„Es gibt einen Transgender-Hype“
„Es gibt einen Transgender-Hype“ - # 2

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!EmmiMarie!
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Re: „Es gibt einen Transgender-Hype“

Post 16 im Thema

Beitrag von !EmmiMarie! » So 8. Sep 2019, 16:43

MichiWell hat geschrieben:
So 8. Sep 2019, 16:17
Es nervt viel mehr, dass da permanent Annahmen über meine sexuellen Präferenzen gemacht werden, die bis auf Menschen, mit denen ich engsten körperlichen Kontakt habe, niemand etwas angehen. Ein solches Verhalten empfinde ich als übergriffig.
Hi Michi,

an der Stelle unterscheiden wir uns sehr stark..zum einen darf mich das jeder fragen und zum anderen sind mir
die Annahmen dahin gehend ziemlich egal. Bei mir stimmt sowieso alles in gewisser Weise.

Ich möchte mich ganz gerne davon entfernen sexuelle Präferenzen als Tabuthema zu behandeln-das ist aber meine
ganz eigene Einstellung. Wenn das jemand für sich anders entscheidet ist das für mich auch schön..

Hmm, wird die nicht stimmige Fremdzuschreibung geäussert kann man ja etwas dazu sagen-in der Art wie Nicole
es geschriebener Weise eingesetzt hat ist es aber eine in den Raum gestellte Vermutung, nichts weiter.
Daraus könnte ich wiederum lesen, würde es keine Schwulen geben, hätte ich ein Problem weniger.
Verstehst du was da unterschwellig bei mir ankommt?

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Anne-Mette
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Re: „Es gibt einen Transgender-Hype“

Post 17 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » So 8. Sep 2019, 16:48

Guten Tag,
MichiWell hat geschrieben:
So 8. Sep 2019, 15:57
Gegenfrage: Warum sollten wir im Alter von 5-10 Jahren nicht so eine Entscheidung treffen können?
Es ist die Frage, ob Kinder in der genannten Altersgruppe sich "in Fragen geschlechtlicher Zuordnung" entscheiden MÜSSEN.

Ich würde sagen: NEIN!

Ich denke, es sollte ihnen "alle Zeit der Welt" gegeben werden, damit sich sich dann entscheiden können, wenn sie es wirklich können.

Gruß
Anne-Mette

Jaddy
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Re: „Es gibt einen Transgender-Hype“

Post 18 im Thema

Beitrag von Jaddy » So 8. Sep 2019, 20:06

Anne-Mette hat geschrieben:
So 8. Sep 2019, 16:48
Ich denke, es sollte ihnen "alle Zeit der Welt" gegeben werden, damit sich sich dann entscheiden können, wenn sie es wirklich können.
... und das bedeutet auch, die körperliche Pubertät ggf. medikamentös zu verzögern.

Mal zur Info zwei TED Talks (english, aber #1 mit Transskripts in vielen Sprachen)
  1. Dr. Norman Spack, 2013 und
  2. Transgender: a mother's story, 2017
Wenn ihr erst #1 schaut und dann #2 wird klar, warum ich genau diese beiden im Zusammenhang wichtig finde. Taschentücher empfohlen...

MichiWell
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Re: „Es gibt einen Transgender-Hype“

Post 19 im Thema

Beitrag von MichiWell » So 8. Sep 2019, 20:49

Anne-Mette hat geschrieben:
So 8. Sep 2019, 16:48
Guten Tag,
MichiWell hat geschrieben:
So 8. Sep 2019, 15:57
Gegenfrage: Warum sollten wir im Alter von 5-10 Jahren nicht so eine Entscheidung treffen können?
Es ist die Frage, ob Kinder in der genannten Altersgruppe sich "in Fragen geschlechtlicher Zuordnung" entscheiden MÜSSEN.

Ich würde sagen: NEIN!

Ich denke, es sollte ihnen "alle Zeit der Welt" gegeben werden, damit sich sich dann entscheiden können, wenn sie es wirklich können.

Gruß
Anne-Mette
Oh sorry, so sollte das nicht herüber kommen. KÖNNEN bedeutet doch nicht MÜSSEN.

Vielleicht erinnerst du dich noch, dass ich schon lange den Standpunkt vertrete, den Kindern gegebenenfalls mit Pupertätsblockern Zeit zu verschaffen, die sie für ihre Findung brauchen.

Aber so weit ich Korte verstanden habe, steht der auf dem Standpunkt, dass die Kinder zuerst ihre biologisch determinierte Pupertät durchlaufen müssten, und impliziert damit, dass sie vorher keinesfalls wissen könnten, was mit ihnen los ist. Er steht auf dem Standpunkt, dass sie sich dann schon mit ihrem Geburtsgeschlecht aussöhnen und in ihre Geschlechterrolle fügen würden.

