Aus dem erstgenannten Artikel:
Demnach ist der Anteil von Frauen, die Führungs- oder Leitungspositionen besetzen, in Ostdeutschland von 35,2 Prozent im Sommer des Jahres 2013 leicht auf 35,0 Prozent im Sommer 2018 gesunken.
Daran bin ich nicht Schuld!
So sei in der Hauptstadt der Anteil von Frauen im öffentlichen Dienst binnen fünf Jahren stark von 60,5 Prozent auf 49,5 Prozent gesunken, erklärt Doris Wiethölter von der BA-Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. Männliche Chefs sind in Berlins öffentlichem Dienst mit 50,5 Prozent also neuerdings in der Mehrheit.
An diesem Dilemma bin ich ebenfalls nicht beteiligt - im Gegenteil: Ich arbeite täglich dagegen.
lexes hat geschrieben: Fr 8. Mär 2019, 08:13
ärgerlich ... bin aber irgendwie nicht verwundert ... Schwach von uns
sind ja ganz nette Kommentare, aber weder tiefschürfend noch hilfreich. Hat jemand aus eigener Erfahrung Ideen sammeln können, warum die traurige Realität so aussieht, wie sie ist?
Ich will mich mal versuchen:
Ich bin kurz nach meinem Coming Out auf Arbeit plötzlich in die Führungskraft-Richtung geraten, was mir als deprimierter Kerl nie passierte, weil ich schwach, komplett gehemmt und komplexbeladen war, wie das bei Menschen, die ohne Identität leben, oftmals ist. Wenigstens hatte ich den schlimmsten Teil meiner pinken pubertären Phase hinter mir, aber der Kampf an zwei Fronten zugleich forderte dennoch alle Kraftreserven.
Einerseits ging es um das komplett neue Leben als äußere Frau mit all den Herausforderungen, die besonders am Anfang mangels Erfahrung ungemein schwierig zu bewältigen waren. Dazu kam, dass ich irre genug war, die Transition im alten Arbeitsumfeld durchzuziehen. Im Nachhinein kann ich davon nur dringend abraten.
Andererseits musste ich mich mich im Rahmen der neuen Aufgaben und der gestiegenen Verantwortung behaupten, denn das stellte absolutes Neuland für mich dar. Früher hatte ich mich eingeigelt und im stillen Kämmerlein vor mich hinprogrammiert, jetzt stand ich ständig vor Leuten, denen ich Termine und Todo's vorsetzte. Als frischgebackene technische Projektleiterin in der IT platzte ich mitten rein in die Männerdomäne und löste alles andere als Begeisterung aus ...
In meinen ersten Projektsitzungen hörte mir keiner zu. Ich wurde angeglotzt und unverhohlen angegrinst, meine Fragen ignoriert. Das Publikum setzte sich meist zur Hälfte aus Leuten zusammen, die mich noch von früher kannten. Die anderen dagegen lernten mich zwar als Frau kennen, wurden jedoch fleißig gebrieft, sodass sich jeder Anwesende auf seine Art auch menschlich "wissend" über mich meinte. Gezielte "Versprecher" - Anrede als "Herr" in voller Besetzung - sorgten für Heiterkeit.
Die Gefühle aus dieser Anfangszeit bestanden aus purer Erniedrigung, die ganz schnell in nackte Verzweiflung mündeten, wenn ich es zuließ.
Aber das enorme Lebensglück, endlich unverstellt authentisch leben zu können, wog alles auf, gab mir übermenschliche Kräfte, öffentlich niemals die Contenance zu verlieren. Leider ist dieses Glück jetzt aufgebraucht, aufgefressen durch enormen Druck und Isolation, aber das ist eine andere Geschichte.
