Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition
Verfasst: Fr 12. Jul 2019, 16:36
Ihr Lieben,
ich nehme mal folgende Zitate von Anja als Aufhänger:
Doch das Thema ist einfach zu wichtig. Ein mehr oder weniger zufriedenstellendes Leben gibt es aus meinen Erfahrungen nur dann, wenn Transition und Sozialisation in der neuen äußeren Rolle erfolgreich sind. Bei mir verläuft die Transition optimal ohne Probleme und größeren Erfolgen als erwartet (Zufriedenheit: 100%), aber die Sozialisation ist zerstört (Zufriedenheit: 37%). Was dabei rauskommt, mag ich nicht wiederholen.
Für mich haben sich folgende soziale Komponenten als wesentlich herauskristallisiert, die ich zusätzlich versucht habe, gegeneinander zu wichten:
Familie incl. Kinder - 25 Punkte
Familie sollte eigentlich immer füreinander da sein. Die Praxis sieht anders aus. Jahrzehntelange Streitereien entzweien die Generationen und wenn dann noch ein Trans*Fall auftaucht, der bislang nur aus TV-Dokumentationen bekannt war, gibt es richtig Ärger. Zum Glück existieren positive Beispiele, aber auch genug, bei denen Trans*Personen vollständig und für immer verstoßen werden.
Partner- 20 Punkte
Nicht umsonst versuchen die meisten, ihre Beziehung um fast jeden Preis zu retten - sogar unter Einsatz ihrer eigenen Zufriedenheit und Gesundheit, weil sie sich selbst aufgeben / verleugnen. Denn einen Menschen zu finden, der einen um seiner Selbst Willen liebt, ist ein Lotteriespiel mit geringer Gewinnchance.
Ist der Partner erstmal fort, wird schnell klar, dass sich die gewachsene Toleranz der Gesellschaft keineswegs auf Beziehungen auswirkt. Wer im "falschen" Geschlecht geboren wurde, stößt zu 99% auf kategorische Ablehnung. Das Verschweigen des Geburtsgeschlechts bringt die Bombe eben etwas später zum Platzen. Der offene Umgang damit von Anfang an schränkt die Chancen radikal ein.
Freunde - 15 Punkte
Gerade alte Männerfreundschaften, die auf Härte basieren (große Sprüche, große Gewichte, große Biere), werden in solchen Fällen auf die Probe gestellt. Meist können nicht alle Freundinnen und Freunde von damals mit herübergenommen werden in das neue Leben. Manchmal sind auch alle weg. Je höher das Lebensalter, desto weniger Zeit bleibt und desto schwieriger wird es, einen neuen Freundeskreis zu finden.
Arbeit - 15 Punkte
Viele verbringen die Hälfte ihres Lebens auf der Arbeit. Im Extremfall beschränken sich bei Einsamkeit und Isolation die sozialen Kontakte auf die, welche nicht wegrennen können: Kolleginnen und Kollegen. Gerade Trans*Personen sind insbesondere im Arbeitsleben zahlreichen Benachteiligungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Das geht los beim Bewerbungsverfahren bis hin zu Beurteilungen, der "Bevorzugung" bei Kündigungen oder Versetzungen in die Besenkammer, um z.B. jegliche Kundenkontakte zu unterbinden.
Bedeutsam für die Zufriedenheit mit der Integration kann es sein, ob die Transition am alten Ort absolviert wird oder ob ein echter Neuanfang möglich ist.
Alltag - 10 Punkte
Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein täglicher Kampf notwendig ist, die Umwelt mit seinem Anderssein zu konfrontieren, sobald man den Fuß auf die Straße setzt, oder ob ein entspanntes "Durchschwimmen" (stealth) möglich ist. Beides hat Vor- und Nachteile. Bei Ersterem sehen die Leute, dass da jemand unterwegs ist, der nicht im gelebten Geschlecht geboren wurde und stellen sich drauf ein. Bei Letzterem sehen sie es bei fehlendem Scharfblick nicht - und fühlen sich getäuscht, betrogen, hintergangen, sobald aus irgendeinem Grunde im Alltag das normale Level von Distanz und Unverbindlichkeit verlassen wird (Beispiel: Flirt).
Freizeit - 10 Punkte
Wie schwer es sein kann, als Trans*Mensch auch in der Freizeit Anschluss zu finden, kann hier in manchen Erfahrungsberichten nachgelesen werden. Da scheint es unmöglich, einen Tanzpartner zu finden, es gibt bei pre-OP Reibereien wegen Umkleide und Duschen, sodass solche schweißtreibenden Aktivitäten manche von vornherein abschrecken mögen.
Gibt es Probleme auf der Arbeit (Diskriminierung, Mobbing), wird es umso wichtiger, durch die Freizeit ein positives Gegengewicht zu schaffen.
