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Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Di 16. Jul 2019, 13:55
von Vincent
Hallo zusammen,

Gleich vorweg, ich mache mir wahrscheinlich zu viel Gedanken, bin übersensibel und übertreibe vermutlich. :roll:
Es geht mal wieder um Kinder, genaugenommen um meinen Sohn zwei.

An anderer Stelle hatte ich schon vor einiger Zeit geschrieben, dass meine Art mich zu kleiden usw. in der Familie voll akzeptiert ist, und auch keinerlei Thema für Konflikte darstellt, auch nicht im Umfeld meiner Kinder.

Dass ich auch meinen Kindern die freie Wahl lasse, sich zu kleiden wie sie wollen, ist für mich selbstverständlich. Während Sohn eins immer den starken Mann herausstellen will, auch wenn er schon mal in einem Kleid in der Schule war, ist Sohn zwei eher der ruhige empathische Typ, will seine Haare lang tragen , liebt seine Glitzerstrumpfhose und ein Kleid dazu. Trotzdem ist er meistens wie ein Junge gekleidet. Mal will er Nagellack, mal will er von meiner Frau das Schminken gezeigt bekommen (ich kann es nicht).

Das gesamte Verhalten habe ich bislang als kindliches Experimentieren und Ausleben seiner Wünsche verstanden, wie es stattfindet, wenn man von den Eltern nicht in der Form reglementiert wird, wie das in den meisten Fällen bei Jungs stattfindet. Ehrlich gesagt, habe ich mich darüber gefreut, dass er sich traut, von den "Normen" die ihm durchaus bekannt sind, abzuweichen und sich auch in seinem Umfeld, wie Freunde und Kita damit durchzusetzen.

Was mich in den letzten Wochen aber stutzig gemacht hat waren eine Reihe wiederholter Bemerkungen von ihm.

Er wurde und wird immer wieder für ein Mädchen gehalten, was alleine aufgrund der langen Haare nicht überrascht. Hatte ich früher das Gefühl, er würde solche Bemerkungen ignorieren oder als irrelevant hinnehmen, hat er kürzlich seine Freude darüber zum Ausdruck gebracht.

Dazu passend hat er mittlerweile mehrfach geäußert, wer wäre ein Mädchen — wobei es ganz klar nicht die Situation eines kindlichen Rollenspiels war. Dass er überwiegend Freundinnen hat, mit ihnen aber durchaus nicht nur typische Mädchenspiele macht, kommt noch dazu.

Ich stelle mir jetzt die Frage, ob mehr dahinter steckt, oder es schlicht ein kindliches Experimentieren in einer Selbstfindungsphase ist, das natürlich durch mein Vorbild und unsere, in diesem Bereich sehr offene Erziehung, nicht in die üblichen Bahnen gelenkt wird.

Welchen Weg er einschlagen würde, wäre mir persönlich absolut egal, für mich ist nur entscheidend, dass er damit glücklich wird, und ich ihn nicht in der einen oder anderen Richtung beeinflusse.
Was das betrifft habe ich allerdings große Bedenken, ob ein von der "Norm" abweichender Vater nicht auch schon eine Beeinflussung darstellt, negativ betrachtet
oder, positiv gesehen, einem Kind zeigt, dass man andere Wege gehen kann.

Wie seht ihr das?

Dass für ihn in ein paar Wochen die Schule beginnt, ist auch noch ein Thema, ich frage mich, wie man sich als Eltern am besten verhält, wenn er beschließt "heute mal ein Kleid zu tragen", so wie ich das im Kindergarten kommentarlos akzeptiert habe.
Meine Frau hat ihre Position dazu schon klar definiert: Er kann tragen, was er will, solange es im Rahmen dessen ist, wie man/ Kinder beliebigen Geschlechts, sich üblicherweise kleiden.