Binnen eines halben Jahres hatte ich mich dann durchgesetzt ... Oftmals kam ich mir vor wie eine Amazone, die abends erfolgreich vom blutgetränkten Schlachtfeld heimkehrt. Den Schlüssel für diesen Durchsetzungs-Kampf lieferte mein Psychologe. Er öffnete mir die Augen, dass meine Probleme, mit denen ich mich derart intensiv herumschlug, schon längst nichts mehr mit der abgeklapperten "Trans"-Thematik zu tun hatten. Das hätte ich selbst niemals erkannt, weil ich viel zu verbohrt war und jedes Grinsen, jede blöde Bemerkung, jede Erniedrigung sofort auf meine Transition bezog. Nachdem mir der Psychologe diesen psychischen Zahn gezogen hatte, erläuterte er mir die Angst der faustkeilschwingenden Männerhorde vor emanzipierten, selbstbewussten Frauen, die ihnen obendrein auch noch was zu sagen hatten. Damit kämen die meisten Kerle nun mal nicht zurecht. Die männliche Führungsrolle scheint in den testogefluteten Hirnen derart fest verdrahtet zu sein, dass Gegenreaktion und Abwehr der Frau quasi schon reflexgesteuert entgegengeschleudert werden.
Das ist dann schon mal der erste Grund, den ich aus eigener Erfahrung liefern kann, weshalb sich viele Frauen eine Führungsposition schlichtweg nicht antun
wollen, was dann negativ auf die Quote schlägt.
Nachdem ich also das pubertäre Stadium des "hässlichen Entleins" hinter mich gebracht hatte, ließ ich unterstützt durch den super Verlauf meiner HET endlich diejenige aus dem Käfig, die schon darauf brannte, endlich in Freiheit zu sein: die Diva.
Ab sofort fielen alle Hemmungen, die mich bislang im Ausleben meiner Weiblichkeit eingeschränkt hatten. Dank des hormonbedingten Verschwindens des letzten Rests Bartschattens stellte ich mein gesamtes Make-up-Procedere um, halbierte den Foundationbedarf zugunsten von leichtem Puder und Rouge, drehte mir mit neuer Technik Retrolöckchen ein, erklärte den dunkelroten
Rouge-Cherie zum Alltags-Lippenstift, stockte den Inhalt meines Kleiderschranks ums Doppelte auf und trug ausschließlich Röcke, Kleider kombiniert mit schicken Cardis, Blazern oder griff gleich zum Business-Kostüm. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt öffentlich Hosen anhatte ...
Ich schmiss massenhaft alte Akten weg, entsorgte den leeren Schrank und organisierte mir stattdessen einen großen Kleiderschrank, den ich zur Hälfte zum Schuhschrank umfunktionierte, sodass ich nun problemlos manchmal drei verschiedene Paar Schuhe täglich auf Arbeit tragen kann.
Allein der neue Style schlug ein, dass mich Kerle hofierten, die mich früher mit dem A... nicht ansahen, und viele Bio-Frauen ko... im Strahl, wie man so schön neudeutsch sagt. Aber es blieb eine Gratwanderung, die ich erst nach etlichen Monaten souverän ohne viel Kopfzerbrechen meistere: Die Absätze dürfen nicht zu hoch, aber auch nicht zu niedrig sein; Schmuck ist eine heikle Sache, am sichersten ist es, darauf zu verzichten; Haarklammern müssen dezent sein, vorbei mit großen Blüten; die Strumpfhosen dürfen nicht glänzen, nur im Ausnahmefall mal gemustert sein; Kleider und Röcke dürfen nicht kürzer sein als eine Handbreit überm Knie; je hochrangiger die geladenen Gäste bei den Sitzungen, umso unauffälliger muss das Dekolleté sein; Leo-Muster ist komplett verboten; kein Glitzer, weder beim Make-up, Lipstick noch auf den Sachen; keine grellen Farben usw. usw.