Ergänzung:
Ich weiß seit meinem 5. Lebensjahr sehr klar, was mit mir los ist, wie ich empfinde und mich selbst sehe. Daran hat sich nichts geändert. Ich musste nur auf Grund des auf mich ausgeübten Drucks erst mühevoll wieder dorthin zurück finden.


Beste Grüße
Michi
Brauchst Du Hilfe oder einfach jemanden zum quatschen? Schick mir ´ne PN!

MichiWell
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Re: „Es gibt einen Transgender-Hype“

Post 20 im Thema

Beitrag von MichiWell » So 8. Sep 2019, 22:50

!EmmiMarie! hat geschrieben:
So 8. Sep 2019, 16:43
an der Stelle unterscheiden wir uns sehr stark..zum einen darf mich das jeder fragen und zum anderen sind mir
die Annahmen dahin gehend ziemlich egal. Bei mir stimmt sowieso alles in gewisser Weise.

Ich möchte mich ganz gerne davon entfernen sexuelle Präferenzen als Tabuthema zu behandeln-das ist aber meine
ganz eigene Einstellung. Wenn das jemand für sich anders entscheidet ist das für mich auch schön..

Hmm, wird die nicht stimmige Fremdzuschreibung geäussert kann man ja etwas dazu sagen-in der Art wie Nicole
es geschriebener Weise eingesetzt hat ist es aber eine in den Raum gestellte Vermutung, nichts weiter.
Daraus könnte ich wiederum lesen, würde es keine Schwulen geben, hätte ich ein Problem weniger.
Verstehst du was da unterschwellig bei mir ankommt?
Hallo Marie,

danke für deine Antwort. Ich denke jedoch, dass wir uns nicht so sehr unterscheiden, wie du vermutest.

Was bei dir "unterschwellig ankommt", was du also in meine Worte hinein interpretierst, was ich aber mit keinem Wort geschrieben habe, das entspringt vielmehr deinen Gedanken, deinen Erwartungen und Vorurteilen. Das ist ein ganz gefährliches Pflaster, und ich möchte dich bitten, dies nochmals zu überdenken. Du wärest nicht die erste Person hier, die sich in diesen falschen Gedanken verrennt.

Also nochmal:

Ich habe nichts gegen Schwule (wie auch gegen alle anderen sexuellen Minderheiten), und im Gegensatz zur leider wohl immer noch überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung finde ich es auch völlig in Ordnung, wenn sich Schwule oder andere in der Öffentlichkeit zu einander bekennen, sich umarmen, Küsschen austauschen o.ä. mehr.

Es geht mir nicht um eine nicht stimmige Fremdzuschreibung, wie du das verharmlosend formulierst, sondern um falsches Schubladendenken. Ich finde es wenig hilfreich für das Verständnis der Gesellschaft für unser Sein, wenn wir falschem Schubladendenken nicht klar und deutlich widersprechen.

Ich denke, auch dir würde es irgendwann auf die Nerven gehen, wenn dir jeder Arsch da draußen fortwährend unterstellt, dass du als Mann ja bloß Frauenkleider anziehen würdest, um andere Hetero-Männer rumzukriegen, und dir damit deine Identität als Frau abspricht!? Oder würdest du dich in deinem Frau-Sein respektiert fühlen?

Natürlich kann ich nicht zu jeder Zeit darauf Einfluss nehmen, was andere Menschen über mich denken. Das ist mir schon klar. Aber ich werde es nicht hinnehmen, wenn gerade innerhalb der LGBTIQ... Gemeinschaft dieses Schubladendenken eher auf- statt abgebaut wird.

Selbstverständlich darf ein interessierter Mann mich fragen, ob ich auf Männer stehe, so lange er es respekiert und akzeptiert, wenn ich dies verneine und dankend ablehne.

Und ich bleibe auch bei dieser toleranten Haltung, obgleich meine praktischen Erfahrungen anders aussehen, und ich allen Grund hätte, strikte Ablehnung zu pflegen:

Ich habe im Mann-Modus leider oft genug erlebt, dass Schwule ein Nein eben nicht akzeptiert haben, sondern weiter aufdringlich wurden, sich für unwiderstehlich hielten und meinten, dass sie jeden Hetero umdrehen könnten. Ich weiß, dass selbstverständlich nicht jeder Schwule so ist, genau so wie nicht alle Männer Vergewaltiger sind. Aber ob Minderheit oder nicht, die so auffällig gewordenen Personen sind keinen Deut besser als Hetero-Männer, die permanent Frauen belästigen. In einem Fall bedurfte es gar dem Schutz von meiner damaligen Freundin und zwei ihrer Freundinnen, um seine Übergriffe abzuwenden. Frauen reagieren offenbar sensibler auf solche Situationen, da sie diese selbst kennen.


