Seite 1 von 1

Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Di 17. Dez 2019, 13:24
von Helga
Was für ein Wochenende. Ich bin noch völlig geflasht. Zum ersten mal in Gesellschaft Frau- sein, zum ersten mal in Begleitung Shopping, zum ersten mal en femme abends ausgehen, zum ersten mal einen ganzen Tag als Frau verbracht. Eine Bio- Frau ist erklärtermaßen neidisch auf meine Figur, drei Verkäuferinnen sind gleichzeitig sehr um mich bemüht, Männer sehen mich begehrlich an.
Der Reihe nach:
Ich hatte mich im Mai bei einem sehr guten Freund aus Studienzeit als Crossdresser geoutet. Er hatte so reagiert wie es von einem guten Freund eigentlich auch zu erwarten sein sollte: Keineswegs abweisend sondern verständnisvoll und obendrein gerührt und geschmeichelt dass ich ihm soviel Vertrauen entgegen gebracht habe. Er lud mich ein ihn zu besuchen und meine weibliche Seite auszuleben.
Anfang Dezember war es soweit. Ein großer Koffer und eine ähnlich große Reisetasche enthielten neben einer bescheidenen Menge männlicher Kleidungsstücke alles was ich dafür benötigte meine weibliche Seite auch nach außen gebührend in Szene zu setzen.
Am Freitag Abend bei meinem Gastgeber eingetroffen, den Rest des Abends noch als Mann verbracht, konnte ich die folgende Nacht vor Aufregung kaum schlafen. Ich wälzte mich von der einen auf die andere Seite bis es etwa 6:00 war, dann stand ich auf um zu duschen und mich gründlich zu rasieren. Nachdem die Gesichtscreme eingezogen war folgte das Makeup, zum Abschluss kam die neue schulterlange Perücke, und damit legte sich der Schalter um. Ich zog Strumpfhose, ein weißes Langarmshirt und ein schwarzes kurzes Kunstleder- Etuikleid an. Da mein Gastgeber noch nicht aufgestanden war lackierte ich mir noch die Fingernägel, wofür ich mir sonst nie die Zeit nahm.
Als ich seine Schritte auf der Treppe hörte fing mein Herz hörbar an zu klopfen. Er lächelte und sagte "Hallo" (mit ganz langem O), "möchtest du einen Kaffee"? Jetzt muss ich dazusagen dass mein Gastgeber zu den Genießeern gehört, die sowohl die spezielle Zubereitung als auch den anschließenden Verzehr zelebrieren, so dass dieser erste Morgenkaffee (übrigens ein sehr leckerer Milchkaffee) fast zwei Stunden in Anspruch nahm. Zwei Stunden die er nutzte um meine weibliche Seite kennen zu lernen. Ich konnte sehr viel freier sprechen als am Vorabend. Da ich jetzt im faktischten Sinne dieses Ausdrucks ohne Hosen dastand, gab es nichts mehr zu verbergen. Erstaunlich wie viel ich während dieses Gespräches über mich selbst erfahren habe.
Für die Shoppingtour kam mir das Kunstlederkleid doch etwas zu gewagt vor, daher wechselte ich in ein grau- blau kariertes Stoffkleid. Dazu schwarze Thermo- Strumpfhose, schwarze Stiefel und darüber ein dunkelbrauner Wildledermantel. Auf die Sonnenbrille hinter der ich mich sonst so gerne verstecke, habe ich diesmal komplett verzichtet.
Gegen 11:30 brachen wir auf in Richtung Innenstadt. Zunächst zur Tankstelle. Mein Begleiter stieg aus um zu tanken, ich blieb auf dem Beifahrersitz sitzen und machte Selfies. Wie Klischeehaft. Mein Gastgeber hatte sich als Shopping- Begleiter und ortskundiger Führer angeboten. Ich empfand es als sehr angenehm in männlicher Begleitung in die Stadt zu gehen. Das Wissen einen Verbündeten in der Nähe zu haben ließ mich ganz anders auftreten. Ich brauchte keine Zeit mich zu akklimatisieren (Bereit zu sein anderen Menschen als Frau gegenüber zu treten), wich den Leuten nicht mehr aus und wechselte insbesondere nicht mehr unauffällig die Straßenseite. Ich ging Verkäuferinnen nicht mehr aus dem Weg sondern sprach sie direkt an. Wir waren mit dem Vorsatz losgezogen nach Stiefeletten für den Winter zu schauen. Die angesteuerte Deichmann--Filiale war diesbezüglich ein Reinfall. Ein reines Kartonlager, ziemlich durcheinander, unmöglich Übergrößen zu finden. Ein benachbartes nur regional vertretene Fachgeschäft hielt zwar ein kleines Regal mit Übergrößen vor, das einzige Paar Gabor- Stiefeletten in 43 war leider zu schmal gebaut. Tamaris hatte in der Filiale zwar keine Übergrößen dennoch bemühten sich drei Verkäuferinnen gleichzeitig mir mit Tipps zu Onlineshops und Outlets weiter zu helfen. Danach ging es zu Karstadt wo ich noch einige Kleider anprobierte. Nicht weil ich sie kaufen wollte, mein Kleiderschrank ist gut gefüllt, sondern um mich darin im Ganzkörper- Spiegel zu betrachten. Ich habe als Frau eine Eigenliebe entwickelt, die ich als Mann aber gar nicht kenne.
3382
Zwischendurch gab es einen Cappuccino in der obersten Etage eines kleinen Hochhauses. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich den Eindruck angestarrt zu werden.
Nachdem wir die Innenstadt verlassen hatten ging es in einen Supermarkt, Zutaten für das Mittagessen zu besorgen. Auch hier keine besonderen Vorkommnisse.