Sexy sein geht eigentlich gar nicht, dagegen ist etwas Dekadenz durchaus erlaubt. So begegnete ich einigen "hohen Herren" draußen in der Pause, als ich mich diva-like in meinen (Kunst-)Ozelot-Pelzmantel gehüllt hatte und erntete Anerkennung. Wenn das Gesamtbild stimmt, gehen z.B. auch mal Spitzenhandschuhe als nicht alltägliches Accessoires. Die trug ich letztens zu einem schwarzen Hammer-Kleid bei einem Vortrag vor unserer gesamten Führungsriege, ohne Anstoß zu erregen. Obwohl es ein echtes "Bombshell"-Kleid war, hatte es weder Schlitz noch markanten Ausschnitt, war nicht zu kurz und keinesfalls provokant - eben business-tauglich - und überzeugte alleine durch Schnitt, Passform und Material.
Es glich einem Wunder, dass ich das 1x1 des business-tauglichen Outfits ohne peinlichen Fehltritt erlernte. Dabei halfen mir stundenlanges Kopfzerbrechen und weibliche Intuition. Wer das als Frau in Führungsposition jedoch
nicht beachtet, erlebt schlimme Dinge. Wenn nach einem Jourfixe o.ä. nicht das Fachliche Thema ist, sondern die vortragende Projektleiterin, dann hat sie etwas falsch gemacht. Gibt es nur einen Anlass, dass Kommentare wie "nuttig" fallen, ist das Spiel aus. Keiner achtet mehr auf Fachthemen, nimmt Termine ernst - und Frau steht erneut ganz am Anfang ihres steinigen Wegs der Anerkennung, weil Fehltritte jahrelang nachhängen ("Ach, mal sehen, ob die wieder ihren gelben Rock an hat - haha!").
Wieder ein Grund aus der Praxis, weshalb sich Frauen keine Führungsrolle antun wollen!
Männer sind dagegen völlig frei, können selbst Amtsleiter und Oberbehörde in speckigen Jeans und ausgeleiertem Dauer-T-Shirt ohne Respektverlust gegenüber treten. Aber wage das mal als Frau ...
Nach dem Aussehen revolutionierte ich mein Auftreten. Aus dem netten Mädel von nebenan, das gerne lachte und witzelte, wurde innerhalb von sechs Monaten eine knallharte, eiskalte Lady. Klar, irgendwie steckte auch diese Facette schon immer in mir drin, aber es ist etwas anderes, die Diva in dieser Ausprägung acht bis zehn Stunden täglich zu
leben. Den Kerlen verging ziemlich schnell das provokante Grinsen, denn ich zog andere Seiten auf und wer nicht mitarbeiten wollte, sich über Termine und Fristen hinwegsetzte, bekam ordentlich Ärger. Der stringente Führungsstil zeigte durchschlagenden Erfolg, nachdem ich auf diese Art einen der übelsten Machos in die Schranken wies, der sonst tat und ließ, was er wollte - und sich obendrein noch über die Hilflosigkeit der anderen amüsierte. Doch dann lernte er die Waffen einer Diva kennen ... Da schluckte selbst unsere Leitung, aber der Projekterfolg heilte auch deren Zweifel.
Ich hatte das Pech, mich gleich zuerst an einem wahren Brocken von IT-Projekt beweisen zu müssen, das eine beinahe 20-jährige Historie aufwies, ohne jemals wirklich in unserem Bundesland zum Einsatz zu kommen. Der Druck war enorm, alle eventuellen K.O.-Kriterien vorauszuahnen und überall einzugreifen,
bevor etwas passierte. Dazu hatte ich täglich die Oberbehörde im Nacken und alle schienen darauf zu warten, dass etwas schief ging.
Doch der Brocken ging ohne Probleme produktiv. Jeder Fehler hätte mir das Genick gebrochen, nicht dem Serverkollegen, nicht dem Kollegen vom Host, nicht dem Fachbereich. Schuld ist immer, wer oben steht - erst recht, wenn es eine Frau ist.
Schon wieder ein Grund, warum wohl die Frauenquote so niedrig ist. Bei Frauen schaut man(n) viel genauer hin und Fehler zählen doppelt.
