Seite 1 von 3
Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 11:46
von ExuserIn-2019-12-18
Hallo in die Runde!
Seit etwa 6 Jahren beschäftigt mich das Thema Trans, ohne, dass ich dem Kind anfangs einen Namen geben konnte. Das hat sich erst in vielen Gesprächen, durch viele Denkprozesse und reichlich Informationen langsam zum Bild entwickelt.
Eine Frage, die mir persönlich nie richtig beantworten konnte, ist die Frage: Warum jetzt!
Viele Gedanken gibt und gab es dazu, da es ja nicht nur mir so geht. Letztendlich habe ich es aber für mich abgeschlossen mit: das ist einfach so, Du bist eben Frau.
Gerade gestern habe ich etwas über Yin und Yang gelesen. Das Gleichgewicht im Taoismus hat mich nachdenklich gemacht. Die innere weibliche und äußere männliche Seite - immer im Gleichgewicht.
Was hat mich also dann aus dem Gleichgewicht gebracht und in die Transition geführt? Das Ungleichgewicht aus meiner Kindheit? Oder doch etwas ganz anderes?
Eine spannende Frage, denn weibliches und männliches haben wir ja dieser Lehre nach alle. Warum hat sich das also verschoben? Und wie wurde das Gleichgewicht früher aufrecht gehalten? Und wie habe ich es jetzt wiedererlangt? Sehr spannend...
Liebe Grüße
Vanessa
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 12:28
von Joe95
Bei mir gab es da nie ein Gleichgewicht.
Früher glaubte ich einfach ein Mann zu sein. Kein perfekter, nicht mal annähernd, aber ein Mann. Es gab ja keine andere Möglichkeit.
Das ich mich zu Frauen hingezogen fühlte hat Gedanken in eine andere Richtung noch mehr verzögert.
Selbst als ich dann mit dem Thema mehr vertraut wurde habe ich noch geglaubt ein Mann zu sein, denn mit so einem Körper ist alles andere doch undenkbar.
Heute weiß ich dass das ein Fehler war.
Allerdings werde ich mich niemals mit einer durchschnittlichen cis-Frau vergleichen können, ich werd immer eine Transfrau bleiben.
Das wichtige dabei ist gelernt zu haben ich selbst zu sein.
Ich bin kein Mann, ich bin aber auch nicht die Frau, die ich gerne wäre (das gibt mein Körper einfach nicht her). Ich bin noch nicht mal ein Enby, einfach weil meine Abneigung dem mir eigenen, männlichen Anteil zu groß ist.
Aber ich bin zu 100% Joe und das fühlt sich toll an!
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 12:57
von Lavendellöwin
VanessaL hat geschrieben: Mo 24. Jun 2019, 11:46
Und wie habe ich es jetzt wiedererlangt? Sehr spannend...
Hi Vanessa,
ja, das ist sehr spannend!
sinngemäss habe ich bei einem Outing mal die folgende Antwort bekommen..
"Liebe Marie, ich danke dir für deine Offenheit, die dir ganz bestimmt zunehmend
gut tun wird..für mich und meinen Partner war das Konzept des androgynen immer anziehend.
Wir haben die weiblichen und männlichen Anteile in uns zu vereinen, darum hatten wir nie Lust
auf das Herausstellen unserer Geschlechterrollen..
mit deiner Liebsten hast du jedenfalls auch einen aussergewöhnlichen Menschen zur Seite und ich
wünsche dir, dass du vermehrt Erleichterung erlebst durch diesen Schritt des zu dir Stehens"
Auch meine Logopädin sagte mal, ich solle den männlichen Anteil in meiner Stimme nicht verteufeln.
(Das ich das doch tue ist etwas anderes..)
Jeder Tag ist ein anderer Tag und heute bin ich schon nicht mehr die, die ich gestern war.
Deshalb glaube ich, das man die veränderlichen weiblichen und männlichen Anteile jeden Tag neu zulassen
muss um im Gleichgewicht zu sein. Das ändert aber nicht die Grundausrichtung die in unserem Herzen wohnt...
alles Liebe Marie

Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 13:44
von ChristinaF
Echt schwer zu beantworten. Ich fühl mich so wie ich jetzt bin einfach glücklich und innerlich ausgeglichen. Warum das Ganze sich bei mir so ergab weiß ich nicht. Ich suche deswegen auch gar nicht nach Antworten. Ich bin was ich bin und bin damit sehr zufrieden.