Viele Grüße
Vincent

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Di 16. Jul 2019, 14:16
von Anja
Moinsen (moin)
Vincent hat geschrieben: Di 16. Jul 2019, 13:55 Dass für ihn in ein paar Wochen die Schule beginnt, ist auch noch ein Thema, ich frage mich, wie man sich als Eltern am besten verhält, wenn er beschließt "heute mal ein Kleid zu tragen", so wie ich das im Kindergarten kommentarlos akzeptiert habe.
Meine Frau hat ihre Position dazu schon klar definiert: Er kann tragen, was er will, solange es im Rahmen dessen ist, wie man/ Kinder beliebigen Geschlechts, sich üblicherweise kleiden.
Ich glaube nicht, das die Erziehung da großen Einfluss nehmen kann, ob euer Kind ein Junge oder ein Mädchen ist. Die Identität wird irgendwann durchbrechen, egal welchen Geschlechts. Was die Erziehung aber schon beeinflussen kann, ist der Umgang damit. Ich wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen meine weiblichen Anwandlungen, die ich schon als Kind hatte, mit meinen Eltern zu besprechen.
Da seid ihr natürlich ganz andere Vorbilder. Eure Kinder würden solche Gefühle euch gegenüber vermutlich nicht verschweigen, weil sie wissen, das sie so akzeptiert werden, wie sie sind.

Spricht denn etwas dagegen, so weiterzumachen wie bisher?

Grüße
die Anja

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Di 16. Jul 2019, 14:41
von ExuserIn-2019-12-22
Hallo Vincent,

ich schließe mich deiner Frau an. Besser hätte ich es nicht formulieren können.


Ich wusste in der Kita schon, dass ich weiblich bin, aber genau wie Anja hätte ich nicht im Traum daran gedacht es meinen Eltern zu sagen.
Es gibt nicht die eine perfekte Erziehungsmethode. Aber ich finde ihr macht das schon gut. Eure Kinder haben da vielen Kindern nicht nur die Erfahrung sondern damit auch ganz andere Sichtweisen. Eine Bereicherung wird das auf jeden Fall.

Kinder können ab und an grausam sein. Das darf man nicht vergessen. Mit dem nötigen Rückhalt von ihren Eltern werden sie schon die für sich richtige Entscheidung treffen, ungeachtet von dem was andere Kinder dazu sagen. Und wenn das noch paar Jahre dauert.

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Di 16. Jul 2019, 15:27
von Dolores59
Meine Frau hat ihre Position dazu schon klar definiert: Er kann tragen, was er will, solange es im Rahmen dessen ist, wie man/ Kinder beliebigen Geschlechts, sich üblicherweise kleiden.
Der Satz erinnert mich an eine Aussage, die Henry Ford zugeschrieben wird: "Sie können einen Ford in jeder Farbe haben — Hauptsache er ist Schwarz."

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Di 16. Jul 2019, 21:11
von Michelle_Engelhardt
Mein Sohn, biologisch weiblich also FzM, wußte schon im Vorschulalter, was mit ihm los war (da war er mir in dem Punkt um Jahrzehnte voraus :lol:) Ich finde es gut, das ihr ihn oder sie nicht einschränkt und in irgendeine Schablone pressen wollt.
Weiter so (yes)

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Di 16. Jul 2019, 23:52
von Michi
Dolores59 hat geschrieben: Di 16. Jul 2019, 15:27
Meine Frau hat ihre Position dazu schon klar definiert: Er kann tragen, was er will, solange es im Rahmen dessen ist, wie man/ Kinder beliebigen Geschlechts, sich üblicherweise kleiden.
Der Satz erinnert mich an eine Aussage, die Henry Ford zugeschrieben wird: "Sie können einen Ford in jeder Farbe haben — Hauptsache er ist Schwarz."
Also wenn die Frau von Vincent gesagt hätte: "Unsere Söhne können anziehen, was sie wollen, solange es Jungskleidung ist.", hätte ich deiner Einlassung zugestimmt.

Liebe Grüße
Michi

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Mi 17. Jul 2019, 00:01
von Michi
Hallo Vincent,

auch ich wusste schon im Kindergartenalter, dass ich anders als die anderen Jungs war, obgleich ich doch so sein sollte wie sie. Und ebenso klar war mir bewusst, dass ich mit keinem Menschen darüber reden konnte, dem ich mich sonst in allen anderen Dingen anvertrauen konnte. In dieser Hinsicht haben deine Kinder einen Riesen-Vorteil.

Liebe Grüße
Michi

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Mi 17. Jul 2019, 00:33
von ExuserIn-2020-07-10
Als Eltern das Kind Gender-erweitert zu Erziehen ist schwer, wenn das Kind dennoch in Kindergarten und Schule auf Konventionelle Vorstellungen durch Lehrer, andere Eltern und besonders durch andere Kinder trifft.