Ein weiterer Grund ist, dass ein Führungsstil unweigerlich auf die Persönlichkeit abfärbt. Es dauerte nicht lange, dann legte ich auch privat dieselben knallharten Maßstäbe an. Meine direkte Vorgesetzte witzelte oft nicht ohne Bitterkeit, dass ich jetzt endlich am eigenen Leibe erfahren würde, was sie hier seit Jahrzehnten ausstand. Jetzt ist mir auch klar, weshalb sie so hart ist, oft so wenig äußere Frau in ihrem Graue-Maus-Look. Doch wenigstens bei Letzterem beugte ich mich nicht, setzte meinen eigenen Style durch und inzwischen trägt auch sie immer öfter femininere Sachen, weil ich offenbar lebender Beweis bin, dass ein wenig mehr Chique nicht zwangsläufig dazu führt, geteert und gefedert zu werden.
Die meisten Biofrauen sind böse traumatisiert durch jahrzehntelange Diskriminerung, Benachteiligung und Schikane. Deshalb schielen sie misstrauisch und nicht wenig neidisch auf meinen Mut, mich konsequent auszuleben. Doch der Mut resultiert einfach aus der mangelnden schlechten Erfahrung, die ich im Gegensatz zu ihnen eben nicht mein Leben lang aushalten musste.
Dann auch noch aus sich soweit herauszukommen und eine eigentlich klassisch männliche Rolle auszufüllen - nämlich die Führungskraft - liegt aus denselben Gründen vielen Frauen fern. Denn das erzeugt noch viel mehr Gegenwind, als wenn eine Frau sich einfach nur chic macht, um dann als "Nutte" beschimpft zu werden.
Aber Erfolg macht einsam - verdammt einsam, erst recht dann, wenn dann noch ein transidenter Hintergrund bekannt ist. Auf diese Art Einsamkeit können viele Frauen verzichten - und verzichten damit auf Karriere und Führungsposition, meist zugunsten einer Familie. Das ist ein weiterer Grund aus der Praxis, weshalb die Quote derart niedrig ist.
Kommen dann noch private Probleme hinzu, bei mir - wie schwerlich zu erraten - u.a. der ewige Ärger über die gesetzlich festgeschriebene Diskriminierung von transidenten Menschen, denen offenbar nicht wirklich eine Chance auf ein neues, normales Leben gegeben werden soll - steht der psychische Kollaps ganz schnell vor der Tür.
Kämpfen, kämpfen - jeden Tag; kein Respekt, kein Erfolg ist auf Dauer verdient, denn nach meiner Erfahrung drehen einige Machos alle paar Monate frei und proben den Aufstand. Es wird gehetzt, intrigiert, gebrieft, die Erde verbrannt, wo es nur geht. Ich weiß genau, dass mir diese Leute nur zuhören, weil sie es
müssen. Die Menschlichkeit ist komplett abhanden gekommen. Manchmal hab ich selbst das Gefühl, bei lebendigem Leibe zu verfaulen und gehe hin wie eine Tote, die aus ihrem Grab kommt, um noch einen Tag unter den Menschen zu wandeln und zu spüren, dass sie niemals dazugehört hat.
Bald darf die zuständige Senatsverwaltung an meinem Beispiel beweisen, wie ernst es ihr ist, Frauen in Führungspositionen zu etablieren. Ich will von der technischen Leitung in die Personalführung wechseln. Eine heikle Sache, aber ich sehne mich nach Menschlichkeit und einem echten Neuanfang, auch wenn der Gesetzgeber noch so verbissen dagegen arbeitet. Mein erster Eindruck ist überaus positiv, selbst das leidige Trans-Thema scheint bislang kein Hinderungsgrund darzustellen.
Inzwischen kämpfe ich ums Überleben, denn Brandgeruch und Verwesungsgestank nehmen mir mein Lebensglück und jede Luft zum Atmen ...
- Diva