Übrigens: Glück für dich, wenn bei dir alles in gewisser Weise stimmt, was auch immer du damit meinst.


Liebe Grüße
Michi
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Re: „Es gibt einen Transgender-Hype“

Post 21 im Thema

Beitrag von !EmmiMarie! » Mo 9. Sep 2019, 10:07

MichiWell hat geschrieben:
So 8. Sep 2019, 22:50
Was bei dir "unterschwellig ankommt", was du also in meine Worte hinein interpretierst, was ich aber mit keinem Wort geschrieben habe,
Hi Michi,

das unterschwellige habe ich nicht in deinen Worten, sondern in Nicoles Sätzen gesehen..

"Den Blicken entnahm ich, dass man mich und meinen Cousin wieder als das "schwule Pärchen" ansah, bei dem ich jetzt in die weibliche Rolle geschlüpft bin. Würde ich mich also halb männlich und halb weiblich kleiden, wäre ich immer noch der "schwule Transvestit"."

Nicht das man nichts in Blicken lesen kann, trotzdem ist das einfach eine Unterstellung und darüber hinaus auch ein einsortieren
in Schubladen..oder in Nicole´s Gedanken wie auch immer...
MichiWell hat geschrieben:
So 8. Sep 2019, 22:50
Übrigens: Glück für dich, wenn bei dir alles in gewisser Weise stimmt, was auch immer du damit meinst.
Ah okay...früher habe ich gesagt ich bin bi, heute definiere ich mich als pan, weil ich jedem menschlichen Wesen Zuneigung
entgegen bringen kann. Und dazu möchte ich genauso öffentlich stehen wie zu meiner Geschlechtsidentität.
Das lasse ich mir auch nicht nehmen und ist für mich exakt der Grundstock der LSBTTIQ*bewegung.

Das du dahingehend verletzt und fehlinterpretiert wurdest ist nicht schön und tut mir sehr leid.
Natürlich würde ich mich verletzt fühlen wenn mich jemand als Mann bezeichnet der andere (geht gar nicht, weil ich keiner bin)
heterosexuelle (bin ich nicht) Männer (wer weiss das schon, sieht man das unbedingt?) rumkriegen möchte (hab ich nicht nötig).

Ich bin eine pansexuelle Frau mit transidentem Hintergrund und dazu steh ich-allerdings ist es nicht mein Schrank wenn sonst
jemand Schubladen aufzieht..und wenn ich mir selber eine definiere ist das meine Sache.

Wenn wir uns gar nicht so sehr in der Meinung unterscheiden, ist ja alles schön (dr)

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Re: „Es gibt einen Transgender-Hype“

Post 22 im Thema

Beitrag von BiancaC » Di 10. Sep 2019, 16:35

Hallo alle zusammen
bei Twitter ist eine sehr gute Zusammenfassung des Artikels mit kommentaren des Verfasser*in.

Für alle die bei Twitter sind :

https://twitter.com/epicLouT/status/117 ... 54082?s=20

Für alle anderen habe ich es zusammen gefasst.
"
Okay, Thread über den „Es gibt einen Transgender-Hype“ Artikel von FAZ, ein kurzes Interview von Kathrin Hummel mit der Professorin für
Kinder und Jugendmedizin Annette Richter-Unruh.

Es sei schon jetzt gesagt, dass es nicht so reißerisch ist wie die Überschrift.

Trotzdem ist eine genaue Lektüre interessant, daher biete ich euch mein Lesen an als eine Nachverfolgung verschiedener narrativer Stränge.

Das Interview bezieht sich auf trans Kinder, dies ist besonders im Schatten von dem ROGD Diskurs zu betrachten.

Für alle, die nicht wissen, was ~Rapid Onset Gender Dysphoria~ (ROGD) ist: eine amerikanische Wissenschaftlerin hat in TERF Foren Eltern
von trans Kindern und Jugendlichen nach dem Gender ihrer Kinder befragt.

Deren unfundierte Meinungen, dass plötzlich die Kinder wegen ~dem Internet~ trans würden, vom trans Dämon besessen wären etc hat sie
dann in einen wissenschaftlich anmutenden Begriff gekleidet...
...ohne zum Beispiel eine empirische Studie der Kinder.