Ich sehe das so:
Je nach Charakter versuchen sich Kinder mehr oder weniger in einer Gesellschaft anzupassen.
So kann der maskulin auftretende Junge viel sensibler sein als der sensible Junge. Denn er verbirgt möglicherweise einen starken Anpassungsdruck.

Verhalten und persönliche Vorlieben sagen nichts über die Geschlechtsidentität aus. Es gibt wilde Mädchen und zarte Jungs. Es gibt Kinder die mögen Pink und es Kinder die mögen Blau. Gesellschaft definiert nur was wir als Mädchen oder Junge wahrnehmen. Von außen wird man nun nach diesen Faktoren einer Geschlechtsgruppe zugeordnet. Daraus kann dann eine Identifikation mit einer bestimmten Gruppe beim Kind entstehen.

Identität ist wandelbar und gar nicht so starr wie wir denken, allerdings laufen diese Prozesse gar nicht so Bewusst ab und lassen sich deshalb schwer steuern.

Existenzangst, soziale Zugehörigkeit und mehr könnem ein Auslöser für solche Prozesse sein.

Die Philosophische Frage:
Wie gehen wir mit der Selbstbestimmung um? Wie mit Unkonformen Verhalten?
Vor 20 Jahren waren Tatoos verpöhnt und eine Seltenheit. Heute sind sie komplett normal und akzeptiert. Wenn sie nicht groß auffallen sollten sie auch im Alltag kaum Probleme machen.

Was Gender-Erweitertes Verhalten angeht sind wir noch nicht soweit aber man muss auch irgendwo anfangen damit dann in 20 Jahren das tragen eines Kleides für Jungs komplett normal sein kann und keine dummen Kommentare mehr provoziert.

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Mi 17. Jul 2019, 15:50
von Vincent
Liebe Anja,
natürlich werden wir weitermachen, wie bisher, eine andere Option könnte ich mir auch nicht vorstellen, auch wenn die Großmutter ganz massiv versucht Einfluss zu nehmen.

Und auch wenn alles nur kindliches Experimentiern und die Freude an bunterer abwechslungsreicherer Kleidung ist, hat in unseren Augen ein Junge das gleiche Wahlrecht wie ein Mädchen.

Wohin die Entwicklung geht, ist nicht wirklich relevant, sieht man davon ab, dass ein CIS Leben in vielerlei Hinsicht einfacher ist.

Worüber ich immer wieder nachdenken muss, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vater, der sich irgendwo zwischen den Geschlechtern sieht, zufällig auch noch einen Sohn hat, für den das Geschlecht auch ein Thema darstellt. Zufall?
Gibt es Zusammenhänge? Oder eifert man einfach seinem Vater nach, der mit langen Haaren und Kleid durchs Leben geht?

Hast Du dir diese Frage auch gestellt, Michelle? Mich beruhigt es irgendwie, dass solche Zufälle häufiger auftreten, wenn es denn Zufälle sind.
Darf ich fragen wie alt Dein Sohn jetzt ist?

Was Du, Toni, über das Umfeld schreibst ist war und wirklich ein Thema. Im Kindergarten gab es von Seiten der Erzieher kein Problem, von den Erzieherinnen hatten zwei wohl damit zu kämpfen, sich aber zurückgehalten.

Eher waren die anderen Kinder anstrengend, wobei auch bei denen Das Thema schnell erledigt war, als sie bemerkten, dass der Spruch "du siehst aus wie ein Mädchen" keine Wirkung entfaltete.

Ich hoffe, dass in der Schule auch keine Probleme auftreten.

Als Kind hätte ich mich vermutlich verhalten wie mein Sohn, wäre es mir möglich gewesen, wo ich dann allerdings heute stehen würde ist eine interessante, wenn auch hypothetische Frage.

Liebe Grüße
Vincent

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Do 18. Jul 2019, 04:40
von Michelle_Engelhardt
Hallo Vincent,

die Einflussnahme der Großmutter kommt mir sehr bekannt vor. Das hat meine Mutter bei ihrem Enkel auch probiert, aber inzwischen aufgegeben. Mein Sohn ist heute 22 und wie gesagt ist ihm seine Transidentität schon lange vor dem Auftauchen von Michelle bewußt gewesen. Insofern kann ich ein "Nacheifern" wohl ausschließen. Wir waren vor Jahren bei einem führenden Professor für Transidentität, insbesondere FzM, in Frankfurt. Er fand es höchst interessant, diese "Laune der Natur" bei zwei aufeinander folgenden Generationen vorzufinden. Er hat sich lange mit uns unterhalten und meinte, das dies wohl eher selten vorkommt.