LG Christina
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 14:24
von Momo58
Hi Vanessa,
Du fragst dich was dich aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Ich behaupte mal: NICHTS. Viele von uns vergessen manchmal, dass die Trans-Wurzel bereits im Mutterleib ihren Anfang hat. Während der Schwangerschaft hast du dich bis zum 3. Monat körperlich als Junge entwickelt. Im 5. Schwangerschaftsmonat hat sich dein Gehirn entwickelt. Wenn es da zu extremen Hormonschwankungen bei der Schwangeren gekommen ist, entwickelt sich deine Seele als Frau. Dein Gleichgewicht wirst du dann bekommen, wenn du der Frau in dir den Platz , den Raum gibst, den sie verdient. Die Frau in dir will nicht unterdrückt werden, sie will leben. Solange die Frau in dir unterdrückt wird, schreit sie nach Gleichgewicht. Wenn sie lebt ist sie im Gleichgewicht.
Liebe Grüße
Manuela
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 17:19
von Laila-Sarah
Hallo,
ich glaube nichts will unterdrückt werden und man muss in sich hineinhorchen: Alles was raus will hat seine Daseinsberechtigung. Weder die Frau noch der Mann noch sonst etwas ist ohne Grund da und will nicht umsonst raus. Das Problem sind die Schablonen in der Gesellschaft in den wir uns versuchen hineinzwängen. Wenn man ständig zwischen weiblicher und männlicher Schablone alterniert, geht es noch irgendwie gut, aber das permanente Aufharren in einer dieser binären Positionen endet immer damit, dass man irgendetwas in sich unterdrücken muss und unrund läuft. Kommen hier noch die quasi unerreichbaren biologischen CIS-Ideale hinzu, werden wir innerlich sehr unbalanciert. Die meisten von uns sind halt zu einem Prozentsatz Apfel und zu einem anderen Prozentsatz Birne. Auch wenn einer dieser Prozentsätze sehr klein sein kann. Kommt man damit klar, steht dem Glück nichts im Wege. Wobei natürlich viel leichter gesagt als getan.
VlG
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 19:51
von Whoopy Highfly
Hallo Vanessa und Schwestern,
Die asiatische Gesundheitslehre lehrt, das yin und yang die Grundlage allen Lebens ist. Das sollte im Gleichgewicht sein. Seit dem ich meine Zwillingsschwester zulasse, geht's gesundheitlich bergauf. Vielleicht habe ich sie durch Stress einfach nur verdrängt.
Der Weg zum ich wird noch steinig und weit werden, aber ich schaffe das. Oder wir schaffen das.
VG
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 21:00
von Jaddy
Momo58 hat geschrieben: Mo 24. Jun 2019, 14:24Wenn es da zu extremen Hormonschwankungen bei der Schwangeren gekommen ist, entwickelt sich deine Seele als Frau.
Da möchte ich gerne hinzufügen, dass dies zwar eine der glaubwürdigeren aktuellen Arbeitshypothesen ist, für die es aber meines Wissens keine stichhaltigen Belege gibt.
Es ist vielleicht auch besser, wenn es (noch) keine eindeutigen Ursachen gibt, damit niemand versucht, ein "beweisbares Geschlecht" per irgendwelcher Tests oder "Heilungen", gar vorgeburtliche Gentherapien einführen will.
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 21:03
von Jaddy
Whoopy Highfly hat geschrieben: Mo 24. Jun 2019, 19:51Die asiatische Gesundheitslehre lehrt, das yin und yang die Grundlage allen Lebens ist. Das sollte im Gleichgewicht sein.
Au ja. Alle werden nicht-binär

Es ist aber schon klar, dass dies Modelle sind, ja? Die Landkarte, nicht das Gelände. Und je nach Anwendung sehen Karten völlig unterschiedlich aus und sind für andere als ihren ursprünglichen Zwekc kaum zu gebrauchen.
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 21:46
von heike65
VanessaL hat geschrieben: Mo 24. Jun 2019, 11:46
Hallo in die Runde!
Seit etwa 6 Jahren beschäftigt mich das Thema Trans, ohne, dass ich dem Kind anfangs einen Namen geben konnte. Das hat sich erst in vielen Gesprächen, durch viele Denkprozesse und reichlich Informationen langsam zum Bild entwickelt.
Eine Frage, die mir persönlich nie richtig beantworten konnte, ist die Frage: Warum jetzt!