Bürokratie - 5 Punkte
Wer keine VÄ / PÄ durch hat, muss sich ewig falschen Vornamen und falsche Anrede gefallen lassen. Das lässt nur die Härtesten wirklich kalt. Der Ergänzungsausweis hilft nur begrenzt, z.B. bei Polizeikontrollen. Ob Türsteher und Paketshops diesen anerkennen, liegt in deren Ermessen. Dazu kommt ein nicht endendes Zwangsouting, ob nun beim Abholen von Medikamenten, dem Aufsuchen neuer Ärzte jenseits der Trans*Problematik, dem Mieten von Autos oder Wohnungen, dem Abholen von Paketen.
Ich hielt es ein Jahr lang aus, nachdem ich im Identitätsgeschlecht lebte. Dann musste die gerichtliche Änderung her, koste sie, was sie wolle. Es war einfach zu erniedrigend und führte u.a. dazu, dass ich mangels Allgemeinarzt bis zur Umstellung meiner Dokumente alle Krankheiten bis zu 40-°C Fieber alleine auskurierte - ohne Arzt.
So, nun zählt mal eure Punkte zusammen. Volle Punktzahl gibt es nur bei vollständiger Erfüllung / Zufriedenheit in der jeweiligen Sparte. Wer ein Ergebnis von 100 bekommt, darf uneingeschränkt beneidet werden.
LG
-Diva
PS: Mein Ergebnis 37 Punkte (0 Punkte Familie + 10 Punkte Partner + 5 Punkte Freunde + 5 Punkte Arbeit + 10 Punkte Alltag + 2 Punkte Freizeit + 5 Punkte Bürokratie)
ich nehme mal folgende Zitate von Anja als Aufhänger:
Doch, ich hatte in meinen Negativ-Beiträgen aus dem Frühjahr ständig dieses Thema erwähnt. Es ist mein größtes Problem, das mich bereits komplett hatte abstürzen lassen.Anja hat geschrieben: Fr 12. Jul 2019, 13:31 Und ebenso die Sozialisation. Auch diese Anpassung wird nicht nach 5 Jahren zu Ende sein. Nach meinen 38 Jahren männlicher Sozialisation stellen 5 Jahre als Frau nur einen Anfang dar. Wobei ich glaube, das gerade dieser Teil völlig unterschätzt wird.
Alle reden von Hormonen und der GaOP, aber keiner über Sozialisation.
Meinst du jetzt, dass trotz weiblichen Hormonspiegels für alle äußerlich deutlich der ehemalige Mann erkennbar ist und daraus die männliche Wirkung resultiert oder meinst du, dass eine transidente Frau, die statt im Häkelkurs bei den jungen TischlerInnen mitmacht, wegen ihrer Tätigkeit männlich wirkt? Letzteres ist m.E. durch 100 Jahre Emanzipationsarbeit in diesem Land nicht mehr problematisch. Ich sehe täglich Frauen mit bekleckerten Bauklamotten in der Bahn.Anja hat geschrieben: Fr 12. Jul 2019, 13:31 Die Hormone können mich optisch zu 100% in eine Frau verwandelt haben, ohne entsprechende weibliche Sozialisation werde ich immer männlich auf andere wirken.
Und ich nutze deinen Gedankenanstoß und eröffne einen neuen Thread, um Lisa nicht zu übertexten bzw. zu kapern.Anja hat geschrieben: Fr 12. Jul 2019, 13:31 Deswegen genieße ich es auch, (möglichst) viel Zeit in der Gesellschaft von geborenen Frauen (zu Hause bei meiner Frau, im Büro mit den Kolleginnen und natürlich neuerdings mit meiner Freundin) zu verbringen.
Ich glaube, durch die gemeinsame Zeit mit von Geburt an sozialisierten Frauen "geht" dann auch etwas auf mich über. Aber Erfahrungswerte zu dieser Thematik tendieren ja so ziemlich gegen Null.
Zumindest ist mir, glaube ich, hier noch kein Thread dazu begegnet...
Naja, bevor ich jetzt noch ganz vom Thema abdrifte, beende ich mal den Beitrag![]()
Grüße
die Anja
Doch das Thema ist einfach zu wichtig. Ein mehr oder weniger zufriedenstellendes Leben gibt es aus meinen Erfahrungen nur dann, wenn Transition und Sozialisation in der neuen äußeren Rolle erfolgreich sind. Bei mir verläuft die Transition optimal ohne Probleme und größeren Erfolgen als erwartet (Zufriedenheit: 100%), aber die Sozialisation ist zerstört (Zufriedenheit: 37%). Was dabei rauskommt, mag ich nicht wiederholen.
Für mich haben sich folgende soziale Komponenten als wesentlich herauskristallisiert, die ich zusätzlich versucht habe, gegeneinander zu wichten:
Familie incl. Kinder - 25 Punkte
Familie sollte eigentlich immer füreinander da sein. Die Praxis sieht anders aus. Jahrzehntelange Streitereien entzweien die Generationen und wenn dann noch ein Trans*Fall auftaucht, der bislang nur aus TV-Dokumentationen bekannt war, gibt es richtig Ärger. Zum Glück existieren positive Beispiele, aber auch genug, bei denen Trans*Personen vollständig und für immer verstoßen werden.