Zurück im Hause meines Gastgebers wurde es dann noch einmal spannend. Seine Lebensgefährtin wollte mit uns zu Mittag essen. Sie hatte mich einmal als Mann gesehen, wir hatten uns etwa eine Stunde unterhalten. Wie würde sie auf mich reagieren? Sie war durch meinen Gastgeber vorbereitet, begrüßte mich als wäre es das normalste der Welt einen Mann in Frauenkleidern vorzufinden, keinerlei Grinsen, Entsetzen oder sonstige Reaktionen die das Kopfkino erwartet hätte. Stattdessen lobte sie mein Makeup und fragte mich nach meiner Konfektionsgrösse. Als ich antwortete "42", erwiderte sie "ich hätte gedacht 38/40". Das ging runter wie Trüffelschokolade. Frauen wissen halt was Frauen hören möchten. Sie schob noch nach: "Ich beneide dich um deine Figur". Ich berichtete von der Shopping- Tour, wir unterhielten uns über Crossdressing sowie Gott und die Welt, während mein Gastgeber das Mittagessen vorbereitete (Männer gehören nunmal in die Küche), das mittlerweile zum Abendessen geworden war. Sie fand ich könnte gut kurze, taillierte Kleider tragen, hatte nur einen einzigen Kritikpunkt an meinem Outfit: Die Haarfarbe. Ich trug eine schulterlange Perücke mit altersgerechten grauen Strähnen. "Eine Frau, die wie du sehr auf ihr Äußeres bedacht ist würde sich die grauen Haare nachfärben lassen." Auf diesem Punkt muss ich noch ein wenig rumdenken. Alternativ hatte ich eine blonde Kurzhaarperücke eingepackt, die ich kurz vorführt. Einhellige Meinung meiner Gastgeber: Schulterlang ist besser!
Irgendwann wurde die Pizza dann fertig. Obwohl sie sehr lecker war habe ich mit Mühe die Hälfte runter bekommen. Als Frau habe ich keinen übermäßigen Appetit
Nach dem Abendessen gab es eine kurze Siesta, es sollte später noch einmal raus gehen. Da meine letzte Rasur mehr als 12 Stunden zurück lag, wurden die Bartstoppeln deutlich fühlbar. Also nochmal rasieren, nochmal Schminken.
Für den Abend erschien mir das Kunstlederkleid dann doch wieder angemessen. Dazu wieder die schwarzen Stiefel da es mit den Stiefeletten leider nicht geklappt hatte.
Damit ich mich einigermaßen ungezwungen verhalten konnte sollte es in eine alteingesessene Schwulenkneipe gehen, die mein Gastgeber als cis- Hetero auch gelegentlich besuchte.
Auf dem Weg vom Auto zur Kneipe wehte ein heftiger Wind. Aber die Frisur saß. Obwohl es bereits 23:00 war hatten wir doch das Gefühl zu früh gekommen zu sein. Es war noch nicht viel los. Einige Tresenhocker und einige hetero- cis Menschen zweierlei Geschlechts, die offenbar woanders nicht zu früh kommen wollten. Wir nahmen in einer Ecke des Tresen Platz, von der aus der Raum gut zu überblicken war.
Langsam füllte sich die Kneipe mit Gästen jeglichen Geschlechts, wobei ich die einzige offensichtliche TransX Person war, was allerdings niemand besonders zur Kenntnis nahm. Die meisten Gäste waren Stammgäste, die Sitzordnung wurde ständig durchmischt. Schwule und Lesben hatten keinerlei Berührungsängste untereinander. Irgendwann kamen zwei Männer herein, die ich in diesem Etablissement nicht erwartet hätte: Schwarzhaarig, südländisch, Mitte 40, Typus Latin Lover. Sie setzten sich seitlich von uns an einen Tisch. Einer von den Beiden schaute ständig herüber, in seinem Blick meinte ich so etwas wie Begierde festzustellen (kann natürlich auch Einbildung gewesen sein). Da ich in männlicher Begleitung war, traute er sich jedoch nicht näher zu kommen. Was er wohl in mir sah? Ich fand die Situation nicht unangenehm, sie bestärkte mich jedoch in der Empfindung im Frauen- Modus eher lesbisch als hetero zu sein.
3381
Langsam zollte die schlaflose Nacht vorher Tribut, die Kneipe war sehr laut und wuselig geworden, gegen 00:30 bat ich meinen Begleiter nach dem nächsten Bier zu gehen. Im Hinausgehen bekam ich noch ein nettes Lob für mein Outfit.
Die frische Luft tat gut. Auf dem Weg zum Auto betrachteten wir noch eingehend ein Schaufenster mit Retro- Kühlschränken.
Am nächsten Tag zurück im Männermodus. Ich hatte mich mehrfach durch die Selfies vom Vortag gewischt und dabei festgestellt: Helga muss mehr lächeln üben. Ich packte die wenigen Dinge, die ich im Männermodus benötigte aus der Handtasche aus: Geld, Kreditkarte, Ausweis. Ich betrachtete das Bild auf dem Ausweis, ausgestellt 2014. Ein übergewichtiger Mann mit Halbglatze und ungepflegt wirkendem, zu langem Stoppelhaarschnitt, der sich zu einem Lächeln zwingt. Ich lege das Handy mit dem Selfie von der Tanke vom Vortag daneben. Ist das wirklich der selbe Mensch? Ja, aber es hat eine deutlich sichtbare Entwicklung stattgefunden.
Wo mag diese Entwicklung hinführen? Das ist natürlich noch nicht vorbestimmt, aber eine gewisse Vorstellung gibt es: Das neu entdeckte Leben als Frau hat mir viele neue Impulse gegeben und Möglichkeiten eröffnet, die ich vorher nicht kannte. Aber auch das altbekannte Leben als Mann bietet einige Aspekte auf die ich nicht verzichten möchte. Anders gesagt: Es war nicht gut die weibliche Seite so lange zu verleugnen , es wäre aber auch um nichts besser jetzt die männliche Seite zu unterdrücken. Also wird es bis auf Weiteres bei der Teilzeitfrau bleiben. Die Herausforderung besteht jetzt darin die positiven Aspekte beider Seiten für mich als Mensch zu nutzen. Denn vor jeglichen Gender- Zuordnungen bin ich zunächst einmal ein Mensch.