ROGD ist folglich lediglich die verbegrifflichung der Meinung unbetroffener Menschen unter absichtlicher nicht Betrachtung wissenschaftlichen Korpus
oder einer Probe der formulierten Hypothese „ROGD“.

Einfach: Hörensagen.

Biologismus

Okay, nun zum Artikel. Richter-Unruh spricht von Geschlecht von Biologie, wiederruft sofort und meint stattdessen ~Geschlechtsorgane~.
Wär ja auch zu schön, würde es eine differenzierte Betrachtung sein.

Transfeindlichkeit

Richter-Unruh ist strange, sie beschreibt ein trans Mädchen, dass zu ihr kam, Kleid trägt, dies das, „Aber die Eltern sprachen immer von Paul.“
No shit, Eltern können transfeindlich sein & misnamen. Das ist kein Gegenargument gegen die transness von einem Kind

Biologismus

„und sich selbst, obwohl es einen Penis hat, von frühester Kindheit an als Mädchen gesehen hatte.“
Cissen sind funny, glauben, dass intime Anatomie notwendige Selbstevidenz
mit sich trage. Also weil 1 Penis da ist, muss 1 Junge sein.

Ob ein Penis da ist oder nicht hat nichts zu sagen über Geschlecht. Ansonsten gäbe es keine trans Personen - aber trans lesbare Leben sind in
verschiedenen Kulturen über jede Zeit immer wieder auffindbar.

Heißt, dass die Kausalkette zwischen „Penis“ und „Junge/Mann“ nur eine kulturelle Konstruktion ist und nichts natürliches, notwendiges an sich hat,
sondern Personen wie Richter-Unruh selbst die sind, die dafür zuständig sind diese Konstruktion aufrecht zu erhalten.

Heißt: Richter-Unruhs Empörung über das ~Geschlecht trotz Penis~ ist nur ihr performatives Konstruieren von transness als ~unnatürlichem~ Zustand
und der Reproduktion normativer Verhältnisse.

„Die Eltern fragten nun, was sie tun sollten, wenn das Kind eingeschult werde.“
Es ist immer wieder traurig, dass Ärzt_innen anstatt von Peerberatungen gefragt werden bei solchen Fragen.

Ärzt_innen sind für pädagogische und soziale Fragen nicht die richtigen Ansprechpartner_innen. Durch ihre zugesprochene Autorität werden sie jedoch dafür gehalten.

Richter-Unruh plädiert aber ziemlich simpel dafür transness von Kindern anzuerkennen. Nice.

Eine Betrachtung, die sich nur der Ideologie einer ~reinen Biologie/Medizin~ hingibt, ohne gesellschaftliche Faktoren zu betrachten, ist mindestens fehlerdurchzogen.

Richter-Unruh führt erstmal epigenetische, genetische oder umweltbedingte Veränderungen an, weswegen es inzwischen mehr trans Personen gibt als früher. Deutet erst
mal auf ein breites Angebot an ~Gründen~ an, warum Leute trans sein können. Aber.

Scheinbar ist Trans-sein ist etwas ganz neues, das sich scheinbar erst in den letzten 100 Jahren herausgebildet habe. Hmm… Aus Perspektive der Medizin ist dies sogar
eine verständliche Aussage, jedoch muss dies kulturwissenschaftlich reflektiert werden.

In der Perspektive der modernen Humanmedizin ist trans-sein erst in den 70ern als etwas vollkommen neues anerkannt worden. Erst seitdem gibts messbare Individuen und ein
spezifisch pathologisiertes Krankheitsbild, anhand dessen transness medizinisch erkennbar wird.

Historische Kontingenzen, eine Auseinandersetzung mit zum Beispiel indigenen Modellen von Geschlecht,
etc sind nicht Teil der Betrachtung und können das auch nicht sein. Dafür fehlt es an Methoden und Rückschlüssen innerhalb der Medizin. Deswegen ist Interdisziplinarität
wichtig.

Richter-Unruh ist vielleicht jetzt sogar nah dran, wenn sie beschreibt, dass neben Hormonen, Hirnzellen und Umwelteinflüssen nun es einen ~Hype~ gäbe. Nur, dass sie aus
herrschender
Perspektive ihre Position nicht reflektiert. Aber kurz nochmal langsam.

CN SVV
Richter-Unruh meint nun, dass Personen, die Depressionen hätten, SVV durchführen und Angststörungen haben, im Internet den Begriff transgender finden würden und sich damit
identifizieren.
Das ist praktisch das typische ROGD Argument.