Viele Gedanken gibt und gab es dazu, da es ja nicht nur mir so geht. Letztendlich habe ich es aber für mich abgeschlossen mit: das ist einfach so, Du bist eben Frau.
Gerade gestern habe ich etwas über Yin und Yang gelesen. Das Gleichgewicht im Taoismus hat mich nachdenklich gemacht. Die innere weibliche und äußere männliche Seite - immer im Gleichgewicht.
Was hat mich also dann aus dem Gleichgewicht gebracht und in die Transition geführt? Das Ungleichgewicht aus meiner Kindheit? Oder doch etwas ganz anderes?
Eine spannende Frage, denn weibliches und männliches haben wir ja dieser Lehre nach alle. Warum hat sich das also verschoben? Und wie wurde das Gleichgewicht früher aufrecht gehalten? Und wie habe ich es jetzt wiedererlangt? Sehr spannend...
Liebe Grüße
Vanessa
die Frage wird dir niemand beantworten können, ich käme niemals auf die idee das so zu hinterfragen. Es ist halt so, Punkt
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Mo 24. Jun 2019, 21:49
von Bibi Melina
Momo58 hat geschrieben: Mo 24. Jun 2019, 14:24
Viele von uns vergessen manchmal, dass die Trans-Wurzel bereits im Mutterleib ihren Anfang hat. Während der Schwangerschaft hast du dich bis zum 3. Monat körperlich als Junge entwickelt. Im 5. Schwangerschaftsmonat hat sich dein Gehirn entwickelt. Wenn es da zu extremen Hormonschwankungen bei der Schwangeren gekommen ist, entwickelt sich deine Seele als Frau. Dein Gleichgewicht wirst du dann bekommen, wenn du der Frau in dir den Platz , den Raum gibst, den sie verdient. Die Frau in dir will nicht unterdrückt werden, sie will leben. Solange die Frau in dir unterdrückt wird, schreit sie nach Gleichgewicht. Wenn sie lebt ist sie im Gleichgewicht.
hallolo manuela
schöner wie du es gesagt bzw geschrieben hast kann ch es auch nicht fomulieren
lg die Hexemelina
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Di 25. Jun 2019, 07:45
von ExuserIn-2019-12-18
heike65 hat geschrieben: Mo 24. Jun 2019, 21:46
die Frage wird dir niemand beantworten können, ich käme niemals auf die idee das so zu hinterfragen. Es ist halt so, Punkt
Liebe Heike,
wer die Welt verstehen möchte, muss sie hinterfragen oder aber die Ruhe finden, sie in sich aufzunehmen.
Aber nicht jeder Mensch möchte die Welt verstehen und nicht jeder erträgt die Ruhe um Dinge zu erspüren.
Wie schön es doch ist, dass wir alle unterschiedlich sind, oder?
Liebe Grüße
Vanessa
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Di 25. Jun 2019, 08:37
von Michelle_Engelhardt
Huhu Vanni,
mir geht es wie Joe....ich war nie im Gleichgewicht. Das dem so ist, ist mir aber erst bewusst, seitdem ich tatsächlich im Gleichgewicht bin....sprich seit Michelle "lebt". Vielleicht ist es bei Dir genauso und das vermeintliche Gleichgewicht früher war einfach nur eine Illusion?
Liebe Grüße
Michelle
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Di 25. Jun 2019, 11:08
von Anja
Moinsen
wenns ums Gleichgewicht geht, da kann ich auch was zu sagen. Im Wortsinn.
Seit ich das erste Mal komplett zurecht gemacht unter die Leute ging, das war 2011, wurden die sogenannten "Frauentage" bei mir kontinuierlich mehr. Jedes Jahr brauchte ich mehr Tage. Es war als ob ich ständig
Durst hatte, dann
trank ich was, aber das hielt nicht lange vor. Mit den Jahren kamen auch immer mehr Eingeweihte hinzu, so dass sich die Frauentage relativ problemlos immer weiter aufstocken ließen. Das gipfelte dann darin, das ich eigentlich nur noch als Mann zur Arbeit ging und fast jedes Wochenende zwei Frauentage hatte.