Re: Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Di 17. Dez 2019, 13:50
von ExuserIn-2021-04-19
Oh, Helga, das liest sich so gut.

Was für ein tolles Wochenende. Du kannst dich glücklich schätzen, so einen tollen, verlässlichen Freund zu haben.

Deine Fotos, leicht unscharf, aber sehr vielversprechend. Von der grauen Haarfarbe würde ich auch Abstand nehmen, aber wirf die Perücke nicht weg. Die kannst du noch schön tragen, wenn du über 70 bist. :D

Ganz liebe Grüsse

Katja

Re: Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Di 17. Dez 2019, 13:54
von Jasmine
Danke für den Bericht Helga. Da hast du ein schönes Wochenende gehabt.
Liebe Grüße Jasmine

Re: Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Mi 18. Dez 2019, 06:10
von Michelle_Engelhardt
Danke, ich habe den Bericht gerne gelesen und wünsche Dir noch mehr so tolle Erlebnisse.

Liebe Grüße
Michelle

Re: Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Mi 18. Dez 2019, 08:08
von bianca
Hallo Helga!
Ich habe den Beitrag angefangen zu lesen und konnte nicht wieder aufhören. Ich freue mich für Dich, dass Du solch aufgeschlossene Bekannte/Freunde hast. Es wäre nicht die erste Freundschaft, die daran zerbricht. Ich wünsche Dir auf Deinem weiteren Weg viele gute Erlebnisse.