Nur, dass Richter-Unruh es noch mit einem weiteren Argument anreichert: trans Jungen würden sich nach den gesellschaftlichen Privilegien männlichen Genders sehnen.
Trans sein ist ja auch super easy und bequem und so, jaja.

Was gut ist: Richter-Unruh spricht sich deutlich für frühe Hormontherapien aus, anstatt Pubertät abzuwarten.

Kommen wir zu den Zahlen und analysieren den Trend: 2006 seien 3 trans Kids bei ihr, in diesem Jahr wären es schon 200 gewesen, 600 gerade aktiv in Behandlung.
Das klingt erstmal nach einer krassen Steigerung.

Sie selbst sieht sich nicht in der Position transness zu bewerten, sondern „Die Diagnose einer Transidentität stellt ein Kinder- und Jugendpsychiater oder ein Psychologe.“,
zwar nicht 100% optimal, aber besser, als wenn sie sich selbst auch noch gatekeeperisch beteiligt.

…Sie bewertet aber trotzdem die transness. Es würden nicht alle behandelt werden, die sich vorstellen. Bei der Hälfte sei sie nicht von deren trans-sein überzeugt.

Warum nicht? Weil es nicht in die medizinische Definition von trans reinpasst. Weil die medizinische Definition von trans immer ein binärnormatives Narrativ
reproduziert: trans Personen müssen Hormone, OP etc wollen, sich 100% mit weiblich/männlich identifizieren und und und

Nicht binäre, Agender, Genderqueere Personen, Personen jenseits der Binarität etc werden als nicht trans angesehen, weil sie nicht den rigiden Vorgaben
der Gatekeeper_innen gerecht werden.

Der Widerspruch zwischen medizinischen Definitionen und realen Leben wird nicht dadurch aufgelöst, dass medizinische Definitionen erweitert, sondern
dass reale Leben psychopathologisiert werden.

Die mit der S3 Leitlinie weniger programmatische und nicht binäre Personen miteinbeziehenden Grundsätze können da langfristig mehr Möglichkeiten bieten,
jedoch dauert es, bis Gatekeeper_innen ihren Widerstand gegen nicht normatives Leben aufgeben.

Natürlich folgt, damit es auch ein cisnormativer Abfallartikel ist, noch Infos über bereuende.
Richter-Unruh führt dafür 2 Fälle an, die ise kennt. Zum Vergleich, 2 gegenüber 600, die nur jetzt gerade in Behandlung sind.

Der erste Fall ist eine Person, die mit 14 Testo anfing und mit 18 dann absetzte, weil die Person damit unglücklich war und sich entschied als weibliche Lesbe zu leben.

Der zweite Fall, ein trans Mann, der sich wohlfühlt, aber sich auch vorstellen könne wieder als Frau zu leben und nun, weil er mit seiner Partnerin gerne Kinder bekommen würde,
sie aber keine kriegen kann, nun fragte, ob was bzgl Fortpflanzung rückgängig zu machen sei.

Die erste Person ist sehr klassisch bereuend. Die zweite scheint jedoch nur mit einem Aspekt unzufrieden zu sein. Also nicht die übliche verteufelung von transness. Immerhin.

Richter-Unruh endet damit, dass sie sich für Fehler eingestehen ausspricht. Und ja, das ist wichtig.
Fazit: clickbait Überschrift mit cisnormativer Gesprächsführung, teils unreflektiertem und problematischen Argumentationen, aber nicht ansatzweise so schlimm, wie sein könnte "

Viele Grüße Bianca
wer rächtschreibfeler findet darf sie behalten !

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Re: „Es gibt einen Transgender-Hype“

Post 23 im Thema

Beitrag von BiancaC » Mi 11. Sep 2019, 21:04

Für alle die es intresiert ein kleiner Nachtrag:

https://medium.com/@stn1978/transgender ... 956d847be8

VG Bianca
wer rächtschreibfeler findet darf sie behalten !

MichiWell
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Re: „Es gibt einen Transgender-Hype“

Post 24 im Thema

Beitrag von MichiWell » Mi 11. Sep 2019, 21:51

Hallo Bianca,

danke für die Infos.

Ich habe auch den Artikel zum Interview mit Carsten Knop gelesen und muss sagen ... ist schon ein starkes Stück, dass die FAZ Beiträge nach meiner Wahrnehmung bewusst in bester BILD-Zeitungs-Manier macht, um Abonnenten für ihr Angebot F+ zu generieren. Sowas stärkt nicht gerade das Vertrauen in die Medien. Schade.


Liebe Grüße
Michi
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