2020, 14:33 Fühle ich mich wirklich weiblich, wenn ich über meine kleinen Brüste streiche, oder ist es letztlich nur männlich-sexuelle Erregung?
Gibt es nur die beiden Erklärungen ?

Re: Männlichkeit in der Weiblichkeit ?

Verfasst: Fr 10. Jan 2020, 14:52
von Anja
Moinsen (moin)
Jaddy hat geschrieben: Fr 10. Jan 2020, 11:33 Sofern die ganze Genderei überhaupt irgendeinen Sinn ergibt! ["¦]
Drastisch gesagt empfinde ich Menschen mit binärer Denke inzwischen als durch Erziehung und folgende Selbstbeschränkung im Wortsinn be_hindert.
Für die meisten Menschen (Transfrauen und Transmänner eingeschlossen) funktioniert dieses Modell aber, das wird immer wieder vergessen.
Nur weil ein ganz kleiner Teil der Menschen sich nicht binär verorten kann, bedeutet das nicht, das die ganze Einteilung Grütze ist. Für dich passt es nicht, aber du solltest dabei nicht von dir auf alle anderen schließen.
Die geschlechtliche Unterscheidung, die im Normalfall für den Fortbestand der Spezies sorgt, ist biologisch sinnvoll und Absicht, findet sich genauso im Tier- und Pflanzenreich.
Außerdem bevorzugen die meisten Menschen eine geschlechtliche Abgrenzung, das Schamgefühl (die Schamgrenzen) bilden sich ja nicht grundlos heraus.
Sollen sich pubertierende Jungs und Mädchen vielleicht demnächst zusammen für den Sportunterricht umziehen?
Deine Beiträge sind normalerweise sehr gehaltvoll, deswegen verstehe ich nicht, warum du bei solchen Gender-Diskussionen so kurzsichtig bist... und nicht über deinen Tellerrand hinauskommst?
Ich finde mich in diesem binären System gut zurecht, ich weiß allerdings auch, das es wenige Menschen gibt, für die es nicht passt.
Vielleicht kannst du ja auch akzeptieren, das es sehr viele Menschen gibt, für die es passt?
Die Aussage, Menschen mit binärer Denke als be_hindert zu empfinden, setzt dem ganzen dann die Krone auf, das macht mich sprachlos...

Grüße
die Anja