Liebe Grüße, Bianca.

Re: Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Mi 18. Dez 2019, 08:28
von Kerstin65
Hallo Helga,

Ich beneide Dich um Deine Erlebnisse. Es ist toll, so einen guten Freund zu haben und Du schaust echt gut.

Wie war das mit Deiner Stimme ? Haben die Leute in den Geschäften und in der Kneipe nicht reagiert, wenn Du mit tiefer Stimme geredet hast ?

Ich scheue mich deshalb immer noch, enfemme Kontakt zu anderen zu haben.

Re: Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Mi 18. Dez 2019, 18:58
von Veronika
Hallo Helga,
Ich habe deinen Bericht gelesen und habe ihn förmlich verschlungen was du an diesem Wochenende erlebt hast. Du bist zu beneiden dass du so einen tollen Freund hast. Was ja toll war an deinem Wochenende, dass dein Freund/Bekannter mit dir einen Ausflug in die Stadt zum shoppen gemacht hat. Das ist natürlich viel schöner als würde man alleine irgendwo shoppen gehen.
Im Moment treffe ich Vorbereitungen um zumindest an einem Abend Im Januar en femme auszugehen. Ich bin dann allerdings auf mich alleine gestellt.
Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg.

LG Veronika

Re: Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Fr 20. Dez 2019, 23:10
von Helga
Kerstin65 hat geschrieben: Mi 18. Dez 2019, 08:28 Hallo Helga,

Ich beneide Dich um Deine Erlebnisse. Es ist toll, so einen guten Freund zu haben und Du schaust echt gut.

Wie war das mit Deiner Stimme ? Haben die Leute in den Geschäften und in der Kneipe nicht reagiert, wenn Du mit tiefer Stimme geredet hast ?

Ich scheue mich deshalb immer noch, enfemme Kontakt zu anderen zu haben.
Hallo Kerstin,
wenn frau im Schuhladen nach Übergrößen fragt oder in der Schwulenkneipe ein Bier bestellt, kommt es auf die Stimme nicht mehr an. Da kann sie ganz ungehemmt losbrummen.
Ansonsten halte ich auch so dass ich nicht guten Tag sage sondern nur freundlich lächle, in der Hoffnung eine Illusion nicht zu zerstören.
Ganz Mann- untypisch hat mein Begleiter mich noch durch diverse Geschäfte geschleppt, in denen er schauen wollte. Hier habe ich mich verbal zurück gehalten.
Dies ist an Punkt an dem ich noch arbeiten muss- das eigene Kopfkino ausschalten.
Liebe Grüße
Helga

Re: Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Fr 20. Dez 2019, 23:58
von heike65
Ne Schwulenkneipe ?
Was hat dich dahin bewegt ?

Re: Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Sa 21. Dez 2019, 05:56
von Michelle_Engelhardt
Ist doch kein Problem (smili) Ich bin mal in einer gelandet ohne das zu wissen. Ich war Samstagabend allein unterwegs und wollte mir ne Travestieshow ansehen. Es wurde einer der lustigsten Abende in meinem Leben, abgesehen davon das jemand sagte ich hätte eine gewisse Ähnlichkeit mit Andrea Berg :lol: Wer meinen Musikgeschmack kennt, wird mein Entsetzen verstehen :mrgreen: Damals trug ich noch eine bordeaurotfarbene Perücke. Wenn ich die Wahl hätte zwischen ner Schwulenbar und ner Dorfkneipe in Kleinkleckersdorf, wüsste ich aber ganz genau wo ich hingehe )))(:

LG
Michelle

Re: Ein weiterer Meilenstein

Verfasst: Sa 21. Dez 2019, 08:14
von Helga
heike65 hat geschrieben: Fr 20. Dez 2019, 23:58 Ne Schwulenkneipe ?
Was hat dich dahin bewegt ?
Hallo Kerstin,
wir sind alle Mitglieder der LGBTI Community (auch wenn in den eigenen Köpfen möglicherweise noch anerzogene Ressentiments existieren).
In solchen Kneipen ist die Wahrscheinlichkeit auf betrunkene Kegelclubs, Anhänger als "Alternative" bezeichneter politischer Strömungen oder sonstiger Zeitgenossen die zum Pöbeln neigen zu treffen relativ gering. Meines Wissens finden in dieser Kneipe auch die Treffen der örtlichen SHG statt. Von daher würde ich solche Kneipen gewissermaßen als "geschützter Bereich" bezeichnen.
Liebe Grüße
Helga