Du und ich. Ja oder nein
Verfasst: Fr 31. Mai 2019, 12:23
Zu der Problemstellung Übergriffigkeit oder Macht und Mitschuld hier ein Artikel:
https://www.taz.de/Zu-Besuch-in-einem-K ... /!5598114/
https://www.taz.de/Zu-Besuch-in-einem-K ... /!5598114/
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Seit der #MeToo-Bewegung ist Konsens — also gegenseitige Einwilligung zu jeder Form von Intimität und Berührung — ein Begriff, der viel diskutiert, aber selten verstanden wird.
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Daher melde ich mich für einen dreitägigen "Wheel of Consent"-Kurs im australischen Byron Bay an. Das "Konsensrad" wurde vor elf Jahren von der amerikanischen Chiropraktikerin und ehemaligen Sexarbeiterin Dr. Betty Martin erfunden. Mehr als somatisches Lernmodell denn als Sicherheitsmaßnahme wird es zunehmend in Workshops und Berufen eingesetzt, wo es um Berührung geht — von Neo-Tantra bis Sexological Bodywork.
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Eine neue Studie der Columbia Universität in New York belegt, dass Sexualerziehung mit dem Fokus, klar ja oder nein sagen zu lernen, vor späteren sexuellen Übergriffen im College schützt — das Predigen von Enthaltsamkeit dagegen nicht.
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...die Konsens-Welle hat auch die Bühne erreicht. Am Ende von "Yes but No", einem Stück des Gorki-Theaters in Berlin Ende letzten Jahres, wird das Publikum zu einem Workshop eingeladen. Es geht um "bewusstes Anfassen". Ich bin dabei und frage mein Gegenüber zum Beispiel, ob ich ihr Haar streicheln dürfe. Sagt sie nein, bedanke ich mich artig dafür — das ist Teil der Übung. Ihre Verneinung ist keine Zurückweisung, lediglich eine Präferenz. Klarheit für sie wie für mich ist etwas Positives.
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Kursleiter Matthias Schwenteck stammt aus Berlin und führt uns in die tiefere Dynamik unserer Berührungen, Empfindungen und Begehren ein. Er malt einen großen Kreis auf die Tafel, unterteilt ihn.
Intime Begegnungen finden jeweils in einem bestimmten Viertel statt und haben den entsprechenden Gegenpol: dienen, nehmen, erlauben oder empfangen. Wer tut was, für wen, und warum ist das entscheidend? Bietet mir jemand eine Fußmassage an, weil er mich gerne anfassen will, dann gibt er nicht, sondern nimmt — ohne dazu zu stehen.
Auf Kissen im Kreis sitzend befühlen wir einen Gegenstand. Fünf Minuten lang ertaste ich das Äußere einer Muschel. Es geht lediglich darum, Genuss durch Berührung zu spüren, ohne persönlichen Bezug — wie ein Kind, das eine Katze streichelt. Es fühlt sich an, als ob meine Hände aufwachen. Sie genießen es. "Niemand kann uns Lust oder Wohlempfinden schenken", sagt Schwenteck, der ein breites Lächeln und einen rasierten Schädel hat. "Ich kann es nur selber empfinden."
Jeder Morgen beginnt mit dieser Übung. Es folgen viele andere, wie die "Bossy-Massage", bei der ich alle paar Minuten präzise Anleitungen gebe, wie und wo genau ich gedrückt oder gestreichelt werden will. Ich lerne zu sagen, was ich will — und umgekehrt Grenzen einzuhalten. Wenn etwas unklar ist, frage ich nach. Es ist nicht einengend, sondern befreiend, sich anderen Körpern mit so viel Umsicht zu nähern.
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Seit wir klein waren, sind wir von Eltern, Ärzten und später Liebhabern ohne Mitspracherecht berührt worden. Das Nervensystem reagiert mit somatischem Stress. Je mehr wir davon empfinden — im Extremfall PTSD, also posttraumatische Stresssymptome, zum Beispiel durch früheren Missbrauch — umso eher sind wir im "Freeze"-Modus, der unsere Sinne und unser Sprachvermögen regelrecht gefrieren lässt.
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