Partner- 20 Punkte
Nicht umsonst versuchen die meisten, ihre Beziehung um fast jeden Preis zu retten - sogar unter Einsatz ihrer eigenen Zufriedenheit und Gesundheit, weil sie sich selbst aufgeben / verleugnen. Denn einen Menschen zu finden, der einen um seiner Selbst Willen liebt, ist ein Lotteriespiel mit geringer Gewinnchance.
Ist der Partner erstmal fort, wird schnell klar, dass sich die gewachsene Toleranz der Gesellschaft keineswegs auf Beziehungen auswirkt. Wer im "falschen" Geschlecht geboren wurde, stößt zu 99% auf kategorische Ablehnung. Das Verschweigen des Geburtsgeschlechts bringt die Bombe eben etwas später zum Platzen. Der offene Umgang damit von Anfang an schränkt die Chancen radikal ein.
Freunde - 15 Punkte
Gerade alte Männerfreundschaften, die auf Härte basieren (große Sprüche, große Gewichte, große Biere), werden in solchen Fällen auf die Probe gestellt. Meist können nicht alle Freundinnen und Freunde von damals mit herübergenommen werden in das neue Leben. Manchmal sind auch alle weg. Je höher das Lebensalter, desto weniger Zeit bleibt und desto schwieriger wird es, einen neuen Freundeskreis zu finden.
Arbeit - 15 Punkte
Viele verbringen die Hälfte ihres Lebens auf der Arbeit. Im Extremfall beschränken sich bei Einsamkeit und Isolation die sozialen Kontakte auf die, welche nicht wegrennen können: Kolleginnen und Kollegen. Gerade Trans*Personen sind insbesondere im Arbeitsleben zahlreichen Benachteiligungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Das geht los beim Bewerbungsverfahren bis hin zu Beurteilungen, der "Bevorzugung" bei Kündigungen oder Versetzungen in die Besenkammer, um z.B. jegliche Kundenkontakte zu unterbinden.
Bedeutsam für die Zufriedenheit mit der Integration kann es sein, ob die Transition am alten Ort absolviert wird oder ob ein echter Neuanfang möglich ist.
Alltag - 10 Punkte
Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein täglicher Kampf notwendig ist, die Umwelt mit seinem Anderssein zu konfrontieren, sobald man den Fuß auf die Straße setzt, oder ob ein entspanntes "Durchschwimmen" (stealth) möglich ist. Beides hat Vor- und Nachteile. Bei Ersterem sehen die Leute, dass da jemand unterwegs ist, der nicht im gelebten Geschlecht geboren wurde und stellen sich drauf ein. Bei Letzterem sehen sie es bei fehlendem Scharfblick nicht - und fühlen sich getäuscht, betrogen, hintergangen, sobald aus irgendeinem Grunde im Alltag das normale Level von Distanz und Unverbindlichkeit verlassen wird (Beispiel: Flirt).
Freizeit - 10 Punkte
Wie schwer es sein kann, als Trans*Mensch auch in der Freizeit Anschluss zu finden, kann hier in manchen Erfahrungsberichten nachgelesen werden. Da scheint es unmöglich, einen Tanzpartner zu finden, es gibt bei pre-OP Reibereien wegen Umkleide und Duschen, sodass solche schweißtreibenden Aktivitäten manche von vornherein abschrecken mögen.
Gibt es Probleme auf der Arbeit (Diskriminierung, Mobbing), wird es umso wichtiger, durch die Freizeit ein positives Gegengewicht zu schaffen.
Bürokratie - 5 Punkte
Wer keine VÄ / PÄ durch hat, muss sich ewig falschen Vornamen und falsche Anrede gefallen lassen. Das lässt nur die Härtesten wirklich kalt. Der Ergänzungsausweis hilft nur begrenzt, z.B. bei Polizeikontrollen. Ob Türsteher und Paketshops diesen anerkennen, liegt in deren Ermessen. Dazu kommt ein nicht endendes Zwangsouting, ob nun beim Abholen von Medikamenten, dem Aufsuchen neuer Ärzte jenseits der Trans*Problematik, dem Mieten von Autos oder Wohnungen, dem Abholen von Paketen.
Ich hielt es ein Jahr lang aus, nachdem ich im Identitätsgeschlecht lebte. Dann musste die gerichtliche Änderung her, koste sie, was sie wolle. Es war einfach zu erniedrigend und führte u.a. dazu, dass ich mangels Allgemeinarzt bis zur Umstellung meiner Dokumente alle Krankheiten bis zu 40-°C Fieber alleine auskurierte - ohne Arzt.
So, nun zählt mal eure Punkte zusammen. Volle Punktzahl gibt es nur bei vollständiger Erfüllung / Zufriedenheit in der jeweiligen Sparte. Wer ein Ergebnis von 100 bekommt, darf uneingeschränkt beneidet werden.
LG
-Diva
PS: Mein Ergebnis 37 Punkte (0 Punkte Familie + 10 Punkte Partner + 5 Punkte Freunde + 5 Punkte Arbeit + 10 Punkte Alltag + 2 Punkte Freizeit + 5 Punkte Bürokratie)