Liebe Grüße
Michelle

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Do 18. Jul 2019, 06:20
von Dolores59
Vincent hat geschrieben: Mi 17. Jul 2019, 15:50 Worüber ich immer wieder nachdenken muss, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vater, der sich irgendwo zwischen den Geschlechtern sieht, zufällig auch noch einen Sohn hat, für den das Geschlecht auch ein Thema darstellt. Zufall?
Gibt es Zusammenhänge? Oder eifert man einfach seinem Vater nach, der mit langen Haaren und Kleid durchs Leben geht?
Es ist ganz normal, wenn Kinder ihre Eltern nachmachen und beispielsweise bestimmte Verhaltensweisen übernehmen. Das lässt sich nicht verhindern. Folglich hast Du schon einen gewissen Einfluß auf die Entwicklung Deiner Kinder.

Das Sprichwort "Ein Apfel fällt nicht weit vom Stamm" hat schon einen wahren Kern.

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Do 18. Jul 2019, 08:09
von sbsr
Fraglich ist, kleidet der Nachwuchs sich so, weil es ihm bewusst gefällt sich als Mädchen zu geben und traut er es sich, weil er beim Vater sieht, dass es in Ordnung ist. Oder steckt ein höherer Grad Transidentität (ihr wisst was ich meine) dahinter, den sich der Nachwuchs traut offen auszuleben, weil die Eltern Akzeptanz signalisieren. Oder ist es nur ein Nacheifern, wenn Papa das macht mache ich das auch, so wie viele Jungs den gleichen Berufswunsch äußern, den Papa ausübt. Oder wächst der Sprössling in einer so offenen Welt auf, dass es weder Transidentität noch Papa als Vorbild braucht, sondern er einfach nimmt was ihm gefällt und dabei überhaupt nicht zwischen Jungs- und Mädchensachen differenziert ("Socken sind für Füße").

Und die zweite Frage ist, spielt die Antwort auf obige überhaupt eine Rolle.

Ich hoffe einfach nur, und wünsche dem Kind, dass es in ein Umfeld hinein wächst, wo man sich am besten gar nicht mehr behaupten muss, weil man "anders" ist. Und wenn doch, dann hat Euer Kind auf jeden Fall die besten Eltern, die man sich in so einem Fall wünschen kann, die trotz Gegenwind aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis absoluten Rückhalt bieten.

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Do 18. Jul 2019, 10:01
von Vincent
Hallo Svenja,
Du bringst meine Gedanken auf den Punkt genau das geht mir auch immer durch den Kopf.
sbsr hat geschrieben: Do 18. Jul 2019, 08:09 Oder wächst der Sprössling in einer so offenen Welt auf, dass es weder Transidentität noch Papa als Vorbild braucht, sondern er einfach nimmt was ihm gefällt und dabei überhaupt nicht zwischen Jungs- und Mädchensachen differenziert.
Das wäre mir die liebste Vorstellung und ist eigentlich genau das was ich meinen Kindern zu vermitteln versuche.

Wohin der Weg geht werde ich wohl erst später erfahren.

Viele Grüße
Vincent

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: Do 18. Jul 2019, 14:05
von Jaddy
Vincent hat geschrieben: Mi 17. Jul 2019, 15:50Das Thema schnell erledigt war, als sie bemerkten, dass der Spruch "du siehst aus wie ein Mädchen" keine Wirkung entfaltete.
Iggy_Dress.jpeg

Re: Mein Sohn im Kleid

Verfasst: So 21. Jul 2019, 14:06
von Joe95
sbsr hat geschrieben: Do 18. Jul 2019, 08:09 Und die zweite Frage ist, spielt die Antwort auf obige überhaupt eine Rolle.
Genau das ist der Punkt.
Wenn er einfach nur seinem Vater nacheifert, warum auch immer, wird sich das irgendwann von selber legen.
Ist es wirklich sein Wesen wird es sich mit der Zeit steigern.

Ich finde es auch normal, dass Kinder mit Transidenten Vorbildern in der Familie, eher dazu stehen. Egal ob Spielerei oder Veranlagung, das Vorbild in der Familie zeigt doch das es möglich ist