Im Laufe des Jahres 2014 gab ich dann endgültig auf und gestand mir selbst ein, das ich eine Frau bin. Vorher habe ich ja immer versucht mich irgendwie zweigeschlechtlich einzuordnen (Bi-Gender oder Two-Spirit, davor Crossdresser)
Trotzdem versuchte ich das Doppelleben weiter aufrecht zu halten, da ich natürlich etwaige Konsequenzen fürchtete. 2015 bekam ich dann die Quittung in Form von heftigen Schwindelattacken. In diesen Momenten wusste ich nicht mehr wo oben und unten ist. Mein Gleichgewichtssinn lief während den Attacken komplett Amok. Eine Attacke hatte ich z.B. während ich bei uns zu Hause am Esstisch saß. Ich hab mich dabei am Tisch festgehalten, weil ich Angst hatte, vom Stuhl zu kippen... In der Regel war dieser Spuk nach ner Minute wieder vorbei.
Natürlich denkt man beim ersten Mal noch "was war das denn jetzt?" und lebt dann sein Leben weiter. Dann kam die nächste. Und die nächste. Und die Abstände wurden kürzer. Das konnte ich dann irgendwann nicht mehr ignorieren.
Naja, ab zum Hausarzt, es folgten diverse Fachärzte. Aber bis auf mein Übergewicht wurde mir beste Gesundheit bescheinigt. Als ich dann nach diesem ganzen Prozedere beim Hausarzt saß und wir beide etwas ratlos waren, was man noch tun könnte, erzählte ich ihm von meinem Doppleleben. Danach war irgendwie klar, das das mein Weg sein
muss
Ich outete mich mehr und mehr im privaten und beruflichen Umfeld und ca. 1 Jahr später ging ich als Frau zur Arbeit und bekam die Hormone von meinem lieben Hausarzt.
Seit ich mich bei meinem Hausarzt geoutet hab bin ich anfallsfrei. Oder anders ausgedrückt, ich bin wieder im Gleichgewicht.
Ich hatte keine Wahl mehr. Mein Körper hat mir ziemlich eindringlich zu verstehen gegeben, das Doppelleben aufzugeben und ein Richtiges draus zu machen. Ich hab sozusagen das Gleichgewicht zwischen meiner Seele und meinem Körper hergestellt.
Grüße
die Anja
Re: Weg von Mann und Frau - hin zu sich selbst?
Verfasst: Di 25. Jun 2019, 17:07
von Frieda
Hallo liebe Vanessa

Ich genieße es immer sehr, dich so tiefgründig zu lesen.

Auch wenn du deine Gedanken doch eher zum Thema Trans gerichtet hast, möchte ich doch gerne meine Gedanken auch dazu beitragen.
Du hast das Yin-Yang angesprochen. Ich denke wir sind uns einig, dass es sehr vieles gibt was wir dazu lesen könnten, deswegen will ich persönlich gar nicht urteilen welche Wahrnehmungen falsch, richtig oder richtiger sein können.
Ich möchte dir gerne erzählen, umschreiben, wie ich es für mich verinnerlicht habe.
Das Yin-Yang sind wie Wirkkräfte, ein aktives und passives Prinzip. Ein Prinzip der Helle und der Dunkelheit. Der Frühling und der Herbst. Das Werden (Yang) und das Vergehen (Yin).
Es gibt Phasen da sind wir im Yin und es gibt Phasen da sind wir im Yang.
So wie die Zeit reif ist, es Frühling werden zu lassen, so ist die Zeit in uns reif, dass wir uns (bedeutend) weiterentwickeln können. Und ich denke es ist egal ob es da um das Thema Trans (Frau/Mann) geht, oder ob es um meine Entwicklung ging, oder ob es die Weiterentwicklung von Müller, Meier, Schulze geht.
Ich selbst bin auch noch der Meinung, dass wir uns durch Schicksalsschläge, Krisen weiterentwickeln können, wir können uns aber auch mit einem Blick auf unseren Tod weiterentwickeln.
Irvin Yalom sagte einmal "Je besser wir uns selber kennen, desto besser wird unser Leben." oder anders formuliert... "Je mehr ungelebtes Leben in uns ist, desto größer ist der Horror vor dem Tod... Je mehr wir bedauern, was wir nicht gelebt haben, desto mehr fürchten wir den Tod."
Yalom sagt auch, wenn wir uns klar machen was wir in unserem bisherigen Leben bereut haben, dann kann uns das zu dem nächsten Schritt bringen wo wir uns fragen...."Was können wir tun, das wir in den nächsten 2 Jahren so leben, daß wir nichts bereuen?"
Danke für deine spannenden Gedanken liebe Vanessa.

Namaste
